Nur Gedanken

February 9, 2006

Donnerstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 6:02 am


Tag 3 (2)

Das kleine Lokal, eher eine Imbissbude, befand sich direkt gegenüber meines Wohnblocks und machte auf den ersten Blick keinen sehr einladenden Eindruck. Die wenigen Sitzgelegenheiten waren aus Plastik und an den Wänden triefte das Jahre alte Fett der dampfenden Friteusen. Kein sehr französischer Anblick. Das Essen jedoch war traumhaft. Während ich ausgehungert Kubbe bil Sainije in mich hineinstopfte, ein köstliches Gratin aus Kartoffeln, Hackfleisch, Lamm, Pinienkernen und allerlei Gewürzen, löcherte ich Ahmed mit Fragen. Seit wann ich hier lebte, seit wann wir uns kannten, ob ich denn einen Beruf habe…

Geduldig beantwortete Ahmed eine Frage nach der anderen. Nein, er wüßte nicht, dass ich berufstätig wäre, ich lebte noch nicht lange in Paris, er kenne mich erst seit zwei Monaten. Ich genoß die Vertraulichkeit die zwischen uns bestand. Für Ahmed war es anscheinend ganz normal, mich jeden Tag auf’s Neue zu informieren und ich merkte, dass es dadurch auch für mich leichter wurde, von meiner eigenen Situation Abstand zu nehmen und Interesse an seiner Person zu zeigen.

„Was machst Du eigentlich beruflich?“, fragte ich ihn und führte mir genüsslich einen weiteren Löffel Auflauf in den Mund.
„Ach“, antwortete er eher beiläufig, „ich habe ein Stipendium an der Université Pierre et Marie Curie. Ich studiere dort Chemie.“
„Oh, das ist dann aber eine ganz schöne Leistung“, platzte ich heraus und biss mir sogleich auf die Zunge. Ahmed musste ja glauben, dass ich ihm so etwas intuitiv nicht zugetraut hätte. „Ich… äh, meine, damit gehörst Du ja wohl zur wissenschaftlichen Elite.“
„Na ja, nicht ganz“, meinte er verlegen, „ich komme eigentlich aus dem Irak und meine Eltern waren vor dem Sturz Saddam Husseins im Untergrund tätig. Sie unterstützten eine wohltätige Organisation in ihrem täglichen Kampf gegen das Regime und im Gegenzug finanziert die Organisation nun mein Studium. Ich bekomme das Geld also weniger aufgrund meiner herausragenden Leistungen als aufgrund der Beziehungen meines Vaters.“

Ich hatte von solchen Schicksalen gelesen. Für viele junge Menschen in arabischen Diktaturen war ein Auslandstudium der beste Weg, dem Regime für eine Weile zu entkommen und gleichzeitig etwas für die Heimat tun zu können.
„Dann sind Deine Eltern aber sehr mutige Menschen“, erwiderte ich.
Ahmeds Gesicht verdunkelte sich. „Sie sind tot“, presste er hervor. Schmerz, Abscheu und Hass vereinigten sich zu einer entstellten Fratze. Ich erschrak. „Die Amerikaner haben sie auf dem Gewissen. Es war doch schon alles vorbei! Und dann kamen sie. Nachts.“

Ich war schockiert, auf eine Konfrontation mit dem Tod nicht gefasst. Es war wahrscheinlich schon in einem normalen Leben schwer, einem Hinterbliebenen vernünftig Trost zu spenden. Doch was konnte ich schon für eine Vorstellung davon haben, wie es ist wenn ein naher Mensch stirbt. War ich zu solchen Gefühlen überhaupt fähig?
„Wie sind sie umgekommen?“
„Ich weiss es nicht genau. Man sagt, die Amerikaner hätten nach Saboteuren gesucht. Angeblich hat sich mein Vater zur Wehr gesetzt, dann hätten sie um sich geschossen. Ich glaube das nicht. Mein Vater war ein friedlicher Mann.“
Ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte. Einfach nur Mitleid bekunden? Dafür kam mir seine Haltung irgendwie zu entschlossen, zu gefasst vor. Nein, er erwartete eine klare Stellungnahme. Ihm erklären, dass Krieg immer das Schlechte im Menschen hervorkehrt? Dass auch die amerikanischen Soldaten Angst hatten, als sie das Haus durchsuchten? Dass seine Eltern aufgrund einer durch ein Missverständnis hervorgerufene Panik getötet wurden? Ja, wenn ich es mir mit meinem neu gewonnen Freund verscherzen wollte… Ich wollte die USA nicht pauschal kriminalisieren und entschied mich für die erste, weniger folgenreiche Option.
„Das tut mir leid.“ Ein schwacher Trost.
„Ja, mir auch, lass uns über etwas anderes reden“, knurrte Ahmed und schob sein halb gegessenes Schisch von sich, „mir ist der Appetit vergangen.“

Seine ruhige Gelassenheit überraschte mich. Von einem Araber hätte ich mir eigentlich Heulen und Zähneknirschen, eben die typische Wehleidigkeit erwartet. Gleichzeitig amüsierte mich eine Einsicht. Ich mochte zwar mein Gedächtnis verloren haben, wohl aber nicht meine Vorurteile. Trotzdem, auch mir war der Appetit vergangen. Nachlässig putzte ich mir mit der Serviette die Soßenreste aus den Mundwinkeln und blickte aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite lungerte der merkwürdige Fremde aus dem Treppenhaus. Er schien auf irgendetwas zu warten. Ich stiess Ahmed an.
„Dort drüben. Der Mann. Wir sind ihm im Treppenhaus begegnet. Irgendwie kommt er mir unheimlich vor.“ Ahmed drehte sich nicht einmal um.
„Der ist fast immer hier. Vom französischen Geheimdienst. Er glaubt, ich wäre Terrorist.“
Ahmed brachte mich zum Lachen. „Und, bist Du?“
„Was, wenn es so wäre?“, entgegnete er knapp und hievte sich aus seinem Stuhl.


Tag 3 (1)

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