Nur Gedanken

January 23, 2007

MUNICH BLOG PARTY AND THE ATOMIC FISCHER HAMMOND GROOVE

Filed under: Panorama, Rezensionen, Musikalisches, Literarisches - word2go @ 9:59 am

Verdammt gut unterhalten! Anders kann man dieses Wochenende kaum zusammenfassen. Alte Freunde getroffen: verdammt gut unterhalten! Bloglesung besucht: verdammt gut unterhalten! 10-Jähriges im Atomic Café gefeiert: verdammt gut unterhalten! Was will man denn mehr? Aber der Reihe nach.

Hab’ ich schon mal erwähnt, dass ich alt werde? Klar, hab’ ich. Gibt’s ja auch nix dran zu rütteln! Als Mann wird man ja schließlich reif, nicht alt. Nun hat es der Nilzenburger aber zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen geschafft, mich daran zu erinnern. Erst durfte ich mein fortgeschrittenes Alter auf einem Konzert von Katze genießen, dann im Münchner Privée. Dorthin hatte er nämlich geladen, der Nilz, zusammen mit dem MCWinkel, Rose Jakobs, Roman Libbertz und Dr. Sno.



München! Meine alte Zivi-, Studi- und Wirkungsstätte, ehemaliger Sitz einer WG, die sich, unbewusst kommender Zeiten, den niedlich-glamourösen Beinamen "Terror" gegeben hatte und ganz einfach Deutschlands schönste Stadt! Da können sich die Anwärter auf den Plätzen, Düsseldorf, Hamburg oder Leipzig noch so viel Mühe geben. Wie, Berlin fehlt in der Aufzählung? Wo liegt das denn? Wer einmal Münchens Sommer genossen hat, dem geht es wie den Sportfreunden: er summt immerzu das Heimatlied.

Die Sache war klar, Nostalgie lässt sich nicht aufschieben! Also ran ans Telefon und mal vorsichtig angefragt, ob sich meine "alten" Helden sowas innovatives wie eine Bloglesung überhaupt antun würden. Taten sie und so landete erst ich in München und dann wir, der I., der R., die B. und der J. in der Maximilianstrasse im Privée und ließen uns von MC Winkel darüber aufklären, welche Vorteile abgekürzte Vornamen in Blogbeiträgen haben können. Nice! Btw, MC, Klarnamen, die in München fallengelassen werden, kommen über Umwege auch nach Kiel. Also Vorsicht, falls Dir mal wieder eine F. über den Weg läuft!

Den Anfang machte übrigens Dr. Sno, der mich feige Sau mit seinen witzigen Texten zwar nicht zum Kitesuffering überreden konnte, wohl aber dazu, nun öfter mal auf seinem Blog vorbeizuschauen.

Der MC war natürlich gewohnt bravourös und überzeugte das Münchner Publikum mit rotzigem Charme, der klassischen Kinski-Drehung und einer Auswahl an guten und nicht so guten Mimik- und Vokabulartipps für den Fall, dass man in der Disco mal wieder nicht hört, was der/die/das Gegenüber eigentlich zu sagen hat. So gut er war, der junge Jedi, dass er für einen mißglückten Sexhattrick nicht Mitleid, sondern Bewunderung und drei brandneue Leser erntete: I. R. und B. Und der MC wäre natürlich nicht der MC, wenn er nicht alles mitschneiden würde. Also hier gucken und bedauern, dass man nicht dabei war!

Rotz spielte dann auch beim Nilzenburger eine zentrale Rolle. Was der so alles mit dicken Kindern in der U-Bahn und in L.A. erlebte, ließ die Lachmuskeln durchweg im Zittermodus verharren. Dass er auch Dichten kann, trug neben seiner professionellen Vortragsweise nicht unwesentlich zum Gelingen des Abends bei. Deshalb schließt Hobbykritiker J. sich in diesem Punkt uneingeschränkt der Anregung von Hobbykritiker S.P. an: Nilz, schon mal an Hörspiele gedacht? Apropos Hobbykritiker. Weiss Irgendjemand, wo die beiden angekündigten Profikritiker abgeblieben sind oder wo man ihre Meinung zum Event nachlesen kann?

Von Rose Jakobs war ich persönlich etwas enttäuscht, vielleicht aber auch nur deswegen, weil ich mir von ihr viel erwartet hatte. Ihre leise Lese kam irgendwie monoton desinteressiert rüber, was den tiefsinnigen Texten schadete und die Geduld der Zuhörer, zumindest in den hinteren Reihen, etwas strapazierte. Jammerschade, denn die Texte hätten eigentlich wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Also bitte nicht auf hohem Niveau verwahrlosen!

Dass Ernsthaftigkeit auch bei einer Bloglesung ankommen kann, bewies Roman Libbertz. Seine erste Geschichte war für mich das Highlight des Abends. Zwar auch etwas zu schnell gelesen, ging sie trotzdem tief ins Herz. Ein paar Blicke in meine nähere Umgebung bewiesen sogleich, dass ich in diesem Moment nicht der Einzige war, der einen Kloß im Hals hatte. Das schleichende Ende einer Liebe war einfach viel zu ehrlich, viel zu traurig erzählt und wurde von viel zu Vielen in ähnlicher Weise schon viel zu oft erlebt, um sich nicht mit ihr zu identifizieren. Am guten Eindruck konnte da auch ein, als Kontrastprogramm eingestreuter, blauädriger 18-XXX (waren das Inch oder Zentimeter?) Lümmel auf detailliert feucht-fröhlicher Grubenfahrt nichts ändern.

Insgesamt war es eine sehr schöne Lesung in tollem Ambiente bei leider etwas zu hohen Bierpreisen (4€ für ein 0,33l Bier finde ich in München schon etwas gewagt). Der Durst nach mehr und günstigerer Flüssigkeitszufuhr war es dann auch, der uns - noch während MC Winkels 4:2 ausklang und nach demokratischer Abstimmung - veranlasste, für eine Weiterführung des Abends die Lokalität zu wechseln, was mich leider um die Gelegenheit brachte, mit den Bloggerkollegen mal in Persona ein paar Worte zu wechseln.

Entschädigt wurde ich dafür gleich ums Eck, nämlich im Atomic Café. Das feierte seinen 10. Geburtstag und ich bekam erneut Gelegenheit, mein fortgeschrittenes Alter zu schätzen. Denn wie es der Zufall so will, war es nun amtlich! Ich hatte es geschafft sowohl die Eröffnung, als auch das Zehnjährige mitzunehmen. Zweimal zufällig. Wie geil ist… (nein, ich sag’s nicht). Vielleicht feiere ich ja auf dem Zwanzigsten meinen ganz persönlichen Hattrick? Das Atomic Café jedenfalls hatte sich in den Jahren meiner Abwesenheit von München - immerhin nun schon 7 - nicht verändert und war, wie es immer war: laut, flauschig, rot und hätte es nie ein Studio 54 gegeben, hätte Studio 54 extra für’s Atomic erfunden werden müssen. Allerdings hätten die dann dort gleich Augustiner ausgeschenkt. 0,5l für 2,80€ versteht sich.

Auf der Bühne - gehört sich auch nicht anders für ein anständiges Jubiläum - Begeisterndes! Freddy Fischer & his Cosmic Rocktime Band ließen die Fetzen fliegen und die Hammondorgel jubeln, dass es eine wahre Pracht war. Ungelogen, wäre ich schwul, hätte ich mich in den Bassisten verliebt! Wie bärenstark und gleichzeitig virtuos der den Groove getrieben hat, dagegen hätte eine 2.0 Liter Maschine rauchend abgekackt. Was war das? Soul? Beat? Phillie? Oder vielleicht doch die Zukunft des deutschsprachigen Schlagers? Scheißegal, jedenfalls das Mitreißendste, was mir in der letzten Zeit zu Ohren und vor die Augen gekommen ist. Kommt also doch was Feines aus Berlin, vielleicht sollte ich meine Haltung mal überdenken.

Gut, die Nacht wurde lang und der nächste Morgen um so länger - ja genau, das Alter - und nach einem Katerfrühstück musste ich mich dann auch schon mit einem lachenden und einem weinenden Auge von meinen Freunden verabschieden. Lachend deshalb, weil ich insgeheim ein Versprechen schon gegeben hatte: das schleunigst zu wiederholen und München nie wieder so lange allein zu lassen. Deshalb ab heute auch der einwöchige Münchennostalgieheader.

August 4, 2006

WER BIN ICH?

Filed under: Literarisches - word2go @ 7:41 pm

Kleine Rätselrunde, weil ich grad zu Spielchen aufgelegt bin:

»Es muß sehr viel einbringen, unter solchen Bedingungen Reporter zu sein.« Der Journalist antwortete geheimnisvoll: »Jawohl, aber nichts bringt soviel ein wie die Lokalnachrichten wegen der verschleierten Reklame!«

Ich bin der gutaussehende Protagonist in einem Roman und mein Schöpfer hätte morgen seinen 156. Geburtstag.

March 12, 2006

Tag 3 (4)

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 7:54 am


Die Geschichte, die mir mein Gegenüber auftischte, war mehr als abenteuerlich. Inzwischen waren wir an die Seine gelangt, die einen gänzlich anderen Anblick bot, als die trostlose Betonwüste, aus der wir kamen. Die Uferpromenade war mit alten Weiden besetzt, die sich schwer über das langsam dahinfließende, graue Wasser neigten. Dort, wo sie ein wenig Platz ließen, wiegten vereinzelt kleine, an Pflöcke gebundene, Kähne auf den Wellen. Das romantische Bild wurde jedoch vom Verkehrslärm gestört, der vom anderen Ufer herüberdröhnte, an dem sich auf abgasgeschwärzten Betonpfeilern eine mehrspurige Schnellstraße entlangfraß. Ich seufzte leise in mich hinein. Es war fast so, als käme selbst die Stadt der Liebe nicht gegen die Schnellebigkeit des Modernen an. Paris, das einst den Fortschritt in sich trug, durch ihn groß und berühmt geworden war, musste sich jetzt der ganzen Macht seiner Zerstörungswut beugen. Die Ufer der Seine, die früher im Dreck und Schlamm versanken, die verschmäht wurden, weil sich dort die Armenhäuser befanden und die Huren sich den Preis des erworbenen Geldes von den Schenkeln wuschen, waren heute letzte Oasen, die an frühere Schönheit erinnerten. Dennoch war die alte Aufteilung geblieben. Jenseits der Seine und des pulsierenden Lebens der Großstadt erstreckten sich weiterhin die Armenhütten. Einzig das Holz wurde durch Beton ersetzt.

