Nur Gedanken

March 12, 2006

Tag 3 (4)

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 7:54 am


Die Geschichte, die mir mein Gegenüber auftischte, war mehr als abenteuerlich. Inzwischen waren wir an die Seine gelangt, die einen gänzlich anderen Anblick bot, als die trostlose Betonwüste, aus der wir kamen. Die Uferpromenade war mit alten Weiden besetzt, die sich schwer über das langsam dahinfließende, graue Wasser neigten. Dort, wo sie ein wenig Platz ließen, wiegten vereinzelt kleine, an Pflöcke gebundene, Kähne auf den Wellen. Das romantische Bild wurde jedoch vom Verkehrslärm gestört, der vom anderen Ufer herüberdröhnte, an dem sich auf abgasgeschwärzten Betonpfeilern eine mehrspurige Schnellstraße entlangfraß. Ich seufzte leise in mich hinein. Es war fast so, als käme selbst die Stadt der Liebe nicht gegen die Schnellebigkeit des Modernen an. Paris, das einst den Fortschritt in sich trug, durch ihn groß und berühmt geworden war, musste sich jetzt der ganzen Macht seiner Zerstörungswut beugen. Die Ufer der Seine, die früher im Dreck und Schlamm versanken, die verschmäht wurden, weil sich dort die Armenhäuser befanden und die Huren sich den Preis des erworbenen Geldes von den Schenkeln wuschen, waren heute letzte Oasen, die an frühere Schönheit erinnerten. Dennoch war die alte Aufteilung geblieben. Jenseits der Seine und des pulsierenden Lebens der Großstadt erstreckten sich weiterhin die Armenhütten. Einzig das Holz wurde durch Beton ersetzt.

„Sagen Sie, hören Sie mir eigentlich noch zu?“. Guillome starrte mich von der Seite an und lächelte schräg. Irgendwie passten seine gelben Zähne nicht zu seinem ansonsten recht attraktiven Aussehen. Ich lächelte zurück. „Sie haben recht, ich habe die letzten Minuten wirklich nicht mehr aufgepasst. Das, was Sie mir da alles erzählen, ist einfach zu viel für einen Tag, für einen Mann. Außerdem ist mir kalt.“ Guillome sah mich erstaunt an. „Sie wirken heute außerordentlich gefasst, das ist gut“, betonte er, „Wir hatten schon fast die Hoffnung verloren“.
„Die Hoffnung verloren?“, wiederholte ich, „was ist denn in den letzten Tagen passiert?“
Guillome schnaubte wiederwillig. „Na gut! Sehen Sie, wir haben in den letzten Monaten versucht, Ihnen nicht zuviel darüber zu verraten, was wir von Ihnen wollen. Sie sind zwar aufgrund Ihres wiederkehrenden Gedächtnisverlustes der ideale Spitzel, weil Ahmed niemals glauben würde, dass Sie mit diesem Handicap in der Lage wären, ihn auszuspionieren. Dennoch ist die Sache gefährlich. Es gibt Tage, an denen verzweifeln Sie vollkommen an Ihrem Schicksal, ja wenden sich sogar gegen uns. An solchen Tagen könnte es fatal sein, wenn Sie über die gesamte Aktion informiert wären. Sie könnten dann in einem schlechten Moment alles verraten, monatelange Arbeit vernichten und viele Menschenleben gefährden. Deshalb haben wir Sie nie über unsere Identität ins Licht gesetzt. Wir haben gehofft, dass Sie durch Zufall auf wichtige Informationen stoßen könnten.“
„Und warum schenken Sie mir dann jetzt reinen Wein ein?“, fragte ich säuerlich.
„Weil die Zeit drängt! Wir wissen aus gut informierten Kreisen, dass in vier Tagen ein Anschlag geplant ist, doch wir wissen nicht wo und wir kennen Ahmeds Rolle in diesem Spiel nicht wirklich. Es würde also nichts bringen, ihn einfach aus dem Verkehr zu ziehen. Außerdem haben wir vor zwei Tagen einen wichtigen Mann verloren. Er war Ihr Kontaktmann und wurde auf offener Straße ermordet. Es besteht also ohnehin die Gefahr, dass Sie entdeckt werden.“

So konfus Guillomes Vortrag auch war und obwohl er nicht das kleinste Türchen in meinem Erinnerungsvermögen öffnete, etwas an dieser Geschichte hatte mich gepackt und ließ mir das Adrenalin in die Adern schießen. Ich war ein waschechter Spion, eine Schlüsselfigur im Kampf gegen den Terrorismus, von deren Entscheidungen wichtige politische Ereignisse abhingen. Ich hatte zwar kein Leben, dafür aber das Hier und Jetzt. Spannungsgeladene Momente, auf die andere Menschen ein ganzes Leben lang warten. Der Teufel sollte mich holen, wenn ich diese Chance nicht beim Schopf greifen würde.


Tag 3 (3)

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