Etwas schief aber dennoch interessant ist dieser kleine Test in der ZEIT, welcher geisteswissenschaftlichen Metatheorie man selbst anhängt. Hier mein, doch sehr überraschendes, Ergebnis:
Überraschend deshalb, weil ich, in meiner Selbsteinschätzung als rationalistischer Konstruktivist, einen deutlich geringeren Anteil Psychoanalyse und einen deutlich höheren Anteil Systemtheorie erwartet hatte. Denn schließlich definiere ich geisteswissenschaftliche Metatheorie zwar als die Suche nach dem Verstehen der Beziehungen zwischen Wissen und Wirklichkeit, halte aber im Gegensatz zum reinen Konstruktivsten am Primat der messbaren Ursächlichkeit des Ontischen für die Konstruktion der sozialen Wirklichkeit fest. Um das mal ganz kurz an Glasersfelds berühmten blinden Wanderer im Wald zu erklären: ich glaube, wenn der gegen einen Baum rennt, tut das, unabhängig davon, dass der Wanderer ansonsten seine Welt konstruiert, ganz real weh. Auf das Soziale übertragen bedeutet das: wenn viele Blinde durch den Wald rennen und sich gegenseitig an die Birne rumsen, tut das auch weh. Der Baum, bzw. die Existenz der Wanderer ist also ursächlich für den späteren Schmerz beim Aufprall. Diese Sichtweise lässt sich dann wunderbar auf die Politik, die Ökonomie, ja sogar den unversitären Wissenschaftsbetrieb übertragen. Wenn nun mal nur eine Stelle besetzt werden kann, ist es für das Zustandekommen des sozialen Phänomens Konkurrenz ganz unerheblich, aus welchen Gründen sich die Kommission für einen Kandidaten entscheidet, die Konkurrenz kommt zustande, weil es einen realen Mangel an Stellen gibt.
Als ich dann die Fragezeichen hinter den Ergebnissen kontrollierte wurde mir allerdings schnell klar, warum mein Wissenschaftsverständnis nicht allein von Systemtheorie und Hermeneutik abgebildet wurde. Die Systemtheorie wurde für diese Befragung nämlich lediglich an Parsons und Luhmann, und damit am Konstruktivismus, festgemacht, der sie ebenfalls stark prägende, strukturelle Funktionalismus komplett aussen vor gelassen. Mit der Folge, dass meine Zugeständnisse an den Existenzialismus anscheinend auf Psychoanalyse und Hermeneutik verteilt wurden.
Zum Test
Sie sind Hermeneutiker
Welche Theorie liefert die zutreffendste Beschreibung der Geisteswissenschaften? fragt die ZEIT ihre Leser. Im Gegensatz zu Jochen finde ich mich durchaus in den Ergebnissen wieder. Natürlich ist das bei nur 5 Fragen reduziert und heruntergebroch…
Trackback by woweezowee — January 28, 2007 @ 2:18 pm
Ich bin:
Verwirrter Normalmensch: 100%
Es gibt einfach Umfragen, mit denen ich nichts anfangen kann. Klar, ich habe mir alles durchgelesen, aber wirklich definieren kann ich mich mit kaum einer der dort vorgegebenen Aussagen.
Ach ja, das Ergebnis:
Existenzialismus: 20%
Systemtheorie: 40%
Psychoanalyse: 20%
Hermeneutik: 0%
Marxismus: 20%
Comment by Ecki — January 29, 2007 @ 10:30 pm
Als jemand, der in Bielefeld Soziolgie studiert hat, tue ich mir auch etwas schwer mit dem radikal konstruktivistischem Ansatz Luhmanns (Gehirnwäsche versagt
)
Die Auswahl ist aber m.E. auch etwas begrenzt, weder kommt Institutionalismus vor (sei es in klassischer Ausprägung noch in der Version der Kölner Schule um Mayntz) noch dekonstruktivistische Ansätze, noch ist mir klar was mit Hermeneutik hier gemeint ist (Gaddamer, oder gar Oevermann?).
Auch pragmatisch-”anarchistische” Ansätze a la Feyerabend oder Rorty fehlen m.E.
Comment by Limited — March 5, 2007 @ 11:12 pm