Tag 2
So, heute an Tag 4 und mit Verspätung die angekündigte Fortsetzung von Tag 2 der Parisphantastereien für Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben".
Tag 2
Das Geräusch klang wie ein verstimmtes Windspiel. Unregelmäßig, klappernd und quietschend. Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst war, woher ich es kannte. Geschirr. Jemand spülte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch der Sandmann hatte es letzte Nacht etwas zu gut gemeint. Die Lider klebten zusammen wie frisch getrockneter Mörtel und fast konnte ich ein reißverschlussartiges Ratschen hören, als ich sie dann doch aufbekam. Tief in die Höhle zwischen Augapfel und Nase reibend richtete ich mich im Bett auf. Ein verdächtiges Brummen im Schädel wurde mit jedem Klimpern etwas lauter. Verdammt! Ich befand mich in einer trostlosen Umgebung. Das winzige Zimmerchen war an Kargheit nicht zu überbieten. Außer ein paar Flaschen und Gläsern, die wirr verteilt auf dem Boden standen, gab es nur das durchgelegene Metallbett auf dem ich saß und ein versifftes Beistelltischchen, in dessen weiße Lasur sich dunkle Flaschenränder regelrecht hineingefressen hatten. Davor lag ein Haufen nachlässig weggeworfener Kleidung, ganz so, als hätte ich am Abend zuvor nicht mehr die Geduld gehabt, sie ordentlich zusammenzulegen. Ich schnappte mir die fleckige Jeans und das bereits nicht mehr geruchsneutrale T-Shirt und machte mich auf die Suche nach dem Ursprung des Geklappers.
In der Küche erwartete mich mein One-Night-Stand. Ein mittelgroßer, breitschultriger und auf den ersten Blick durchaus attraktiver Mann stand über dem Spülbecken und drehte mir den Rücken zu. Ach du meine Fresse, ich hatte das Ufer gewechselt! Bevor ich mich fragen konnte, wo ich dieses queere Prachtexemplar der Gattung Mann aufgegabelt und wie in aller Welt ich plötzlich meine eindeutig heterosexuelle Orientierung verloren haben könnte, drehte sich der Unbekannte zu mir um. „Ich habe mir erlaubt, etwas sauber zu machen. Hier sieht es ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Sein französischer Akzent war nicht zu überhören. „Sie putzen ja nie!?“
Er hatte „Sie“ gesagt. Er hatte eindeutig „Sie“ gesagt. Ein wohliger Schauer der Erleichterung lief mir über den Rücken. Die belustigt beigefügte, rhetorische Frage jedoch beunruhigte mich.
„Das ist nicht Ihre Wohnung?“, gab ich ein wenig einfältig zurück.
„Nein“, lachte er, „sie gehört Ihnen!“
Nun war ich doch etwas verwirrt. Ich hatte zwar das Gefühl, schon einige Alkoholeskapaden hinter mir zu haben. Aber ein solcher Blackout war mir noch nicht untergekommen. Das ich sogar meine eigene Wohnung vergessen haben sollte?!
Der Franzose musste meine Verwirrung wohl mitbekommen haben. „Am besten, Sie setzen sich und trinken erst mal eine schöne Tasse Kaffee“, forderte er mich auf.
Ich rückte mir den klapprigen Holzstuhl unter dem Küchentisch hervor und setzte mich vorsichtig, während der Fremde mir eine große Tasse schwarzen Kaffees über den Tisch schob. „Milch und Zucker sind leider aus. Wer weiß, seit wann schon.“
Dankbar nahm ich das dunkle Getränk entgegen. Es war so bitter, dass sich Geschmacksnerven und Mimik leidvoll krümmten. Nein, schwarzer Kaffee war nicht meine Sorte. Angewidert schob ich das Gebräu von mir. Um meine Gedanken zu ordnen, schob ich mir eine Frage zurecht. „Wenn das nicht Ihre Wohnung ist… Was tun Sie dann hier und wer sind Sie?“
Die Körpersprache meines Gegenübers zeugte von Souveränität. Mit einer ruhigen, eleganten Bewegung ließ er sich auf den noch freien Stuhl nieder und streckte das Kreuz durch, während seine rechte Hand in der Hosentasche verschwand. So tief zurückgelehnt betrachtete er mich eine Weile, als wäre ich ein Sorgenkind, über dessen Strafmaß er gerade zu befinden habe. Dann setzte er sich auf, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. Dabei deuteten seine beiden Zeigefinger direkt auf mein Gesicht. „Sie machen uns ganz schöne Probleme Herr Wunderlich“, sagte er mit ruhiger, sachlicher Stimme. „Gestern, das war eine Katastrophe und wir haben nur noch sechs Tage Zeit, also hören Sie mir gut zu.“
Das komische Benehmen des Unbekannten ging mir zunehmend auf die Nerven. Ich fühlte mich unwohl. Es passiert ja auch nicht jeden Tag, dass man ohne Erinnerungsvermögen aufwacht, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, wie wohl ein anderer Morgen hätte aussehen können. Die Vergangenheit war nichts als eine tiefe Leere. „Hören Sie“, begann ich, „anscheinend habe ich eine schlimme Nacht hinter mir und kann mich an überhaupt nichts erinnern. Vielleicht sagen Sie mir ganz einfach, wer Sie sind.“
Den Fremden schien die Bitte und die Genervtheit meines Tons nicht zu überraschen. „Mein Name ist Guillome“, antwortete er, „aber der ist im Grunde ausgesprochen nebensächlich. Sie finden ihn übrigens in diesem Notizbuch.“ Guillome drehte sich leicht zur Seite, fingerte ein kleines, schwarzes Notizbüchlein von der Ablage des Küchenschränkchens und reichte es mir. Irritiert hielt ich es in den Händen und betrachtete das abgegriffene Leder von allen Seiten. „Lesen Sie!“, forderte er mich auf.
