SEHR GEEHRTER HERR GIORDANO,
Zurecht verweisen Sie auch darauf, dass die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und Demokratie, von Islam und Menschenrechten, schließlich von Islam und Grundgesetz, die Schicksalsfrage für eine friedliche und gewaltlose Integration der Muslime in Deutschland sein wird. Mit "einstudierten Sprachregelungen", wie sie es nennen - ich würde diese "Sprachregelungen" eher als irrationalen Abwehrreflex einer epistemischen Gemeinschaft bezeichnen, mit dem sie den Befürchtungen der Mehrheitsgesellschaft nur deshalb begegnet, weil ihr die empirische Argumentationsgrundlage für die Friedlichkeit des Islam fehlt - wird diese Integration sicher nicht gelingen.
Dennoch habe ich so meine "Gutmenschenprobleme" mit der Art, wie Sie den Koran als ewig unverbrüchliche Wahrheit der Muslime, als geschichtsloses Handlungsdogma und somit als unüberwindbare Barriere für jede noch so kleine kulturelle Anpassung darstellen. Ich hoffe Sie sind sich darüber bewusst, dass Sie hierdurch genau die "Sprachregelung" aufgreifen und genau die Islammoderne propagieren, gegen die sich säkularisierte Muslime seit Jahrzehnten zur Wehr setzen müssen: die "Sprachregelung" der Muslimbruderschaft und ihres Vordenkers Sayyid Qutb. Ich hoffe auch, Sie sind sich darüber bewusst, dass der schleichenden Islamisierung Deutschlands eine schleichende Qutbisierung des Islam vorausgegangen ist, was die angebliche Islamisierung Deutschlands eigentlich zu Qutbisierung macht.
Unbestritten, der Koran ist ein blutrünstiges Werk! Blutrünstiger als das Alte Testament, das ich vor der Lektüre des Koran eigentlich nicht für steigerbar hielt. Dennoch sollten Sie - als mit der Hermeneutik Vertrauter - wissen, wie man ein solches Werk zu lesen hat. Und Sie sollten deshalb erst recht wissen, welche gesellschaftlichen Folgen es haben kann, wenn man "ein solch blutrünstig Werk" aus seinem zeitlichen Kontext reißt und dessen heutige Gültigkeit beansprucht. Von der einen, wie von der anderen Seite!
Nicht der Islam ist das Problem, Herr Giordano, der Islam hat ein Problem. Und dieses Problem schleppt er mit Vehemenz nun auch in die deutsche Gesellschaft. Sein Name ist "faschistische Moderne". Muslime wie Christen stehen der faschistischen Moderne des Islam gleichermaßen fassungs- und hilflos gegenüber. Die Muslime wahrscheinlich noch hilfloser, weil in ihren Köpfen nach den Anschlägen des 11. Septembers, nach dem Irakkrieg und den anschließenden Bürgerkriegswirren, die große Verwirrung herrscht und das Aufwachen aus den Lehren Qutbs, dessen Namen die meisten von ihnen wahrscheinlich noch nicht einmal kennen, erst begonnen hat. Wüßten Sie, Herr Giordano, wie Sie zu reagieren hätten, wenn Sie morgen aufwachen und realisieren, dass es ein kleiner Kreis von Fanatikern in knapp 50 Jahren geschafft hat, ein, zwar viergliedriges aber innerhalb jeder Schule hierarchisch straff autoritäres, Rechtssystem zu unterwandern, um stattdessen einen Teilaspekt der islamischen Rechtslehre, den Itschtihad - der nichts anderes ist, als ein überindividualisiertes Rechtsempfinden, das als oberste Ordnungsinstanz lediglich einen an Faschismus grenzenden Gruppenzwang (hier und nirgendwo sonst findet sich das "kulturelle" Fundament für Kopftuch, Ehrenmorde, private Fatwas und letztendlich den Selbstmordterrorismus) setzt, der sich zwar auf die wörtliche Auslegung des Koran beruft, die Rechtsausübung jedoch der Beliebigkeit einer individuell, bzw. kollektiv wahrgenommenen "Notwendigkeit" unterwirft - in den Köpfen der eigenen Religionsgemeinde zu verankern?
Wüßten Sie, was Sie zu denken hätten, wenn Sie bemerken, dass Sie eigentlich gar nichts mehr über ihre Religion wissen? Wenn Sie nicht mehr wissen, was von dem, was Sie über ihre Religion gelernt haben, originär und geschichtlich gewachsen… und was einer revolutionär modernen aber weltfremden, faschistischen Ideologie geschuldet ist? Wüßten Sie’s? Ich wage es zu bezweifeln.
Herr Giordano, ich kann es nachvollziehen, dass viele Bürger aus Angst vor kultureller Überfremdung den Islam als Gefahr ansehen. Doch es stößt mir sauer auf, wenn ein gebildeter, mit der Materie vertrauter, gesellschaftlicher Vordenker - und das sind Sie - aus Bequemlichkeit lieber die "Sprachregelung" der Extremisten aufgreift, um damit ein Generalurteil über den Islam zu begründen, anstatt den umständlicheren Weg zu wählen und das Übel an der Wurzel zu packen, auch wenn dies einen längeren Prozess des verständlichen Erklärens voraussetzt und dann nicht mehr in einen kurzen, polemischen Meinungsartikel passt. Als Wissenschaftler sollten Sie sich dieser Verantwortung eigentlich bewußt sein. Sie haben doch Max Weber gelesen. Oder nicht?
Nützliche Links:
Sayyid Qutb: Milestones
Muqtedar Khan: A Fresh look at Sayyid Qutb’s Milestones
Wikipedia: Jahiliyya
Hina Azam: Terrorism - A return to Jahiliyya



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