Nur Gedanken

January 23, 2007

MUNICH BLOG PARTY AND THE ATOMIC FISCHER HAMMOND GROOVE

Filed under: Panorama, Rezensionen, Musikalisches, Literarisches - word2go @ 9:59 am

Verdammt gut unterhalten! Anders kann man dieses Wochenende kaum zusammenfassen. Alte Freunde getroffen: verdammt gut unterhalten! Bloglesung besucht: verdammt gut unterhalten! 10-Jähriges im Atomic Café gefeiert: verdammt gut unterhalten! Was will man denn mehr? Aber der Reihe nach.

Hab’ ich schon mal erwähnt, dass ich alt werde? Klar, hab’ ich. Gibt’s ja auch nix dran zu rütteln! Als Mann wird man ja schließlich reif, nicht alt. Nun hat es der Nilzenburger aber zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen geschafft, mich daran zu erinnern. Erst durfte ich mein fortgeschrittenes Alter auf einem Konzert von Katze genießen, dann im Münchner Privée. Dorthin hatte er nämlich geladen, der Nilz, zusammen mit dem MCWinkel, Rose Jakobs, Roman Libbertz und Dr. Sno.



München! Meine alte Zivi-, Studi- und Wirkungsstätte, ehemaliger Sitz einer WG, die sich, unbewusst kommender Zeiten, den niedlich-glamourösen Beinamen "Terror" gegeben hatte und ganz einfach Deutschlands schönste Stadt! Da können sich die Anwärter auf den Plätzen, Düsseldorf, Hamburg oder Leipzig noch so viel Mühe geben. Wie, Berlin fehlt in der Aufzählung? Wo liegt das denn? Wer einmal Münchens Sommer genossen hat, dem geht es wie den Sportfreunden: er summt immerzu das Heimatlied.

Die Sache war klar, Nostalgie lässt sich nicht aufschieben! Also ran ans Telefon und mal vorsichtig angefragt, ob sich meine "alten" Helden sowas innovatives wie eine Bloglesung überhaupt antun würden. Taten sie und so landete erst ich in München und dann wir, der I., der R., die B. und der J. in der Maximilianstrasse im Privée und ließen uns von MC Winkel darüber aufklären, welche Vorteile abgekürzte Vornamen in Blogbeiträgen haben können. Nice! Btw, MC, Klarnamen, die in München fallengelassen werden, kommen über Umwege auch nach Kiel. Also Vorsicht, falls Dir mal wieder eine F. über den Weg läuft!

Den Anfang machte übrigens Dr. Sno, der mich feige Sau mit seinen witzigen Texten zwar nicht zum Kitesuffering überreden konnte, wohl aber dazu, nun öfter mal auf seinem Blog vorbeizuschauen.

Der MC war natürlich gewohnt bravourös und überzeugte das Münchner Publikum mit rotzigem Charme, der klassischen Kinski-Drehung und einer Auswahl an guten und nicht so guten Mimik- und Vokabulartipps für den Fall, dass man in der Disco mal wieder nicht hört, was der/die/das Gegenüber eigentlich zu sagen hat. So gut er war, der junge Jedi, dass er für einen mißglückten Sexhattrick nicht Mitleid, sondern Bewunderung und drei brandneue Leser erntete: I. R. und B. Und der MC wäre natürlich nicht der MC, wenn er nicht alles mitschneiden würde. Also hier gucken und bedauern, dass man nicht dabei war!

Rotz spielte dann auch beim Nilzenburger eine zentrale Rolle. Was der so alles mit dicken Kindern in der U-Bahn und in L.A. erlebte, ließ die Lachmuskeln durchweg im Zittermodus verharren. Dass er auch Dichten kann, trug neben seiner professionellen Vortragsweise nicht unwesentlich zum Gelingen des Abends bei. Deshalb schließt Hobbykritiker J. sich in diesem Punkt uneingeschränkt der Anregung von Hobbykritiker S.P. an: Nilz, schon mal an Hörspiele gedacht? Apropos Hobbykritiker. Weiss Irgendjemand, wo die beiden angekündigten Profikritiker abgeblieben sind oder wo man ihre Meinung zum Event nachlesen kann?

Von Rose Jakobs war ich persönlich etwas enttäuscht, vielleicht aber auch nur deswegen, weil ich mir von ihr viel erwartet hatte. Ihre leise Lese kam irgendwie monoton desinteressiert rüber, was den tiefsinnigen Texten schadete und die Geduld der Zuhörer, zumindest in den hinteren Reihen, etwas strapazierte. Jammerschade, denn die Texte hätten eigentlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Also bitte nicht auf hohem Niveau verwahrlosen!

Dass Ernsthaftigkeit auch bei einer Bloglesung ankommen kann, bewies Roman Libbertz. Seine erste Geschichte war für mich das Highlight des Abends. Zwar auch etwas zu schnell gelesen, ging sie trotzdem tief ins Herz. Ein paar Blicke in meine nähere Umgebung bewiesen sogleich, dass ich in diesem Moment nicht der Einzige war, der einen Kloß im Hals hatte. Das schleichende Ende einer Liebe war einfach viel zu ehrlich, viel zu traurig erzählt und wurde von viel zu Vielen in ähnlicher Weise schon viel zu oft erlebt, um sich nicht mit ihr zu identifizieren. Am guten Eindruck konnte da auch ein, als Kontrastprogramm eingestreuter, blauädriger 18-XXX (waren das Inch oder Zentimeter?) Lümmel auf detailliert feucht-fröhlicher Grubenfahrt nichts ändern.

Insgesamt war es eine sehr schöne Lesung in tollem Ambiente bei leider etwas zu hohen Bierpreisen (4€ für ein 0,33l Bier finde ich in München schon etwas gewagt). Der Durst nach mehr und günstigerer Flüssigkeitszufuhr war es dann auch, der uns - noch während MC Winkels 4:2 ausklang und nach demokratischer Abstimmung - veranlasste, für eine Weiterführung des Abends die Lokalität zu wechseln, was mich leider um die Gelegenheit brachte, mit den Bloggerkollegen mal in Persona ein paar Worte zu wechseln.

Entschädigt wurde ich dafür gleich ums Eck, nämlich im Atomic Café. Das feierte seinen 10. Geburtstag und ich bekam erneut Gelegenheit, mein fortgeschrittenes Alter zu schätzen. Denn wie es der Zufall so will, war es nun amtlich! Ich hatte es geschafft sowohl die Eröffnung, als auch das Zehnjährige mitzunehmen. Zweimal zufällig. Wie geil ist… (nein, ich sag’s nicht). Vielleicht feiere ich ja auf dem Zwanzigsten meinen ganz persönlichen Hattrick? Das Atomic Café jedenfalls hatte sich in den Jahren meiner Abwesenheit von München - immerhin nun schon 7 - nicht verändert und war, wie es immer war: laut, flauschig, rot und hätte es nie ein Studio 54 gegeben, hätte Studio 54 extra für’s Atomic erfunden werden müssen. Allerdings hätten die dann dort gleich Augustiner ausgeschenkt. 0,5l für 2,80€ versteht sich.