Ich begriff den Sinn dieser ganzen Aktion nicht. Was für eine Geheimniskrämerei. Konnte der Typ nicht deutlicher werden? Oder wollte er nicht? Die Atmosphäre bekam plötzlich etwas Beklemmendes. Fahrig blätterte ich die ersten Seiten des Büchleins auf. Die Schrift war krakelig. Es hatte den Schreiber sichtlich Mühe gekostet, seinem Füller die wenigen Zeilen pro Seite abzuringen. Kurze, abgehackte Sätze, eher Merkhilfen als zusammenhängender Text, mischten sich mit rätselhaft symbolischen Skizzen. So waren z.B. einzelne Namen, einem Spinnennetz ähnlich, mit Strichen verbunden. Darunter eine kryptische Botschaft: ‘Heute bei Ahmed gewesen. Moncef kommt aus Sousse’. Die Einträge waren mit Kalenderdaten versehen und zogen sich über mehrere Wochen hinweg.
„Was zum Teufel soll das sein?“, fragte ich Guillome, „Erlauben Sie sich einen schlechten Scherz mit mir?“ Guillome sah jedoch nicht aus, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Mit gerunzelter Stirn und ausladender Geste bedeutete er mir, mich umzusehen. „Wirkt hier irgendetwas auf Sie wie ein Scherz?“, fragte er in einem Ton, der überdeutlich machte, dass es sich nicht um einen Spaß handelte.
„Ja, allerdings, das tut es“, brauste ich auf, „alles hier kommt mir vor wie ein schlechter Scherz. Ein inszenierter Alptraum, aus dem ich gerne aufwachen würde.“ Wütend funkelte ich meinen Gegenüber an, doch der machte keine Anzeichen, sein bedrücktes Gesicht abzulegen.
„Wenn Sie wüßten, wie nah sie damit an der Wahrheit sind, wären Sie wahrscheinlich nicht mehr bereit, uns in dieser Sache zu helfen und wir würden wertvolle Zeit verlieren. Es ist sicherer für Sie und uns, wenn Sie nicht zuviel wissen. Lesen Sie, sehen Sie sich genau um, seien Sie konzentriert, machen Sie sich Notizen und verlieren sie um Gotteswillen nicht wieder dieses Buch.“ Er deutete auf das kleine schwarze Notizbüchlein und schob mit der anderen Hand einen kleinen gelben Zittel über die Tischplatte. „Rufen Sie heute abend um fünf Uhr diese Nummer an und berichten Sie. Lösen Sie das Rätsel, Sie sind unsere letzte Verbindung.“ Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.
Seine Ansprache hatte mich so verwirrt, dass ich zuerst kaum reagieren konnte. Wurde ich etwa bedroht? War mein Leben in Gefahr? Kurz bevor Guillome die Tür erreichte rief ich ihm nach: „Was wollen Sie überhaupt, das ich für Sie tue?“
„Gebrauchen Sie Ihre Phantasie! Das ist alles, was ich Ihnen raten kann“, war die wenig zufriedenstellende Antwort. „Versuchen Sie nicht mir zu folgen! Das hätte böse Konsequenzen.“ Mit diesen Worten trat er aus der Wohnung und überließ mich meinem Schicksal. Unbehelligt ließ ich ihn ziehen. Jedes weitere Nachhaken schien zwecklos, und Guillome in seiner einschüchternden Art übermächtig. Ich fühlte mich klein und verloren. Wenn ich doch wenigstens einen Anhaltspunkt hätte. Irgendeine Information darüber, welche Aufgabe ich in diesem Spiel erfüllte. Wenigstens eine fahle Erinnerung an die letzten Tage und Wochen. Es war unheimlich. Obwohl ich um Zweck und Funktion der Dinge um mich wusste, ja mich sogar an billige Spionagefilme erinnerte, in welchen den Hauptdarstellern Ähnliches widerfahren war, so fehlte mir doch auch nur das leiseste Wissen über meine Existenz. Ich hatte sozusagen mein Selbst verloren.