„Sagen Sie, hören Sie mir eigentlich noch zu?“. Guillome starrte mich von der Seite an und lächelte schräg. Irgendwie passten seine gelben Zähne nicht zu seinem ansonsten recht attraktiven Aussehen. Ich lächelte zurück. „Sie haben recht, ich habe die letzten Minuten wirklich nicht mehr aufgepasst. Das, was Sie mir da alles erzählen, ist einfach zu viel für einen Tag, für einen Mann. Außerdem ist mir kalt.“ Guillome sah mich erstaunt an. „Sie wirken heute außerordentlich gefasst, das ist gut“, betonte er, „Wir hatten schon fast die Hoffnung verloren“.
„Die Hoffnung verloren?“, wiederholte ich, „was ist denn in den letzten Tagen passiert?“
Guillome schnaubte wiederwillig. „Na gut! Sehen Sie, wir haben in den letzten Monaten versucht, Ihnen nicht zuviel darüber zu verraten, was wir von Ihnen wollen. Sie sind zwar aufgrund Ihres wiederkehrenden Gedächtnisverlustes der ideale Spitzel, weil Ahmed niemals glauben würde, dass Sie mit diesem Handicap in der Lage wären, ihn auszuspionieren. Dennoch ist die Sache gefährlich. Es gibt Tage, an denen verzweifeln Sie vollkommen an Ihrem Schicksal, ja wenden sich sogar gegen uns. An solchen Tagen könnte es fatal sein, wenn Sie über die gesamte Aktion informiert wären. Sie könnten dann in einem schlechten Moment alles verraten, monatelange Arbeit vernichten und viele Menschenleben gefährden. Deshalb haben wir Sie nie über unsere Identität ins Licht gesetzt. Wir haben gehofft, dass Sie durch Zufall auf wichtige Informationen stoßen könnten.“
„Und warum schenken Sie mir dann jetzt reinen Wein ein?“, fragte ich säuerlich.
„Weil die Zeit drängt! Wir wissen aus gut informierten Kreisen, dass in vier Tagen ein Anschlag geplant ist, doch wir wissen nicht wo und wir kennen Ahmeds Rolle in diesem Spiel nicht wirklich. Es würde also nichts bringen, ihn einfach aus dem Verkehr zu ziehen. Außerdem haben wir vor zwei Tagen einen wichtigen Mann verloren. Er war Ihr Kontaktmann und wurde auf offener Straße ermordet. Es besteht also ohnehin die Gefahr, dass Sie entdeckt werden.“

So konfus Guillomes Vortrag auch war und obwohl er nicht das kleinste Türchen in meinem Erinnerungsvermögen öffnete, etwas an dieser Geschichte hatte mich gepackt und ließ mir das Adrenalin in die Adern schießen. Ich war ein waschechter Spion, eine Schlüsselfigur im Kampf gegen den Terrorismus, von deren Entscheidungen wichtige politische Ereignisse abhingen. Ich hatte zwar kein Leben, dafür aber das Hier und Jetzt. Spannungsgeladene Momente, auf die andere Menschen ein ganzes Leben lang warten. Der Teufel sollte mich holen, wenn ich diese Chance nicht beim Schopf greifen würde.


Tag 3 (3)

March 8, 2006

Tag 3 (3)

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 7:09 am


Ich wusste nicht, was ich von seiner Bemerkung halten sollte. Meinte er es ernst? War es nur ein Spaß? Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass eine gewisse Bedeutung in Ahmeds Worten schwang. Schweigend schlenderten wir die paar Meter zum Bürgersteig. "Ich muss noch etwas erledigen", schnaufte Ahmed schwer und wickelte sich fest in seine grüne Jacke. "Wenn Du Lust hast, schau doch heute Abend einfach mal rüber, es kommen ein paar Freunde zu Besuch." Ich nickte. Konnte ich Abwechslung gebrauchen? Es war nur schwer vorstellbar, dass Eintönigkeit in mein kurzweiliges Leben einziehen könnte. Eine einzige Aneinanderreihung von Augenblicken. Ahmed nahm zum Abschied meine beiden Hände in seine riesigen Pranken, schüttelte sie und legte, nur für eine kurzen Moment, seine Handflächen auf sein Herz. "Wir sehen uns", lächelte er und lief die Straße hinunter.

Tief saugte ich die eiskalte Januarluft in mich hinein. Sie stank nach Abgasen, Fäulnis und Dreck. Und das im Winter. Die Vorstädte von Paris waren wirklich nicht das, was man unter gehobener Wohngegend verstand. Trotzdem verspürte ich Lust auf eine Zigarette. War ich etwa Raucher? Ich blickte mich um. Hinter mir, direkt neben dem Libanesen stand ein Kiosk. Einen Versuch war es wert. Ich ging hinüber, kaufte mir ein Päckchen Gitanes und Streichhölzer. Schon nach dem ersten Zug war klar: ich bin Raucher. Leidenschaftlich. Während ich die Zigarette Zug um Zug genoß, überlegte ich, was ich als nächstes machen sollte. Zurück in die Wohnung? Danach war mir nicht. Ein zu großes Verlangen, meine Umgebung zu erkunden machte sich bemerkbar. Was hätte ich dort oben auch tun sollen? Nach meiner Vergangenheit forschen? Nein. Zuerst wollte ich ein paar Schritte tun, den Kopf frei bekommen. Ich zog den Kragen meines Mantels höher und machte mich auf den Weg, die Rue de Calais hinunter.

Die Gegend war trist. Nachdem ich die großen Wohnblocks hinter mir gelassen hatte, folgten Stahl- und Betonbauten im typischen 70er Jahre Stil. Auf einem Schulhof tobten rechter Hand einige Kinder. Sie hatten wohl gerade Mittagspause. Ich blieb stehen und blickte schmerzlich durch den Maschendraht. Hatte ich auch Kinder? Eine Frau? Ein dunkelhäutiges, etwa 14-15 jähriges Mädchen schlich mit ihrem Freund um den Geräteschuppen hinter dem Basketballfeld und ließ sich von ihm verstohlen eine Kippe anzünden. Mit vertrauter Heimlichkeit pressten sie sich an die Wand des Schuppens. Wehmütig sah ich den beiden zu und bemerkte deshalb die Gestalt, die von der Seite auf mich zutrat, zuerst gar nicht.

"Monsieur Wunderlich!"
Ich schrak zusammen. Neben mir stand der Mann vom Geheimdienst, der Ahmed und mich die ganze Zeit beobachtet hatte.
"Monsieur, wir müssen reden!" In meinem Nacken bildete sich eine leichte Gänsehaut. Ich spürte, wie sich die Haare unter dem Mantelkragen aufstellten und sich gegen den Filz stemmten.
"Was kann ich für Sie tun", fragte ich übertrieben höflich, darauf bedacht, mir meine Nervosität nicht anmerken zu lassen.
"Interessant, dass Sie gerade das fragen, Monsieur", antwortete der Unbekannte, "Sie können in der Tat eine Menge für uns tun. Gehen wir ein Stückchen?"

Tag 3 (2)

February 9, 2006

Donnerstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 6:02 am


Tag 3 (2)

Das kleine Lokal, eher eine Imbissbude, befand sich direkt gegenüber meines Wohnblocks und machte auf den ersten Blick keinen sehr einladenden Eindruck. Die wenigen Sitzgelegenheiten waren aus Plastik und an den Wänden triefte das Jahre alte Fett der dampfenden Friteusen. Kein sehr französischer Anblick. Das Essen jedoch war traumhaft. Während ich ausgehungert Kubbe bil Sainije in mich hineinstopfte, ein köstliches Gratin aus Kartoffeln, Hackfleisch, Lamm, Pinienkernen und allerlei Gewürzen, löcherte ich Ahmed mit Fragen. Seit wann ich hier lebte, seit wann wir uns kannten, ob ich denn einen Beruf habe…

Geduldig beantwortete Ahmed eine Frage nach der anderen. Nein, er wüßte nicht, dass ich berufstätig wäre, ich lebte noch nicht lange in Paris, er kenne mich erst seit zwei Monaten. Ich genoß die Vertraulichkeit die zwischen uns bestand. Für Ahmed war es anscheinend ganz normal, mich jeden Tag auf’s Neue zu informieren und ich merkte, dass es dadurch auch für mich leichter wurde, von meiner eigenen Situation Abstand zu nehmen und Interesse an seiner Person zu zeigen.

„Was machst Du eigentlich beruflich?“, fragte ich ihn und führte mir genüsslich einen weiteren Löffel Auflauf in den Mund.
„Ach“, antwortete er eher beiläufig, „ich habe ein Stipendium an der Université Pierre et Marie Curie. Ich studiere dort Chemie.“
„Oh, das ist dann aber eine ganz schöne Leistung“, platzte ich heraus und biss mir sogleich auf die Zunge. Ahmed musste ja glauben, dass ich ihm so etwas intuitiv nicht zugetraut hätte. „Ich… äh, meine, damit gehörst Du ja wohl zur wissenschaftlichen Elite.“
„Na ja, nicht ganz“, meinte er verlegen, „ich komme eigentlich aus dem Irak und meine Eltern waren vor dem Sturz Saddam Husseins im Untergrund tätig. Sie unterstützten eine wohltätige Organisation in ihrem täglichen Kampf gegen das Regime und im Gegenzug finanziert die Organisation nun mein Studium. Ich bekomme das Geld also weniger aufgrund meiner herausragenden Leistungen als aufgrund der Beziehungen meines Vaters.“

Ich hatte von solchen Schicksalen gelesen. Für viele junge Menschen in arabischen Diktaturen war ein Auslandstudium der beste Weg, dem Regime für eine Weile zu entkommen und gleichzeitig etwas für die Heimat tun zu können.
„Dann sind Deine Eltern aber sehr mutige Menschen“, erwiderte ich.
Ahmeds Gesicht verdunkelte sich. „Sie sind tot“, presste er hervor. Schmerz, Abscheu und Hass vereinigten sich zu einer entstellten Fratze. Ich erschrak. „Die Amerikaner haben sie auf dem Gewissen. Es war doch schon alles vorbei! Und dann kamen sie. Nachts.“