Auf der Bühne - gehört sich auch nicht anders für ein anständiges Jubiläum - Begeisterndes! Freddy Fischer & his Cosmic Rocktime Band ließen die Fetzen fliegen und die Hammondorgel jubeln, dass es eine wahre Pracht war. Ungelogen, wäre ich schwul, hätte ich mich in den Bassisten verliebt! Wie bärenstark und gleichzeitig virtuos der den Groove getrieben hat, dagegen hätte eine 2.0 Liter Maschine rauchend abgekackt. Was war das? Soul? Beat? Phillie? Oder vielleicht doch die Zukunft des deutschsprachigen Schlagers? Scheißegal, jedenfalls das Mitreißendste, was mir in der letzten Zeit zu Ohren und vor die Augen gekommen ist. Kommt also doch was Feines aus Berlin, vielleicht sollte ich meine Haltung mal überdenken.

Gut, die Nacht wurde lang und der nächste Morgen um so länger - ja genau, das Alter - und nach einem Katerfrühstück musste ich mich dann auch schon mit einem lachenden und einem weinenden Auge von meinen Freunden verabschieden. Lachend deshalb, weil ich insgeheim ein Versprechen schon gegeben hatte: das schleunigst zu wiederholen und München nie wieder so lange allein zu lassen. Deshalb ab heute auch der einwöchige Münchennostalgieheader.

September 2, 2006

BAISSE MOI - BEVOR ICH MICH VERGESSE

Filed under: Panorama, Rezensionen, Werbung - word2go @ 8:18 pm
 
Sie scheint in der französischen Seele tiefer verwurzelt als Wein und Baguette. Kein Motiv, welches die Cinématographen der Grand Nation so umtreibt, wie die Ménage a trois. Fleischeslüstern und zeigefreudig während der 70er, exzessiv pornographisch während der 80er, überraschend steril und bourgois während der 90er. Und nun die Sinnesexplosion. Vorbei die Zeiten der gebrechlich zierlichen Lolitas, denen die Männer im besten Alter reihenweise zu den pedikürten Füssen lagen und sich in bester Kavaliersmanier darauf einigten, dass die Kleine auch zwei väterliche Gönner besitzen dürfe.


Heute heisst die Muse Monica Bellucci. Ein Vollweib, deren Reize sich in solcher Üppigkeit vorfinden, dass sie sie in "Wie sehr liebst Du mich?" ruhig verschwenderisch über der Männerwelt vergießen darf. Ein Schlaraffenland für die, in den letzten Jahren durch bulimische Hungerhakenikonen leidgeprüften, Männeraugen. Dass sie als Protagonistin Daniela ausgerechnet eine Hure und nicht das verwöhnte Töchterchen aus reichem Hause verkörpert, ist dabei das möglicherweise unfreiwillige Programm des Dreieckskinospezialisten Bertrand Blier, weshalb der sonst so grossartige Gérard Depardieu auch leicht fehl am Platz wirkt. Einen alternden Bonvivant, der mit gourmandem Charme die gerade eben erst heranreifende Blüte einer Fünfzehnjährigen zu öffnen versteht, das nahm und nimmt man ihm noch immer ab. Den Zuhälter der selbstbewussten und mit allen Wassern gewaschenen Daniela (Bellucci) jedoch nicht. Vielleicht muss er sie aber auch genau aus diesem Grund mit dem unattraktiven Büroangestellten Francois (Bernard Campan) teilen, die Stärke der modernen Frau eingestehend. Ja, der Beschützerinstikt des Mannes gegenüber der Frau weicht in diesem Film der männlichen Kapitulation vor der Macht des Weiblichen. Der Mann beugt entgültig sein Haupt, er kriecht zu Kreuze wie ein bettelnder Hund.

So ganz will sich Blier dieser neuen Erkenntnis allerdings nicht hingeben und lässt den Film mit zunehmender Dauer immer tiefer in einer surreal überbelichteten Romantik versinken, welche die gehörnte Seele des Mannes zu streicheln scheint. Lieber teilen, als nicht teilhaben dürfen… Zumindest in dieser Hinsicht bleibt Blier, trotz der ragazza italiana, der moda vecchia des französischen Dreieckskinos treu. Und seien wir ehrlich…?!

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Verbraucherinformationen
No Sweat Apparel.com

March 8, 2006

Placebo - Meds

Filed under: Rezensionen, Musikalisches - word2go @ 7:13 am


1. Meds: Ihre Medizin haben sie nicht vergessen. Taufrisch und unverbraucht in bester Placebo-Manier!

2. Infra-Red: Hookline für tanzbar befunden, vor dem Computer gerockt!

3. Drag: Disco-Beat. Ohne die charakteristische Stimme hätte ich nach den ersten Takten auf Bloodhound Gang getippt.

4. Space Monkey: Düster! Na ja.

5. Follow the Cops back home: Brauchbar, sehr ruhig und athmosphärisch.

6. Post Blue: It’s between you and me, yeah!

7. Because I want you: Kommt trotz des straighten Schlagzeugs etwas schwerfällig in die Gänge.

8. Blind: Schön, abwechslungreich, zum Wegtreiben.

9. Pierrot the Clown: Wunderschöne Ballade.

10. Broken Promise: Stimme am Anfang zu leise, pathetisch.

11. One of a kind: Durchgängig nerviges Glasperlengeplänkel!

12. In the Cold Light of Morning: Sehr ruhig, etwas genuschelt.

13. Song to say goodbye: Versöhnliches und ein Neil Young Zitat am Schluß. Bester Song des Albums.

Insgesamt ein schönes Album. Die Band klingt erwachsener und gereift. Trotzdem nichts Außergewöhnliches. Für den Fan ein Muss, der neue Hörer wird allerdings nicht gefesslt. Hier gibt’s das ganze Album zum Probehören.

January 26, 2006

Einwand

Filed under: Politisches, Rezensionen - word2go @ 9:11 am

 
Also liebe Jungs in Washington, ich finde die Hamas ja auch nicht unbedingt Klasse, aber den Palästinenser vorschreiben zu wollen, wen sie zu wählen haben, bzw. auf den Ausschluss der Hamas zu drängen… T’schuldigung, aber das überschreitet sogar faktisch Eure Kompetenz. Warum es nicht mal schlecht wäre, wenn Hamas ins Parlament einziehen würde habe ich hier schon mal dargelegt. Und wer mir nicht glaubt, darf auch gerne dieses Buch lesen:



December 2, 2005

Offline Drawings…

Filed under: Rezensionen, Literarisches, Werbung - word2go @ 9:08 am

…well, does your dog annoy you too?