Den Vormittag verbrachte ich grübelnd und brütete über den nahezu aussagelosen Tagebucheinträgen. Sie ergaben einfach keinen Sinn. Ich war am Rande der Verzweiflung. Dennoch musste in Ihnen der Schlüssel zu den vergangenen Ereignissen liegen. Das war mir schnell bewusst geworden. „Lesen Sie. Gebrauchen Sie Ihre Phantasie“, hatte Guillome gesagt. Wenn ich also etwas über mich Selbst erfahren wollte, musste ich den Einträgen Sinn verleihen. Es gab auch einen anfänglichen Erfolg. Eine einfache Schreibprobe hatte ergeben, das die Schrift in dem Büchlein eindeutig zu meiner Hand gehörte. Auf die erste Freude folgte jedoch Ernüchterung. Keiner der Einträge, kein Satz, kein Wort vermochte den Schleier des Nichts zu lüften. Nicht einmal ein Gefühl lösten sie aus. Was da stand hatte für mich keine Bedeutung, es war im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. Also ging ich dazu über, aus den Einträgen eine neue Bedeutung zu konstruieren. Umständlich kritzelte ich die noch leeren Seiten des Büchleins voll. „Yusuf sagt ‘Geld spielt keine Rolle’“, verband ich mit „heute Morgen Spielzeug gekauft“. Unter den Satz „Heute ist kein gewöhnlicher Tag“ setzte ich „Treffen heute abend 19:00h“. Dazu formulierte ich eigene Gedanken und Hypothesen: „Ist Spielzeug verschlüsselter Code?“, „Wo findet Treffen statt?“. Danach durchsuchte ich das Büchlein wiederum nach Antworten auf diese Fragen. Am Ende hatte ich das Büchlein mehrmals gelesen und etwa zehn neue Seiten mit Text gefüllt. Als ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte und zu wiederholen begann, gab ich auf. Der großen Uhr in der Küche zufolge war es mittlerweile zwölf Uhr mittags, ich hatte Hunger und nur noch fünf Stunden Zeit, Guillome Bericht zu erstatten. Wie auch immer dieser Bericht aussehen sollte. Alles was ich zu bieten hatte, waren ein ganzer Haufen arabischer Namen und den vagen Verdacht, dass es sich um eine Verschwörung handeln könnte. Das konnte für Guillome nichts Neues sein. Er kannte das Notizbuch, hatte möglicherweise sogar eine Abschrift. Ich fühlte mich mißbraucht. Ein geistloses Instrument in den Händen irgendeines Geheimdienstes - wie es aussah, des französischen – der mich benutzte, um wahrscheinlich entweder in Kontakt zu arabischen Terroristen zu treten oder sie zu beschatten. Und ich hatte nicht einmal den hauch einer Ahnung, worin dieser Kontakt bestand oder wie ich ihn herstellen sollte.
Der Hunger wurde deutlicher. Zudem spürte ich ein gewisses Verlangen nach Alkohol. Ich stand von meinem Stuhl auf und musste mich unverhofft wieder setzen. Mein rechtes Bein war eingeschlafen. Es kribbelte als würden tausend Ameisen zwischen Ferse und Oberschenkel hin- und herlaufen. Mühsam raffte ich mich auf und humpelte in Richtung Kühlschrank. Der faulige Gestank, der mir bei geöffneter Tür entgegenströmte, verschlug mir für einen kurzen Moment den Atem. Unglaublich, dass ich in diesem Loch, unter diesen Bedingungen leben sollte. Angewidert knallte ich die Türe zu und beschloß, die Wohnung zu verlassen und auswärts zu speisen. Ich wollte mich gerade umdrehen, um die Wohnungsschlüssel zu suchen, als mir ein großer, roter Zettel ins Auge stach, der ganz zentral auf der Kühlschranktür prangte. „Treffen in Ahmeds Wohnung 416, 19:00h“, prangte dort in dicken Blocklettern. Mein Herz schlug schneller und mein Magen wurde flau. Wie konnte ich nur eine solch deutliche Botschaft übersehen? Das konnte kein Zufall sein. Hastig griff ich zum Notizbuch. ‘Ahmed’, der Name war mehrfach erwähnt. Ich war aufgeregt wie ein Schuljunge. Endlich hatte ich meinen Kontakt gefunden. Im Gegensatz zu den Einträgen im Notizbuch beinhaltete die Nachricht auf dem Kühlschrank kein Datum. Das Treffen konnte heute oder nächste Woche stattfinden. Es konnte auch bereits vorüber sein und mit dem Treffen übereinstimmen, das am 12. Januar eingetragen war. Doch das durfte mich jetzt nicht entmutigen. Ich hatte eine Spur und die würde ich nicht mehr verlieren. Mit neuer Verve machte ich mich auf die Suche nach weiteren Indizien.
Ich musste blind gewesen sein. Die Wohnung war übersät mit Hinweisen und Hilfestellungen für mein alltägliches Leben. Überall fanden sich größere und kleinere Notizzettel, die mir erklärten, wo Kaffee und Zucker standen, wann die Wäsche fällig war, wo der Schlüssel zum Briefkasten lag, wo ich mein Notizbuch finden konnte. Nebensächlichkeiten, die sonst keiner Erwähnung bedürfen. Noch beeindruckender waren detaillierte Verzeichnisse über mir bekannte Menschen, genaueste Wegbeschreibungen und ausgefeilte Anweisungen zur Bewältigung des Tagesabläufe. Alles war so penibel organisiert als sollte jeglicher Zufall ausgeschlossen werden. Diese Erkenntnis überwältigte mich. Ganz so hatte ich mir die Reise zu meiner Identität nicht vorgestellt. Es konnte nur bedeuten, dass mein Gedächtnisverlust rekursiv war. Guillome hatte mir bereits mit seinem ersten Rat den entscheidenden Tip gegeben. Das alles war kein Scherz. Es war mein Leben. All meine Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität schwand dahin. Es würde nie wieder eine Normalität geben, hat sie vielleicht nie gegeben. Ich schluckte tief. Glaubte mich übergeben zu müssen. Der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in eine klebrige geleeartige Masse. Es war unmöglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne gefährlich zu schwanken. Der Aufprall war dumpf aber hart. Während ich langsam in ein tiefes Schattenreich hinwegdöste, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Zu einem Gott, an den ich nicht glaubte und der nun doch meine letzte Hoffnung war. ‘Bitte lass mich nicht wieder vergessen. Bitte lass mich nicht wieder vergessen.’