Ich war schockiert, auf eine Konfrontation mit dem Tod nicht gefasst. Es war wahrscheinlich schon in einem normalen Leben schwer, einem Hinterbliebenen vernünftig Trost zu spenden. Doch was konnte ich schon für eine Vorstellung davon haben, wie es ist wenn ein naher Mensch stirbt. War ich zu solchen Gefühlen überhaupt fähig?
„Wie sind sie umgekommen?“
„Ich weiss es nicht genau. Man sagt, die Amerikaner hätten nach Saboteuren gesucht. Angeblich hat sich mein Vater zur Wehr gesetzt, dann hätten sie um sich geschossen. Ich glaube das nicht. Mein Vater war ein friedlicher Mann.“
Ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte. Einfach nur Mitleid bekunden? Dafür kam mir seine Haltung irgendwie zu entschlossen, zu gefasst vor. Nein, er erwartete eine klare Stellungnahme. Ihm erklären, dass Krieg immer das Schlechte im Menschen hervorkehrt? Dass auch die amerikanischen Soldaten Angst hatten, als sie das Haus durchsuchten? Dass seine Eltern aufgrund einer durch ein Missverständnis hervorgerufene Panik getötet wurden? Ja, wenn ich es mir mit meinem neu gewonnen Freund verscherzen wollte… Ich wollte die USA nicht pauschal kriminalisieren und entschied mich für die erste, weniger folgenreiche Option.
„Das tut mir leid.“ Ein schwacher Trost.
„Ja, mir auch, lass uns über etwas anderes reden“, knurrte Ahmed und schob sein halb gegessenes Schisch von sich, „mir ist der Appetit vergangen.“

Seine ruhige Gelassenheit überraschte mich. Von einem Araber hätte ich mir eigentlich Heulen und Zähneknirschen, eben die typische Wehleidigkeit erwartet. Gleichzeitig amüsierte mich eine Einsicht. Ich mochte zwar mein Gedächtnis verloren haben, wohl aber nicht meine Vorurteile. Trotzdem, auch mir war der Appetit vergangen. Nachlässig putzte ich mir mit der Serviette die Soßenreste aus den Mundwinkeln und blickte aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite lungerte der merkwürdige Fremde aus dem Treppenhaus. Er schien auf irgendetwas zu warten. Ich stiess Ahmed an.
„Dort drüben. Der Mann. Wir sind ihm im Treppenhaus begegnet. Irgendwie kommt er mir unheimlich vor.“ Ahmed drehte sich nicht einmal um.
„Der ist fast immer hier. Vom französischen Geheimdienst. Er glaubt, ich wäre Terrorist.“
Ahmed brachte mich zum Lachen. „Und, bist Du?“
„Was, wenn es so wäre?“, entgegnete er knapp und hievte sich aus seinem Stuhl.


Tag 3 (1)

February 7, 2006

Dienstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:58 am


Und weiter geht’s im Wettbewerbstakt. Den Pinnocchio in Silber habe ich mir bereits stolz an meine imaginäre Trophäenwand phantasiert und danke nochmals der Jurorin Will für diese große Ehre. Er sieht einfach prachtvoll aus da oben. Der dritte Teil des geplanten Paris-Siebenteilers fällt heute etwas kürzer aus, morgen folgt dann der Nachmittag.

Tag 3 (1)

Ich saß am Frühstückstisch und klammerte mich an meine bittere Tasse schwarzen Kaffees. Es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass man aufwacht und erfährt, keine Vergangenheit zu haben. Falsch, denn mir passierte es ja anscheinend jeden Tag. Die in der ganzen Wohnung drapierten Nachrichten und Merkhilfen hatten eine eindeutige Sprache. Den Morgen hatte ich damit verbracht, Informationen über mein Leben zusammenzutragen. Das Ergebnis war gar nicht so unbefriedigend. Ich war Deutscher und lebte im Pariser Vorort Argenteuil in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnblock. Das Gleiche traf auch auf die Wohnung selbst zu. Sie befand sich in einem kläglichen Zustand, kurz davor, die Hilfe eines Kammerjägers zu benötigen. Bis auf gestockte Milch und verschimmelten Käse war mein Kühlschrank ebenso leer, wie die Küchenschränke. Trotzdem war ich im Besitz einer ganzen Menge Bargelds und das ebenfalls in der Geldkassette befindliche Sparbuch bei einer Pariser Bank wies ein stattliches Sümmchen auf. Wenn der Inhaber, Johann Wunderlich, und ich dieselbe Person sein sollten, wovon ich ausging, hatte ich auf Jahre hinaus ausgesorgt. Warum ich trotz des moderaten Reichtums im Müll lebte, konnte ich mir zwar noch nicht erklären, es sollte aber meine geringste Sorge bleiben. Jemand klopfte lautstark gegen die Tür.

Als ich die Tür einen Spalt öffnete, stand mir ein hünenhafter Araber gegenüber und grinste mich freundlich an. Seine dunklen Augen, denen eine scharfgeschnittene Hakennase etwas adlerhaftes gab, strahlten eine sanfte Ruhe aus. „Guten Morgen Jean“, begrüßte er mich in gebrochenem Englisch, „wie geht es Dir heute?“ Sein vertraulicher Ton und die Tatsache, dass er meinen deutschen Namen in französischer Übersetzung gebrauchte, ließen darauf schließen, dass wir uns offenbar gut kannten. Ich unterdrückte mein anfängliches Misstrauen.
„So weit ganz gut, komm doch bitte herein“, antwortete ich, trat einen Schritt zurück und bedeutete meinem unbekannten Gast, die Wohnung zu betreten. Er ließ sich nicht zweimal bitten. Gezielt steuerte durch den dunklen Gang auf die Küche zu, sah sich darin um und nickte zufrieden.
„Du hast einen guten Tag. Das freut mich für Dich. Ich bin Ahmed, Dein Nachbar und Freund, falls Du das noch nicht selbst herausgefunden haben solltest.“
Ich sah ihn bestürzt an. „Ja, ein guter Tag. Es könnte schlimmer sein!“, ließ ich meinem Zynismus freien Lauf.
Ahmed war meine Ängste anscheinend bestens gewohnt. Mit milder Stimme analysierte er meine albraumhafte Lage. „Manchmal ist es schlimmer, manchmal besser“, erklärte er ruhig, „in der Regel findest Du dich gut zurecht und bist sehr organisiert. Dann gelingt es Dir innerhalb weniger Stunden einen Punkt zu erreichen, ab dem Du ein einigermaßen normales Leben führen kannst. Doch in den letzten beiden Wochen warst Du wie ausgewechselt. Hochgradig verwirrt und paranoid. Du hast niemanden an Dich herangelassen und Dich selbst dann noch feindlich verhalten, als Du die Wahrheit über Dich bereits wusstest. Und Du hast Dich ständig bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. So schlimm war es noch nie. Heute ist der erste Tag, an dem es Dir anscheinend wieder besser geht.“

‘Wahrheit’, ging es mir durch den Kopf, ‘welch ein Hohn, hier von Wahrheit zu sprechen’. Mein Leben war eine einzige Aneinanderkettung sinnloser, zusammenhangsloser Tage. Eine Realität ohne Anfang und Ziel. Für mich war Alles und Nichts wahr, wie sollte ich jemals zwischen wahr und unwahr unterscheiden? Obwohl ich instinktiv spürte, dass dies eine ungerechtfertigte Übertreibung war – ich konnte nämlich sehr wohl zwischen moralischen Kategorien unterscheiden, ich wusste sehr wohl, „welches“ Gebäude sich „wo“ in Paris befand, welche Linie ich nehmen musste, um an die Champs-Elysées zu kommen, wer der Bundeskanzler Deutschlands war und welche Länder zur Zeit gerade Krieg führten – fühlte ich mich verloren. Von meinem eigenen Leben wusste ich nur das, was auf den kleinen gelben Post-its stand, die, kreuz und quer in meiner Wohnung verstreut, Wände und Schränke tapezierten.

Ahmed schien meine Gedanken zu lesen. „Zerbrich Dir nicht den Kopf“, sagte er einfühlsam, „Du bist ein intelligenter Mensch. Es ist nicht so, dass Du keine Vergangenheit hättest. Du musst sie nur immer wieder suchen.“ Ich lächelte ihn schwach an. Wie verletzlich ich doch war. Und wie berechenbar. Es musste unglaublich langweilig sein für die Menschen in meiner Umgebung immer wieder, jeden Tag auf’s Neue meiner Suche nach dem Selbst beizuwohnen. Eine verkratzte Schallplatte, die selbst nach der mutigsten Ouvertüre die Nadel zwang, wieder dorthin zurückzukehren, wo ihre Reise begann. Wer konnte es der Nadel verübeln, dass sie irgendwann brach, sich weigerte, das hoffnungslose Intermezzo noch länger zu ertragen. Ich war den Tränen nahe. Ahmed legte mir seinen riesigen Arm auf die Schultern und schüttelte mich sanft.
„Lass den Kopf nicht hängen. Ich bin gekommen, um Dich zu fragen, ob Du Lust hättest mir runter zu kommen und etwas zu essen. Der Libanese unten am Eck hat heute Sonderangebote. Es täte Dir bestimmt gut, mal aus diesem Loch herauszukommen.“ Ich nickte. Essen war eine gute Idee und etwas Ablenkung konnte ich gebrauchen.

Gemeinsam verließen wir die Wohnung. Ahmed wollte noch eine wärmere Jacke aus seiner Wohnung holen, die meiner direkt gegenüber lag. Ahmed al-Hamdani stand auf dem Türschild direkt unter der Nummer 416. Auf unserem Weg durch das dunkle, mit häßlichen Graffiti verschmierte Treppenhaus, kam uns ein gutaussehender, breitschultriger Franzose entgegen, der uns argwöhnisch beobachtete. Als wir an ihm vorbeigingen, blieb er stehen und drückte sich ohne zu grüßen an die Wand. Irgendetwas an seinem Auftreten beunruhigte mich. Ich kam mir beobachtet vor.


Tag 2

February 5, 2006

Tag 7

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:54 am
Nach meinem gestrigen Aussflug in die romantische Welt eines Lebens nach dem irdischen Tod, geht’s nun wieder ins Diesseitige. Na ja, nicht ganz. Eher in die idealistischen Sphären des - leider furchtbar utopischen - Traums von der besseren Welt. Irgendwie find’ ich es jammerschade, dass der Wettbewerb nun schon vorbei sein soll, es hat so irrsinnig viel Spaß gemacht. Und noch ein großes Dankeschön an Will für diese tolle Idee und die einfühlsame Moderation. Und bevor ich nun ganz im Pathos versinke, nur das Versprechen, dass die Pariser Gegenwartsbewältigung natürlich weitergeführt wird.


