Nur Gedanken

February 25, 2006

Wir waren Klowände

Filed under: Panorama - word2go @ 7:07 am


Am Schluss zieht man Bilanz. Ehrlich, korrekt und mutig. Jung von Matt haben es getan. Die Medien haben es getan. Die Blogger haben es getan. Ja, wir alle waren irgendwie Deutschland. Aufbruchstimmung aller Orten. Arbeitslose Kommunikationsdesigner durften ihrer Phantasie endlich freien Lauf und Hunde den Deutschlandhaufen scheissen lassen. Jean Remy von Matt durfte erfahren, dass in einer globalisierten Welt intern und extern untrennbar verbunden sind. Wir alle durften den Mund aufmachen und Vokalketten aneinander reiern. Ein kleingedruckter Bloggerpfurz konnte einen Orkan auslösen.



Wir waren Riesen, haben Technorati im Sturm erobert, wurden endlich von den echten Bloggern jenseits des großen Teiches wahrgenommen und sogar der Spiegel hat bei uns abgeschreiben. Von der Spree bis an die Isar haben wir mit vereinten Kräften einem Ludwigshafener Archivar zu globalem Ruhm verholfen. Spießer mit Weltmachtsanspruch.



Wie kein zweites Medium haben wir die Kampagne in die Köpfe der Menschen gehämmert. Deutschland, das ist eine Klowand, auf der sich jeder verewigen darf. Deutschland ist ein Ort, wo clevere Werbefritzen selbst dann noch einen Erfolg verbuchen, wenn das Markenbaby schon längst im eigenen Badewasser ersoffen ist. Frei nach dem Motto: auch schlechte Publicity ist Publicity. Am Ende steht eben die Bilanz und wenn die nicht stimmt, wird das ursprüngliche Ziel den Umständen angepasst. Vom Muntermacher für Deutschland zur Akquise für’s schweizer Unternehmensprofil ist’s nur ein kurzer Weg. Geiz ist halt doch geil.


+++im Original: "Geiz ist Geil". Weitere tolle Cartoons von J. Borer findet Ihr hier

February 23, 2006

100 Tage Kanzlerin - eine Bilanz

Filed under: Politisches - word2go @ 6:19 am

Deutschland grinst die Sonne aus dem Arsch. Angela Merkel reist durch die Welt, feiert einen Triumph nach dem anderen und genießt die Zustimmung der Bürger. Man möchte also meinen, die ersten hundert Tage der großen Koalition seien ein großer Erfolg.

So jubiliert Josef Joffe in der Zeit, dass Merkel zur Zeit gar nichts falsch machen könne, weil sie alles richtig macht. Ein schöner Satz. Doch worauf beruht diese Tautologie? Joffe fährt fort:

Die neue Kanzlerin aber redet der »Klarheit« das Wort, derweil sie unumgängliche Prinzipien festzurrt: Gewaltverzicht der Hamas, Anerkennung Israels, Fortsetzung des Friedenswegs. […] Genießt Merkel in Moskau jetzt weniger Respekt, weil sie sich mit Menschenrechtlern getroffen hat? Toben die Bushisten, weil sie Guantánamo angesprochen hat? Kränkelt Europa, weil Merkel ein wenig von Chirac ab- und auf Blair zugerückt ist? Wer das Richtige im richtigen Ton vorträgt, wer Freunde und Gegner nicht mit unbestimmten Signalen verwirrt, gewinnt just jene Glaubwürdigkeit, die Einfluss gebiert.

Ah ja, Klarheit und Glaubwürdigkeit sind also die angelegten Maßstäbe. Und die Unumgänglichkeit der Realpolitik. Auch gut. Hypothesen, die es zu prüfen gilt.

Merkel ist also von Chirac ab- und auf Blair zugerückt?
Wie denn das? Indem sie in guter alter Kohl’scher Manier das Scheckbuch zückte und damit in der deutschen Presse zur "Brückenbauerin" avancierte? Nur zur Erinnerung. Als Schröder das am Anfang seiner ersten Amtszeit probierte, wurde ihm der Ausverkauf der deutschen Interessen vorgeworfen. Wir wollten doch eigentlich nicht mehr der alleinige Zahlmeister der EU sein. Vergessen Herr Joffe?

Merkel hat also zu Guantanamo eindeutig Stellung bezogen?
Wie denn das? Wenn ich mich richtig erinnern kann, hatte sie gesagt, dass ein Lager wie Guantanamo nicht auf Dauer existieren könne. Ist das moralisch eindeutig? Im Bezug auf die Ächtung von Folter jedenfalls nicht. Die ist nun scheinbar ein bißchen erlaubt, nur nicht so lang und nicht ganz so öffentlich. Nein, klar war nur die Botschaft an Bush: wir werden Euch in dieser Sache nicht mehr auf die Finger klopfen, sondern haben nur einen guten Rat. Regelt das so schnell wie möglich.