Als ich wieder erwachte, war es bereits dunkel. Es dauerte eine Weile bis ich begriff wo ich mich befand. Ich lag zusammengerollt im Gang zwischen Küche und Schlafzimmer und zitterte am ganzen Körper. Es war eiskalt. Ich schleppte mich in die Küche und setzte mich schwerfällig auf den bereitstehenden Stuhl. Zwischen Erleichterung und Apathie schwankend konnte ich mich nicht entsinnen was schrecklicher sein sollte. Dass ich erneut ohne Gedächtnis aufgewacht wäre oder dass ich mich erinnern konnte. Im ersten Zustand wäre mir zumindest nicht bewusst gewesen, in welch furchtbarer Situation ich steckte. Ich hätte einfach weiter gehofft, dass ich mein Leben irgendwann zurückbekommen würde. Doch zu wissen, dass genau diese Situation wiederkehren würde, irgendwann, vielleicht erst in Tagen, vielleicht in der nächsten Sekunde, raubte mir fast den Verstand, der überraschend klar funktionierte. Außerdem hätte ich kein Wissen über mein zweites großes Problem, den wahrscheinlichen Grund für meine Anwesenheit in dieser stinkenden Bude. Egal welchen Auftrag Guillome für mich hatte, ich war nicht gewillt, ihn anzunehmen. Ich wollte mein Leben zurück. Und wenn es so aussah, dass ich jeden meiner Schritte protokollieren musste, um Ordnung in mein Leben zu bringen, dann sollte es so sein. Die Küchenuhr zeigte kurz vor fünf. Zeit für meinen Anruf bei Guillome.
„Oui, Institut d’Affaires Internationales“, meldete sich eine piepsstimmige Telefonistin. Irritiert warf ich einen zweiten Blick auf die Telefonnummer. Sie hatte keine Vorwahl.
„Pardonnez-moi mademoiselle, je ne parle pas bien le francais. Sprechen Sie deutsch?“
„Oui, eine bißchen Monsieur. Wie kann ich Ihnen älfen?“, säuselte sie.
„Wo sitzen Sie bitte?“
„Ich verstehe nicht, Monsieur.“
„Entschuldigung, ich meine, in welcher Stadt sind Sie?“
„Na in Paris, Monsieur, wo denn sonst?“ Ja, wo sonst? Was konnte mich heute noch überraschen? Ich verdrängte die Neuigkeit. Sollte sie mich später beschäftigen.
„Könnte ich bitte mit Monsieur Guillome sprechen bitte?“
„Monsieur Guillome? Monsieur Francois Guillome?“ Mein Auftraggeber hatte mir nicht gesagt, ob Guillome sein Vor- oder Nachnahme war.
„Ist das richtig bitte, Monsieur? Francois Guillome?“, erinnerte mich die Telefonistin daran, dass ich gerade ihre Zeit unnötig vergeudete. Vielleicht sprach sie ja gerade auf der anderen Leitung mit einer Freundin. Oder mit ihren Kindern oder ihrem Ehemann?
„Monsieur?“
„Ja, das ist richtig.“
„Un moment, ich verbinde.“
Die Leitung klickte und die glückliche Frau am anderen Ende konnte sich wieder ihren Lieben widmen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Einsamkeit gewohnt war. Es sah nicht so aus, als hätte ich tiefergehende soziale Kontakte. Aber wer wollte auch mit Jemandem zusammen sein, der jeden Morgen vergisst, dass er dich liebt?
„Ja bitte?“, Guillome klang gehetzt aber ich hatte nicht vor, seine Zeit zu vergeuden.
„Stecken Sie sich Ihre Angelegenheiten in den Allerwertesten Guillome“, schnauzte ich ins Telefon, „Ich bin raus aus der Sache.“ Dann knallte ich den Hörer auf die Gabel
Ich fühlte mich so wohl, wie… Ja, wie wann? Gab es in meinem Leben überhaupt Zeitangaben wie „nie“ oder „jemals“ zuvor? Zeitangaben, die weiter als 24 Stunden zurücklagen? Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln. Ich wusste, wer anrief. Eilig suchte ich ein paar warme Sachen und einen Mantel zusammen und nahm das Geld, das ich in der Schatulle gefunden hatte an mich. Ich war in Paris und ich wollte mich besaufen. Wenn ich schon jeden einzelnen Tag vergaß, so wollte ich ihn wenigstens genießen. Bevor ich die Wohnung verließ, nagelte ich ein DINA4-großes Blatt direkt über das Kopfteil meines Bettes: „Du verlierst jeden Tag Dein Gedächtnis! Lies die Zettel und durchsuche Deine Kleidung!