November 16, 2005

Elizabethtown

Filed under: Rezensionen, Werbung - word2go @ 9:34 am


(Danke an den Grinch für die Erregung meiner Aufmerksamkeit)



Man betrachte das Filmplakat genau. Passt hier irgendetwas nicht zusammen? Schuhe sind nicht nur der milliardenschwer verlustige Aufhänger für diese wundervolle Parabel aus der Feder von Cameron Crowe, sondern auch der rote Faden. Wer möchte sich schon in Designerschuhen dem Gott des Erfolges opfern, wenn er barfuß und verliebt über den zweitgrößten Bauernmarkt der USA laufen kann?

Bis zu dieser Erkenntnis muss der selbstmordgefährdete Sportschuhdesigner Drew Baylor (Orlando Bloom) jedoch einen weiten Weg gehen. Just bevor ihn seine selbstgebastelte Sepukumaschine ins Reich der ewigen Träume zu befördern verspricht, erfährt er vom Tod seines Vaters und sieht sich unverhofft neben der gesprächigen Stewardess Claire (Kirsten Dunst) im Flugzeug nach Elizabethtown sitzen, um die sterblichen Überreste des Vaters nach Hause zu holen.

Mehr wird nicht verraten, ausser dass es zu Drews Selbstfindung noch ein ganze Menge Disharmonien braucht, die sich zum Ende des Films zu einem prachtvollen Mollakkord zusammenfügen. Moll deswegen, weil es die Momente sind, die diesen Film prägen, nicht die Handlung. Der Kinobesucher wird aufgeladen mit Kleinigkeiten, den kurzen, winzigen, schwangeren, melancholischen Momenten, die das Leben sind. Es ist erstaunlich wie befreiend Moll sein kann.

Cameron Crowe hat mit Elizabethtown, nach Singles und Almost Famous, ein Kleinod geschaffen, das den vollkommen überzeichneten und unglaubwürdigen Ausrutscher Vanilla Sky vergessen macht. Orlando Blooms verletzliche wie unnahbare Darstellung des Drew Baylor und Kirsten Dunsts unaufgeregte Hippeligkeit stehen zwar im Mittelpunkt der Geschichte und sie spielen ihre Rolle großartig. Doch die Nebendarsteller verkörpern die Seele des Films, eben jene Kleinigkeiten, die sich langsam von der Randerscheinung zur Unverzichtbarkeit emporarbeiten: Jed Rees als wochenlang Polterabend feiernder Bräutigam, Tim Devitt als verschmitzt grinsende Leiche, Susan Sarandon als aufblühende Witwe und nicht zuletzt Paul Schneider als ungebrochen hinterwäldlerischer Möchtegern-Rocktitan, der "seinen" großen Moment beim legendären Abgang von Mitch Baylor bekommt.

Über Filmmusik muss man bei Cameron Crow sowieso kein Wort verlieren. Einfach nur kaufen, zurücklehen und sich an jeden einzelnen Moment erinnern. Traumhaft!

October 16, 2005

Das politische Buch

Filed under: Politisches, Rezensionen - word2go @ 11:22 am
 
Nach Schumpeter bietet sich gleich ein zweiter, auf dessen Ideen aufbauender Klassiker an:

Gibt es eine Möglichkeit, politisches Handeln vorherzusagen? Anthony Downs entwickelt in seinem 1957 erschienen Buch „An Economic Theory of Democracy" eine konkrete Strategie, um diese Frage mit „Ja" beantworten zu können.
 

"Anthony Downs: An Economic Theory of Democracy",
Addison Wesley Publishing 1997, 310 Seiten
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Inspiriert von der Anwendbarkeit des rationalen Menschenbildes auf die klassische Ökonomie entwirft er ein Modell der Gesellschaft als Ansammlung individueller und kollektiver Entscheidungsprozesse, das in der Folge die Sozialwissenschaften revolutionieren sollte. „Rational Choice" gab Politikern und Wissenschaftlern ein Instrument an die Hand von dem sie sich erhofften, dass es die Unsicherheiten und Nebenfolgen politischen Handelns nicht nur besser erklären, sondern auch beseitigen könne.

Downs gliedert das Buch in vier Teile und 16 Kapitel, in denen er zuerst seine Methode und die Grundannahmen des Modells darstellt, danach den grundsätzlichen Problemrahmen entwirft, um dann Implikationen für und Hypothesen über politisches Handeln abzuleiten. Dabei kommt Downs zu zwei wichtigen und in der Folge häufig diskutierten Erklärungsansätzen moderner Demokratie. Er liefert rationale Erklärungen zum einen für unterschiedliche Formen des Parteiensystems, zum anderen für das Wahlverhalten. Diese zwei Ansätze sollen nun kurz dargestellt werden.

Wie mit dem occam’schen Rasiermesser reduziert Downs anfangs alle politischen Fragen innerhalb westlicher Demokratien auf die Streitfrage, wie viel Einfluss der Staat denn auf die Wirtschaft haben solle und abstrahiert daraus eine horizontale Verteilung gesellschaftlicher Präferenzen. Er fordert den Leser auf, sich eine horizontale Linie vorzustellen, auf der sich die verschiedenen Meinungen und Präferenzen der Menschen auf einer Skala von eins bis hundert erstrecken. Dabei stellt der am weitesten links gelegene, mit 1 gekennzeichnete Punkt der Skala eine vollständige Kontrolle des Marktes durch den Staat dar, während 100 den vollkommen freien Markt repräsentiert.

Anhand dieses polaren Links-Rechts-Schemas kann Downs bestimmte Beziehungsverhältnisse zwischen Parteien und Wahlvolk extrahieren, indem er Politiker und Parteien als rational handelnde Akteure setzt und ihnen unterstellt, dass ihr erstes Ziel das Rekrutieren von Mitgliedern sei, welche die Grundlage für das Gewinnen von Wahlen seien. Nach Downs gibt es drei unterschiedliche Möglichkeiten der Präferenzverteilung, die zu drei unterschiedlichen demokratischen Systemen führen.

Befindet sich das größte Wählerpotential in der Mitte der Skala - was er als die häufigste Verteilung identifiziert - tendieren die Parteien in ihrer politischen Argumentation zum Zentrum, um einen möglichst großen Teil der Wähler an sich zu binden, da ein politischer Akteur, der zwischen der eigenen politischen Ideologie und der des Wählers agieren könnte, dessen Stimmen auf sich ziehen würde. Ein solches System zeichnet sich durch ein Zweiparteiensystem aus, in dem beide Parteien um die Wählerstimmen der Mitte kämpfen. Die Entwicklung von dritten Parteien sei relativ unwahrscheinlich, da sich an den Rändern kaum Wähler befinden und somit die Gründung einer dritten Partei unattraktiv sei.