Merkel hat gegenüber dem Iran eindeutig Stellung bezogen?
Das ist wohl die Realpolitik auf die Joffe abhebt. Entschuldigung, aber so viel Realismus hätte ich auch der Rot-Grünen Regierung zugetraut. Wer nicht sieht, welche Bedrohung Ahmadinedschad darstellt, müsste schon blind sein. Zudem ist das Risiko einer militärischen Eskalation des Konflikts verschwindend gering. Wir werden es erleben, dass der Wächterrat einknicken und Ahmadinedschad auf parlamentarischem Weg absägen wird, sobald die Situation für den Iran zu bedrohlich wird. Natürlich nur dann, wenn die internationale Einigkeit aufrecht erhalten wird. Eine äußerst billige Chance für Merkel, Deutschland zumindest zeitweise wieder als festen Partner der USA zu präsentieren.

So, das waren also die positiven Aspekte der ersten hundert Tage. Und wie sieht’s innenpolitisch aus? Nur eine positive Neuentscheidung konnte ich hier entdecken: Arbeitslosengeld II gibt’s für Jugendliche unter 25 nur zu 80%. Applaus!!!!

Leider resultiert diese Entscheidung nicht aus politischer Vernunft, sondern reiht sich nahtlos in den Kürzungs- und Steuererhöhungswahn der großen Koalition ein: Mehrwertsteuer rauf auf 19%, Rente mit 67, Zuschüsse nur noch für Billigmedikamente… Für welches Programm wurde Merkel nochmal gewählt? Kann sich jemand erinnern?

Ach ja, weitere Glanztaten der großen Koalition waren:

- Erlaubung des Anbaus gentechnisch veränderter Maissorten
- die Atomlobby darf wieder an die Tür klopfen
- frappierende Neuverschuldung

Kleine Frage am Rande. Was tut sich eigentlich auf der Großbaustelle Föderalismusreform?

February 19, 2006

Feuille Saveur KW8

Filed under: Panorama - word2go @ 6:16 am

Print

Anruf aus Mekka. Am Telefon ist Saudi-Arabiens erste Pilotin. »Inschallah«, sagt sie, so Gott will, »bin ich eine Pionierin.« Und ehe ihre Stimme einen Punkt hinter diese Hoffnung setzt, sagt Hanadi Zakarja Hindi noch einmal: »Inschallah.« Charlotte Wiedemann

Die Haut an Mangals Füßen ist zäher als Reifengummi. Sie schabt über Lehm. Sie kratzt über Schutt. Sie reibt über Asphalt. Aber sie reibt sich nicht ab. »Schau«, sagt Mangal stolz und streicht mit den Fingern über seine verhornte Fußsohle. »So hart wie die Straße.« Wolfgang Uchatius

In Owens Tagträumen, in denen Ereignisse der amerikanische Geschichte der letzten siebzig Jahre aufflackern, um schon im nächsten Moment zu zerplatzen, verhallt ein Leben. Christian Thomas

Meine Freiheit ist das nicht, liebe FAZ, liebe Oberbürgermeisterin, die auf diese Weise verteidigt wird. Vielmehr kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Freiheit hier gerade ganz massiv beschnitten wird. Peter Michalzik

Nun meinten wir doch gerade, aus den Debatten der letzten Wochen als Stärke der europäischen Kultur dies herausdestilliert zu haben: Dass sie Beleidigungen erträgt und wegsteckt, ohne nach der Zensur zu rufen. Eigentlich können die Europäer froh sein, dass der Film sie erreicht hat. Kai Strittmatter


Blogs

We commonly agree today with Kant, Mill, Bentham, Smith, Berlin and all the other fathers of modern liberalism, that one’s liberty ends, where it violates the life, property and human dignity of others. But, all too often, we seem to not understand what the philosophers really had to tell. word2go

Für viele Haitianer gilt René Preval politisch gesehen als „kleiner Bruder“ von Aristide. Doch er hat den Rückhalt der Elendsviertel in Haiti und gegen die kann kein Präsident in diesem Land regieren. Liberale Stimme

In school in Gaza, I learned hate, vengeance and retaliation. Peace was never an option, as it was considered a sign of defeat and weakness. At school we sang songs with verses calling Jews “dogs” (in Arab culture, dogs are considered unclean). xtaur

Er sang mich an, sagte mir wie sehr er mich lieben würde und bekam feuchte Augen. Ich bekam auch feuchte Augen, aber gleichzeitig kam ich mir unsensibel vor, denn offensichtlich hatte ich verkannt, dass dieser mir fremde Brauch, ihm wirklich was bedeutete. Nun bin ich nicht sonderlich gut darin, derartige Situationen souverän zu meistern. elle

