Nur Gedanken

October 19, 2006

NACHTRAG ZUR GREENPEACE-AKTION GEGEN LANDLIEBE

Filed under: Panorama, Umwelt - word2go @ 9:00 am
Nachdem Greenpeace entdeckt hatte, dass Landliebe Produkte aus Milch von Kühen herstellt, die mit MON810 gefüttert werden, hatten mehrere Greenpeace-Mitglieder Landliebeprodukte in ausgewählten Supermärkten mit dem Verweis "Hergestellt mit Gentechnik" versehen. Unter anderem besuchten sie auch den Laden unseres allseits beliebten Shopbloggers. Dieser liess es sich nicht nehmen, gleich mal einen bösen Artikel zur Aktion zu schreiben und auch die Reaktionen in den Kommentaren spiegeln zum Teil ein verheerendes Bild der deutschen Bewusstseinslage wider. Ein kleines Beispiel:

Find ich jetzt nicht so schlimm. Wehret den Anfängen. Nur dumme Menschen kaufen und essen GVO.#2 Jürgen am 02.10.2006 13:27

Damit würdest du mir Dummheit unterstellen. Daß Landliebe genmanipuliert ist, wusste ich nicht. Mal davon abgesehen ist es schlicht und ergreifend nicht richtig, nen Ladenbesitzer, der den Kram schließlich nicht herstellt das Geschäft mit solchen Aufklebern zu versauen.

Ich bin ja auch für Umweltschutz aber: diese Aufkleber landen eh auf dem Müll. Und den 08/15-Kunden interessiert es eh nicht, was er isst, hauptsache billig.
#2.1 Marcel (Homepage) am 02.10.2006 13:46

Aha! Marcel wusste zwar nicht, dass Landliebe genmanipuliert ist, will aber trotzdem nicht über den Sachverhalt informiert werden, weil der Deutsche eh alles frisst, was billig ist. Oder anders: er will zwar nicht "dumm" genannt werden, der Dummheit aber auch nicht entfliehen. Das nenn’ ich ja mal eine konsistente Argumentation.

"Ich bin ja auch für…, aber…", diese hilflose Floskel, die überall da angebracht wird, wo es ans eigene Säckel, ans eigene Gewissen oder einfach an die Notwendigkeit geht, endlich mal den eigenen Arsch hochzubekommen und etwas zu tun anstatt nur zu brabbeln, sie scheint uns eingeimpft von einer  erbärmlich fatalistischen Unternehmenskultur: "es ist, wie es ist; man kann ja doch nichts ändern; der Verbraucher hat ja keine Macht…" Ja verdammt Jungs, macht doch mal die Augen auf! Das ist doch genau das, worüber Ihr Euch aufregt! Greenpeace hat mit dieser Aktion an Eure Macht appelliert! Und kaum merkt Ihr, dass Ihr sie habt, zieht Ihr den Schwanz ein: "So was darf man doch dem Unternehmer nicht antun, der ist doch nicht schuld daran…" Ja, Macht zu haben ist leider nicht ganz so einfach, wie das Gehirn an der Ladentür abzugeben, man kommt eben in Gewissenskonflikte. Gewöhnt Euch schon mal dran! Schliesslich habt Ihr die Wahl und der Ladenbesitzer hat auch die Wahl. Er kann die Landliebeprodukte nämlich ganz einfach aus seinem Sortiment entfernen und durch andere Produkte ersetzen und schon ist der Verlust passé. So funktioniert das Prinzip von Angebot und Nachfrage.

Und wenn Ihr jetzt noch einen Schritt weiter denkt und Euch endlich mal informiert, dann werdet Ihr sehen, dass gentechnisch veränderte Produkte genau dieses Prinzip von Angebot und Nachfrage ausser Kraft setzen. Ihr werdet bald nicht mehr die Wahl haben, wenn Ihr Euch nicht wehrt!