Befinden sich die Wähler an den verschiedenen Polen der Skala, sieht Downs ein Zweiparteiensystem mit ideologisch stark abgegrenzten Parteien. Ein solches System sei instabil, da die Politik einer Partei immer den anderen Teil der Bevölkerung vernachlässigt und diskriminiert. Eine Revolution ist latent wahrscheinlich.

Eine gleichmäßige Verteilung der Wähler entlang der Skala führt zu einem Mehrparteiensystem und zur Nischenbildung, da alle Wählerschichten vertreten werden wollen, bzw. auch ein genügender Anreiz für die Bildung kleiner Partein vorhanden ist.

Dass sich Downs vorwiegend am Zweiparteinsystem der USA orientiert, wird auch dadurch deutlich, dass er innerhalb dieses Systems noch einmal auf die Entstehung dritter Parteien eingeht. Diese entstehen entweder als Interessenspool, der darauf ausgerichtet ist, eine der großen Parteien von der Mitte weg in die eigene Position zu bewegen, oder als eine wirkliche Alternativpartei, die um den Wahlsieg kämpft. Eine solche Konstellation kommt nach Downs aber nur dann zustande, wenn vorher eine signifikante Veränderung der Präferenzen entlang der Skala stattgefunden hat. Downs nennt als Beispiel die britische Labour Partei, die im Anschluss an die Ausweitung des Wahlrechts auf die Arbeiterklasse entstand.

Ein sehr interessanter Aspekt ist Downs’ Feststellung, dass Akteure im Zweiparteiensystem Anreize haben, die eigene Ideologie nur verschleiert und unklar wiederzugeben, um damit zum einen Stimmen von eigentlich eher dem politischen Gegner zugeneigten Wählern zu stehlen, zum anderen den Wähler zu zwingen seine Wahlentscheidung auch anhand der Persönlichkeit des Kandidaten und anderer irrationaler Kriterien zu treffen. Downs drückt das in eigenen Worten schon fast ein wenig ironisch aus: „rational behavior by political parties tends to discourage rational behavior by voters".

Indem er den Wählern rationales Verhalten unterstellt, kommt Downs allerdings auf ein überraschendes Ergebnis. Er folgert, dass sie eigentlich kaum Interesse am Gebrauch ihres Wahlrechts haben dürften, da sie sowohl antizipieren, dass ihre Stimme wenig Gewicht für den Ausgang der Wahl hat, als auch die Kosten des eigentlichen Wahlgangs scheuen. Ja, der Nutzen aus dem Wahlgang erscheint ihnen sogar so gering, dass Opportunitätskosten, wie schlechtes Wetter oder Warteschlangen vor den Wahllokalen schon zu einer negativen Entscheidung gegenüber der Wahl führen können. Noch dazu sind durch die schwammigen und unklaren Aussagen der Politiker und Parteien die Informationskosten über Sachpolitik derart hoch, dass es die Bürger meist aus Zeitmangel unterlassen, sich über Wahlprogramme zu informieren.

Downs Ansatz hat wesentliche Schwächen. Er wird bereits inkohärent, als er die Annahme trifft, dass ideologisch rechts gerichtete Parteien dem freien Markt eine faschistische Kontrolle vorziehen. Damit differenziert er implizit doch zwischen verschiedenartigen, auch irrational motivierten Ideologien, nicht nur zwischen unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Markteingriffen. Auch sein strikter Dogmatismus, Rationalität nur auf den Wahlakt selbst anzuwenden, nicht auf die rationale Fähigkeit des Bürgers unterschiedliche Politikansätze unterscheiden zu können, bzw. zu erkennen, dass der Akt der Wahl durch die aus der Wiederholbarkeit folgende Verbindlichkeit wieder rational wird, führt zu teilweise anzweifelbaren Aussagen.

Man darf jedoch bei aller Kritik nicht vergessen, dass spätere Rational-Choice-Theoretiker viele dieser Fehler und Lücken korrigiert, bzw. ergänzt haben, womit ihm zumindest die Ehre zukommt, der Erste gewesen zu sein, der die ökonomische Theorie publikumswirksam auf die Politikwissenschaft anzuwenden wusste.

October 13, 2005

Das politische Buch

Filed under: Rezensionen - word2go @ 10:57 am
Ab heute gibt es eine neue Rubrik auf word2go. Ich werde in unregelmäßigen Abständen relevante Bücher aus politikwissenschaftlicher Forschung und journalistischer Meinung vorstellen und rezensieren. Alle Rezensionen findet Ihr dann unter der Kategorie "Das politische Buch". Zu Beginn gibt es gleich einen Klassiker: Schumpeters einführende Abhandlung über Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, deren bereits 1942 aufgestellte Thesen gerade heute brisant sind und die "Misere" des deutschen Sozialstaats in ein neues Licht rücken.



Joseph A. Schumpeter: "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie",
UTB Verlag Stuttgart 1993, 542 Seiten

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Der 1883 in Triesch geborene Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter gilt bis heute als einer der einflussreichsten Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker. Bereits sein 1911 erschienenes Erstlingswerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, in dem er herausstellt, dass nur der investierende Unternehmer als Träger der wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet werden kann, hatte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftstheorie. Schumpeter lehrte Politische Ökonomie in Czernowitz und Graz, später Finanzwissenschaft in Bonn und dann Politische Wissenschaft in Harvard. Dort starb er 1950.

In dem 1942 unter dem Originaltitel „Capitalism, Socialism and Democracy“ erschienen Buch versucht Schumpeter als erster Wissenschaftler nach Marx die Entwicklung des Kapitalismus zu prognostizieren und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus letztendlich scheitern und der Sozialismus siegen werde. Anders als bei Marx wird dieser Sieg jedoch nicht durch eine proletarische Revolution errungen, sondern vollzieht sich automatisch, nachdem sich die kapitalistische Gesellschaft, satt und befriedigt durch ihren Erfolg, auflöst. Die Sättigung der kapitalistischen Gesellschaft zeigt sich in einem Verschwinden der wirtschaftlichen und technologischen Innovationen in dessen Folge sich Unternehmen verbürokratisieren. Innovationsentscheidungen werden nun nicht mehr in einem Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ durch neue technische Möglichkeiten induziert, sondern nur noch nach einer umfangreichen Bedarfsallokation getroffen, wodurch die Unternehmen ihre ursprüngliche Funktion als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung verlieren. Schumpeter diagnostiziert in diesem Zustand, der einem planwirtschaftlichen Sozialismus entspricht, das Ende der kapitalistischen Entwicklung. Ein Zustand, der zwar immer noch Kapitalismus genannt werden kann, da Profitmaximierung weiter oberstes Ziel bleibt, dem aber das spezifische Element der Weiterentwicklung fehlt: der Unternehmergeist.