February 17, 2006

Beckstein und die “bayrische Staatsbürgerschaft”

Filed under: Politisches, Panorama, Satirisches - word2go @ 6:10 am
 
Der bayrische Innenminister Günther Beckstein macht sich Sorgen um die Integrationswilligkeit von Ausländern äh, Muslimen und erklärt deshalb:

"Das Gesetz schreibt vor, dass Einbürgerungsbewerber Zweifel an der Verfassungstreue zuverlässig vor der Einbürgerung auszuräumen haben. Wir müssen vor der Einbürgerung feststellen können, ob der Bewerber mit beiden Beinen auf dem Boden unserer Verfassung steht", betont Innenminister Dr. Günther Beckstein. Deshalb wird Bayern ab 1. März 2006 jeden Einbürgerungsbewerber anhand einer möglichst umfassenden, aktuellen Liste befragen, ob er extremistischen oder extremistisch beeinflussten Organisationen angehört, sie unterstützt, ihnen angehört oder sie unterstützt hat. Dieses Verfahren wird die seit Jahrzehnten erfolgreich durchgeführte Regelanfrage bei den Verfassungsschutzbehörden in sinnvoller Weise ergänzen. Kein Verständnis hat Beckstein für die Kritik der Landtagsgrünen: "Nach wie vor sind die Grünen unfähig und unwillig, den Belangen der Inneren Sicherheit im notwendigen Maße Rechnung zu tragen. Wir können und wollen es uns nicht leisten, versehentlich Extremisten einzubürgern, die dann hinterher auf Dauer mit deutscher Staatsbürgerschaft hier leben und in aller Welt umherreisen könnten. Dies zu verhindern, ist der Fragebogen ein richtiges und wichtiges Mittel. Er umfasst alle Organisationen, die der Beobachtung durch den Verfassungsschutz unterliegen. Damit haben wir einen vordringlichen Teil des Gesamtkonzepts einer standardisierten Einbürgerungsprüfung verwirklicht."

Jetzt eifert die bayrische Staatskanzlei also schon den Baden-Württembergern hinterher. Jungs, das ging schon mal andersrum! Während aber der badenwürttembergische Einbürgerungstest eher ein Idiotentest ist, durch den wahrscheinlich nur der dümmstmögliche, ehrliche Terrorist fallen würde, macht die Staatskanzlei so richtig ernst:

Jetzt ist bekannt, was die Bayern meinten, als sie letzte Woche einen eigenen Einbürgerungstest ankündigten. Das bayerische Innenministerium will mehr als einen Muslim-Test. Wer einen deutschen Pass beantragt, soll nicht nur befragt werden, ob er einer islamistische Gruppierung angehört. Auch Die Linke.PDS, das Münchner Bündnis gegen Rassismus und der PDS-nahe Jugendverband solid stehen auf einer Ministeriums-Liste, die Bestandteil einer ab 1. März in allen bayerischen Gemeinden geltenden Weisung zur Einbürgerung ist. Die bayerischen Landtags-Grünen hatten das interne Papier, das der taz vorliegt, gestern veröffentlicht. Sie sprechen von einem "verheerenden Signal".

Der Muslim-Test ist also in Wirklichkeit ein Linken-Test. Nur wer auch CSU wählt ist in Bayern willkommen.

Lieber Günther, einer solchen Unverfrorenheit kann eigentlich nur auf eine Weise begegnet werden. Indem man nämlich noch einen Schritt tiefer in den anachronistischen braunen Dreck bayrischen Volkstum- und Traditionsbewusstseins watet:

Du bist a Franke und koa Bayer! Du kimmst vo ausserhalb vom Weißwurstäquator und hast uns übahaupt nix zum sagn. Vastehst? Oiso schleich de, du saudumma Preiß!!!

[via Dialog International und Too much Cookies]

February 15, 2006

Freedom of Speech

Filed under: Politisches - word2go @ 6:09 am



February 14, 2006

Death Cab For Cutie auf Deutschlandtour

Filed under: Musikalisches, Werbung - word2go @ 6:06 am

Mann, ich bin manchmal wirklich eine lahme Ente. Diesmal hätte ich fast vergessen, dass eine meiner Lieblingsbands, Death Cab For Cutie gerade auf Deutschlandtour ist. DCFC mag hierzulande vielleicht nicht allzu vielen Hörern bekannt sein, das Sideproject des DCFC-Sängers Benjamin Gibbard, The Postal Service, schon eher.