Tag 1
Tag 2
Das Geräusch klang wie ein verstimmtes Windspiel. Unregelmäßig, klappernd und quietschend. Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst war, woher ich es kannte. Geschirr. Jemand spülte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch der Sandmann hatte es letzte Nacht etwas zu gut gemeint. Die Lider klebten zusammen wie frisch getrockneter Mörtel und fast konnte ich ein reißverschlussartiges Ratschen hören, als ich sie dann doch aufbekam. Tief in die Höhle zwischen Augapfel und Nase reibend richtete ich mich im Bett auf. Ein verdächtiges Brummen im Schädel wurde mit jedem Klimpern etwas lauter. Verdammt! Ich befand mich in einer trostlosen Umgebung. Das winzige Zimmerchen war an Kargheit nicht zu überbieten. Außer ein paar Flaschen und Gläsern, die wirr verteilt auf dem Boden standen, gab es nur das durchgelegene Metallbett auf dem ich saß und ein versifftes Beistelltischchen, in dessen weiße Lasur sich dunkle Flaschenränder regelrecht hineingefressen hatten. Davor lag ein Haufen nachlässig weggeworfener Kleidung, ganz so, als hätte ich am Abend zuvor nicht mehr die Geduld gehabt, sie ordentlich zusammenzulegen. Ich schnappte mir die fleckige Jeans und das bereits nicht mehr geruchsneutrale T-Shirt und machte mich auf die Suche nach dem Ursprung des Geklappers.
In der Küche erwartete mich mein One-Night-Stand. Ein mittelgroßer, breitschultriger und auf den ersten Blick durchaus attraktiver Mann stand über dem Spülbecken und drehte mir den Rücken zu. Ach du meine Fresse, ich hatte das Ufer gewechselt! Bevor ich mich fragen konnte, wo ich dieses queere Prachtexemplar der Gattung Mann aufgegabelt und wie in aller Welt ich plötzlich meine eindeutig heterosexuelle Orientierung verloren haben könnte, drehte sich der Unbekannte zu mir um. „Ich habe mir erlaubt, etwas sauber zu machen. Hier sieht es ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Sein französischer Akzent war nicht zu überhören. „Sie putzen ja nie!?“
Er hatte „Sie“ gesagt. Er hatte eindeutig „Sie“ gesagt. Ein wohliger Schauer der Erleichterung lief mir über den Rücken. Die belustigt beigefügte, rhetorische Frage jedoch beunruhigte mich.
„Das ist nicht Ihre Wohnung?“, gab ich ein wenig einfältig zurück.
„Nein“, lachte er, „sie gehört Ihnen!“
Nun war ich doch etwas verwirrt. Ich hatte zwar das Gefühl, schon einige Alkoholeskapaden hinter mir zu haben. Aber ein solcher Blackout war mir noch nicht untergekommen. Das ich sogar meine eigene Wohnung vergessen haben sollte?!
Der Franzose musste meine Verwirrung wohl mitbekommen haben. „Am besten, Sie setzen sich und trinken erst mal eine schöne Tasse Kaffee“, forderte er mich auf.
Ich rückte mir den klapprigen Holzstuhl unter dem Küchentisch hervor und setzte mich vorsichtig, während der Fremde mir eine große Tasse schwarzen Kaffees über den Tisch schob. „Milch und Zucker sind leider aus. Wer weiß, seit wann schon.“
Dankbar nahm ich das dunkle Getränk entgegen. Es war so bitter, dass sich Geschmacksnerven und Mimik leidvoll krümmten. Nein, schwarzer Kaffee war nicht meine Sorte. Angewidert schob ich das Gebräu von mir. Um meine Gedanken zu ordnen, schob ich mir eine Frage zurecht. „Wenn das nicht Ihre Wohnung ist… Was tun Sie dann hier und wer sind Sie?“
Die Körpersprache meines Gegenübers zeugte von Souveränität. Mit einer ruhigen, eleganten Bewegung ließ er sich auf den noch freien Stuhl nieder und streckte das Kreuz durch, während seine rechte Hand in der Hosentasche verschwand. So tief zurückgelehnt betrachtete er mich eine Weile, als wäre ich ein Sorgenkind, über dessen Strafmaß er gerade zu befinden habe. Dann setzte er sich auf, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. Dabei deuteten seine beiden Zeigefinger direkt auf mein Gesicht. „Sie machen uns ganz schöne Probleme Herr Wunderlich“, sagte er mit ruhiger, sachlicher Stimme. „Gestern, das war eine Katastrophe und wir haben nur noch sechs Tage Zeit, also hören Sie mir gut zu.“
Das komische Benehmen des Unbekannten ging mir zunehmend auf die Nerven. Ich fühlte mich unwohl. Es passiert ja auch nicht jeden Tag, dass man ohne Erinnerungsvermögen aufwacht, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, wie wohl ein anderer Morgen hätte aussehen können. Die Vergangenheit war nichts als eine tiefe Leere. „Hören Sie“, begann ich, „anscheinend habe ich eine schlimme Nacht hinter mir und kann mich an überhaupt nichts erinnern. Vielleicht sagen Sie mir ganz einfach, wer Sie sind.“
Den Fremden schien die Bitte und die Genervtheit meines Tons nicht zu überraschen. „Mein Name ist Guillome“, antwortete er, „aber der ist im Grunde ausgesprochen nebensächlich. Sie finden ihn übrigens in diesem Notizbuch.“ Guillome drehte sich leicht zur Seite, fingerte ein kleines, schwarzes Notizbüchlein von der Ablage des Küchenschränkchens und reichte es mir. Irritiert hielt ich es in den Händen und betrachtete das abgegriffene Leder von allen Seiten. „Lesen Sie!“, forderte er mich auf.