Dem oft gebrachten Vorwurf, Schumpeter hätte sich vom Kapitalismusverfechter zum Anhänger des Sozialismus gewandelt, muss jedoch entschieden entgegengetreten werden. Schumpeter sagt keinesfalls, der Sozialismus wäre dem Kapitalismus überlegen. Seine These beruht vielmehr auf der objektiven Betrachtung politischer Interessensvertretung. So entwirft er im vierten Teil des Buches, der Betrachtung der Demokratie, den rationalen politischen Akteur, also das Leitbild, dem zumindest die quantitative Politikwissenschaft heute noch folgt. Nach diesem Leitbild verfolgen Politiker nicht Wertprämissen, sondern das eigene Interesse, die Stimmenmaximierung. Demokratie emanzipiert sich nun von der ursprünglich normativen Idee individueller Freiheit und Selbstbestimmung und wird auf ihre systemisch-gesellschaftliche Funktion reduziert. Einen Markt für den politischen Wettbewerb zu bieten, der gewaltfreie Machtwechsel ermöglicht.

Jenseits von Werten und Normen ist der rationale politische Akteur bei Schumpeter das genaue Gegenteil des wirtschaftlichen „Entrepreneurs“, des Unternehmers. Er ist per se risikoscheu und hält sich eng an die Vorgaben und Erwartungen seiner Wähler und der ihn unterstützenden Interessensgruppen, um seinen Stimmenanteil bei der nächsten Wahl zu maximieren. Im fortgeschrittenen, gesättigten Kapitalismus – und hier wird Schumpeters Analyse für die heutige Situation vieler Wohlfahrtsstaaten interessant – entsteht in breiten Bevölkerungsteilen das, was heute oft abfällig als Besitzstandwahrung bezeichnet wird. Schumpeter nennt das noch eine beginnende Feindseligkeit der gesellschaftlichen und intellektuellen Eliten gegenüber dem Kapitalismus. Ein gesellschaftliches Klima, das dem Unternehmertum den Nährboden raubt und im Gegenzug Ansprüche an die sozial distributive Gestaltungsmacht des intervenierenden Staates laut werden lässt. In der Folge verschieben sich Parteienspektrum und damit die Zusammensetzung der Parlamente nach links, da Parteien und Politiker aus Eigennutz sozialdemokratische Policy-Ziele verfolgen, um dadurch die Wählerschaft zu binden. Die Demokratie wird sozialistisch.

„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist daher alles Andere als eine Lobpreisung des Sozialismus oder ein Abgesang auf den freien Markt. Im Gegenteil, es lebt und atmet den Geist des innovativen Unternehmertums und hebt seine Bedeutung für das Wohl der pluralistischen Gesellschaft hervor. Der Trick besteht in der Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Unternehmertum. Denn der Kapitalist folgt in seiner Profitmaximierung denselben Gesetzmäßigkeiten wie der Politiker in seiner Stimmenmaximierung. Von beiden kann nicht erwartet werden, dass sie die Regeln des Spiels verletzen oder verändern und damit das zwangsläufige Abgleiten in den Sozialismus verhindern. Dies kann nur das freie Unternehmertum, dessen Wichtigkeit durch nichts besser beschrieben werden könnte, als durch seine englische Bezeichnung: „Entrepreneurship“. Der Unternehmer „dringt ein“ in dieses Spiel, er stellt sich „zwischen“ die Fronten und pfeift auf die Gepflogenheiten. Er ist besessen von einer Idee, …seiner Idee und dem Wunsch, diese zu verwirklichen. Und sorgt damit für Veränderung und Wachstum, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.

Während die in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ enthaltene ökonomische Theorie in der vom Keynesianismus dominierten Nachkriegszeit kaum Beachtung fand, öffnete sein reduktionistisches Demokratieverständnis dem Rational Choice Ansatz in der Politikwissenschaft Tür und Tor. Aufbauend auf Schumpeters Ideen verfasste z.B. Anthony Downs nur wenige Jahre später sein bahnbrechendes Werk „An Economic Theory of Democracy“, das unverzichtbare Theorem zur Erforschung des Wählerverhaltens. Seit Mitte der 80er Jahre erfährt jedoch auch Schumpeters These von der Auflösung des Kapitalismus eine Renaissance, was nicht zuletzt daran liegt, dass seine Theorie mit fast schon prophetischer Genauigkeit die Probleme moderner Wohlfahrtsstaaten bezeichnet.

May 15, 2004

Das große Rennen von Belleville

Filed under: Rezensionen - word2go @ 11:17 am


Ach, was hörte ich sie loben. Die Huldigenden, Fetischisten des güldenen Kalbes. „Zeichentrick der Extraklasse“ hier, „charmantes, animiertes Meisterwerk“ dort. Knisternd, an den feuchten Fingern ätzend, beim Umblättern ins Gesicht schreiend: „ein Film, ein Film, ein europäischer Film, dem Herr sei’s gedankt.“ Ja, hebt nur Eure Sandale und rennt ihm hinterher, Eurem Filmgott.

Gewiss, er ist so liebevoll gezeichnet, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommen möchte, auch nur ein böses Wort über das versuchte Kunstwerk zu verlieren. Wenn sich der Regisseur auch nur annähernd liebevoll in den Details der Handlung verloren hätte… was hätten wir für einen großen europäischen Film genießen dürfen.

Doch so? „Bleibt nicht Fisch, nicht Fleisch“, möchte ich den Herren Lobhudlern entgegensetzen. Was soll man sagen zu einem sprachlosen Film, der dann doch ohne Sprache nicht auskommt? Was sagen zu den, keineswegs so amüsanten, Stereotypen amerikanischer und französischer Gemeinsamkeiten?

Ob ich die Kunst nicht verstehe? Vielleicht. Ich verstehe selbst nicht ganz, warum ich gerade hier der Kunst die Freiheit nicht vergönne. Wo sie doch so viel Mühe gekostet hat. So viel mehr als in realen Filmwelten. Vielleicht aus demselben Grund, aus dem ich kein avantgardistisches Theater mag, in dem sich die Hauptdarsteller stammelnd und stotternd in Blut und Fäkalien wälzen, um mit der Brachialität einer Abrissbirne einen Sachverhalt darzustellen, für den ein leiser Abendhauch genügt hätte.

Nein, nicht die Künstler haben die Seele dieses Films zerstört, sondern ein Regisseur, der zuviel wollte. Ein einziges Oxymoron hätte er sein sollen in seiner ganzen Stille und Melancholie. Ein Film der weh tut, der alles andere als schön ist in seinen schönen Bildern. Aber auch eine Gratwanderung, ein Ausloten der Grenzen der Übertreibung. Anstatt ganz unbekümmert drauflos zu stereotypisieren, scheint der Regisseur derart von einem moralinsauren Krampf gepeinigt gewesen zu sein, dass er bereits sehr früh im Film die Grenze der Übertreibung überschreitet. Was ihn in Erklärungsnot und damit das Stilmittel zum Bruch bringt.

