Nur Gedanken

December 22, 2006

MIKROKREDITE - DIE 20% ZINSEN LÜGE

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 5:30 pm

Heute ist in der Zeit ein sehr interessanter Artikel über die Möglichkeiten der Mikrokreditfinanzierung zu lesen, den ich nur sehr empfehlen kann. Im Gegensatz zum Hype, der nach der Friedensnobelpreisverleihung an Mohammed Yunus schon einige alte Hasen im Mikrofinanzsystem dazu veranlasste, die Zeitungen darum zu bitten, doch bitte das Himmelhochjauchzen zu beenden, ist dieser Artikel sehr sachlich und weist auch auf die Grenzen der Möglichkeiten hin. Dieser kritische Blick ist gut, denn Mikrokredite sind nicht das Allerweltsheilmittel gegen Armut. Auch wenn die Mikrofinanzinstitute in der Regel sehr genau prüfen, an wen sie ihre Kredite vergeben und die Kreditvergabe an die Erfüllung sozialer Auflagen knüpfen, kann es - wie es im Kreditwesen eben so ist - vorkommen, dass der Kreditnehmer nicht in der Lage ist, den Kredit zurückzuzahlen. Es ist unschwer zu verstehen, dass dies für einen Kreditnehmer in einem Land, wo das staatliche Sozialwesen nur in Ansätzen vorhanden ist, eine ungleich höhere Katastrophe bedeutet, als hierzulande. Es ist also nicht alles Gold, was glänzt.

Leider ist die Debatte auf beiden Seiten uninformiert. Die Gegner des Mikrofinanzsystems schiessen dabei mit scharfer Munition. Sie halten den Mikrofinanzinstituten vor, dass sie die Menschen, gerade in Indien und Bangladesh, mit ihren Wucherzinsen in den Selbstmord treiben und übersehen dabei, oft willentlich, zwei sehr wichtige Aspekte:

1. Selbstmord als Ausweg aus der Kreditverschuldung ist in Indien und Bangladesh ein kulturell verwurzeltes und gesellschaftlich nicht geächtetes Phänomen. Obwohl in beiden Ländern offiziell abgeschafft, besteht das feudale Zamindari-System, eine Art leibeigenschaftliche Abhängigkeit der Bauern von den Großgrundbesitzern, noch heute in Form der Vergabe von Wucherkrediten weiter. Ursprünglich von den Moghulen im 16. Jahrhundert als Besteurungssystem gegründet, entwickelte sich das Zamindari-System unter den Briten zur gängigsten Form der Beziehung zwischen Landarbeiter und Landbesitzer. Der Selbstmord eines zahlungsunfähigen Landarbeiters war damals - und ist es heute noch - nicht nur ein individueller Ausweg aus der Schuldenfalle, sondern auch sozialer Protest gegen diese Form der Ausbeutung und half anderen Landarbeitern dabei, sozialen Druck auf den Zamindar auszuüben, um Umschuldungen oder Privilegierungen zu erreichen.

Es ist damit zwar richtig, dass auch Nehmer von Mikrokrediten gelegentlich zum Selbstmord greifen. Der Prozentsatz der Kreditnehmer, die sich aufgrund eines Mikrokredits umbringen, ist jedoch im Vergleich zum Prozentsatz der Kreditnehmer, die sich aufgrund von Kreditschulden bei normalen Banken oder Unternehmen selbst töten, verschwindend gering. So nahmen sich z.B. allein in Indien seit 1998 über 50000 (1998-2004 25000 Bauern, seither 16000 pro Jahr) bei Cargill, Monsanto oder Syngenta verschuldete Bauern das Leben.

2. Es ist richtig, dass der Anfangszins der meisten Mikrofinanzinstitute bei 20-25% liegt. Das hat jedoch mit Wucher nichts zu tun, den der Zins berechnet sich degressiv nach dem "Declining Balance Prinzip", d.h. er sinkt mit fortlaufender Kreditdauer und zwar sehr schnell. So gut wie alle Mikrofinanzinstitute unterbieten damit, über die gesamte Laufzeit gesehen, den Mittelwert des staatlichen Kreditzinses des jeweiligen Landes. In Bangladesh liegt dieser Mittelwert bei 11%, die Grameenbank erreicht bei Investitionskrediten einen Mittelwert von 10%. Der Vorteil des degressiven Zinssatzes liegt auf der Hand: hat das Geschäftsmodell des Kreditnehmers Erfolg, so muss er schon nach sehr kurzer Zeit die Tilgung der Finanzierungskosten nicht mehr fürchten. Sie ist so gering, dass er bereits nach einer sehr kurzen Phase in der Lage ist, sein und das Leben seiner Familie zu finanzieren, bzw. sich meist schnell einen Folgekredit zur Unternehmensexpansion leisten kann (was von den Kritikern oft fälschlicherweise als Umschuldung oder Refinanzierung des alten Kredits gesehen wird. Dieser Vorwurf ist Unsinn, denn die Konditionen von Grameen et. al. sind klar: wer den Erstkredit nicht erfüllen kann, bekommt keinen Folgekredit). Der Kreditnehmer, hat also bei einem Mikrokreditinstitut ungleich höhere Wachstumsperspektiven, als bei einem Institut, das einen gleichbleibenden Zinssatz verlangt.

Darüber hinaus bieten Grameen und andere Mikrofinanzinstitute nicht nur Investitionskredite, sondern auch andere Finanzierungformen zu wesentlich günstigeren Zinssätzen, ebenfalls nach dem Declining Balance Prinzip. So gibt es Hausbaukredite zu 8% Zinsen, Studentenkredite zu 5% Zinsen und Kredite für Bettler zu 0% Zinsen.


Es besteht also weder ein Grund, Mikrokredite als Allheilmittel zu sehen, noch sie als unmoralisch abzukanzeln. Erst recht besteht kein Grund, sie als Triumph des Kapitalismus über das Gutmenschentum und die spendenfreudige Political Correctness zu sehen. Ein Unternehmer ist ein Unternehmer, ist ein Unternehmer und hat mit dem risikoaversen Kapitalismus, den wir heute allerorten erleben, rein gar nichts zu tun. Mikrokredite sind ganz einfach nur eines von vielen Mitteln, ein wenig mehr Fairness herzustellen.

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