Tag 7

Mein Büro war leicht überhitzt. Die Sonne brannte durch die riesige Glasfront. Ich betätigte die elektrische Jalousie und lies sie etwa bis zur Hälfte herunter. Wenigstens spiegelte sich die Sonne nun nicht mehr auf meinem Desktop. Das Büro lag in einem Hochhauskomplex der Upper East Side und ich hatte hier vom 58. Stock einen wundervollen Blick auf den Central Park. Genießen konnte ich ihn kaum, das Telefon klingelte fast ununterbrochen. Als ich meine kleine Firma vor knapp 4 Jahren gründete, hätte ich von einem solchen Erfolg nicht einmal zu Träumen gewagt. Und doch war es ein Traum. Eine Privatfirma, die dafür bezahlt wird, dass sie die Überschüsse multinationaler Unternehmen an die Armen dieser Welt weiterleitet? "Eine Utopie!", war die häufigste Reaktion, die ich damals zu hören bekam. Doch ich gab nicht auf und klapperte stur eine Konzernzentrale nach der anderen ab. Heute war ich Millionär und meine Firma hatte über 5000 Mitarbeiter, die Leben in die Büroräume an der Upper East Side brachte.

Erneut klingelte das Telefon. "World Credit International?", meldete ich mich freundlich.
"Joe?",hörte ich die wohlbekannte Stimme am anderen Ende, "ich habe hervorragende Neuigkeiten."
"Hi Andrew", begrüßte ich den Geschäftsführer von Exxon Mobil, "was gibt es?"
"Joe, stellt Dir vor, wir haben im letzten Geschäftsjahr über 36 Milliarden Reingewinn erzielt. Kannst Du Dir vorstellen, was das bedeutet?"
Mein Herz schlug höher, es raste förmlich. 36 Milliarden! Im Kopf überschlug ich, welche Summe uns zur Verfügung stehen würde. Unglaubliche 28 Milliarden Dollar. Das war der höchste Einzelposten, der jemals zusammengekommen war.

"Andrew", fragt ich ungläubig nach, "wie ist das möglich?"
"Das ist Euer Verdienst Joe", antwortete Andrew, "Ihr habt den Deal mit Venezuela eingefädelt. Seit wir dort Fortbildungszentren eingerichtet und Jobs an Einheimische anstatt an teure Fachkräfte aus dem Ausland vergeben haben, kriecht uns Chavez fast in den Arsch. Vor allem die Einführung von Sozialleistungen und Firmenrenten hat uns auf dem ‘Social Responsibility Index’ nach oben katapultiert. Unsere Umsätze bei Esso Europa sind darauf um 35 % gestiegen."

"Das freut mich wirklich Andrew", antwortete ich. Es war verrückt. In der Anfangsphase, als die ersten Global Player die Chance witterten über eine Zusammenarbeit mit meiner Firma eine Verbesserung ihres Rufes zu erreichen, hatte ich noch alle Hände voll zu tun, die Aufsichtsräte davon zu überzeugen, dass Einmalzahlungen, große Infrastrukturprojekte oder Bauvorhaben zwar einen kurzfristigen Reputationsgewinn brachten, aber nicht der richtige Weg für nachhaltigen Erfolg und damit langfristige Kapitalakkumulation waren. Doch dann gelang es uns, die Konzernführung von United Fruit von unserem Konzept zu überzeugen und deren eigenes Fair-Trade Projekt ‘Bananastick’ als Marke zu etablieren. Seither rannten uns die Konzerne sprichwörtlich die Türen ein.

"Was wollt Ihr mit dem Geld machen?", fragte Andrew.
"Ich denke, wir machen es so wie immer", gab ich zurück, "wir splitten den Betrag und stecken die eine Hälfte in Kleinstkredite, mit der anderen fördern wir Expansionsprojekte älterer Klienten, die sich besonders bewährt haben."

Neben der Beratung großer Unternehmen hatte sich meine Firma auf die Vergabe von Kleinstkrediten an Bauern, Kleinunternehmern und Mittelständlern in sogenannten Dritte Welt Staaten spezialisiert. Wir wollten nicht dieselben Fehler machen, wie die großen staatlichen und nicht-staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen und umfangreiche Hilfsprogramme unterstützen, die jegliche Eigeninitiative im Keim erstickten. Stattdessen konditionierten wir unsere Kredite auf folgende Weise: wir vergaben Kredite vorwiegend an Frauen, da sich diese als zäher und konsequenter erwiesen. Zudem eröffneten wir jedem Kleinbetrieb den zusätzlichen Anreiz, dass der Kredit nicht zurückgezahlt werden müsse, wenn der Betrieb innerhalb eines Jahres 10 Angestellte in Lohn und Brot halten konnte. Der Erfolg war durchschlagend. Kaum eines der neu gegründeten Unternehmen musste seine Schulden begleichen.

Für meine Firma war das kein Problem. Wir kassierten unsere Provisionen ausschließlich von den Global Playern, die ein Interesse am Reputationsgewinn aber vor allem an den aufblühenden neuen Märkten in Asien, Afrika und Südamerika hatten. Dafür langten sie gerne in die eigene Tasche. An manchen großen Universitäten der USA, z.B. Harvard, Columbia oder Stanford wurde sogar bereits gelehrt, wie diese Art der Entwicklungshilfe als Lagerinvestition verrechnet werden konnte. Die Welt der Ökonomie hatte sich grundlegend geändert.

"Das klingt wirklich sehr gut", freute sich Andrew, "könnt ihr uns so schnell wie möglich einen Investitionsplan schicken? Wir haben nämlich vor, in Caracas ein Fortbildungszentrum für Unternehmensgründer zu stiften. Wenn wir uns beeilen können vielleicht manche der Kreditempfänger bereits davon profitieren."

"Natürlich Andrew, wir machen auch das Unmögliche möglich", antwortete ich und legte zufrieden den Hörer auf.

February 4, 2006

Tag 6

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:52 am



Sie lag neben mir, kuschelig und warm. Über uns verwelkte die Milchstraße auf ihrer Milliarden Jahre dauernden Reise durch die Zeit. Sie zupfte mich gelegentlich am Arm, um mir zu beweisen, dass das alles kein Traum war. Ich revanchierte mich mal mit einem sanften Knuff, mal mit einer knisternden Berührung ihrer Haut, deren Energie weit hinaus in die Dunkelheit zu sehen war. Von Zeit zu Zeit waren unsere Begegnungen auch etwas feuriger. Dann erstrahlten wir als ein heller Stern, wuchsen enger zusammen, verschmolzen auf den Lippen, am Busen, in der Feuchte des anderen und erfüllten die leere Materie um uns mit Freudenfeuern. Und die Perlen des Schweißes, kostbar jede einzelne, stoben in die Nacht hinaus, dehnten und verengten sich und bildeten neue Welten für neue Liebende. So schwebten wir dahin, Reisende der Ewigkeit.

February 2, 2006

Tag 2

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:46 am

 

So, heute an Tag 4 und mit Verspätung die angekündigte Fortsetzung von Tag 2 der Parisphantastereien für Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben".

Tag 2

Das Geräusch klang wie ein verstimmtes Windspiel. Unregelmäßig, klappernd und quietschend. Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst war, woher ich es kannte. Geschirr. Jemand spülte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch der Sandmann hatte es letzte Nacht etwas zu gut gemeint. Die Lider klebten zusammen wie frisch getrockneter Mörtel und fast konnte ich ein reißverschlussartiges Ratschen hören, als ich sie dann doch aufbekam. Tief in die Höhle zwischen Augapfel und Nase reibend richtete ich mich im Bett auf. Ein verdächtiges Brummen im Schädel wurde mit jedem Klimpern etwas lauter. Verdammt! Ich befand mich in einer trostlosen Umgebung. Das winzige Zimmerchen war an Kargheit nicht zu überbieten. Außer ein paar Flaschen und Gläsern, die wirr verteilt auf dem Boden standen, gab es nur das durchgelegene Metallbett auf dem ich saß und ein versifftes Beistelltischchen, in dessen weiße Lasur sich dunkle Flaschenränder regelrecht hineingefressen hatten. Davor lag ein Haufen nachlässig weggeworfener Kleidung, ganz so, als hätte ich am Abend zuvor nicht mehr die Geduld gehabt, sie ordentlich zusammenzulegen. Ich schnappte mir die fleckige Jeans und das bereits nicht mehr geruchsneutrale T-Shirt und machte mich auf die Suche nach dem Ursprung des Geklappers.

In der Küche erwartete mich mein One-Night-Stand. Ein mittelgroßer, breitschultriger und auf den ersten Blick durchaus attraktiver Mann stand über dem Spülbecken und drehte mir den Rücken zu. Ach du meine Fresse, ich hatte das Ufer gewechselt! Bevor ich mich fragen konnte, wo ich dieses queere Prachtexemplar der Gattung Mann aufgegabelt und wie in aller Welt ich plötzlich meine eindeutig heterosexuelle Orientierung verloren haben könnte, drehte sich der Unbekannte zu mir um. „Ich habe mir erlaubt, etwas sauber zu machen. Hier sieht es ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Sein französischer Akzent war nicht zu überhören. „Sie putzen ja nie!?“

Er hatte „Sie“ gesagt. Er hatte eindeutig „Sie“ gesagt. Ein wohliger Schauer der Erleichterung lief mir über den Rücken. Die belustigt beigefügte, rhetorische Frage jedoch beunruhigte mich.
„Das ist nicht Ihre Wohnung?“, gab ich ein wenig einfältig zurück.
„Nein“, lachte er, „sie gehört Ihnen!“
Nun war ich doch etwas verwirrt. Ich hatte zwar das Gefühl, schon einige Alkoholeskapaden hinter mir zu haben. Aber ein solcher Blackout war mir noch nicht untergekommen. Das ich sogar meine eigene Wohnung vergessen haben sollte?!
Der Franzose musste meine Verwirrung wohl mitbekommen haben. „Am besten, Sie setzen sich und trinken erst mal eine schöne Tasse Kaffee“, forderte er mich auf.
Ich rückte mir den klapprigen Holzstuhl unter dem Küchentisch hervor und setzte mich vorsichtig, während der Fremde mir eine große Tasse schwarzen Kaffees über den Tisch schob. „Milch und Zucker sind leider aus. Wer weiß, seit wann schon.“
Dankbar nahm ich das dunkle Getränk entgegen. Es war so bitter, dass sich Geschmacksnerven und Mimik leidvoll krümmten. Nein, schwarzer Kaffee war nicht meine Sorte. Angewidert schob ich das Gebräu von mir. Um meine Gedanken zu ordnen, schob ich mir eine Frage zurecht. „Wenn das nicht Ihre Wohnung ist… Was tun Sie dann hier und wer sind Sie?“

Die Körpersprache meines Gegenübers zeugte von Souveränität. Mit einer ruhigen, eleganten Bewegung ließ er sich auf den noch freien Stuhl nieder und streckte das Kreuz durch, während seine rechte Hand in der Hosentasche verschwand. So tief zurückgelehnt betrachtete er mich eine Weile, als wäre ich ein Sorgenkind, über dessen Strafmaß er gerade zu befinden habe. Dann setzte er sich auf, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. Dabei deuteten seine beiden Zeigefinger direkt auf mein Gesicht. „Sie machen uns ganz schöne Probleme Herr Wunderlich“, sagte er mit ruhiger, sachlicher Stimme. „Gestern, das war eine Katastrophe und wir haben nur noch sechs Tage Zeit, also hören Sie mir gut zu.“
Das komische Benehmen des Unbekannten ging mir zunehmend auf die Nerven. Ich fühlte mich unwohl. Es passiert ja auch nicht jeden Tag, dass man ohne Erinnerungsvermögen aufwacht, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, wie wohl ein anderer Morgen hätte aussehen können. Die Vergangenheit war nichts als eine tiefe Leere. „Hören Sie“, begann ich, „anscheinend habe ich eine schlimme Nacht hinter mir und kann mich an überhaupt nichts erinnern. Vielleicht sagen Sie mir ganz einfach, wer Sie sind.“
Den Fremden schien die Bitte und die Genervtheit meines Tons nicht zu überraschen. „Mein Name ist Guillome“, antwortete er, „aber der ist im Grunde ausgesprochen nebensächlich. Sie finden ihn übrigens in diesem Notizbuch.“ Guillome drehte sich leicht zur Seite, fingerte ein kleines, schwarzes Notizbüchlein von der Ablage des Küchenschränkchens und reichte es mir. Irritiert hielt ich es in den Händen und betrachtete das abgegriffene Leder von allen Seiten. „Lesen Sie!“, forderte er mich auf.