Den Rest der Zeit schwankt der Streifen unentschlossen zwischen Slapstick und erdrückend überzeichneter Zivilisations- und Fortschrittskritik, die, wie sollte es auch anders sein, in dumpfem Antiamerikanismus gipfelt. Doch zu gern sieht der europäische Schöngeist darüber hinweg, dass Belleville natürlich New York symbolisiert, die Triplettes natürlich die vergessene, verschmähte und verdrängte europäische Kultur darstellen und die Begierde der Belleviller Mafia und High Society nach der Quadratur der Tour de France natürlich für die Gigantomanie des raffgierigen Amerikaners an sich steht. Außer Frage, dass europäische Beharrlichkeit am Ende gegen den „Besser-Ami“ obsiegt.

Das Ausmaß dieses kulturellen Minderwertigkeitskomplexes ist gewaltig und die sich vor Begeisterung überschlagende europäische Presse schlägt mir ebenfalls gewaltig auf den Magen. Vor lauter Kritiklosigkeit.

May 7, 2004

The Pledge

Filed under: Rezensionen - word2go @ 10:24 am


Also, so was!?

Gestern war so ein richtig schöner Tag zum Verbummeln. Dicke Regentropfen an den Fenstern, draußen kalt, innen heimelig warm und nichts zu tun. Gar nichts. Zu Hause bleiben und die Langeweile genießen. Wie wunderbar.

Als uns um 14:00h nachmittags bereits die Decke auf den Kopf zu fallen droht, kommt Linda, meine Freundin, auf die herrliche Idee Pizza zu backen und Video zu gucken. Also Laptop raus, Video-CD rein, die klammen Glieder unter die flauschige Decke und nochmal tief und innig das Gefühl genießen, Student zu sein, keine festen Arbeitszeiten zu haben und sich unter der Woche solch einen Luxus antun zu können. Jeder Tag zwischen heute und der Abgabe der Magisterarbeit zählt, die Gelegenheiten kommen nicht mehr oft.

Die selbstbelegte - und weil selbstbelegt, Maulsperre verursachende – Schinken-, Hackfleisch-, Salami-, Barbecue-, Oliven-, Spinat- und Knoblauchpizza mampfend, realisiere ich den Vorspann. Nach einem Buch von Friedrich Dürrenmatt. Und Sean Penn, Hollywoods intellektueller Kriegsgegner, der, obwohl er in seiner Freizeit bevorzugt Frauen aber gerne auch mal fotografierende Fotojournalisten weichklopft, in der ganzen Welt geliebt wird, hat Regie geführt. Eine Frage formuliert sich in meinem heute sehr langsam, da freihabend, denkendem Hirn und fettige Finger greifen nach dem CD-Cover. Wie heißt eigentlich der Film? „The Pledge“. Aha! Gelöbnis, Schwur oder so ähnlich. Der Vorspann geht weiter, verspricht Jack Nicholson, Mickey Rourke und Benicio del Toro. Wow, drei der ausdruckvollsten Charakterfressen, die Hollywood zu bieten hat. Ich werde langsam richtig neugierig und freue mich immer mehr über den gelungenen Faulenznachmittag.

Die Kamera zeigt Nicholsons staubige, von Mückenstichen übersäte und vernarbte Knöchel, fährt leicht zurück und gibt den Blick frei auf den vor einem dreckigen Caravan, ach nein, vor einer dreckigen Tankstelle stehenden Schauspieler, der mit verkniffenem, blutverklebtem Gesicht gegen den staubigen Wind anjammert. Jammert? Nein, der Typ betet. Definitiv brabbelt der seinen Sermon herunter und sieht dabei nicht gerade glücklich aus.

O.K. der Film spielt auf jeden Fall nicht in der Schweiz. Verzweifelt versuche ich mich an die mir bekannten Dürrenmattromane zu erinnern, doch wie gesagt, das Gehirn hat heute Pause. Linda fallen „die Physiker“ ein und außerdem, dass ich meinen Rand halten solle, weil sie sonst das Englisch nicht verstehe.

Jack Nicholson, jetzt so sauber und gewaschen,dass die Szene nur ein Rückblick sein kann, bekommt von seinen Polizeikollegen eine Fischtrip nach Mexiko geschenkt. Offensichtlich ist es sein letzter Tag als Cop. Ein kleiner dicker Junge auf dem Snowmobil sieht einen langhaarigen Bombenleger (sprich: native american) und macht daraufhin eine grauenhafte Entdeckung, die dem Zuschauer verborgen bleibt. Nicholson verlässt seine eigene Party, eilt an den Ort des Verbrechens, gibt ein paar ehrfurchtsgebietende Anweisungen an die jungen, dümmlich grinsend im Beweismaterial herumstapfenden, grünschnäbligen Polizeiakdemisten, sieht die Leiche des ermordeten Mädchens, erteilt den Jungspunden den Tip, vielleichtein mal den, schon seit Stunden am Tatort im Polizeiwagen sitzenden und halb erfrorenen, Zeugen auf das Revier zu fahren, informiert die Eltern des Mädchens und muß der Mutter auf das Kreuz des Herren und bei seinem Seelenheil schwören, den Mörder zu finden.

Gut, damit hätten wir ja schon erfahren, warum der Film „The Pledge“ heißt. Außerdem wissen wir, dass man so etwas nicht tun soll. Auf sein Seelenheil schwören. Das kann nämlich für den Fall, dass die ganze Sache mit Gott und so wirklich stimmt, ganz schön, bzw. unbegrenzt lange „unheilvoll“ werden, wenn man nicht aufpasst, bzw. den Mörder nicht findet. Linda hat den oberen Rand der Bettdecke schon am Kinn hängen, um im Notfall, das heißt, falls zu spannend, selbige über den Kopf ziehen zu können. Da sie solche Sachen schon öfter gemacht hat, verkeile ich vorsorglich meinen Anteil der Decke unter den Armen, um nicht plötzlich unverschuldet irgendwelche Schlüsselszenen zu verpassen.

Ziemlich schnell wird ein junger, unterbelichteter Indianer mit ellenlangem Vorstrafenregister (Benicio del Toro) aus dem Sack gezaubert, der nach einem äußerst einfühlsamen Interview durch Nicholsons Kollegen gesteht, sich auf dem Weg zur Zelle den Revolver des Hilfssheriffs klaut und, selbstmordmäßig klassisch, sein Gehirn über die gesamte Polizeistation verteilt, die Inneneinrichtung dabei aber nicht wesentlich verschönert.

