Das Öl des 21. Jahrhunderts
In Mexiko Stadt hat vorgestern der mexikanische Präsident Vicente Fox das vom Weltwasserrat initiierte 4. Weltwasserforum mit der Forderung nach einer neuen Wasserkultur eröffnet. Wasser sei ein "unverzichtbares Menschenrecht" und die Sicherstellung der Wasserversorgung "ein grundlegendes Problem der Menschheit". Das diesjährige Forum steht unter dem Motto "Local Actions for a Global Challange".
Obwohl Fox mit der Formulierung, Wasser sei ein unverzichtbares Menschenrecht, eine eindeutige Verpflichtungserklärung an Regierungen gerichtet hatte, prostestierten bereits gestern mehr als 10.000 Kleinbauern, Gewerkschafter und Umweltschützer gegen die anvisierte Privatisierung der Wasserversorgung. Diese Bedenken mögen verständlich und löblich sein. Kurzsichtig und gefährlich sind sie allemal.
Die Sicherung der Wasserversorgung erweist sich vor allem für Entwicklungsstaaten, die nicht, wie z.B. die europäischen Staaten, das Glück hatten, internationale Zuständigkeiten und Verpflichtungen bereits zu einer Zeit lösen zu können, in der Wasser noch nicht als Problem für die internationale Sicherheit angesehen wurde, als schwerwiegendes und komplexes Governance-Problem mit Potential für bilaterale, gewaltsame Konflikte. Frischwasservorkommen interessieren sich nämlich nicht für politische und administrative Grenzen und führen daher zu einer Vielzahl an Interdependenzen und gegenseitigen Verwundbarkeiten für Anrainerstaaten.
Ein erschreckendes Beispiel liefert hierfür der Wasserkonflikt zwischen Singapur und Malaysia. Die beiden politisch, technologisch und ökonomisch höchstentwickelten Staaten Südostasiens standen 2002/03 kurz vor einem Krieg, nachdem die malaysische Regierung sich geweigert hatte, den seit 1961 bestehenden Versorgungsvertrag zwischen beiden Ländern weiter zu erfüllen, in dem sie sich verpflichtet hatte, bis zum Jahr 2011, respektive 2061 Frischwasser für 3 malaysische Sen (etwa 0,6€ Cent) pro 1000 Gallonen an Singapur zu liefern und aufbereitetes Trinkwasser für 16 Sen pro 1000 Gallonen zurückzukaufen. Sie war zunehmend unter innenpolitischen Druck geraten, weil mittlerweile die relativ arme ländliche Bevölkerung im malaysischen Bundesstaat Johor fast das zehnfache für Trinkwasser bezahlte als die reichen Singapuris. Das wasserarme und in der Versorgung vollkommen von Malaysia abhängige Singapur reagierte sofort. Es drohte, mit Bodentruppen die Wasserwerke in Johor einzunehmen und zu sichern, sollte Malaysia den Hahn abdrehen. Nur die sofortige Reaktion der Internationalen Gemeinschaft und ein Schiedsspruch vor dem Internationalen Gerichtshof konnte die militärische Eskalation verhindern.
Solche Szenarien sind leider kein Einzelfall. Seit 1924 gab es weltweit 59 Konflikte um Wasserressourcen. 44 wurden gewaltsam ausgetragen und 31 zwischen internationalen Parteien. Die Zahl solcher Konflikte dürfte sich in den nächsten Jahrzehnten sprunghaft erhöhen, v.a. in Asien, der Region, die vom Wassermangel am stärksten betroffen ist. Dort sank die pro Kopf Verfügbarkeit von Trinkwasser bereits von geschätzten 100% im Jahr 1955 auf 60% im Jahr 1990. Zusätzlich ist Wasser nicht nur knapp, sondern auch wertvoll. Schätzungen zu Folge wird der internationale Wassermarkt im Jahr 2025 ein jährliches Umsatzvolumen von 700 Milliarden US$ haben. Damit wird er 2025 etwa ein Drittel größer sein als der gesamte pharmazeutische Sektor und etwa halb so groß wie der internationale Ölmarkt. Hier die alleinige Verantwortung für die Wasserversorgung in den Händen von Staaten zu belassen, hieße den Teufel mit dem Belzebub austreiben und Krieg als Mittel für die Ressourcensicherstellung sozusagen zu institutionalisieren.
Die Dimensionen des drohenden Wasserproblems reichen ins Unvorstellbare. Glaubt man dem UN-Experten Igor Shiklomanov, wird der weltweite Frischwasserverbrauch 2025 dreimal höher liegen als die Menge, die wir heute an Frischwasserressourcen überhaupt zur Verfügung haben. Dabei nutzen wir heute nur knapp die Hälfte dieser Ressourcen. Nur ein Prozent der weltweiten Wasservorkommen ist Trinkwasser. Der Rest ist Meerwasser oder liegt unzugänglich unterhalb der Polkappen. Mehr als eine Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, 2,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. 80% der in Entwicklungsstaaten auftretenden Krankheiten lassen sich auf verschmutztes Trinkwasser zurückführen, zwischen 14000 und 30000 Menschen sterben täglich and den Folgen des Schmutzwasserkonsums.
Es ist wichtig klarzustellen, dass diese heute beobachtbare Trinkwasserknappheit lediglich die Nachfrageseite betrifft. Staaten tun sich schwer, die vorhandenen Ressourcen gerecht zu verteilen. Die Bedrohungen der Zukunft liegen jedoch auf der Angebotsseite. Flüsse trocknen aus, Grundwasserpegel sinken…
Die einzige Möglichkeit die weltweite Wasserversorgung zu sichern und gleichzeitig internationale Konflikte zu vermeiden, liegt also in der Förderung nachhaltiger Technologien. Wasser muss so bereitgestellt werden, dass möglichst wenige Ressourcen verbraucht werden. Nachhaltigkeit können aber weder Gewerkschaften, noch Staaten, sondern nur private Anbieter gewährleisten, die durch den Wettbewerb einerseits davon abgehalten werden, Überkapazitäten zu produzieren, andererseits Innovationsforschung betreiben müssen. Gleichzeitig erzeugen sie dadurch ein wichtiges soziales Gut. Sie nehmen den Staaten die Verantwortung für die Wasserbereitstellung ab und verhindern somit die kriegerische Formulierung zwischenstaatlicher Ansprüche.
Quellen:
Van der Molen, H.: Water: Cause for Conflict or Co-operation?
Gottwald, J.: Measuring the Shadow of Hierarchy: Securitization as an Index for Norm Compliance in transboundary Water Security Issues?"


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