Nur Gedanken

February 7, 2006

Dienstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:58 am


Und weiter geht’s im Wettbewerbstakt. Den Pinnocchio in Silber habe ich mir bereits stolz an meine imaginäre Trophäenwand phantasiert und danke nochmals der Jurorin Will für diese große Ehre. Er sieht einfach prachtvoll aus da oben. Der dritte Teil des geplanten Paris-Siebenteilers fällt heute etwas kürzer aus, morgen folgt dann der Nachmittag.

Tag 3 (1)

Ich saß am Frühstückstisch und klammerte mich an meine bittere Tasse schwarzen Kaffees. Es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass man aufwacht und erfährt, keine Vergangenheit zu haben. Falsch, denn mir passierte es ja anscheinend jeden Tag. Die in der ganzen Wohnung drapierten Nachrichten und Merkhilfen hatten eine eindeutige Sprache. Den Morgen hatte ich damit verbracht, Informationen über mein Leben zusammenzutragen. Das Ergebnis war gar nicht so unbefriedigend. Ich war Deutscher und lebte im Pariser Vorort Argenteuil in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnblock. Das Gleiche traf auch auf die Wohnung selbst zu. Sie befand sich in einem kläglichen Zustand, kurz davor, die Hilfe eines Kammerjägers zu benötigen. Bis auf gestockte Milch und verschimmelten Käse war mein Kühlschrank ebenso leer, wie die Küchenschränke. Trotzdem war ich im Besitz einer ganzen Menge Bargelds und das ebenfalls in der Geldkassette befindliche Sparbuch bei einer Pariser Bank wies ein stattliches Sümmchen auf. Wenn der Inhaber, Johann Wunderlich, und ich dieselbe Person sein sollten, wovon ich ausging, hatte ich auf Jahre hinaus ausgesorgt. Warum ich trotz des moderaten Reichtums im Müll lebte, konnte ich mir zwar noch nicht erklären, es sollte aber meine geringste Sorge bleiben. Jemand klopfte lautstark gegen die Tür.

Als ich die Tür einen Spalt öffnete, stand mir ein hünenhafter Araber gegenüber und grinste mich freundlich an. Seine dunklen Augen, denen eine scharfgeschnittene Hakennase etwas adlerhaftes gab, strahlten eine sanfte Ruhe aus. „Guten Morgen Jean“, begrüßte er mich in gebrochenem Englisch, „wie geht es Dir heute?“ Sein vertraulicher Ton und die Tatsache, dass er meinen deutschen Namen in französischer Übersetzung gebrauchte, ließen darauf schließen, dass wir uns offenbar gut kannten. Ich unterdrückte mein anfängliches Misstrauen.
„So weit ganz gut, komm doch bitte herein“, antwortete ich, trat einen Schritt zurück und bedeutete meinem unbekannten Gast, die Wohnung zu betreten. Er ließ sich nicht zweimal bitten. Gezielt steuerte durch den dunklen Gang auf die Küche zu, sah sich darin um und nickte zufrieden.
„Du hast einen guten Tag. Das freut mich für Dich. Ich bin Ahmed, Dein Nachbar und Freund, falls Du das noch nicht selbst herausgefunden haben solltest.“
Ich sah ihn bestürzt an. „Ja, ein guter Tag. Es könnte schlimmer sein!“, ließ ich meinem Zynismus freien Lauf.
Ahmed war meine Ängste anscheinend bestens gewohnt. Mit milder Stimme analysierte er meine albraumhafte Lage. „Manchmal ist es schlimmer, manchmal besser“, erklärte er ruhig, „in der Regel findest Du dich gut zurecht und bist sehr organisiert. Dann gelingt es Dir innerhalb weniger Stunden einen Punkt zu erreichen, ab dem Du ein einigermaßen normales Leben führen kannst. Doch in den letzten beiden Wochen warst Du wie ausgewechselt. Hochgradig verwirrt und paranoid. Du hast niemanden an Dich herangelassen und Dich selbst dann noch feindlich verhalten, als Du die Wahrheit über Dich bereits wusstest. Und Du hast Dich ständig bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. So schlimm war es noch nie. Heute ist der erste Tag, an dem es Dir anscheinend wieder besser geht.“

‘Wahrheit’, ging es mir durch den Kopf, ‘welch ein Hohn, hier von Wahrheit zu sprechen’. Mein Leben war eine einzige Aneinanderkettung sinnloser, zusammenhangsloser Tage. Eine Realität ohne Anfang und Ziel. Für mich war Alles und Nichts wahr, wie sollte ich jemals zwischen wahr und unwahr unterscheiden? Obwohl ich instinktiv spürte, dass dies eine ungerechtfertigte Übertreibung war – ich konnte nämlich sehr wohl zwischen moralischen Kategorien unterscheiden, ich wusste sehr wohl, „welches“ Gebäude sich „wo“ in Paris befand, welche Linie ich nehmen musste, um an die Champs-Elysées zu kommen, wer der Bundeskanzler Deutschlands war und welche Länder zur Zeit gerade Krieg führten – fühlte ich mich verloren. Von meinem eigenen Leben wusste ich nur das, was auf den kleinen gelben Post-its stand, die, kreuz und quer in meiner Wohnung verstreut, Wände und Schränke tapezierten.

Ahmed schien meine Gedanken zu lesen. „Zerbrich Dir nicht den Kopf“, sagte er einfühlsam, „Du bist ein intelligenter Mensch. Es ist nicht so, dass Du keine Vergangenheit hättest. Du musst sie nur immer wieder suchen.“ Ich lächelte ihn schwach an. Wie verletzlich ich doch war. Und wie berechenbar. Es musste unglaublich langweilig sein für die Menschen in meiner Umgebung immer wieder, jeden Tag auf’s Neue meiner Suche nach dem Selbst beizuwohnen. Eine verkratzte Schallplatte, die selbst nach der mutigsten Ouvertüre die Nadel zwang, wieder dorthin zurückzukehren, wo ihre Reise begann. Wer konnte es der Nadel verübeln, dass sie irgendwann brach, sich weigerte, das hoffnungslose Intermezzo noch länger zu ertragen. Ich war den Tränen nahe. Ahmed legte mir seinen riesigen Arm auf die Schultern und schüttelte mich sanft.
„Lass den Kopf nicht hängen. Ich bin gekommen, um Dich zu fragen, ob Du Lust hättest mir runter zu kommen und etwas zu essen. Der Libanese unten am Eck hat heute Sonderangebote. Es täte Dir bestimmt gut, mal aus diesem Loch herauszukommen.“ Ich nickte. Essen war eine gute Idee und etwas Ablenkung konnte ich gebrauchen.

Gemeinsam verließen wir die Wohnung. Ahmed wollte noch eine wärmere Jacke aus seiner Wohnung holen, die meiner direkt gegenüber lag. Ahmed al-Hamdani stand auf dem Türschild direkt unter der Nummer 416. Auf unserem Weg durch das dunkle, mit häßlichen Graffiti verschmierte Treppenhaus, kam uns ein gutaussehender, breitschultriger Franzose entgegen, der uns argwöhnisch beobachtete. Als wir an ihm vorbeigingen, blieb er stehen und drückte sich ohne zu grüßen an die Wand. Irgendetwas an seinem Auftreten beunruhigte mich. Ich kam mir beobachtet vor.


Tag 2

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