Wer also auf eine ausgewogene Mischung aus rockigen Gitarren und wunderschön fließenden Elektronikpophymnen steht, der sollte nun alles liegen und stehen lassen und sichein Ticket für eines der restlichen Konzerte zu ergattern, um die auch live sagenhaften Death Cabs zu genießen.

Für noch Unentschlossene gibt’s bei Epitonic ein paar Hörproben.

Die noch übrigen Konzerttermine:

14.02. Frankfurt, Batschkapp
15.02. Heidelberg, Karlstorbahnhof
16.02. Dresden, Starclub
18.02. München, Ampere

February 10, 2006

Bantam-Mais für die Seele

Filed under: Politisches, Panorama, Umwelt - word2go @ 6:50 am

 

Auf die Folgen der Patentierung genmanipulierter Getreide- und Gemüsesorten habe ich in diesem Blog schon desöfteren hingewiesen. Auf die Verwicklung unternehmerischer Gier und politischer Willkür im Biotechnologiesektor ebenfalls. Das Drama um den Verlust bäuerlicher Autonomie, der Sortenvielfalt und der Ernährungsqualität, das aus der Patentierung gentechnisch veränderter Pflanzen entsteht, ist mittlerweile schnell erklärt:




Weil Wind und Insekten Pollen bis zu einem Umkreis von etwa 10 km weit tragen können, verunreinigen Felder, auf denen gentechnisch manipulierte Pflanzen stehen, benachbarte, gentechnikfreie Kulturen. Kreuzungen paaren sich aus und machen es den Bauern unmöglich ihre Felder rein zu halten. Die Patentgesetzgebung verbietet es nun den Bauern, das verunreinigte Saatgut aufzuheben und neu anzupflanzen. Sie müssen also entweder von Unternehmen wie Monsanto genmanipuliertes oder auf dem freien Markt neues, genfreies Saatgut kaufen. Das treibt die Kosten das Anbaus nach oben und beschränkt die Autonomie des Bauern über die Bewirtung seiner Felder. Vor allem in den sogenannten Entwicklungsländern ist diese Art der Agrarökonomie für viele Bauern nicht mehr finanzierbar. Sie haben schlicht kein Geld, um jedes Jahr neues Saatgut zu kaufen.

Mittlerweile ist Monsanto - da Prozesse wegen Patentrechtsverletzungen, die das Unternehmen gegen kanadische Bauern führte, selten erfolgreich waren - dazu übergegangen sogenannte sterile Terminatorsamen zu züchten, die nur eine Erntesaison eingesetzt werden können. Das spart zum einen Prozesskosten und macht es dem Bauern von vornherein unmöglich, gegen das Patentgesetz zu verstoßen. Selbst das gesündeste Getreide ist dann nach dem Befall mit Monsanto-Pollen sozusagen zeugungsunfähig.

Noch schlimmer ist die Gefährdung der Biodiversität, die aus dem Zusammenspiel zweier Phänomene resultiert. Erstens neigen die Bauern verständlicherweise dazu, ihren Widerstand gegen Monsanto aufzugeben und die ertragreicheren, genmanipulierten Sorten anzubauen, da diese gewinnbringender sind und so die Zusatzkosten, die durch den jährlichen Saatgutneueinkauf entstehen, amortisieren können. Zweitens machen Kreuzungen verschiedener Pflanzen, z.B. aus Amaranth und Kartoffel, die angeblich die Nährstoffe beider Pflanzen vereinen den Anbau einer der beiden Pflanzen, in diesem Fall des Amaranths, unnötig.

Der Einsatz solcher Supersorten, z.B. in Afrika oder Indien, hat jedoch bereits gezeigt, dass es durch deren Genuss zu erheblichen Mangelernährungen kommt und nicht wenige Wissenschaftler machen sich bereits Gedanken darüber, dass der Einsatz von Gentechnologie in der Landwirtschaft eben nicht die versprochene Welternährungssicherheit hervorbringt, sondern das genaue Gegenteil. Die Welt hätte zwar mehr als genug zu Essen, würde aber trotzdem verhungern, da die wenigen verbliebenen Sorten nicht mehr die zum Leben notwendigen Vitamine und Proteine tragen könnten. Lebensmittel als weltweites Giffen-Gut? Skorbut als Alltagskrankheit der Moderne? Keine schöne Vorstellung!

Was können wir als Verbraucher nun gegen diese Entwicklung tun? Relativ wenig, dürfte man anfangs wohl meinen. Erstens sind wir keine Landwirte und können am Brotregal relativ selten kontrollieren, wieviel verunreinigtes Saatgut in einem Laib Brot steckt. Zweitens endet unsere Solidarität ja auch meistens dort, wo der Geldbeutel anfängt. Also bereits bei der Entscheidung zwischen Münze oder Schein. Und, seien wir ehrlich, wir entscheiden uns meistens für die Münze.

