Nur Gedanken

August 5, 2006

DU BIST SCHWANGER!

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 12:45 pm
 
Bei Dr. Dean, der mal wieder in grossartiger Manier gegen die neoliberalen Denkfabriken polemisiert, bin ich auf den interessanten Artikel "Mythos Geburtenrate" von Antje Schrupp gestossen. Darin nimmt sie viele der dramatisierenden Allgemeinplätze in der gegenwärtigen Debatte über die deutsche Kinderlosigkeit auseinander. So zeigt sie z.B. auf, dass Frauen gar nicht weniger Kinder bekommen, sondern nur die Geburtenrate sinkt, also das Verhältnis von Neugeborenen zu Bevölkerung ausgedrückt in Promille.

Ein sehr interessanter Punkt. Ich will hier auch gar nicht wieder mit dem Klassiker der statistischen Lügen, bzw. der absichtlichen Manipulation der Bevölkerung durch politische Interessensgruppen aufwarten, das können Andere wesentlich besser. Nur Eines: Schrupps Korrektur belegt nicht nur, dass es überhaupt keine Bedrohung gibt, da es sich lediglich um ein demographisches Ungleichgewicht handelt, das einzig und allein die fiskalpolitische Verteilungsgerechtigkeit betrifft. Nein, im Umkehrschluss würde das auch bedeuten, dass die Protagonisten der Debatte, die Deutschland vom Austerben bedroht sehen, von unseren Frauen fordern, dass sie ihr Gebärverhalten - quasi als Gegenleistung für das Recht, gesund in Ruhe altern zu dürfen - steigern. So etwas passt natürlich wie die Faust auf’s Auge in das neoliberale Weltbild: wir steigern die Produktion und alles wird gut!

Wenn also ein Prof. Meinhard Miegel wieder einmal Sätze wie diesen, "Die Geburtslebenserwartung hat sich im 20.Jahrhundert weltweit um etwa 30 Jahre erhöht – Tendenz steigend. Zum anderen ging in den früh industrialisierten Ländern – und nicht nur dort – die Geburtenrate erheblich zurück. Auch dies ist ein globaler Trend.", von sich gibt, dann wissen wir in Zukunft, dass wir das "zusätzlich" getrost streichen dürfen. Es handelt sich um ein und dasselbe Phänomen.

Zusätzlich stellen uns die Neoliberalen vor ein weiteres Paradoxon. Man könnte es auch argumentative Inkoherenz, zumindest aber Inkonsequenz nennen. Sie, die sonst so dogmatisch für freie Märkte und freie Individuen werben, verfallen angesichts der Bäuche deutscher Frauen in einen regelrechten Steuerungswahn. Nichts gegen Familienpolitik. Diese hat durchaus ihren Sinn. Doch in der übertriebenen Härte mit der die Neoliberalen gegen "Kinderarmut" (ein wirklich widerlich widersinnig doppeldeutiger Ausdruck) vorgehen wollen, könnte die Zuschreibung "Du bist Schwanger" bald die einzige Legitimation einer Frau für die Forderung "Ich bin Deutschland" werden. Doch genau das wäre die Veränderung in den Köpfen, die Hans-Werner Sinn vorschwebt, wenn er prognostiziert: "nur wenn die Deutschen den steinigen Weg durch die ökonomische Wirklichkeit wählen, werden sie die neuen Auen finden".

Es wäre eine beschämende, eine diskriminierende Realität in der wir dann lebten. Eine Realität, in der diejenigen, die sich dem sozialen Druck beugen und schweigend die Reformen als unvermeidbar hinnehmen, diejenigen, die es nicht tun, verachten. Ein Realität, in der diejenigen, die sich kein Kind leisten wollen, können, dürfen oder sollen, vom Staat und damit von der Masse für ihr Tun bestraft  und geächtet würden. Denen, die Faschismus noch immer mit Nationalsozialismus, Totalitarismus, Despotie oder Diktatur verwechseln, sei hier kurz gesagt: es wäre Faschismus in seiner Reinform! Faschismus bezeichnet immer nur einen Teilaspekt eines gruppensoziologischen Phänomens (z.B. Totalitarismus), nämlich die gesellschaftliche Ordnung, die dann entsteht, wenn die Ordnungsfunktion ausschließlich (und dieses "ausschließlich" ist wichtig) auf Ächtung und negativer Sanktionierung beruht.

Diese Realität zeigt den Zynismus hinter Hans-Werner Sinns Worten in seiner vollen Tragweite. Es wären nicht die Mutigen, die seinen "steinigen Weg" gingen, sondern die Ängstlichen. Nicht die Innovativen, sondern die Mitläufer. Nicht die, die gewinnen wollen, sondern die, die nicht verlieren wollen. Nicht die, die bereit sind höhere Lasten zu tragen, einen längeren Bildungsweg zu gehen und deshalb vorerst auf Kinder verzichten, sondern die, die nicht bereit sind, Risiken für ein besseres Leben einzugehen.