So, und wer meine Schimpftirade bis hierher durchgehalten hat und mich noch immer nicht für einen Arsch hält, der darf gerne hier klicken und den offenen Brief an Horst Seehofer unterzeichnen.

9 Comments »

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  1. Wenns den Leuten erstmal schlecht geht durch den Gruscht, werden sie schon sehe was sie davon haben. Allerdings darf man nicht gleich das Kind mit dem Bade auskippen wie es so schön heisst. Es ist ja nicht erwiesen, dass diese Genmanipulation schlechtes auslöst. Das Restrisiko ist allerdings dennoch beträchtlich und darum sollte da erst geforscht werden, was es auslösen könnte, bevor man den “Feldversuch Mensch” startet.

    Aufklärungsarbeit ist gut, allerdings ist die Greenpeaceaktion etwas daneben gegangen. Zwar reagiert kaum ein Kunde auf das was drauf steht, allerdings wäre ein klärendes Gespräch mit dem Ladenbesitzer oder der Gang an die Öffentlichkeit besser gewesen. Nunja, mal sehen, wies weitergeht…

    Comment by Kiri — October 19, 2006 @ 1:33 pm

  2. Ich sehe das schon noch ein wenig anders. Der “Feldversuch Mensch” ist doch bereits längst gestartet, wenn Produkte auf dem Markt sind, die gentechnisch verändert wurden. Und natürlich ist erwiesen, dass Gentechnik Schlechtes auslösen kann. Denk mal an die 40000 indischen Baumwollbauern, die sich bereits das Leben genommen haben, weil sie ihre Schulden bei Monsanto nicht mehr zahlen konnten. Die Umstellung von einem Gentechnikbaumwollfeld auf ein Bio- bzw. konventionelles Baumwollfeld dauert mittlerweile 3 Jahre. 3 Jahre in denen der Baumwollbauer pflanzen muss, diese Baumwolle aber nicht verkaufen darf. 3 Jahre ohne Einnahmen! Beispiele aus anderen Agrarbereichen gibt es zu Hauf. Ist das nichts Schlechtes?

    Und was Greenpeace angeht: natürlich ist das für den Ladenbesitzer ärgerlich und natürlich ist es nicht legal ihm Aufkleber auf seine Joghurtbecher zu machen. Aber auch hier muss man sich fragen: wie gut wären denn unsere Naturschutzrichtlinien heute, wenn sich Greenpeace und andere Organisationen immer nur an die Regeln gehalten hätten? Greenpeace hat durch solche Aktionen in seiner Geschichte bereits sehr viel Druck auf die Gesetzgeber erzeugt. Das ist deren Erfolgsgeschichte.

    Comment by word2go — October 21, 2006 @ 9:14 am

  3. “wie gut wären denn unsere Naturschutzrichtlinien heute, wenn sich Greenpeace und andere Organisationen immer nur an die Regeln gehalten hätten? Greenpeace hat durch solche Aktionen in seiner Geschichte bereits sehr viel Druck auf die Gesetzgeber erzeugt. Das ist deren Erfolgsgeschichte.”

    Und genau darum ist Greenpeace bei manchen so verhasst. Sie übertreten vehement Gesetze um ihre Interessen zu erzwingen. So läuft das nunmal in einem Rechtsstaat nicht. Natürlich erreichen sie damit einen gewissen Erfolg. Aber trotz allem muss man bedenken, dass sie sich damit strafbar machen und anderen schaden. Und wenn sie anderen schaden, sind sie nicht besser als Monsato und Co.

    Comment by Kiri — October 21, 2006 @ 12:17 pm

  4. Ja, in einem reinen Rechtsstaat vielleicht nicht. Aber wir leben in einem materiellen Rechtsstaat und haben deshalb Widerstandsrechte. Daher ist die Greenpeaceaktion zwar nicht “legal”, in unserer liberalen Demokratie jedoch eine “legitime” Form des Widerstands.