Eine Möglichkeit zeigt uns nun die "Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit" auf. Auf der eigens eingerichteten Homepage www.bantam-mais.de kann man bei ihnen kostenlos Samen für gentechnikfreien Bantamsüßmais und Informationsmaterial beziehen. Das Ziel der Aktion ist, dass möglichst viele Verbraucher diesen Süßmais im eigenen Garten anbauen, denn das würde einerseits zu Umsatzrückgängen bei Monsanto führen, anderseits dazu, dass immer mehr Privatpersonen und Betriebe, die Mais anbauen, ihr Auskunftsrecht über Anbaustandorte von Gentechnik-Mais in ihrer Nachbarschaft wahrnehmen. Würde die Aktion konsequent durchgeführt, sähe sich Monsanto vor einem Berg von Privat- und Sammelklagen. Ich finde diese Idee sehr förderungswürdig.

Und auch wir Blogs können mit unserer Multiplikatorfunktion etwas zum Gelingen dieser Aktion beitragen. Zum Einen natürlich, indem wir darüber schreiben. Zum Zweiten hat der Erfolg der Anti-Phentermine-Kampagne (acht der zehn ersten Treffer bei der Google-Suche nach Phentermin) von sum1 gezeigt, dass wir durchaus Macht haben, wenn wir uns vernetzen. Warum nicht auch diesmal?

Also hier der Aufruf: schreibt einen kritischen Artikel zu genveränderten Nahrungsmitteln, verlinkt Euch untereinander, auf Aufklärungsartikel usw. und vergesst nicht, den Namen Monsanto stets zu www.bantam-mais.de zu verlinken.

Ich werde natürlich, wie immer, hier auf jeden neuen Artikel verweisen. Ach ja, eins noch. Die "Interessengemeinschaft für gentechnikfreie Saatgutarbeit" finanziert ihre Arbeit ausschließlich über Spenden, deswegen hier die Kontonummer:

Zukunftsstiftung Landwirtschaft
Konto Nr. 30 00 54 16
Bei: GLS Gemeinschaftsbank Bochum
BLZ: 430 609 67
Stichwort: Bantam-Mais


Unterstützer

- Konsumblog, im Übrigen auch sonst sehr informativ.

- Infin3D bietet zusätzliche Informationen wie man sein Auskunftsrecht wahrnehmen kann.

- Eckpfeiler fordert uns auf, der "Organic Rebellion" beizutreten und verlinkt richtig auf Monsanto. Nachmachen!

- Ahmblog träumt von einer Grillparty mit selbstgezüchtetem Bantam-Mais.

- Der Greil führt ebenfalls ein sehr engagiertes Blog mit vielen Verweisen zu unterstützungswürdigen Aktionen.

- Monstropolis will ebenfalls den Genangriff abwehren und bietet uns in seinem Blog noch allerlei andere skurrile Fundstücke aus der Netzwelt.

- Gebloggte Welten hat sich den wunderschönen Maiskolben in den rechten Frame geklatscht. Davon will ich mehr sehen. Ansonsten teilt er auch nicht gerade zimperlich aus. Sehr lesenswert!

- Hoadl.net meint: Fresst Euren Gen-Dreck selbst!

- Nixxon05 will Monsanto den Hahn abdrehen und verweist auf die vorbildliche Drohung des Unternehmers Claus Hipp, ins gentechnikfreie Ausland abzuwandern.

- Hartz4all fordert unterdessen in gewohnt großartig satirischer Manier, Großkonzerne vor solch ökostalinistischen Cyberterroristen wie meinereiner zu beschützen.

- Vielfalter hat neben weiteren Informationen ein längeres Radiointerview der Wüsten Welle Tübingen mit den Initiatoren der Bantam-Mais Aktion zu bieten. Hörenswert!

- Life in Babylon frägt: "Und wo wächst Ihr Bantam?".

- Seenotjens hat eine tolle Übersichtsseite mit Links und Informationen zu Genfood zusammengestellt. Vor allem für das Interview mit Vandana Shiva gilt Lesepflicht!

- Somlu hat auch schon öfter mal über Monsanto geschrieben. Außerdem dreht sich SomlusWelt mittlerweile auf wordpress.

Word2go für den Grimme-Preis vorgeschlagen

Filed under: Satirisches - word2go @ 6:04 am


Exklusivmeldung aus der Blogosphäre erschüttert die Medienwelt:

Das ist eine sensationelle Neuerung in der deutschen Medienlandschaft. Zum ersten Mal ist ein Weblog, eine sogenannte "Klowand" für den Grimme-Preis vorgeschlagen worden. Zuverlässigen Quellen zufolge handelt es sich dabei um das unabhängig betriebene Blog word2go.

