RENTE IN WOLFRATSHAUSEN?
Gelegentlich, wenn man hübsch gemütlich bei einem Bierchen zusammensitzt, kommen einem die übelsten Assoziationen. Das liegt in der Regel nicht daran, dass die Gesprächsthemen so langweilig wären. Sondern daran, dass mit zunehmender Alkoholnebligkeit die Sprache schon fast zwangsläufig auf die Politik kommt. Fängt meist beim Finanzamt an, über dessen Steuerwut man sich so aufregt, dass man schliesslich zum Untergang des Sozialstaates abschweift, um sich dann an der Unfähigkeit der Politiker festzubeissen. Ich halte mich da meistens raus solange es geht, doch irgendwann kommt sie dann, die entscheidende Frage: "Und was sagst nun Du dazu? Sozusagen als Politikwissenschaftler?" Abgesehen von dem schönen Wörtchen "Sozusagen", dessen Verwendung sozusagen schon sehr viel über den Respekt vor meinem Studienabschluss aussagt, fühlt man sich dann immer ein wenig beleidigt. Wie oft soll ich denn noch wiederholen, dass man als Politikwissenschaftler M.A. auch nicht besser weiss, was richtig und was falsch ist? Wenn ich das zu wissen glaubte, wäre ich Unfähiger geworden und nicht Unfähigkeitswissenschaftler! Einen Atomphysiker frägt man ja auch nicht, warum Albert Einstein keine Kurzhaarfrisur hatte.
Gestern passierte mir das wieder. Mir, dessen Meinung über Edmund Stoiber in meinem Bekanntenkreis eigentlich hinreichend bekannt sein sollte, der ich mich gefreut habe wie ein Schneekönig, dass er nun endlich weg ist… mir wurde plötzlich vorgeworfen, ich würde den Ede verteidigen und sogar die Verve besitzen, in ihm einen verantwortungsbewussten Politiker zu sehen!
Was war passiert? Nun, ich hatte erklärt, warum Edmund Stoiber nun doch so plötzlich eingeknickt und zurückgetreten ist. Das konnte niemand so richtig verstehen und die Mutmaßungen gingen von Mobbing über Amtsmüdigkeit bis hin zur Abfindung. Ja richtig, ABFINDUNG! Bei aller Feindseligkeit gegen die CSU, das wollte ich dann doch nicht so stehen lassen und habe erklärt, warum in der CSU ein Machtvakuum besteht, warum Stoiber, zum Zeitpunkt seines Abdankens, innerparteilich noch immer der stärkste Mann und ungefährdet war und warum sein plötzlicher Rückzieher eher als ein konsequenter Schritt zum Schutz der Partei gesehen werden muss, denn als ein Einknicken vor der Parteibasis: weil nämlich die Landtagsopposition angekündigt hatte, am 30. Januar über Stoibers Schicksal abstimmen zu lassen. Diesen Triumph wollte er der Opposition nicht gönnen und den Schaden der Partei nicht zufügen. Denn schließlich ist es für das Schicksal der CSU unabdingbar, zu beweisen, dass wir hier in Bayern auch ohne Opposition Demokraten sind. Also ist es besser, den Anschein zu erwecken, die CSU habe sich selbst geläutert und auf einen neuen Weg gebracht. *Man hat ja genügend junge Rebellen mit ausreichend Schwarmintelligenz* (Sarkasmus off). Glaubwürdig also, das Dings!
Aber wie man’s eben angeht, man zupft stets die falschen Saiten, v.a. dann, wenn man selbst und sein Gegenüber schon mehr als genug vom bayerischen Nationalgetränk intus hat. Plötzlich interessieren die Gründe für Edes Abgang überhaupt nicht mehr und man befindet sich mitten im Streit über ethische Grundwerte und politische Notwendigkeit. Komplizierte Umschreibungen und unsaubere Anwendungen für die einfachen Begriffe "virtu", "necessità", "fortuna" und "qualità dei tempi" jagen durch den Raum und ich überlege mir ernsthaft, ob es vielleicht sinnvoll sein könnte, Machiavelli als Pflichtlektüre im Schulunterricht einzuführen, damit auch der Letzte begreift, dass nicht alles böse ist, was böse scheint. Vielleicht begreifen dann auch mal Einige, dass nicht alles gut ist, was in guter Absicht passiert.
Doch es kommt, wie es kommen muss, am Ende steht die Verteidigung des Altbewährten: "Wenn man Euch Experten die Politik überlassen würde… Gnade uns Gott!" Und dann bin auch ich wieder zufrieden, denn zumindest da sind wir dann endlich alle wieder einer Meinung. Eine Meinung, die Gott sei Dank mehr als nur eine Meinung ist und deshalb auch ordentlich vertreten werden kann. Nichts anderes als die Erkenntnis, dass ich als Politikwissenschaftler auch nicht besser weiss, was richtig und falsch ist, hatte ich doch gefordert. Fragt mich doch in Zukunft bitte nur nach meiner Meinung und nicht nach den Hintergründen, v.a. wenn Ihr die gar nicht hören wollt! Schließlich sagte ja nicht Machiavelli, dass "es ist, wie es ist", sondern die Liebe. Zumindest, wenn man Erich Fromm glaubt.
Eine abweichende Meinung zu Edmund Stoiber habe ich dann aber doch noch. In einem Aspekt finde ich es richtig schade, dass er geht. Und das aus rein egoistischen Motiven. Wieviele Lästerartikel und Pointen gehen mir doch durch seinen Abgang verloren?! Ede, hast Du Dir darüber vorher mal Gedanken gemacht? Du machst ein ganzes Heer an Schreiberlingen arbeitslos! Das finde ich echt mies!


Baumwolltaschen













Über Stoiber konnte man viel lästern und auch viel lachen. Mit Beckstein kommen wir meines Erachtens vom Regen in die Traufe. Lustig wirds mit dem nicht werden. Wenn ich daran denke, was der in der Vergangenheit verzapft hat, werden wir wohl nur noch schimpfen können. Aber wenigstens wird der nur eine Übergangslösung ala Streibl sein.
Comment by StoiBär — January 20, 2007 @ 5:05 pm
Yep, I’m fake-laughing too! Unter Beckstein wird’s so trocken, dass es schon wieder zum Heulen ist. Bin mal gespannt, ob ihn als Innenminister noch einer toppen kann. Vielleicht braucht er aber auch gar keinen und macht die Sache selbst.
Es fängt schon an, die erste Träne rollt:)
Comment by word2go — January 22, 2007 @ 7:13 pm