Nur Gedanken

February 5, 2006

Tag 7

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:54 am
Nach meinem gestrigen Aussflug in die romantische Welt eines Lebens nach dem irdischen Tod, geht’s nun wieder ins Diesseitige. Na ja, nicht ganz. Eher in die idealistischen Sphären des - leider furchtbar utopischen - Traums von der besseren Welt. Irgendwie find’ ich es jammerschade, dass der Wettbewerb nun schon vorbei sein soll, es hat so irrsinnig viel Spaß gemacht. Und noch ein großes Dankeschön an Will für diese tolle Idee und die einfühlsame Moderation. Und bevor ich nun ganz im Pathos versinke, nur das Versprechen, dass die Pariser Gegenwartsbewältigung natürlich weitergeführt wird.


Tag 7

Mein Büro war leicht überhitzt. Die Sonne brannte durch die riesige Glasfront. Ich betätigte die elektrische Jalousie und lies sie etwa bis zur Hälfte herunter. Wenigstens spiegelte sich die Sonne nun nicht mehr auf meinem Desktop. Das Büro lag in einem Hochhauskomplex der Upper East Side und ich hatte hier vom 58. Stock einen wundervollen Blick auf den Central Park. Genießen konnte ich ihn kaum, das Telefon klingelte fast ununterbrochen. Als ich meine kleine Firma vor knapp 4 Jahren gründete, hätte ich von einem solchen Erfolg nicht einmal zu Träumen gewagt. Und doch war es ein Traum. Eine Privatfirma, die dafür bezahlt wird, dass sie die Überschüsse multinationaler Unternehmen an die Armen dieser Welt weiterleitet? "Eine Utopie!", war die häufigste Reaktion, die ich damals zu hören bekam. Doch ich gab nicht auf und klapperte stur eine Konzernzentrale nach der anderen ab. Heute war ich Millionär und meine Firma hatte über 5000 Mitarbeiter, die Leben in die Büroräume an der Upper East Side brachte.

Erneut klingelte das Telefon. "World Credit International?", meldete ich mich freundlich.
"Joe?",hörte ich die wohlbekannte Stimme am anderen Ende, "ich habe hervorragende Neuigkeiten."
"Hi Andrew", begrüßte ich den Geschäftsführer von Exxon Mobil, "was gibt es?"
"Joe, stellt Dir vor, wir haben im letzten Geschäftsjahr über 36 Milliarden Reingewinn erzielt. Kannst Du Dir vorstellen, was das bedeutet?"
Mein Herz schlug höher, es raste förmlich. 36 Milliarden! Im Kopf überschlug ich, welche Summe uns zur Verfügung stehen würde. Unglaubliche 28 Milliarden Dollar. Das war der höchste Einzelposten, der jemals zusammengekommen war.

"Andrew", fragt ich ungläubig nach, "wie ist das möglich?"
"Das ist Euer Verdienst Joe", antwortete Andrew, "Ihr habt den Deal mit Venezuela eingefädelt. Seit wir dort Fortbildungszentren eingerichtet und Jobs an Einheimische anstatt an teure Fachkräfte aus dem Ausland vergeben haben, kriecht uns Chavez fast in den Arsch. Vor allem die Einführung von Sozialleistungen und Firmenrenten hat uns auf dem ‘Social Responsibility Index’ nach oben katapultiert. Unsere Umsätze bei Esso Europa sind darauf um 35 % gestiegen."

"Das freut mich wirklich Andrew", antwortete ich. Es war verrückt. In der Anfangsphase, als die ersten Global Player die Chance witterten über eine Zusammenarbeit mit meiner Firma eine Verbesserung ihres Rufes zu erreichen, hatte ich noch alle Hände voll zu tun, die Aufsichtsräte davon zu überzeugen, dass Einmalzahlungen, große Infrastrukturprojekte oder Bauvorhaben zwar einen kurzfristigen Reputationsgewinn brachten, aber nicht der richtige Weg für nachhaltigen Erfolg und damit langfristige Kapitalakkumulation waren. Doch dann gelang es uns, die Konzernführung von United Fruit von unserem Konzept zu überzeugen und deren eigenes Fair-Trade Projekt ‘Bananastick’ als Marke zu etablieren. Seither rannten uns die Konzerne sprichwörtlich die Türen ein.

"Was wollt Ihr mit dem Geld machen?", fragte Andrew.
"Ich denke, wir machen es so wie immer", gab ich zurück, "wir splitten den Betrag und stecken die eine Hälfte in Kleinstkredite, mit der anderen fördern wir Expansionsprojekte älterer Klienten, die sich besonders bewährt haben."

Neben der Beratung großer Unternehmen hatte sich meine Firma auf die Vergabe von Kleinstkrediten an Bauern, Kleinunternehmern und Mittelständlern in sogenannten Dritte Welt Staaten spezialisiert. Wir wollten nicht dieselben Fehler machen, wie die großen staatlichen und nicht-staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen und umfangreiche Hilfsprogramme unterstützen, die jegliche Eigeninitiative im Keim erstickten. Stattdessen konditionierten wir unsere Kredite auf folgende Weise: wir vergaben Kredite vorwiegend an Frauen, da sich diese als zäher und konsequenter erwiesen. Zudem eröffneten wir jedem Kleinbetrieb den zusätzlichen Anreiz, dass der Kredit nicht zurückgezahlt werden müsse, wenn der Betrieb innerhalb eines Jahres 10 Angestellte in Lohn und Brot halten konnte. Der Erfolg war durchschlagend. Kaum eines der neu gegründeten Unternehmen musste seine Schulden begleichen.

Für meine Firma war das kein Problem. Wir kassierten unsere Provisionen ausschließlich von den Global Playern, die ein Interesse am Reputationsgewinn aber vor allem an den aufblühenden neuen Märkten in Asien, Afrika und Südamerika hatten. Dafür langten sie gerne in die eigene Tasche. An manchen großen Universitäten der USA, z.B. Harvard, Columbia oder Stanford wurde sogar bereits gelehrt, wie diese Art der Entwicklungshilfe als Lagerinvestition verrechnet werden konnte. Die Welt der Ökonomie hatte sich grundlegend geändert.

"Das klingt wirklich sehr gut", freute sich Andrew, "könnt ihr uns so schnell wie möglich einen Investitionsplan schicken? Wir haben nämlich vor, in Caracas ein Fortbildungszentrum für Unternehmensgründer zu stiften. Wenn wir uns beeilen können vielleicht manche der Kreditempfänger bereits davon profitieren."

"Natürlich Andrew, wir machen auch das Unmögliche möglich", antwortete ich und legte zufrieden den Hörer auf.

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