Nach Susanne Osthoffs Nominierung ist auch hier mit einem Aufschrei der konservativen Medien zu rechnen. Schließlich hatte word2go mehrfach Objektives, Gutmenschliches und Kritisches veröffentlicht.

Wir fragen uns: wird jetzt auch noch Metin Kaplan nominiert?

February 9, 2006

Donnerstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 6:02 am


Tag 3 (2)

Das kleine Lokal, eher eine Imbissbude, befand sich direkt gegenüber meines Wohnblocks und machte auf den ersten Blick keinen sehr einladenden Eindruck. Die wenigen Sitzgelegenheiten waren aus Plastik und an den Wänden triefte das Jahre alte Fett der dampfenden Friteusen. Kein sehr französischer Anblick. Das Essen jedoch war traumhaft. Während ich ausgehungert Kubbe bil Sainije in mich hineinstopfte, ein köstliches Gratin aus Kartoffeln, Hackfleisch, Lamm, Pinienkernen und allerlei Gewürzen, löcherte ich Ahmed mit Fragen. Seit wann ich hier lebte, seit wann wir uns kannten, ob ich denn einen Beruf habe…

Geduldig beantwortete Ahmed eine Frage nach der anderen. Nein, er wüßte nicht, dass ich berufstätig wäre, ich lebte noch nicht lange in Paris, er kenne mich erst seit zwei Monaten. Ich genoß die Vertraulichkeit die zwischen uns bestand. Für Ahmed war es anscheinend ganz normal, mich jeden Tag auf’s Neue zu informieren und ich merkte, dass es dadurch auch für mich leichter wurde, von meiner eigenen Situation Abstand zu nehmen und Interesse an seiner Person zu zeigen.

„Was machst Du eigentlich beruflich?“, fragte ich ihn und führte mir genüsslich einen weiteren Löffel Auflauf in den Mund.
„Ach“, antwortete er eher beiläufig, „ich habe ein Stipendium an der Université Pierre et Marie Curie. Ich studiere dort Chemie.“
„Oh, das ist dann aber eine ganz schöne Leistung“, platzte ich heraus und biss mir sogleich auf die Zunge. Ahmed musste ja glauben, dass ich ihm so etwas intuitiv nicht zugetraut hätte. „Ich… äh, meine, damit gehörst Du ja wohl zur wissenschaftlichen Elite.“
„Na ja, nicht ganz“, meinte er verlegen, „ich komme eigentlich aus dem Irak und meine Eltern waren vor dem Sturz Saddam Husseins im Untergrund tätig. Sie unterstützten eine wohltätige Organisation in ihrem täglichen Kampf gegen das Regime und im Gegenzug finanziert die Organisation nun mein Studium. Ich bekomme das Geld also weniger aufgrund meiner herausragenden Leistungen als aufgrund der Beziehungen meines Vaters.“

Ich hatte von solchen Schicksalen gelesen. Für viele junge Menschen in arabischen Diktaturen war ein Auslandstudium der beste Weg, dem Regime für eine Weile zu entkommen und gleichzeitig etwas für die Heimat tun zu können.
„Dann sind Deine Eltern aber sehr mutige Menschen“, erwiderte ich.
Ahmeds Gesicht verdunkelte sich. „Sie sind tot“, presste er hervor. Schmerz, Abscheu und Hass vereinigten sich zu einer entstellten Fratze. Ich erschrak. „Die Amerikaner haben sie auf dem Gewissen. Es war doch schon alles vorbei! Und dann kamen sie. Nachts.“

Ich war schockiert, auf eine Konfrontation mit dem Tod nicht gefasst. Es war wahrscheinlich schon in einem normalen Leben schwer, einem Hinterbliebenen vernünftig Trost zu spenden. Doch was konnte ich schon für eine Vorstellung davon haben, wie es ist wenn ein naher Mensch stirbt. War ich zu solchen Gefühlen überhaupt fähig?
„Wie sind sie umgekommen?“
„Ich weiss es nicht genau. Man sagt, die Amerikaner hätten nach Saboteuren gesucht. Angeblich hat sich mein Vater zur Wehr gesetzt, dann hätten sie um sich geschossen. Ich glaube das nicht. Mein Vater war ein friedlicher Mann.“
Ich wußte nicht, was ich ihm entgegnen sollte. Einfach nur Mitleid bekunden? Dafür kam mir seine Haltung irgendwie zu entschlossen, zu gefasst vor. Nein, er erwartete eine klare Stellungnahme. Ihm erklären, dass Krieg immer das Schlechte im Menschen hervorkehrt? Dass auch die amerikanischen Soldaten Angst hatten, als sie das Haus durchsuchten? Dass seine Eltern aufgrund einer durch ein Missverständnis hervorgerufene Panik getötet wurden? Ja, wenn ich es mir mit meinem neu gewonnen Freund verscherzen wollte… Ich wollte die USA nicht pauschal kriminalisieren und entschied mich für die erste, weniger folgenreiche Option.
„Das tut mir leid.“ Ein schwacher Trost.
„Ja, mir auch, lass uns über etwas anderes reden“, knurrte Ahmed und schob sein halb gegessenes Schisch von sich, „mir ist der Appetit vergangen.“