Ich begriff den Sinn dieser ganzen Aktion nicht. Was für eine Geheimniskrämerei. Konnte der Typ nicht deutlicher werden? Oder wollte er nicht? Die Atmosphäre bekam plötzlich etwas Beklemmendes. Fahrig blätterte ich die ersten Seiten des Büchleins auf. Die Schrift war krakelig. Es hatte den Schreiber sichtlich Mühe gekostet, seinem Füller die wenigen Zeilen pro Seite abzuringen. Kurze, abgehackte Sätze, eher Merkhilfen als zusammenhängender Text, mischten sich mit rätselhaft symbolischen Skizzen. So waren z.B. einzelne Namen, einem Spinnennetz ähnlich, mit Strichen verbunden. Darunter eine kryptische Botschaft: ‘Heute bei Ahmed gewesen. Moncef kommt aus Sousse’. Die Einträge waren mit Kalenderdaten versehen und zogen sich über mehrere Wochen hinweg.
„Was zum Teufel soll das sein?“, fragte ich Guillome, „Erlauben Sie sich einen schlechten Scherz mit mir?“ Guillome sah jedoch nicht aus, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Mit gerunzelter Stirn und ausladender Geste bedeutete er mir, mich umzusehen. „Wirkt hier irgendetwas auf Sie wie ein Scherz?“, fragte er in einem Ton, der überdeutlich machte, dass es sich nicht um einen Spaß handelte.
„Ja, allerdings, das tut es“, brauste ich auf, „alles hier kommt mir vor wie ein schlechter Scherz. Ein inszenierter Alptraum, aus dem ich gerne aufwachen würde.“ Wütend funkelte ich meinen Gegenüber an, doch der machte keine Anzeichen, sein bedrücktes Gesicht abzulegen.
„Wenn Sie wüßten, wie nah sie damit an der Wahrheit sind, wären Sie wahrscheinlich nicht mehr bereit, uns in dieser Sache zu helfen und wir würden wertvolle Zeit verlieren. Es ist sicherer für Sie und uns, wenn Sie nicht zuviel wissen. Lesen Sie, sehen Sie sich genau um, seien Sie konzentriert, machen Sie sich Notizen und verlieren sie um Gotteswillen nicht wieder dieses Buch.“ Er deutete auf das kleine schwarze Notizbüchlein und schob mit der anderen Hand einen kleinen gelben Zittel über die Tischplatte. „Rufen Sie heute abend um fünf Uhr diese Nummer an und berichten Sie. Lösen Sie das Rätsel, Sie sind unsere letzte Verbindung.“ Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.

Seine Ansprache hatte mich so verwirrt, dass ich zuerst kaum reagieren konnte. Wurde ich etwa bedroht? War mein Leben in Gefahr? Kurz bevor Guillome die Tür erreichte rief ich ihm nach: „Was wollen Sie überhaupt, das ich für Sie tue?“
„Gebrauchen Sie Ihre Phantasie! Das ist alles, was ich Ihnen raten kann“, war die wenig zufriedenstellende Antwort. „Versuchen Sie nicht mir zu folgen! Das hätte böse Konsequenzen.“ Mit diesen Worten trat er aus der Wohnung und überließ mich meinem Schicksal. Unbehelligt ließ ich ihn ziehen. Jedes weitere Nachhaken schien zwecklos, und Guillome in seiner einschüchternden Art übermächtig. Ich fühlte mich klein und verloren. Wenn ich doch wenigstens einen Anhaltspunkt hätte. Irgendeine Information darüber, welche Aufgabe ich in diesem Spiel erfüllte. Wenigstens eine fahle Erinnerung an die letzten Tage und Wochen. Es war unheimlich. Obwohl ich um Zweck und Funktion der Dinge um mich wusste, ja mich sogar an billige Spionagefilme erinnerte, in welchen den Hauptdarstellern Ähnliches widerfahren war, so fehlte mir doch auch nur das leiseste Wissen über meine Existenz. Ich hatte sozusagen mein Selbst verloren.

Den Vormittag verbrachte ich grübelnd und brütete über den nahezu aussagelosen Tagebucheinträgen. Sie ergaben einfach keinen Sinn. Ich war am Rande der Verzweiflung. Dennoch musste in Ihnen der Schlüssel zu den vergangenen Ereignissen liegen. Das war mir schnell bewusst geworden. „Lesen Sie. Gebrauchen Sie Ihre Phantasie“, hatte Guillome gesagt. Wenn ich also etwas über mich Selbst erfahren wollte, musste ich den Einträgen Sinn verleihen. Es gab auch einen anfänglichen Erfolg. Eine einfache Schreibprobe hatte ergeben, das die Schrift in dem Büchlein eindeutig zu meiner Hand gehörte. Auf die erste Freude folgte jedoch Ernüchterung. Keiner der Einträge, kein Satz, kein Wort vermochte den Schleier des Nichts zu lüften. Nicht einmal ein Gefühl lösten sie aus. Was da stand hatte für mich keine Bedeutung, es war im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. Also ging ich dazu über, aus den Einträgen eine neue Bedeutung zu konstruieren. Umständlich kritzelte ich die noch leeren Seiten des Büchleins voll. „Yusuf sagt ‘Geld spielt keine Rolle’“, verband ich mit „heute Morgen Spielzeug gekauft“. Unter den Satz „Heute ist kein gewöhnlicher Tag“ setzte ich „Treffen heute abend 19:00h“. Dazu formulierte ich eigene Gedanken und Hypothesen: „Ist Spielzeug verschlüsselter Code?“, „Wo findet Treffen statt?“. Danach durchsuchte ich das Büchlein wiederum nach Antworten auf diese Fragen. Am Ende hatte ich das Büchlein mehrmals gelesen und etwa zehn neue Seiten mit Text gefüllt. Als ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte und zu wiederholen begann, gab ich auf. Der großen Uhr in der Küche zufolge war es mittlerweile zwölf Uhr mittags, ich hatte Hunger und nur noch fünf Stunden Zeit, Guillome Bericht zu erstatten. Wie auch immer dieser Bericht aussehen sollte. Alles was ich zu bieten hatte, waren ein ganzer Haufen arabischer Namen und den vagen Verdacht, dass es sich um eine Verschwörung handeln könnte. Das konnte für Guillome nichts Neues sein. Er kannte das Notizbuch, hatte möglicherweise sogar eine Abschrift. Ich fühlte mich mißbraucht. Ein geistloses Instrument in den Händen irgendeines Geheimdienstes - wie es aussah, des französischen – der mich benutzte, um wahrscheinlich entweder in Kontakt zu arabischen Terroristen zu treten oder sie zu beschatten. Und ich hatte nicht einmal den hauch einer Ahnung, worin dieser Kontakt bestand oder wie ich ihn herstellen sollte.

Der Hunger wurde deutlicher. Zudem spürte ich ein gewisses Verlangen nach Alkohol. Ich stand von meinem Stuhl auf und musste mich unverhofft wieder setzen. Mein rechtes Bein war eingeschlafen. Es kribbelte als würden tausend Ameisen zwischen Ferse und Oberschenkel hin- und herlaufen. Mühsam raffte ich mich auf und humpelte in Richtung Kühlschrank. Der faulige Gestank, der mir bei geöffneter Tür entgegenströmte, verschlug mir für einen kurzen Moment den Atem. Unglaublich, dass ich in diesem Loch, unter diesen Bedingungen leben sollte. Angewidert knallte ich die Türe zu und beschloß, die Wohnung zu verlassen und auswärts zu speisen. Ich wollte mich gerade umdrehen, um die Wohnungsschlüssel zu suchen, als mir ein großer, roter Zettel ins Auge stach, der ganz zentral auf der Kühlschranktür prangte. „Treffen in Ahmeds Wohnung 416, 19:00h“, prangte dort in dicken Blocklettern. Mein Herz schlug schneller und mein Magen wurde flau. Wie konnte ich nur eine solch deutliche Botschaft übersehen? Das konnte kein Zufall sein. Hastig griff ich zum Notizbuch. ‘Ahmed’, der Name war mehrfach erwähnt. Ich war aufgeregt wie ein Schuljunge. Endlich hatte ich meinen Kontakt gefunden. Im Gegensatz zu den Einträgen im Notizbuch beinhaltete die Nachricht auf dem Kühlschrank kein Datum. Das Treffen konnte heute oder nächste Woche stattfinden. Es konnte auch bereits vorüber sein und mit dem Treffen übereinstimmen, das am 12. Januar eingetragen war. Doch das durfte mich jetzt nicht entmutigen. Ich hatte eine Spur und die würde ich nicht mehr verlieren. Mit neuer Verve machte ich mich auf die Suche nach weiteren Indizien.

