Nur Gedanken

February 7, 2007

KOEXISTENZ

Filed under: Politisches, Umwelt - word2go @ 10:08 am

Stelle Dir vor, Du hättest einen Stalker. So ‘nen richtig fiesen, der ständig anruft, Botschaften hinterlässt, Dir auflauert und hinter vorgehaltenem Messer seine Liebe gesteht. Was würdest Du tun? Richtig, Du gehst natürlich zur Polizei und suchst nach Schutz. Nun ist aber dieser Stalker nicht irgendwer, sondern der größte Arbeitgeber im Landkreis. Die Polizei sagt, den könne man nicht einfach wegsperren, der wäre zu wichtig für die ökonomische Entwicklung der Region. Und weil der größte Arbeitgeber im Landkreis so einen Narren an Dir gefressen und dem Landrat gedroht hat, sein Unternehmen nach Polen zu verlagern, wenn er sich Dir nicht weiterhin nähern darf, traut sich die Polizei auch nicht, ihm den Umgang mit Dir zu untersagen. Stattdessen findet man einen Kompromiss, der eine sogenannte "Koexistenz" Eurer beiden individuellen Lebensentwürfe garantieren soll. Zwei Beamte werden abgestellt, Dich rund um die Uhr zu bewachen und dürfen eingreifen, sobald der größte Arbeitgeber im Landkreis Dir eine Wunde zufügt, die tiefer geht als einen Zentimeter. Ansonsten darf er schnippeln, wie er will. Du würdest Dir natürlich denken, "Scheiss Bullen, in was für einem nepotistischen Bananenstaat lebe ich denn hier?", und wärst Deines Lebens nicht mehr sicher. Psychisch und physisch.

Zugegeben, dieses Gedankenexperiment entspricht nicht gerade dem Bild unseres Rechtsstaats. So etwas verortet man dann doch eher in den Unrechtsregimen Afrikas oder Lateinamerikas oder in schlechten Filmen über Bagpacker in Osteuropa. Es geht ja immerhin um Leben und Sicherheit des Bürgers und da sind unsere Behörden ja relativ fit.

Jedoch…, in anderen Bereichen unserer staatlichen Organisation passt das oben gezeichnete Bild von Vetternwirtschaft, Lobbyismus und Erpressbarkeit sehr gut. Zum Beispiel im Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Dort betreibt Minister Seehofer seit geraumer Zeit ein aggressives Lobbying für die Biotechnologie, kippt Kontaminationsrichtlinien und Verursacherprinzipien und versucht so, die schleichende Verunreinigung von Lebensmitteln und Saatgut mit genetisch veränderten Organismen (GVO) zwar nicht salonfähig, wohl aber irreversibel zu machen. Und das alles unter dem niedlichen Schlagwort "Koexistenz". "Jedem das Seine, schließlich dürfe man den lukrativen und Arbeitsplätze schaffenden Biotech-Konzernen das Forschen doch nicht verbieten", so seine Argumentation.

Sein neuester Coup? Ein Gesetzesentwurf, der vorsieht, dass Biotech-Konzerne konventionelle Agrarbetriebe bei auftretenden Verunreinigungen erst dann entschädigen müssen, wenn die Kontamination 0,9% übersteigt. In Anlehnung an unser Stalker-Beispiel: ein bißchen Schnippeln ist also erlaubt! Was soll man nun davon halten? Wird in Zukunft analog auch der Taschendieb nur noch dann bestraft, wenn er mehr als 0,9% des Gesamtvermögens des Beraubten klaut? Darf ich in Zukunft im Lebensmittelladen getrost von der Auslegeware naschen, wenn ich sie dann wieder brav zurücklege? Oder mir bei Hugo Boss eine Anzugtasche abreißen, weil ich gerade kein Taschentuch zur Hand habe?

Nein, jetzt mal ganz im Ernst und abgesehen von der Idiotie, die dieser Gesetzesentwurf bei transitiver Auslegung aufweist und die ihn unmittelbar als kaum kaschierten Akt des Lobbyismus entlarvt; der Gesetzesentwurf beweist, dass die Koexistenz bereits versagt hat, bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Wenn GVO-Anbau und konventioneller Anbau nebeneinander existieren könnten, bräuchten die Biotech-Konzerne auch diesen Zusatzfallschirm nicht, der sie vor Millionenklagen schützen soll. Dann wären sie in der Lage, eine Verunreinigung zu verhindern.

Doch so: "Damn’, this parajute is a napsack!" … *aufklatsch*

Umfangreiche Informationen zum Thema gibt’s übrigens beim Seenotjens und wer direkt etwas gegen diesen Wahnsinn tun will, ist bei campact richtig gut aufgehoben. Ach ja, und falls sich ein paar M&M-Fetischisten hierher verirrt haben sollten: diese Jungs hier sind keine Umweltschützer, sondern nur opportunistische Demagogen. Die Feinde meiner Feinde sind nicht zwangsläufig meine Freunde, gelle?!

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