Seine ruhige Gelassenheit überraschte mich. Von einem Araber hätte ich mir eigentlich Heulen und Zähneknirschen, eben die typische Wehleidigkeit erwartet. Gleichzeitig amüsierte mich eine Einsicht. Ich mochte zwar mein Gedächtnis verloren haben, wohl aber nicht meine Vorurteile. Trotzdem, auch mir war der Appetit vergangen. Nachlässig putzte ich mir mit der Serviette die Soßenreste aus den Mundwinkeln und blickte aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite lungerte der merkwürdige Fremde aus dem Treppenhaus. Er schien auf irgendetwas zu warten. Ich stiess Ahmed an.
„Dort drüben. Der Mann. Wir sind ihm im Treppenhaus begegnet. Irgendwie kommt er mir unheimlich vor.“ Ahmed drehte sich nicht einmal um.
„Der ist fast immer hier. Vom französischen Geheimdienst. Er glaubt, ich wäre Terrorist.“
Ahmed brachte mich zum Lachen. „Und, bist Du?“
„Was, wenn es so wäre?“, entgegnete er knapp und hievte sich aus seinem Stuhl.


Tag 3 (1)

PI veröffentlicht Mordrohung gegen linken Blogger II

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 6:00 am



So, nach mehreren "interessanten" Zuschriften (warum eigentlich via Email Jungs? Habt ihr nicht die Eier, Eure sonst so fahrlässig gepostete Logorhoe auch in meinem Blog zu hinterlassen?), lasse ich mich doch noch einmal dazu hinreissen, etwas über Politically Incorrect zu schreiben. Ausserdem erhielt ich von Rollblau gestern einen schönen Kommentar mit einer besorgten Frage zum Thema, die ich nun hier beantworten werde:

————————————-
rollblau / Website (8.2.06 18:44)
Warum wird solch ein Weblog in so einem Fall nicht umgehend gelöscht ? Das dürfte wohl - neben der Strafbarkeit - ein eindeutiger Verstoß gegen die AGB sein, oder ? Derzeit scheinen die Sitten böse zu verrohen. In meiner Community trieb ein Stalker ebenfalls mit Morddrohungen sein Unwesen, wurde entfernt, meldete sich wieder an etc. Und bis vor kurzem zog eine junge Frau durch die blogs, beschuldigte Leute eines stasi - und ns - mäßigen Denkens. Ich find das inzwischen nicht mehr feierlich. LG rollblau
—————————————

Meine Antwort:

Ich fürchte, dass es leider nicht so einfach ist. Der Aufruf ging gegen den Nick "Dr. Dean" und war anonym. Wie "jurastudentin" in Deans Blog schön darstellt, ist so etwas strafrechtlich kaum nachvollziehbar. Man müsste sich also entweder gegen PI oder den Myblog-Hoster Nico Wilfer wenden. In dieser Hinsicht sind PI zwar spät, aber immerhin doch noch den Verpflichtungen nachgekommen und haben den Mordaufruf gelöscht. Zur Selbstzensur wird man PI auch kaum zwingen können. Also läge die Sache bei Nico.

Und hier gehen die Schwierigkeiten erst richtig los. Zur Begründung der Abschaltung müsste Nico gegen die auf PI veröffentlichten Inhalte abheben. Hier stünden ihm Artikel 5 (2) des Grundgesetzes

Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

und §166 des Strafgesetzbuches

Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen
(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2)Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.

zur Verfügung.

PI ist mittlerweile nach dem Bildblog das mit Abstand größte Blog in Deutschland und die Betreiber haben sich ein regelrechtes Netzwerk aus der rechten Szene aufgebaut. So schreibt dort z.B. unter dem Nick "Dr. Ralph K." ein ehemals hoher Burschenschaftsfunktionär. Solche Verbindungen beschäftigen in der Regel ein ganzes Heer von Anwälten, die auf die Verteidigung der Meinungs- und Pressefreiheit spezialisiert sind (warum, ist ja wohl klar).