Ich begriff den Sinn dieser ganzen Aktion nicht. Was für eine Geheimniskrämerei. Konnte der Typ nicht deutlicher werden? Oder wollte er nicht? Die Atmosphäre bekam plötzlich etwas Beklemmendes. Fahrig blätterte ich die ersten Seiten des Büchleins auf. Die Schrift war krakelig. Es hatte den Schreiber sichtlich Mühe gekostet, seinem Füller die wenigen Zeilen pro Seite abzuringen. Kurze, abgehackte Sätze, eher Merkhilfen als zusammenhängender Text, mischten sich mit rätselhaft symbolischen Skizzen. So waren z.B. einzelne Namen, einem Spinnennetz ähnlich, mit Strichen verbunden. Darunter eine kryptische Botschaft: ‘Heute bei Ahmed gewesen. Moncef kommt aus Sousse’. Die Einträge waren mit Kalenderdaten versehen und zogen sich über mehrere Wochen hinweg.
„Was zum Teufel soll das sein?“, fragte ich Guillome, „Erlauben Sie sich einen schlechten Scherz mit mir?“ Guillome sah jedoch nicht aus, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Mit gerunzelter Stirn und ausladender Geste bedeutete er mir, mich umzusehen. „Wirkt hier irgendetwas auf Sie wie ein Scherz?“, fragte er in einem Ton, der überdeutlich machte, dass es sich nicht um einen Spaß handelte.
„Ja, allerdings, das tut es“, brauste ich auf, „alles hier kommt mir vor wie ein schlechter Scherz. Ein inszenierter Alptraum, aus dem ich gerne aufwachen würde.“ Wütend funkelte ich meinen Gegenüber an, doch der machte keine Anzeichen, sein bedrücktes Gesicht abzulegen.
„Wenn Sie wüßten, wie nah sie damit an der Wahrheit sind, wären Sie wahrscheinlich nicht mehr bereit, uns in dieser Sache zu helfen und wir würden wertvolle Zeit verlieren. Es ist sicherer für Sie und uns, wenn Sie nicht zuviel wissen. Lesen Sie, sehen Sie sich genau um, seien Sie konzentriert, machen Sie sich Notizen und verlieren sie um Gotteswillen nicht wieder dieses Buch.“ Er deutete auf das kleine schwarze Notizbüchlein und schob mit der anderen Hand einen kleinen gelben Zittel über die Tischplatte. „Rufen Sie heute abend um fünf Uhr diese Nummer an und berichten Sie. Lösen Sie das Rätsel, Sie sind unsere letzte Verbindung.“ Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.
Seine Ansprache hatte mich so verwirrt, dass ich zuerst kaum reagieren konnte. Wurde ich etwa bedroht? War mein Leben in Gefahr? Kurz bevor Guillome die Tür erreichte rief ich ihm nach: „Was wollen Sie überhaupt, das ich für Sie tue?“
„Gebrauchen Sie Ihre Phantasie! Das ist alles, was ich Ihnen raten kann“, war die wenig zufriedenstellende Antwort. „Versuchen Sie nicht mir zu folgen! Das hätte böse Konsequenzen.“ Mit diesen Worten trat er aus der Wohnung und überließ mich meinem Schicksal. Unbehelligt ließ ich ihn ziehen. Jedes weitere Nachhaken schien zwecklos, und Guillome in seiner einschüchternden Art übermächtig. Ich fühlte mich klein und verloren. Wenn ich doch wenigstens einen Anhaltspunkt hätte. Irgendeine Information darüber, welche Aufgabe ich in diesem Spiel erfüllte. Wenigstens eine fahle Erinnerung an die letzten Tage und Wochen. Es war unheimlich. Obwohl ich um Zweck und Funktion der Dinge um mich wusste, ja mich sogar an billige Spionagefilme erinnerte, in welchen den Hauptdarstellern Ähnliches widerfahren war, so fehlte mir doch auch nur das leiseste Wissen über meine Existenz. Ich hatte sozusagen mein Selbst verloren.
