Der ungewollte Krieg. Ein gerechter Preis für ein wahres Versprechen?
Die Kampfhandlungen zwischen Israel und den Hisbollah-Milizen verfügen über das Potential zum "accidental war", denn die mit Israel freundschaftlich verbundenen Staaten sehen sich in der Zwickmühle. Das Völkerrecht äußert sich nämlich eindeutig: Israel wurde angegriffen und hat damit jedes Recht, sich zu verteidigen! Die frühere, einfache Exit-Option, nämlich Israel für sein völkerrechtswidriges Handeln zu tadeln, ist v.a. den europäischen Staaten diesmal versperrt. Sie werden Farbe bekennen und damit selbst den Konflikt mit der einheimischen muslimischen Gesellschaft suchen müssen. Dieses Zündeln im eigenen Hinterhof könnte unvermeidlich werden, denn Krieg ist ein schmutziges Geschäft und die wenigsten Muslime werden Verständnis dafür haben, wenn sich die europäischen Staaten auf die Seite Israels schlagen. Die Schaffung einer Schutzzone und die Beteiligung an UN-Truppen dürfte dabei der kleinste Beitrag sein, welchen die europäischen Staaten werden leisten müssen.
Das weit schwierigere Unterfangen wird es sein, gleichzeitig den Ausgleich zwischen der erforderten Unterstützung Israels und den berechtigten Ängsten und Resentiments der einheimischen Muslime herzustellen. Das kann nur geschehen, wenn beide Seiten zur Räson gebracht werden. Israel muss verstehen, dass es zwar im Recht ist, durch sein Handeln aber den Weltfrieden in einer Weise stört, wie er seit 1939 nicht mehr gestört wurde. Und bei allem Verständnis für das Mitgefühl, welches europäische Muslime gegenüber dem Leid empfinden, das den Palästinensern in den letzten Jahrzehnten durch eine zweifellos verfehlte israelische Innen- und Aussenpolitik entstanden ist, eine Sache muss unmissverständlich bleiben: eine offene, tolerante und freiheitliche Gesellschaft kann und darf keine terroristischen Vereinigungen wie Hamas oder Hisbollah dulden, selbst wenn diese durch demokratische Wahlen legitimiert sind. Terrorismus ist kein Freiheitskampf und es ist bezeichnend, dass die neuerliche Eskalation wieder einmal mit israelischen Zugeständnissen begann. Die Hisbollah, die eigentlich schon auf dem richtigen Weg zur legitimen politischen Kraft war, hatte den legalen Kampf um die innenpolitische Macht im Libanon verloren. Deshalb und nur deshalb erfolgte von ihrer Seite die neuerliche Provokation. Diese Wahrheit mit all ihren furchtbaren Folgen für Libanesen und Palästinenser muss auf den Tisch und wir können nur hoffen, dass die Muslime in Europa sie schlucken.
Der "ungewollte Krieg", dem wir heute von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen, kann nur durch einen Dialog der Kulturen verhindert werden. Einen Dialog, den jeder Einzelne von uns führen muss, weil sich der drohende Konflikt in seiner Natur der Verantwortung von Staaten entzieht. Es wäre kein Konflikt zwischen Staaten, sondern zwischen Bürgern. Ein Weltbürgerkrieg, in dem Staaten eben nicht mehr die Macht hätten, das Gewaltmonopol an sich zu reissen. Es ist eine Verantwortung, die mehr von uns verlangt, als blind den popularistischen Euphemismen der Kriegstreiber - mal vom "wahren Versprechen", mal dem vom "gerechten Preis" - zu vertrauen. Es wäre falsch, sich für eine der beiden Parteien zu entscheiden. Es wäre aber auch falsch, sich nur um des lieben Friedens willen nicht zu entscheiden. Es wäre ein feiger Friede. Nein, im Grunde können wir uns nur für die Freiheit entscheiden, eine Freiheit, die wir nur gemeinsam schaffen können und die dann auch - als Freiheit vom Krieg - den Frieden beinhaltet.


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