Mein Cineastenherz ahnt bereits Schlimmes. Ein Oscarpreisträger, der in einer 5-Minuten Szene verbraten wird, bedeutet nie etwas Gutes. Die Geschichte geht weiter, wie sie weitergehen muß. Der Zuschauer weiß natürlich bereits vorher Bescheid.

Nicholson glaubt nichts von dem Ganzen, pfeift auf seinen Angeltrip und stürzt sich in die alleinverantwortlichen Recherchen. Dabei stolpert er über zwei weitere Mädchenleichen, einen verheulten (versoffenen?) Mickey Rourke – Einsatz: genau zwei Minuten; schauspielerische Leistung: zum Heulen – und schließlich über eine Zeichnung von einem großen schwarzen Riesen, der einem kleinen Mädchen etwas zusteckt.

Spätestens jetzt müßte ich eigentlich das Sehvergnügen beenden, denn über den Laptopbildschirm flimmert eindeutig Sean Penns Adaption des Rühmann-Klassikers „Es geschah am hellichten Tag“ und wer diesen Film gesehen hat weiss, dass selbst das beste Remake elendiglich versagen muss. Ein Blick in Lindas gebanntes Gesicht gibt mir allerdings deutlich zu verstehen, dass sie das Original nicht kennt. Also schiebe ich mir noch einen Block Pizza in die Ladeluke, freunde mich mit dem Gedanken an, den Film nun aus vergleichender Perspektive zu betrachten und frage mich, wie sich Rühmann und Fröbe im amerikanischen Seenhinterland auf verrosteten Pick-ups machen würden.

Im weiteren Verlauf macht Nicholson eigentlich alles genauso wie Rühmann, nur ein wenig deutlicher, damit der Film auch in „abgestumpften“ US-amerikanischen Köpfen Sinn erzeugt. Z.B. bringt erst ein Angelwerbespot Nicholson auf den Gedanken, auf den Rühmann noch selbst gekommen ist. Lebende Köder sind besser als Tote! Man nehme sich also ein Kind, eine Tankstelle auf der Route des Killer, lege das Kind als Köder aus und warte dann, dass der Killer anbeißt. Dass tut er dann auch, nur – und hier trennt sich die Handlung vom Original - verunglückt er auf dem Weg zum Tatort tödlich, versetzt dabei Kind, sowie polizeiliches Einsatzkommando und lässt den mittlerweile von der Mutter des Kindes verlassenen Jack Nicholson für alle Ewigkeit auf sein Seelenheil warten. Der steht wie gehabt klagend, betend und versifft vor seiner Tankstelle…

So überraschend, so verstörend ist das Ende des Films. „Was hat sich Sean Penn denn dabei gedacht?“, ist mein erster Gedanke, während Linda nicht recht wahrhaben will, dass ein Hollywoodfilm mal kein Happy End hat. Und das an einem so schönen, gemütlichen, verregneten Nachmittag. Schande aber auch. Langsam fühle ich so ein klein wenig Ärger in mir aufsteigen. Wie kann man nur solch eine Vorlage so verhunzen? Der Film hätte doch die transzendente Keule gar nicht nötig gehabt. Erst recht, wenn sie die ursprüngliche ethische Frage, ob man das Leben eines Kindes riskieren darf, um zukünftige Verbrechen zu verhindern, so effektiv verdrängt. Als Linda noch eine Stunde später nicht glauben kann, dass Jack Nicholson so unmenschlich bestraft wird, muss ich mich ernsthaft fragen, ob der Film nicht doch tatsächlich so gut war, dass er seine beabsichtigte Wirkung erreicht hat. Das ärgert mich noch mehr und ich entschließe mich, einen deftigen Verriß des Filmes zu schreiben. Nicht unbedingt, weil er so schlecht war, sondern weil er unseren Nachmittag so durcheinander geworfen hat.

Also ran an den Computer, google anwerfen und erst einmal nach dem Original recherchieren. Dabei erfahre ich, dass Dürrenmatt das Drehbuch im Auftrag, also nicht sebstständig verfasst hatte, nicht sonderlich damit zufrieden war und anfang der 70er eine Neufassung unter dem Namen „Das Versprechen (The Pledge)“ veröffentlichte. Sean Penn hatte also nicht dazugedichtet und umgeschrieben. Es war Dürrenmatt selbst, der sich den Quatsch mit Seelenheil, Autounfall usw. ausgedacht hatte.

Was soll man denn davon halten? Sean Penn für die gute Umsetzung des Stoffs gratulieren. Dürrenmatt nachträglich verfluchen? Oder den Machern von „Es geschah am hellichten Tag“ gratulieren, dass sie den Film vollendeten, bevor der Schweizer Selbstdarsteller sein eigenes Werk verpfuschte?

Noch immer verwirrt?!

April 14, 2004

Die Strategie der Schnecke

Filed under: Rezensionen - word2go @ 9:24 am
(Kolumbien 1993, span. mit dt. Untertitel)

gestern war Kinotag…
Es ist 7 Uhr morgens. Der korrekt gekleidete, etwas pomadige Reporter des lokalen Fernsehsenders gleitet sich noch einmal mit den Fingern durch das ohnehin schon anliegende Haar und stellt sich in Position. Eine Hausräumung ist angesetzt, was im Kolumbien der 90er Jahre, dank Polizei und Militär, für die Presse fast immer ein gefundenes Fressen ist.

Während sich Kameramann und Tonassistent, zwischen Polizisten und herumstehenden Leiterwägen eingekeilt, noch gegenseitig auf die Füße treten, ergreift ein alter Mann das Wort… Und erzählt die unglaubliche Geschichte von Romero, Don Jacinto, Gabriel und ihren Freunden. Eine Geschichte zwischen Anarchie und feinfühliger, ja akribischer Gesetzestreue, zwischen archimedischer Genialität und herzerweichender Gläubigkeit in einer Gemeinschaft von Mietern, die es bleiben wollen aber nicht dürfen. Also leisten sie Widerstand. Wenn auch reichlich unkonventionellen.

Mit „Die Strategie der Schnecke“ ist Sergio Cabrera ein wundervoller Film über die Gemeinschaft und was man in ihr erreichen kann wenn man zusammen hält, gelungen. Dabei kommt der Film so gut wie ohne Spezialeffekte aus, weil die Charaktere selbst Bilder von außerordentlicher Tiefe zeichnen.