Ich musste blind gewesen sein. Die Wohnung war übersät mit Hinweisen und Hilfestellungen für mein alltägliches Leben. Überall fanden sich größere und kleinere Notizzettel, die mir erklärten, wo Kaffee und Zucker standen, wann die Wäsche fällig war, wo der Schlüssel zum Briefkasten lag, wo ich mein Notizbuch finden konnte. Nebensächlichkeiten, die sonst keiner Erwähnung bedürfen. Noch beeindruckender waren detaillierte Verzeichnisse über mir bekannte Menschen, genaueste Wegbeschreibungen und ausgefeilte Anweisungen zur Bewältigung des Tagesabläufe. Alles war so penibel organisiert als sollte jeglicher Zufall ausgeschlossen werden. Diese Erkenntnis überwältigte mich. Ganz so hatte ich mir die Reise zu meiner Identität nicht vorgestellt. Es konnte nur bedeuten, dass mein Gedächtnisverlust rekursiv war. Guillome hatte mir bereits mit seinem ersten Rat den entscheidenden Tip gegeben. Das alles war kein Scherz. Es war mein Leben. All meine Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität schwand dahin. Es würde nie wieder eine Normalität geben, hat sie vielleicht nie gegeben. Ich schluckte tief. Glaubte mich übergeben zu müssen. Der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in eine klebrige geleeartige Masse. Es war unmöglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne gefährlich zu schwanken. Der Aufprall war dumpf aber hart. Während ich langsam in ein tiefes Schattenreich hinwegdöste, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Zu einem Gott, an den ich nicht glaubte und der nun doch meine letzte Hoffnung war. ‘Bitte lass mich nicht wieder vergessen. Bitte lass mich nicht wieder vergessen.’

Als ich wieder erwachte, war es bereits dunkel. Es dauerte eine Weile bis ich begriff wo ich mich befand. Ich lag zusammengerollt im Gang zwischen Küche und Schlafzimmer und zitterte am ganzen Körper. Es war eiskalt. Ich schleppte mich in die Küche und setzte mich schwerfällig auf den bereitstehenden Stuhl. Zwischen Erleichterung und Apathie schwankend konnte ich mich nicht entsinnen was schrecklicher sein sollte. Dass ich erneut ohne Gedächtnis aufgewacht wäre oder dass ich mich erinnern konnte. Im ersten Zustand wäre mir zumindest nicht bewusst gewesen, in welch furchtbarer Situation ich steckte. Ich hätte einfach weiter gehofft, dass ich mein Leben irgendwann zurückbekommen würde. Doch zu wissen, dass genau diese Situation wiederkehren würde, irgendwann, vielleicht erst in Tagen, vielleicht in der nächsten Sekunde, raubte mir fast den Verstand, der überraschend klar funktionierte. Außerdem hätte ich kein Wissen über mein zweites großes Problem, den wahrscheinlichen Grund für meine Anwesenheit in dieser stinkenden Bude. Egal welchen Auftrag Guillome für mich hatte, ich war nicht gewillt, ihn anzunehmen. Ich wollte mein Leben zurück. Und wenn es so aussah, dass ich jeden meiner Schritte protokollieren musste, um Ordnung in mein Leben zu bringen, dann sollte es so sein. Die Küchenuhr zeigte kurz vor fünf. Zeit für meinen Anruf bei Guillome.

„Oui, Institut d’Affaires Internationales“, meldete sich eine piepsstimmige Telefonistin. Irritiert warf ich einen zweiten Blick auf die Telefonnummer. Sie hatte keine Vorwahl.

„Pardonnez-moi mademoiselle, je ne parle pas bien le francais. Sprechen Sie deutsch?“
„Oui, eine bißchen Monsieur. Wie kann ich Ihnen älfen?“, säuselte sie.
„Wo sitzen Sie bitte?“
„Ich verstehe nicht, Monsieur.“

„Entschuldigung, ich meine, in welcher Stadt sind Sie?“
„Na in Paris, Monsieur, wo denn sonst?“ Ja, wo sonst? Was konnte mich heute noch überraschen? Ich verdrängte die Neuigkeit. Sollte sie mich später beschäftigen.
„Könnte ich bitte mit Monsieur Guillome sprechen bitte?“
„Monsieur Guillome? Monsieur Francois Guillome?“ Mein Auftraggeber hatte mir nicht gesagt, ob Guillome sein Vor- oder Nachnahme war.
„Ist das richtig bitte, Monsieur? Francois Guillome?“, erinnerte mich die Telefonistin daran, dass ich gerade ihre Zeit unnötig vergeudete. Vielleicht sprach sie ja gerade auf der anderen Leitung mit einer Freundin. Oder mit ihren Kindern oder ihrem Ehemann?
„Monsieur?“
„Ja, das ist richtig.“
„Un moment, ich verbinde.“

Die Leitung klickte und die glückliche Frau am anderen Ende konnte sich wieder ihren Lieben widmen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Einsamkeit gewohnt war. Es sah nicht so aus, als hätte ich tiefergehende soziale Kontakte. Aber wer wollte auch mit Jemandem zusammen sein, der jeden Morgen vergisst, dass er dich liebt?
„Ja bitte?“, Guillome klang gehetzt aber ich hatte nicht vor, seine Zeit zu vergeuden.
„Stecken Sie sich Ihre Angelegenheiten in den Allerwertesten Guillome“, schnauzte ich ins Telefon, „Ich bin raus aus der Sache.“ Dann knallte ich den Hörer auf die Gabel

Ich fühlte mich so wohl, wie… Ja, wie wann? Gab es in meinem Leben überhaupt Zeitangaben wie „nie“ oder „jemals“ zuvor? Zeitangaben, die weiter als 24 Stunden zurücklagen? Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln. Ich wusste, wer anrief. Eilig suchte ich ein paar warme Sachen und einen Mantel zusammen und nahm das Geld, das ich in der Schatulle gefunden hatte an mich. Ich war in Paris und ich wollte mich besaufen. Wenn ich schon jeden einzelnen Tag vergaß, so wollte ich ihn wenigstens genießen. Bevor ich die Wohnung verließ, nagelte ich ein DINA4-großes Blatt direkt über das Kopfteil meines Bettes: „Du verlierst jeden Tag Dein Gedächtnis! Lies die Zettel und durchsuche Deine Kleidung!


Tag 1
 

 

February 1, 2006

Tag 3

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 10:06 am
20:30h gerade wollte ich die Fortsetzung zu Tag 1 abschicken, da fiel mein Blick hinüber zu Nachbarns hellerleuchtetem Fenster. Und…Nachbarns feiern eine Orgie, ja meine Güte. Das kann ich Euch wirklich nicht vorenthalten. Die Fortsetzung meiner unglaublichen Erlebnisse in der Stadt der Liebe gibt’s dann morgen.

20:35h gut, der Feldstecher ist in Position. Aber hallo, das sind eindeutig mehr Frauen als Männer. Also so was kommt in Echt doch gar nicht vor. Das gibt’s nicht. Nee, liebe männliche Leser, macht Euch da mal keine Hoffnungen, was die da drüben machen, ist eindeutig professionell. Das passiert einem normalen Mann im wirklichen Leben nie.

20:50h Autsch, das muss doch weh tun. Mädchen, das passt doch da gar nicht rein! Hör doch auf! Nein!!!

20:55h Sie hat es endlich geschafft. Also mit Kinder kriegen hat die mal keine Probleme mehr. Ehrlich.

21:15h Mittlerweile geht’s richtig zur Sache. Häuptlings flotte Zunge rotiert auf Höchstleistung. Der muss doch langsam einen Kieferkrampf kriegen.

21:45h Zwischenbilanz. Anzahl sekundärer Geschlechtsorgane: zehn (doppelte Wertung) für gut befunden. Mindestens vier erscheinen jedoch etwas ballonartig und berührungsresistent. Da hat wahrscheinlich der Chirurg gepfuscht. Anzahl primärer Geschlechtsorgane: sieben. Fünf hübsch, zwei so ähnlich wie meines.

22:15h Den Männern geht langsam die Puste aus. Die Frauen beschäftigen sich daher mit sich selbst. Ah ja, sieht interessant aus. Sehr langsam und genüßlich. Werd’ ich mir merken. Da kann Häuptling flotte Zunge noch was lernen. Nachteil: Man sieht eindeutig nicht so viel.

22:40h Also Frauen beim Sex zuschauen. Mal ehrlich. Wer würde sich nicht wünschen, dass seine Liebste wenigstens ein wenig bi veranlagt wäre. Aber Wunschtraumdenken aus, siehe auch Einlassungen unter 20:35h.

22:45h Die Männer haben sich anscheinend etwas ausgeruht und sind wieder am Zug. Sieht nach Grande Finale aus. Das muss ich mir jetzt nicht mehr anschauen. Das Übliche eben.

January 30, 2006

Tag 1

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 9:49 am

 

So, hier mein Beitrag zu Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben". Eine Siebentagewoche voller Spannung, Spiel und Schokolade.

Tag 1

Schwerfällig tastete ich in Richtung des Geräuschs. Das schwarze Loch in meinem Schädel sang bei jedem Summen leise mit. ‘Wo bin ich?’ Der Raum war kahl, kein Bild, kein Regal, nur eine abgefetzte Tapete. Das Summen verstummte. Beim Aufstehen stieß mein Bein auf etwas Kaltes. Klirrend fiel eine Flasche auf den Boden und entleerte ihren bitteren Inhalt. Ich musste ganz schön gebechert haben gestern abend. Und ich hatte wohl auch in meinen Sachen geschlafen.

Das Badezimmer war eine faulige Pfütze. Um den dreckigen Rand der Toilette nicht berühren zu müssen, pinkelte ich im Stehen und konnte nicht verhindern, noch ein paar mehr gelbe Tropfen auf dem schimmligen Vorleger zu verteilen. ‘Wo bin ich hier nur hineingeraten?’ An dem dreckigen, gesprungen Spiegel klebte eine Notiz: „Zahnbürste im Becher!“ Anscheinend war ich nicht allein in diese Barracke gekommen. Ich folgte dem dunklen Gang in die Küche. Niemand da. Das Chaos war von elendiger Natur. Geschirr stapelte sich im und rund um das Spülbecken, neben dem Herd stand eine fettverspritzte Kaffeemaschine. Die Koffeinablagerungen an der Innenwand der Kaffekanne waren scheinbar noch aus dem letzten Jahrhundert. Auch hier nur ein kleiner gelber Post-it: „8 Löffel auf eine Kanne“.
„Danke, verzichte!“, presste ich durch die Zähne und machte mich auf die Suche nach Aspirin. In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich ignorierte es. Ich musste verdammt noch mal etwas gegen diese Kopfschmerzen tun. Doch das Telefon ignorierte mich genauso. Unbeirrt klingelte es weiter. Ob der Besitzer dieser Müllhalde sich über die Existenz von Anrufbeantwortern im Klaren war? Mit beschlagener Stimme erwiderte ich den Anruf: „Ja?“

„Herr Wunderlich?“ Der Bariton am anderen Ende war sonor aber alt. Als hätte er in seinem Leben schon zu viele Arien gesungen. „Nein“, erwiderte ich knapp.
„Sie müssen sofort zu mir kommen!“ Der alte Herr klang ängstlich. Das Hämmern in meinem Kopf wurde unerträglich. „Ich glaube, Sie sind falsch verbunden“, antwortete ich und legte den Hörer auf.