Verlierer wären sie allerdings alle, denn gewinnen können in dieser Realität leider nur die, die das eigentliche Problem erst verursacht haben. Die Konzerne, welche zur Kostensenkung im großen Stil Vollzeitarbeitsplätze durch Praktikantenstellen substituieren und durch ausufernd anspruchsvolle Stellenanzeigen sogar dem frisch gebackenen Akademiker suggerieren, er müsse sich noch Jahrzehnte fortbilden und vielleicht doch erstmal das 195. unbezahlte Praktikum annehmen, um überhaupt irgendwann die Chance zu haben, eine lebenshaltungskostensicherende Stellung zu ergattern. Die Universitäten, die es den Unternehmen gleich tun und in ihrer unermesslichen Güte den wissenschaftlichen Nachwuchs, trotz steigender Mittel, mit einer halben BATIIa-Stelle zu ködern versuchen. Die sogenannten "unabhängigen" Wirtschaftsinstitute, die uns, trotz besseren Wissens und rein aus lobbyistischen Aspekten, fast täglich mit neuen Horrormeldungen überschütten.

Welche Frau, die ernsthaft Karriere machen will, damit es ihren Kindern später einmal besser geht, kann denn, angesichts dieses multimedial von allen Seiten auf sie einprasselnden Weltuntergangsfeuerwerks,  an einer frühen Schwangerschaft interessiert sein? Und hier schliesst sich der Kreis. Dann was hier von unseren Frauen gefordert wird, ist nicht die Schwangerschaft an sich, sondern die Bereitschaft, "früher" und "öfter" schwanger zu werden. Diese Forderung hat mit, einer im Hintergrund Anreize setzenden, Familienpolitik nichts mehr gemein. Ein, den gesellschaftlichen Pluralismus anerkennender, liberaler Staat stellt keine normativen Forderungen an seine Bürger, die über die zum gesellschaftlichen Zusammenleben notwendigen Freiheitsgrenzen - wie die Anerkennung von Leben und Eigentum anderer und die daraus ableitbaren Sozialabgaben zur Existenzsicherung der Bedürftigen und in Not Geratenen - hinausgehen. Der liberale und der erzieherische Staat sind unvereinbar! Das sollten eigentlich gerade die wissen, die den Sozialismus sonst in all seinen Facetten geisseln.

Das heisst natürlich nicht, dass in einem liberalen Staat Denken, Fordern und Ermahnen unerwünscht sind. Ein Umdenken ist unerlässlich! Es muss jedoch in den Köpfen der Chefetagen stattfinden. Und es darf nicht auf Zwang, sondern muss auf Eigeninteresse beruhen. Um einmal den pauschalisierenden Antagonismus zu gebrauchen:

Ihr da oben müsst lernen, dass es in Eurem eigenen Interesse ist, uns da unten nicht ausbluten zu lassen. Ihr wünscht Euch mehr Kinder? Dann zahlt uns Mitarbeitern auch ein anständiges Gehalt, damit wir diese Kinder auch finanzieren können! Es ist eine Schande, mit welcher Trittbrettfahrermentalität Ihr da oben in den Chefetagen Eure Verantwortung auf die Sicherungsleistungen unseres Staates, für die wir alle - Ihr eingeschlossen - aufkommen müssen, abwälzt. Doch wenn Ihr nicht mehr wollt und wir nicht mehr können… wer bitte soll sie zahlen?

Marx - ja genau der - hat, neben all seinen Fehleinschätzungen, eine Sache sehr richtig gesehen: ein Produzent, der es nicht aus eigener Kraft schafft, seine Arbeiter auch zu zahlenden Kunden zu machen, wird auf lange Sicht auf dem freien Markt elendig zu Grunde gehen. Darüber, meine lieben Herren da oben, solltet Ihr mal nachdenken! Und kommt mir ja nicht mit der These, in einer globalisierten Welt wäre das ja alles anders. Ihr sitzt einem Aberglauben auf, der in seiner Spiritualität nicht zu überbieten ist. Nehmt Euch lieber ein Beispiel an den Unternehmern, die damals das ökonomische Potential hinter Marxs Warnung erkannt haben. Dann hätten wir alle mehr davon.

PS.: Sollten sich unter meiner Leserschaft ein oder mehrere Unternehmer befinden, denen meine Kritik hier sauer aufstösst, weil sie doch ihr Bestes versuchen, gerechte Löhne zahlen, Kinderkrippen zur Verfügung stellen… Nehmen Sie’s locker! Es ist wie beim Fussballtraining. Dort kriegen auch nur die Anwesenden die Motzereien des Coaches wegen der geringen Trainingsbeteiligung mit.

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