February 8, 2004

Hommage an einen mutigen Journalisten

Filed under: Rezensionen - word2go @ 7:49 am



Bernard-Henri Levy: "Wer hat Daniel Pearl

ermordet?", Econ 2003, 431 Seiten
cover

„Wer hat Daniel Pearl ermordet?“ - Beweist die Übersetzung des Titels nicht unbedingt Feingefühl für die deutsche Sprache, so unterstreicht zumindest sein Sinn das doppelte Anliegen des französischen Autors Bernard-Henri Lévy. Das Profil des Täters, sein Psychogramm, die Faszination und der Abscheu, die einen in seiner Gegenwart befallen, die Detailsucht, die mit fortschreitenden Recherchen zunimmt… Dies ist die eine Seite seiner Untersuchung. Das Netzwerk, der politische Hintergrund der Tat, die Verstrickungen, die den Autor immer tiefer in die Abgründe des heutigen Pakistans führen, die andere. Und nicht zuletzt das Opfer, Daniel Pearl selbst und damit die Frage warum er sterben musste, ist Hauptperson dieses, wie ihn Lévy selbst beschreibt, „Untersuchungsromans“.

Seine Methode ist riskant. Lévy will dort der Phantasie freien Lauf lassen, wo Details und Fakten nicht dicht genug sind. Und seine Methode ist egozentrisch. Er baut auf den Vertrauensvorschuss, dem ihm der Leser aufgrund seiner Person gibt: Lévy der Regisseur von „Bosna!“, Lévy der Sondergesandte von Mitterand, Lévy der gute Freund von Izetbegovic, Lévy der „Mit-Architekt“ von Bangladesch. Zweifellos ein tagträumerischer, selbstverliebter, französischer Bonvivant, der über die Schönheit des Nackens der Witwe Pearl genauso philosophieren kann, wie über den Hass, der sich um das Kinn des armdrückenden Terroristenführers legt.

Genau hier liegen die Stärken des Buches. Es gelingt Lévy, den Leser im Strom der Erzählung fortzutragen, ihn mitzureißen in die bunte aber dennoch triste Alltagswelt pakistanischer Polizisten, unabhängiger Untersuchungskommissionen und nicht gerade gesprächiger Bürokraten, ohne den – fraglos unzähligen – Fakten, Eindrücken, Wendungen, Desinformationen und Heimlichtuereien zu erlauben, den Bericht zu erdrücken. Der Leser liest ein Sachbuch, doch er merkt es nicht. Persönlich habe ich seit Philip Gourevitch’s „Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden“, dieser tiefstmöglichen Auseinandersetzung mit der Seele des ruandischen Volkes, keinen intensiveren Tatsachenbericht mehr gelesen. Dass das Buch, trotz aller Phantasie, vor allem ein Tatsachenbericht bleibt, dafür sorgt Lévy’s journalistische Rigorosität in der Behandlung seiner Quellen. Soviel er auch an eigener Interpretation zulässt, um die Ästhetik des Textes zu schonen, so wenig interpretiert er, wenn es um die Findung der Wahrheit geht.

Und die ist Sprengstoff genug. Nicht, weil seine Erkenntnisse so neu wären. Es geht nicht darum, dass es sich bei den Attentätern meistens ausgerechnet um im Westen aufgewachsene und erzogene, gut ausgebildete junge Männer handelt. Es geht nicht darum, dass Lévy uns zeigt, dass der pakistanische Geheimdienst an den Anschlägen des 11. Septembers beteiligt war und Beziehungen zu Al Qaida unterhält. Es geht auch nicht darum, dass das pakistanische Atomwaffenprojekt mit dem Projekt der „islamischen Bombe“ gleichzusetzen ist, dass Pakistan Nuklearwaffentechnik an Nordkorea und andere sogenannte „Schurkenstaaten“ weitergibt, dass die CIA und die amerikanische Regierung all das wissen und doch nicht einschreiten, vielmehr Pakistan weiterhin als wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Terror ansehen. Dass es so ist, weiß der informierte Beobachter schon lange. Entscheidend ist, wie Lévy’s Erkenntnisse uns die Qualität dieser Verbindungen vor Augen führen.

Zuerst dieses monströse Gebilde Pakistan, das bis vor wenigen Jahren seine Identität noch aus der Ablehnung Indiens gewonnen hat und sie heute aus der Ablehnung des Westens, dem Hass gegen die Juden, gegen Indien, aber vor allem aus dem Stolz der gesamten muslimischen Welt auf die Bombe gewinnt. Ihre Bombe! Eine Bombe, die nie eine pakistanische Bombe war, sondern schon in ihrer Planung eine „islamische“. Pakistan, ein Land, das so vom islamischen Fundamentalismus unterwandert zu sein scheint, dass es selbst die USA nicht wagen, mehr als nur Kritik zu üben, aus Angst Musharraf könne stürzen. So unterwandert, dass Bin Laden guten Gewissens behaupten kann, er habe die A-Bombe, weil er in der Tat jederzeit Zugriff haben kann wenn er will.

Und dann die Agonie des Westens. Man glaubt richtig zu spüren, wie Amerika im Irak einen Stellvertreterkrieg anfängt, um die Aufmerksamkeit noch ein einziges Mal von diesem Schauplatz zu nehmen. Weg von Kaschmir, weg von diesem strategischen nuklearen Dreieck zwischen Indien, China und Pakistan, von denen die ersten Zwei nicht nur die sicherheitspolitische Zukunft der Welt, sondern auch ihre wirtschaftliche bestimmen werden. Eine letzte Kraftanstrengung, um sich, mittels der Sicherung der wenigen verbleibenden Ressourcen, wenigstens noch für einige Zeit über Wasser zu halten. Und mittendrin die „islamische Bombe“, die laut den Experten der IAEA dafür gesorgt hat, dass die Gefahr eines umfassenden, vernichtenden Atomkriegs heute größer ist, als sie im Kalten Krieg je war.

Von alledem sagt Lévy natürlich nichts. Seine Recherchen sprechen für sich. Indem er den Weg Daniel Pearls nachzeichnet, ja Schritt für Schritt nachgeht und sich in die gleichen Gefahren begibt wie Pearl selbst, malt er automatisch das Gesicht des Terrors. Und war das Gesicht Bin Ladens und seiner Al Qaida bisher nur eine Maske mit undeutlichen Konturen, so gewinnt dieses Bild nun an Schärfe, an Tiefe. Während der Leser Bernard Lévy durch die Straßen von Karatschi und die Ämter von Islamabad begleitet, während er erfährt, warum Daniel Pearl sterben musste, hinter welches Geheimnis er gekommen war, beginnt er langsam zu verstehen, dass Al Qaida keine lose Organisation von Terrorzellen mehr ist. Dass sie sich bereits institutionalisiert hat. Al Qaida ist keine Organisation auf der Suche mehr! Die Basis ist angekommen. Lévy formuliert es gegen Ende des Buches ganz ohne Umschweife: „ich möchte hier und jetzt behaupten, dass Pakistan zur Zeit der größte aller Schurkenstaaten ist!“

Er hat damit fast recht. Fast deshalb, weil noch Musharraf an der Macht ist. Noch strampelt er. Noch scheint er eine gewisse Autorität und Kontrolle zu besitzen. Aber wer weiß das schon genau.

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