Ich war gerade dabei, die aufgequollene Küchenschublade zu durchwühlen, da schepperte das Telefon erneut. „Ja, was ist denn noch?“ Ich brüllte fast in die Muschel.
„Herr Wunderlich, ich habe jetzt keine Zeit für Ihren allmorgendlichen Kater. Sie finden das Aspirin in der linken unteren Schublade des Küchenschränkchens. Nehmen Sie ein paar davon und kommen Sie her, aber dalli!“
Ich riss die Schublade auf, schob ein paar lose Blatt Papier zur Seite und sah die rettende Packung. Die verlotterte Wohnung gehörte also dem Mann am anderen Ende der Leitung.
„Wer sind Sie und was mache ich in Ihrer Wohnung?“
„Das klären wir später“, beschwichtigte der Bariton. „Nehmen Sie sich ein Taxi und kommen Sie in die 21 Rue de la Fayette. In spätestens einer Stunde werde ich Sie dort treffen. Seien Sie pünktlich!“

Mir entglitt fast der Hörer. ‘Paris? Was um Himmels Willen?’ „Hören Sie…“, rief ich ins Telefon, doch ein langes Pfeifen gab mir zu verstehen, dass das Gespräch bereits beendet war.


Der Taxifahrer fuhr viel zu schnell, doch das interessierte mich wenig. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie ich nach Paris gekommen war und warum ich mich an nichts erinnern konnte. Dem verdreckten Wohnblock nach zu urteilen, dem ich gerade entstiegen war, verfügte der mysteriöse Anrufer nicht gerade über weitreichende finanzielle Mittel. Etwa zwanzig Minuten war ich an dubios glotzenden, marokkanischen Einwandererkids, sogenannten Maghrebianern, vorbei durch die heruntergekommenen Betonschluchten geirrt, um einen Taxistand zu finden. Während wir die Rue de Martre in Richtung Seine hinunterjagten, spiegelte sich rechterhand in einigen Kilometern Entfernung ein großer, klobiger Klotz in der Sonne. ‘La Grande Arche!’ Ich musste also irgendwo in Argenteuil oder Colombes ins Taxi gestiegen sein. Mein schmerzender Kopf arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Ich hatte so einige Fragen an den unbekannten Herrn.
Es war genau Viertel nach Elf, als der Taxifahrer in der Rue de la Fayette hielt. In einem Anfall von Panik durchsuchte ich meine Taschen nach etwas Geld. Ich hatte weder eine Geldbörse noch eine Brieftasche bei mir. Überhaupt musste ich eine ziemlich abgehalfterte Erscheinung bieten. Da die Dusche im Appartement nicht funktionierte, hatte ich mich nur notdürftig gekämmt und noch immer die Sachen an, in denen ich offenbar eingeschlafen war. In der linken Gesäßtasche meiner Jeans wurde ich schließlich fündig. Zwanzig Euro waren zwar nicht viel, durften aber reichen, um den Fahrer zu bezahlen. Mit einem muffligen ‘Merci Monsieur’ quittierte er, dass ich mir die verbliebenen 3,50 € bis auf den letzten Cent herausgeben ließ.

Die Rue de la Fayette war eine gigantische Einkaufsstraße und es wimmelte von Menschen. Kein guter Ort, um öffentlich einen Streit anzufangen. Doch genau darauf hatte ich große Lust. Das Haus mit der Nummer 21 befand sich unmittelbar gegenüber der Abzweigung zur Rue Saint Georges, wo ein kleines Eckcafé die Szenerie belebte. Das Klingelschild vor dem schmalen Treppenaufgang wies ein Architekturbüro aus. Als auch nach dem dritten Läuten niemand öffnete, steckte ich die Hände in die Manteltaschen, drehte mich zur Straße und hüpfte auf der Stelle. Obwohl die Januarsonne strahlte, fröstelte ich. Mein Atem bildete weiße Wölkchen und die Kälte zerrte an meinen Schäfen. Ich hatte Lust auf einen Drink und eine Zigarette. Die vorbeihuschenden Passanten zollten meinem zerzausten Auftreten kaum Aufmerksamkeit.
„Pardonnez moi. Est que vouz avez une cigarette, Monsieur?“, schnorrte ich in bestem Schulfranzösisch den nächstbesten Passanten an.
„Ja, einen Moment bitte“, erwiderte er in gebrochenem deutsch. So umständlich höflich war er wohl schon lange nicht mehr angesprochen worden und mein Akzent tat scheinbar sein Übriges, um mich sofort als Deutschen zu entlarven. Zumindest konnte ich mich noch nicht so lange an der Seine aufhalten. Mein Französisch war eindeutig verrostet.
Umständlich fummelte der nette Passant eine Packung Gitanes aus der Brusttasche. Ich bediente mich und nahm das angebotene Feuer dankend an. Zwei, drei tiefe Züge später fühlte ich mich etwas entspannter.

Am Café gegenüber tat sich was. Ich hatte die Zigarette etwa halb aufgeraucht, als ich den beleibten älteren Mann winken sah. Er stand auf Höhe der Auslage und fuchtelte zu mir herüber. Ich sah mich um. Nein, es war eindeutig, er konnte nur mich meinen. Niemand in meiner Nähe machte Anstalten einer Reaktion. Das musste meine mysteriöse Verabredung sein. Ich warf die Zigarette in den Rinnstein und wollte gerade hinübergehen, als ich sah, dass er sich bereits auf den Weg zu mir gemacht hatte.
Die nächsten Sekunden verliefen in Zeitlupe. Wie eine Raubkatze sprang ein zuvor am Seitenstreifen geparkter Kleinlaster den Alten an, überrollte ihn und raste mit quietschenden Reifen um die Kurve, die Rue Saint Georges hinauf. Während sich die kreischenden Passanten um das Unfallopfer versammelten, stand ich wie schockgefroren. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste etwas tun. Ich musste erfahren, warum ich in einer fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, in einem fremden Leben aufgewacht bin. Ich musste zu dem Mann! Unsanft und mit Nachdruck wühlte ich mich durch die, wilde Klagelaute ausstoßende, Menschenmauer und beugte mich über das Unfallopfer. Sein Atem rasselte schwer und ein hellroter Blutschwall, der mit jedem neuerlichen Hustenanfall aus seinem Mundwinkel quoll, verkündete einen raschen Tod. Die Lunge war gerissen. Als er mich wahrnahm, bäumte er sich auf und griff mit seiner Rechten nach mir.

„Nehmen Sie! Fragen Sie nach Guillome!“, röchelte er erstickt. Erst jetzt bemerkte ich, dass er in den erschlaffenden Fingern seiner rechten Hand einen zerknitterten Brief umklammert hielt.
„Wer sind Sie?“ Verzweifelt versuchte ich den Sterbenden wach zu halten und rüttelte an seinen Schultern. Er bedankte sich, indem er mir eine lange Spur Blut auf den Mantelärmel kotzte.
„Was mache ich hier?“
Es hatte keinen Sinn. Der Alte war nicht mehr ansprechbar. Die aufgerissenen Augen begannen sich zu verdrehen. Ich nahm den verschmierten Brief und steckte ihn unauffällig in die Innentasche meines Mantels. „Il est mort?“, fragte mich eine junge Frau, an deren Brüste ich beim Aufstehen gestoßen war. Ich drehte mich um. „Oui, il est mort“, schnaufte ich atemlos aus. Die Frau brach in Tränen aus. Offenbar hatte sie den Unfall genauso lebendig mitangesehen wie ich. Doch ich besaß nicht die Kraft sie zu trösten. Stattdessen tupfte ich ihr niedergeschlagen mit der Handfläche zweimal leicht auf den Oberarm und zwängte mich an ihr vorbei. Ein wilder Drang zu trinken überkam mich. Ich wollte mich besaufen und die schrecklichen Bilder des gerade Erlebten verdrängen. Doch ich wusste nicht wohin. Und ich wusste auch nicht weiter. Vielleicht war es ja besser, auf die Polizei zu warten, deren Kommen die nahende Sirene bereits ankündigte. Wenn die Polizei etwas über die Identität des Verstorbenen wusste, konnte sie vielleicht auch mir helfen.

Abseits der Menschenmenge glättete ich den zerknüllten Brief. Das Ergebnis war enttäuschend. Ein kaum leserliches Akronym und fünf Zahlen waren flüchtig hingekritzelt: BDF 07731. Das konnte alles mögliche sein. Ein Nummernkonto, eine Adresse, ein Schließfach… Wenn das ein Hinweis sein sollte, dann hatte mir der Alte ein gehöriges Rätsel aufgegeben. Ich steckte den Brief zurück und ließ die Schultern hängen. Es war wohl tatsächlich besser, auf die Polizei zu warten.

Den Entschluss, die Beamten über die Existenz des Briefes im Unwissen zu lassen, fasste ich, als der größere der beiden Ermittler, ein schwarzhaariger, unterernährter Lulatsch mittleren Alters mit einem unansehlichen aber dennoch arrogant wirkenden Schnauzbärtchen, etwa zum zehnten Mal nach meinem ständigen Wohnsitz fragte. Sie schienen mir den Gedächtnisverlust nicht abzunehmen, sondern fanden mich eher verdächtig. Mittlerweile saß ich seit über acht Stunden in der Gendarmerie und langsam machte sich Ernüchterung breit. Es war einfach nichts herauszubekommen. Weder über die Identität des Getöteten, noch über die Wohnung irgendwo in Argenteuil oder Colombes, noch über den Kleinlastwagen. Am meisten jedoch machte mir der Gedächtnisverlust zu schaffen. Der Nebel vor meiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten.