Den Vormittag verbrachte ich grübelnd und brütete über den nahezu aussagelosen Tagebucheinträgen. Sie ergaben einfach keinen Sinn. Ich war am Rande der Verzweiflung. Dennoch musste in Ihnen der Schlüssel zu den vergangenen Ereignissen liegen. Das war mir schnell bewusst geworden. „Lesen Sie. Gebrauchen Sie Ihre Phantasie“, hatte Guillome gesagt. Wenn ich also etwas über mich Selbst erfahren wollte, musste ich den Einträgen Sinn verleihen. Es gab auch einen anfänglichen Erfolg. Eine einfache Schreibprobe hatte ergeben, das die Schrift in dem Büchlein eindeutig zu meiner Hand gehörte. Auf die erste Freude folgte jedoch Ernüchterung. Keiner der Einträge, kein Satz, kein Wort vermochte den Schleier des Nichts zu lüften. Nicht einmal ein Gefühl lösten sie aus. Was da stand hatte für mich keine Bedeutung, es war im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. Also ging ich dazu über, aus den Einträgen eine neue Bedeutung zu konstruieren. Umständlich kritzelte ich die noch leeren Seiten des Büchleins voll. „Yusuf sagt ‘Geld spielt keine Rolle’“, verband ich mit „heute Morgen Spielzeug gekauft“. Unter den Satz „Heute ist kein gewöhnlicher Tag“ setzte ich „Treffen heute abend 19:00h“. Dazu formulierte ich eigene Gedanken und Hypothesen: „Ist Spielzeug verschlüsselter Code?“, „Wo findet Treffen statt?“. Danach durchsuchte ich das Büchlein wiederum nach Antworten auf diese Fragen. Am Ende hatte ich das Büchlein mehrmals gelesen und etwa zehn neue Seiten mit Text gefüllt. Als ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte und zu wiederholen begann, gab ich auf. Der großen Uhr in der Küche zufolge war es mittlerweile zwölf Uhr mittags, ich hatte Hunger und nur noch fünf Stunden Zeit, Guillome Bericht zu erstatten. Wie auch immer dieser Bericht aussehen sollte. Alles was ich zu bieten hatte, waren ein ganzer Haufen arabischer Namen und den vagen Verdacht, dass es sich um eine Verschwörung handeln könnte. Das konnte für Guillome nichts Neues sein. Er kannte das Notizbuch, hatte möglicherweise sogar eine Abschrift. Ich fühlte mich mißbraucht. Ein geistloses Instrument in den Händen irgendeines Geheimdienstes - wie es aussah, des französischen – der mich benutzte, um wahrscheinlich entweder in Kontakt zu arabischen Terroristen zu treten oder sie zu beschatten. Und ich hatte nicht einmal den hauch einer Ahnung, worin dieser Kontakt bestand oder wie ich ihn herstellen sollte.
Der Hunger wurde deutlicher. Zudem spürte ich ein gewisses Verlangen nach Alkohol. Ich stand von meinem Stuhl auf und musste mich unverhofft wieder setzen. Mein rechtes Bein war eingeschlafen. Es kribbelte als würden tausend Ameisen zwischen Ferse und Oberschenkel hin- und herlaufen. Mühsam raffte ich mich auf und humpelte in Richtung Kühlschrank. Der faulige Gestank, der mir bei geöffneter Tür entgegenströmte, verschlug mir für einen kurzen Moment den Atem. Unglaublich, dass ich in diesem Loch, unter diesen Bedingungen leben sollte. Angewidert knallte ich die Türe zu und beschloß, die Wohnung zu verlassen und auswärts zu speisen. Ich wollte mich gerade umdrehen, um die Wohnungsschlüssel zu suchen, als mir ein großer, roter Zettel ins Auge stach, der ganz zentral auf der Kühlschranktür prangte. „Treffen in Ahmeds Wohnung 416, 19:00h“, prangte dort in dicken Blocklettern. Mein Herz schlug schneller und mein Magen wurde flau. Wie konnte ich nur eine solch deutliche Botschaft übersehen? Das konnte kein Zufall sein. Hastig griff ich zum Notizbuch. ‘Ahmed’, der Name war mehrfach erwähnt. Ich war aufgeregt wie ein Schuljunge. Endlich hatte ich meinen Kontakt gefunden. Im Gegensatz zu den Einträgen im Notizbuch beinhaltete die Nachricht auf dem Kühlschrank kein Datum. Das Treffen konnte heute oder nächste Woche stattfinden. Es konnte auch bereits vorüber sein und mit dem Treffen übereinstimmen, das am 12. Januar eingetragen war. Doch das durfte mich jetzt nicht entmutigen. Ich hatte eine Spur und die würde ich nicht mehr verlieren. Mit neuer Verve machte ich mich auf die Suche nach weiteren Indizien.
Ich musste blind gewesen sein. Die Wohnung war übersät mit Hinweisen und Hilfestellungen für mein alltägliches Leben. Überall fanden sich größere und kleinere Notizzettel, die mir erklärten, wo Kaffee und Zucker standen, wann die Wäsche fällig war, wo der Schlüssel zum Briefkasten lag, wo ich mein Notizbuch finden konnte. Nebensächlichkeiten, die sonst keiner Erwähnung bedürfen. Noch beeindruckender waren detaillierte Verzeichnisse über mir bekannte Menschen, genaueste Wegbeschreibungen und ausgefeilte Anweisungen zur Bewältigung des Tagesabläufe. Alles war so penibel organisiert als sollte jeglicher Zufall ausgeschlossen werden. Diese Erkenntnis überwältigte mich. Ganz so hatte ich mir die Reise zu meiner Identität nicht vorgestellt. Es konnte nur bedeuten, dass mein Gedächtnisverlust rekursiv war. Guillome hatte mir bereits mit seinem ersten Rat den entscheidenden Tip gegeben. Das alles war kein Scherz. Es war mein Leben. All meine Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität schwand dahin. Es würde nie wieder eine Normalität geben, hat sie vielleicht nie gegeben. Ich schluckte tief. Glaubte mich übergeben zu müssen. Der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in eine klebrige geleeartige Masse. Es war unmöglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne gefährlich zu schwanken. Der Aufprall war dumpf aber hart. Während ich langsam in ein tiefes Schattenreich hinwegdöste, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Zu einem Gott, an den ich nicht glaubte und der nun doch meine letzte Hoffnung war. ‘Bitte lass mich nicht wieder vergessen. Bitte lass mich nicht wieder vergessen.’