    Comment by Jochen — October 21, 2006 @ 4:19 pm

  5. Der Widerstand ist nur rechtens, wenn die staatliche Ordnung in Gefahr ist oder der Staat sein Gewaltmonopol missbraucht.. Da darf dann Widerstand ausgeführt werden um die öffentliche Sicherheit und die staatliche Ordnung wiederherzustellen.
    Ich sehe allerdings keine Gefährdung der staatlichen Ordnung oder ein Machtmissbrauch in genmanipuliertem Gemüse etc. Diese Aktion ist damit strafbar und nicht legitim.

    Zu finden auch hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Widerstandsrecht

    Also bitte kommt nicht mit Widerstand. Das ist Rechtsverdreherei…

    Comment by Kiri — October 21, 2006 @ 4:51 pm

  6. Gut, ich sehe Deinen Punkt. Allerdings ist das dann eine sehr eng gefasste Definition, nämlich das konkrete Widerstandsrecht und umfasst (in der Theorie) nur die Verstösse gegen die Rechtsordnung, die später unter Umständen straffrei ausgehen, weil sie als, zu diesem Zeitpunkt, notwendiger Widerstand angesehen werden können. Ich bezweifle ernsthaft, dass irgendjemand bei Greenpeace darauf vertraut hat, straffrei auszugehen, falls die Sache zur Anzeige kommt. Allerhöchstens vielleicht wegen der Geringfügigkeit des entstandenen Schadens.

    Es ist aber so, dass in der Rechtsphilosophie weitaus umfassendere Meinungen zu Formen und Begründungen des abstrakten Widerstandsrechts bestehen, die der von Dir zitierte Wikipediaartikel nicht einmal im entferntesten abdeckt. So zum Beispiel bezüglich der Sicherheitspflichten der staatlichen Gemeinschaft gegenüber den Einzelnen. Der Staat als Gemeinschaft darf diese nicht vernachlässigen. Zur Veranschaulichung der krasseste Fall: ein Staat wird von einem anderen Staat angegriffen und die Regierung des angegriffenen Staates lässt dies geschehen. Hier hätte das Volk das Recht zum Widerstand. Diese Bedrohungen lassen sich auf andere Fälle herunterbrechen. Sagen wir, ein Staat litte chronisch an Wassermangel und die Regierung unterlässt es, sich um die Versorgung der Bevölkerung mit der lebensnotwendigen Ressource zu kümmern. Oder, wie im Falle der Atomkraft, anderen Umweltbedrohungen (heute kam übrigens die Meldung, dass das Ozonloch etwa doppelt so gross ist, wie angenommen, nämlich so gross, wie Russland und USA zusammen) und eben auch der Gentechnik, wenn die Regierung es unterlässt, überlebensnotwendige Gegenmassnahmen zu ergreifen.

    Wenn Du denkst, das sei alles an den Haaren herbeigezogen und ideologische Phantasterei, dann informiere dich z.B. bitte über den neuen Sicherheitsbegriff der Internationalen Politik (eine gute Einführung gibt hier die “Agenda for Peace” des ehemaligen UN-Generalsekretärs Boutros Boutros-Ghali und wenn Du mehr wissen willst, Barry Buzans “Security: A new framework for analysis”). Der Erhalt unserer Umwelt ist auf globaler Ebene längst in den Sicherheitsbegriff implementiert, Umweltzerstörungen (nicht Terrorismus) werden als die zukünftig grösste Bedrohung des internationalen Friedens angesehen. Das ist die offizielle Position der UN, nicht nur die von ein paar Ökophantasten.

    Die politische Legitimität der Aktion von Greenpeace erschliesst sich deshalb nicht aus der reinen Betrachtung konkreter Legalität. Die Aktion war nicht legal und kann auch nicht im Nachhinein als legales, also straffreies, Widerstandsrecht deklariert werden. Doch im Hinblick auf das Ziel, nämlich die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass der Staat gerade dabei ist, bei einer seiner zentralsten Aufgaben zu versagen, nämlich das Überleben der Bevölkerung und der nächsten Generationen zu schützen, war die Aktion politisch legitim.