Ich startete einen neuerlichen, einen letzten Versuch. „Monsieur le Commissaire, wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich kenne diesen Mann. Ich weiss nur nicht woher. Ich habe in seiner Wohnung übernachtet, er hat mich angerufen, ich bin zum vereinbarten Treffpunkt gekommen und er wurde überfahren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe mein Gedächtnis verloren, ich habe kein Geld, ich habe kein Zuhause. Dieser Mann ist momentan der einzige Schlüssel zu meiner Identität, bitte helfen Sie mir.“
„Sie sagen, Sie hätten letzte Nacht getrunken?“ Der Lulatsch gab sich genervt.
„Ich sagte, ich glaube letzte Nacht getrunken zu haben. Neben meinem Bett stand ein ganzes Sammelsurium an alkoholischen Getränken und ich habe noch immer Kopfschmerzen. Ja, ich glaube ich habe sogar sehr viel getrunken.“
„Dann ist es wohl besser, Sie gehen nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus. Morgen sieht dann alles bestimmt wieder viel besser aus und auch Ihre Erinnerung wird irgendwann zurückkehren.“
„Ich habe keine Wohnung und auch keinen blassen Schimmer wo die Wohnung liegen könnte, in der ich heute morgen aufgewacht bin.“
„Dann gehen Sie eben in ein Hotel.“

Obwohl mich die stoische Ignoranz des Beamten inzwischen fast zur Weißglut brachte, klang meine Stimme matt. „Hören Sie, je n’ais pas d’argent! Können Sie denn nicht die deutschen Behörden informieren? Vielleicht werde ich zuhause schon vermisst.“
„Die deutschen Behörden informieren? Wegen eines Betrunkenen? Pah!“. Der arrogante Schnauzbartträger winkte hochmütig ab.
„Ist gut jetzt Frederic“, warf der Andere ein, „Wir können heute Nacht eine Zelle entbehren, da kann er erstmal schlafen. Morgen sehen wir dann weiter.“

Allem Anschein nach stand der zweite Kommisar in der Hierarchie höher als Schnauzbart oder genoß zumindest eine natürliche Autorität. Jedenfalls fügte dieser sich ohne Widerworte. Vielleicht war er auch einfach nur vom langen Verhör erschöpft.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie heute Nacht schlafen können. Ist zwar kein Luxus, aber wenn die Geschichten über Ihre gestrige Schlafgelegenheit stimmen, werden Sie mindestens zufrieden sein.“ Ich folgte dem breitschultrigen Polizisten willig durch die Gänge des Reviers. Ich war müde und zerschlagen. Ein Bett war alles, was ich wollte.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, eine Nacht lang eingesperrt zu sein“, witzelte er, als er die schwere Tür zum Zellentrakt öffnete und schenkte mir ein ermutigendes Lächeln.
„Nein. In einem anderen Leben, unter normalen Umständen schon. Aber heute bin ich froh, nicht unter einer Brücke an der Seine schlafen zu müssen“, gab ich zurück. Sicher war ich mir jedoch nicht. Irgendetwas beunruhigte mich. Was, wenn die Polizisten doch mehr wussten, als sie mir Glauben machen wollten. Was, wenn sie doch auf eine Verbindung zwischen mir und dem Getöteten stoßen sollten, die mich mit dem Mord in Verbindung bringt. Langsam wurden meine Gedanken klarer. ‘Mord!’ Natürlich war es Mord. Deshalb hatten mich die Polizisten so lange verhört. Der Fahrer des Lastwagens muss auf sein Opfer gewartet haben. Ein Mord der womöglich geschah, um zu verhindern, dass ich mich mit dem Getöteten treffen konnte. Panik und ein fast paranoides Gefühl überkamen mich.
„So, das ist Ihre Zelle, Dusche und Toilette inklusive. Und hier haben Sie Kleidung zum Wechseln.“ Mein Blick fiel auf die Gefängniskluft, die ordentlich zusammengelegt auf der schmalen Pritsche lag. Als ob alles schon für einen längeren Besuch vorbereitet wäre. Mein Magen zog sich zusammen und ich fing an zu zittern.
„Geht es Ihnen gut?“ Die Frage des Kommisars passte in keiner Weise zu seinem Gesichtsausdruck.
„Ja, es geht schon.“
„Sieht aus, als ob der Entzug bereits einsetzt.“ Frech grinste er mir ins Gesicht und zeigte mir zwei Reihen gelblicher Zähne. Mit einem „Schlafen Sie gut, mein Freund“, zog er die Zellentür hinter sich zu und entfernte sich ein paar Schritte.
„Was soll das heißen, Monsieur?“, rief ich ihm hinterher.
Ein leises Lachen war zu hören. „Sie werden sehen, mein Freund, Sie werden sehen… Übrigens, eins noch!“ Er drehte sich kurz und elegant auf dem Absatz. „Mein Name ist Guillome.“ Schnellen Schrittes eilte er hinaus und ließ mich verwirrt zurück. Dann klappte die schwere Tür ins Schloß.

Müde und niedergeschlagen ließ ich mich auf die Pritsche fallen. Es war ein Verwirrspiel und ich war mittendrin. Machtlos. Wie in einem riesigen Puzzle, bei dem alle Teile rund waren. Unmöglich sie zusammenzusetzen. Zudem hatte der Mann, der sich Guillome nannte recht. Die Schmerzen fühlten sich an wie Entzug. Die Beine waren bleischwer, der Magen krampfte und zitterte als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Doch das sicherste Zeichen war, dass die Gier nach Alkohol langsam übermächtig wurde. Ich litt Höllenqualen. Nur ein einziger Hoffnungsschimmer blieb. Guillome musste mich kennen. Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich hier machte. Doch der Kommisar kannte mich. Vielleicht kannte er auch die Bedeutung der Zahlen auf dem Brief. Aber das war zweitrangig. Zuerst musste ich mein Gedächtnis wiederfinden.
So drehten sich meine Gedanken eine ganze Weile. Erst nach mehreren Stunden des Wälzens und Grübelns übermannte mich ein traumloser Schlaf.

January 27, 2006

Wir tapferen Schneiderlein…

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 9:17 am



Herr Svashtara (Er ist eine Sie, sagt Elsa) wundert sich über über das unglaublich aufregende Leben in Münchsbloggershausen und hat daher beschlossen, das eigene, langweilige Leben durch Fiktives aufzupeppen. Eine ganze Woche lang täglich gibt es dann Erstunken und Erlogenes. Und nicht nur das, sie will, dass wir das alle tun. Los geht’s, wie es aussieht am Montag und ich bin dabei, das Tagespolitische geht mir sowieso ziemlich auf den Sack zur Zeit.

January 13, 2006

Laska at her best

Filed under: Panorama, Literarisches - word2go @ 10:37 am

 
Elsa (b)reviert über die Liebe

Schöööööööööön!

December 2, 2005

Offline Drawings…

Filed under: Rezensionen, Literarisches, Werbung - word2go @ 9:08 am

…well, does your dog annoy you too?

October 14, 2005

Und es ist Fragezeit, Fragezeit, Fragezeit auf ewig und ewig und ewig

Filed under: Politisches, Literarisches - word2go @ 11:18 am
Ich bin kein Fan des absurden Theater. Ich stell’ es gleich vorweg. Ich mag, wenn ein Stück sich bewegt, sich entwickelt. Keine Dauerblaupause quälender Langsamkeiten. Ich mag Harold Pinter nicht, keinen Beckett, keinen Bond…

Doch noch weniger mag ich’s, wenn ein Tintenfässchen ausgeschüttet und sein Inhalt dampfwalzenartig und burlesk auf’s Blatt betoniert wird, um die Substanzlosigkeit des Geschriebenen mit der Fülle des im Germanistikstudium Erlernten zu übertünchen.

Es passieren dann so schöne Ungereimtheiten, wie hier in der Welt:

Mit Harold Pinter,…, ist man nun endgültig bei der Avantgarde von vorgestern angelangt.

Zwei Absätze später:

Inzwischen hat sich… gezeigt, daß der Mainstream der Literaturbanausen sich auf eine diffuse Weise links und avantgardistisch definiert.

Und nur einen Satz später:

Und prompt bediente die Stockholmer Jury diese Klientel. Elfriede Jelinek konnte so ausgezeichnet werden, und jetzt die abgestandene und überholte "Gesellschaftskritik" von Harold Pinter

Na was denn nun Herr Krause? Ist jetzt die Avantgarde von vorgestern? Oder steht die heutige Avantgarde auf die von vorgestern? Oder ist Avantgarde per se überholt? Weil sie links ist? Wäre konservative Avantgarde vielleicht avantgardistischer als Avantgarde, also die Avantgarde von übermorgen? Ist die Avantgarde von heute die Avantgarde von vorgestern oder umgekehrt? Alles dasselbe? Eine Avantfarce? Hoppla, jetzt hab’ ich doch glatt mein Tinten…

Gestehen Sie, Sie wollten doch nur mal einem Avantgardisten an die Bügelfalte pinkeln, oder? Einem Avantgardisten, dessen "bizarre Wahl" zum Literaturnobelpreisträger 2005 nicht nur die Kritikerszene spaltet. Eine politisch motivierte Vergabe soll es gewesen sein,… schon wieder! Dem alterssenilen Amerikahass eines langweiligen Bühnenautors wurde die Würde des Nobelpreises geopfert. Warum nur Stockholm, warum?

"O Amerika, du Gedroschene, Geschundene", pfeift es seither durch den Blätterwald, "schon wieder wird dir der Zorn der Welt zu Teil, und wieder, und wieder, und wieder…", aufgekratzt und gar nicht pinteresk. Die Pinter zugeschriebenen Attribute reichen von "Beleidigung der Weltliteratur" über den "politischen Possenreißer" und "eingebildet Engagierten" bis hin zum "Kitsch-Dramatiker".

Dabei wäre nur ein wenig Schweigen, ein kurzer Moment der Ruhe und Besinnung - eben ein pinteresker Moment - angebracht gewesen, als die Jury verkündete, Pinter den Preis für "die Offenlegung des Abgrunds hinter dem alltäglichen Geschwätz und den erzwungenen Einlass in die Räume der Unterdrückung" zu verleihen.

Wer hierin ein politisches Urteil gegen Amerika erkennt, blamiert sich als angeblicher Literaturkenner. Pinters Stücke befassen sich fast ausschließlich mit der Schwelle zwischen Schein und Sein, der Grenze zwischen Innerem und Äußerem. Das Eindringen in den geschlossenen Raum des Inneren offenbart dabei die Farce des Alltäglichen. Warum sonst wäre es absurdes Theater?

Dieses Grundthema gab Pinter niemals auf. Was sich änderte, war seine eigene kleine Black Box. Diesen geschlossenen Raum brach er irgendwann selbst auf und wandelte sich so vom Außenstehenden seines eigenen Werkes zum Protagonisten. Vom Moralabstinenten zum Moralisten. Das mag man als Literaturkonsument schade finden, hat es doch seiner Kunst offensichtlich geschadet. Für Pinter war es wohl ein Weg zu sich selbst. Er hat die Suche, die wir heute in seinen Stücken vermissen, selbst nicht mehr nötig. Und für die Akademie ist dieser Wandel noch lange kein Grund, ihm den Preis zu verweigern. Sie hat ganz richtig und unpolitisch entschieden. Zwar etwas spät, wie Reich-Ranicki sagt, aber richtig.

Die Welt: Avantgarde von Vorgestern
FAZ: Der eingebildet Dramatische
Reich-Ranicki: Eine gute, eine richtige Entscheidung
FAZ: Ständig aufgebracht und ausser Kontrolle

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