Als ich wieder erwachte, war es bereits dunkel. Es dauerte eine Weile bis ich begriff wo ich mich befand. Ich lag zusammengerollt im Gang zwischen Küche und Schlafzimmer und zitterte am ganzen Körper. Es war eiskalt. Ich schleppte mich in die Küche und setzte mich schwerfällig auf den bereitstehenden Stuhl. Zwischen Erleichterung und Apathie schwankend konnte ich mich nicht entsinnen was schrecklicher sein sollte. Dass ich erneut ohne Gedächtnis aufgewacht wäre oder dass ich mich erinnern konnte. Im ersten Zustand wäre mir zumindest nicht bewusst gewesen, in welch furchtbarer Situation ich steckte. Ich hätte einfach weiter gehofft, dass ich mein Leben irgendwann zurückbekommen würde. Doch zu wissen, dass genau diese Situation wiederkehren würde, irgendwann, vielleicht erst in Tagen, vielleicht in der nächsten Sekunde, raubte mir fast den Verstand, der überraschend klar funktionierte. Außerdem hätte ich kein Wissen über mein zweites großes Problem, den wahrscheinlichen Grund für meine Anwesenheit in dieser stinkenden Bude. Egal welchen Auftrag Guillome für mich hatte, ich war nicht gewillt, ihn anzunehmen. Ich wollte mein Leben zurück. Und wenn es so aussah, dass ich jeden meiner Schritte protokollieren musste, um Ordnung in mein Leben zu bringen, dann sollte es so sein. Die Küchenuhr zeigte kurz vor fünf. Zeit für meinen Anruf bei Guillome.
„Oui, Institut d’Affaires Internationales“, meldete sich eine piepsstimmige Telefonistin. Irritiert warf ich einen zweiten Blick auf die Telefonnummer. Sie hatte keine Vorwahl.
„Pardonnez-moi mademoiselle, je ne parle pas bien le francais. Sprechen Sie deutsch?“
„Oui, eine bißchen Monsieur. Wie kann ich Ihnen älfen?“, säuselte sie.
„Wo sitzen Sie bitte?“
„Ich verstehe nicht, Monsieur.“
„Entschuldigung, ich meine, in welcher Stadt sind Sie?“
„Na in Paris, Monsieur, wo denn sonst?“ Ja, wo sonst? Was konnte mich heute noch überraschen? Ich verdrängte die Neuigkeit. Sollte sie mich später beschäftigen.
„Könnte ich bitte mit Monsieur Guillome sprechen bitte?“
„Monsieur Guillome? Monsieur Francois Guillome?“ Mein Auftraggeber hatte mir nicht gesagt, ob Guillome sein Vor- oder Nachnahme war.
„Ist das richtig bitte, Monsieur? Francois Guillome?“, erinnerte mich die Telefonistin daran, dass ich gerade ihre Zeit unnötig vergeudete. Vielleicht sprach sie ja gerade auf der anderen Leitung mit einer Freundin. Oder mit ihren Kindern oder ihrem Ehemann?
„Monsieur?“
„Ja, das ist richtig.“
„Un moment, ich verbinde.“
Die Leitung klickte und die glückliche Frau am anderen Ende konnte sich wieder ihren Lieben widmen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Einsamkeit gewohnt war. Es sah nicht so aus, als hätte ich tiefergehende soziale Kontakte. Aber wer wollte auch mit Jemandem zusammen sein, der jeden Morgen vergisst, dass er dich liebt?
„Ja bitte?“, Guillome klang gehetzt aber ich hatte nicht vor, seine Zeit zu vergeuden.
„Stecken Sie sich Ihre Angelegenheiten in den Allerwertesten Guillome“, schnauzte ich ins Telefon, „Ich bin raus aus der Sache.“ Dann knallte ich den Hörer auf die Gabel
Ich fühlte mich so wohl, wie… Ja, wie wann? Gab es in meinem Leben überhaupt Zeitangaben wie „nie“ oder „jemals“ zuvor? Zeitangaben, die weiter als 24 Stunden zurücklagen? Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln. Ich wusste, wer anrief. Eilig suchte ich ein paar warme Sachen und einen Mantel zusammen und nahm das Geld, das ich in der Schatulle gefunden hatte an mich. Ich war in Paris und ich wollte mich besaufen. Wenn ich schon jeden einzelnen Tag vergaß, so wollte ich ihn wenigstens genießen. Bevor ich die Wohnung verließ, nagelte ich ein DINA4-großes Blatt direkt über das Kopfteil meines Bettes: „Du verlierst jeden Tag Dein Gedächtnis! Lies die Zettel und durchsuche Deine Kleidung!
Tag 1