    Das heisst nicht, dass der Zweck die Mittel heiligt, sondern dass die Mittel in einem angemessenen Verhältnis zum Zweck stehen. Und, das muss leider gesagt werden - und es ist fast ein Armutszeugnis für die gegenwärtige Funktionsweise des legalen politischen Prozesses - die legalen Mittel sind dem Zweck gegenüber nicht angemessen! Veröffentlichen? Vielleicht nur auf der Greenpeace-Website? Welche Zeitung druckt das ab und wie viele Leute erreicht das Wissen dann? Die Aktion hat der Sache wesentlich mehr Publicity gebracht, auch wenn der Ruf von Greenpeace vielleicht darunter leidet. Aber wen bei Greenpeace interessiert der Ruf von Greenpeace, wenn es um die Sache geht? Und genau das finde ich bewundernswert an dieser Organisation. Eine Eigenschaft, die allen Parteien, Gewerkschaften usw. heute absolut fremd ist.

    Allerdings wollte ich ja jetzt keine Lobeshymne auf Greenpeace singen, sondern erstens deutlich machen, dass es mehr Facetten des Widerstandsrechts gibt, als dass man sie sich in fünf Minuten bei Wikipedia anlesen kann, und zweitens zeigen, dass Umwelt- und Verbraucherschutz anerkannterweise ein Thema sind, bei denen das Widerstands durchaus greift. Das muss man sich nicht mehr erst an den Haaren herbeiziehen, diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

    Comment by Jochen — October 21, 2006 @ 11:23 pm

  7. Tja, was sagt man zu dem übergroßen Text…jedem das seine? Du hast deine Meinung dazu, ich respektiere sie und ebenso habe ich meine und hoffe du respektierst diese ebenfalls. Du siehst das Verhalten von Greenpeace durch das Widerstandsrecht gedeckt, ich nicht. Nur weil ich nun fix den Wikiartikel herangezogen habe, heisst das nicht, dass ich nur diese Form kennen würde. Und noch etwas: Irgendwie seh ich hier eine Diskussion als sinnlos an. Es würde vermutlich nur Streitereien geben. Also am besten lassen wirs und respektieren unsere Meinungen und sagen nichtsmehr dazu. Punkt Schluss Aus Fini.
    Oder so…

    Comment by Kiri — October 21, 2006 @ 11:49 pm

  8. Natürlich respektiere ich Deine Meinung, sonst wäre es ja gar nicht zu dem “übergroßen” Text gekommen. Sinnlos ist die Diskussion aber keinesfalls, denn die Problematik ist ja nicht vom Tisch, nur weil wir akzeptieren, dass wir unterschiedlicher Meinung sind. Für die Leser, für die die Problematik neu ist, kann unser Meinungsaustausch nämlich durchaus meinungsbildend sein. Deswegen habe ich auch so darauf gepocht, dass der Wiki-Artikel nicht alle Facetten abdeckt. Damit wollte ich nicht Dir persönlich an den Karren fahren. Als Blogger ist man halt Multiplikator, egal ob man 10 oder 1000 Leser hat und man sollte sich schon die Mühe machen, die Infos möglichst pluralistisch zu gestalten.

    Ausserdem: warum sollten wir nicht über das Thema reden, nur weil wir uns streiten könnten? Solange wir fair bleiben, ist das Ganze doch eine Diskussion und kein Streit.

    Comment by word2go — October 22, 2006 @ 9:49 am

  9. Stimmt auch wieder. Nur irgendwie gehn mir die Argumente aus und du bist ziemlich überzeugend :D

    Comment by Kiri — October 22, 2006 @ 11:52 am

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