Nico dürfte also im günstigsten Fall mit einer saftigen Abmahnung, im schlimmsten Fall selbst mit einer Anzeige rechnen. Zudem sind die Aussichten auf einen späteren Erfolg vor Gericht gering. PI können z.B. auf eine Reihe von Journalisten, Henryk M. Broder, Dirk Maxeiner, Michael Miersch, Gudrun Eussner und allen voran Welt-Chefredakteur Roger Köppel, verweisen, die in namhaften Tageszeitungen denselben antiislamischen Müll verbreiten. Warum sollten die das dürfen und PI nicht? Die Meinungs- und Pressefreiheit ist in Deutschland ein hohes Gut und die Gerichte sind hier äußerst zauderlich. Verbote werden nur in den seltensten Fällen ausgesprochen und das ist in der Regel auch gut so.

Kritisch im Auge behalten sollte man die Entwicklung bei PI trotzdem. Um, etwas lapidar gesagt, den Zeitpunkt zum Zuschlagen nicht zu verpassen!

February 7, 2006

Dienstag

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:58 am


Und weiter geht’s im Wettbewerbstakt. Den Pinnocchio in Silber habe ich mir bereits stolz an meine imaginäre Trophäenwand phantasiert und danke nochmals der Jurorin Will für diese große Ehre. Er sieht einfach prachtvoll aus da oben. Der dritte Teil des geplanten Paris-Siebenteilers fällt heute etwas kürzer aus, morgen folgt dann der Nachmittag.

Tag 3 (1)

Ich saß am Frühstückstisch und klammerte mich an meine bittere Tasse schwarzen Kaffees. Es passiert schließlich nicht jeden Tag, dass man aufwacht und erfährt, keine Vergangenheit zu haben. Falsch, denn mir passierte es ja anscheinend jeden Tag. Die in der ganzen Wohnung drapierten Nachrichten und Merkhilfen hatten eine eindeutige Sprache. Den Morgen hatte ich damit verbracht, Informationen über mein Leben zusammenzutragen. Das Ergebnis war gar nicht so unbefriedigend. Ich war Deutscher und lebte im Pariser Vorort Argenteuil in einem ziemlich heruntergekommenen Wohnblock. Das Gleiche traf auch auf die Wohnung selbst zu. Sie befand sich in einem kläglichen Zustand, kurz davor, die Hilfe eines Kammerjägers zu benötigen. Bis auf gestockte Milch und verschimmelten Käse war mein Kühlschrank ebenso leer, wie die Küchenschränke. Trotzdem war ich im Besitz einer ganzen Menge Bargelds und das ebenfalls in der Geldkassette befindliche Sparbuch bei einer Pariser Bank wies ein stattliches Sümmchen auf. Wenn der Inhaber, Johann Wunderlich, und ich dieselbe Person sein sollten, wovon ich ausging, hatte ich auf Jahre hinaus ausgesorgt. Warum ich trotz des moderaten Reichtums im Müll lebte, konnte ich mir zwar noch nicht erklären, es sollte aber meine geringste Sorge bleiben. Jemand klopfte lautstark gegen die Tür.

Als ich die Tür einen Spalt öffnete, stand mir ein hünenhafter Araber gegenüber und grinste mich freundlich an. Seine dunklen Augen, denen eine scharfgeschnittene Hakennase etwas adlerhaftes gab, strahlten eine sanfte Ruhe aus. „Guten Morgen Jean“, begrüßte er mich in gebrochenem Englisch, „wie geht es Dir heute?“ Sein vertraulicher Ton und die Tatsache, dass er meinen deutschen Namen in französischer Übersetzung gebrauchte, ließen darauf schließen, dass wir uns offenbar gut kannten. Ich unterdrückte mein anfängliches Misstrauen.
„So weit ganz gut, komm doch bitte herein“, antwortete ich, trat einen Schritt zurück und bedeutete meinem unbekannten Gast, die Wohnung zu betreten. Er ließ sich nicht zweimal bitten. Gezielt steuerte durch den dunklen Gang auf die Küche zu, sah sich darin um und nickte zufrieden.
„Du hast einen guten Tag. Das freut mich für Dich. Ich bin Ahmed, Dein Nachbar und Freund, falls Du das noch nicht selbst herausgefunden haben solltest.“
Ich sah ihn bestürzt an. „Ja, ein guter Tag. Es könnte schlimmer sein!“, ließ ich meinem Zynismus freien Lauf.
Ahmed war meine Ängste anscheinend bestens gewohnt. Mit milder Stimme analysierte er meine albraumhafte Lage. „Manchmal ist es schlimmer, manchmal besser“, erklärte er ruhig, „in der Regel findest Du dich gut zurecht und bist sehr organisiert. Dann gelingt es Dir innerhalb weniger Stunden einen Punkt zu erreichen, ab dem Du ein einigermaßen normales Leben führen kannst. Doch in den letzten beiden Wochen warst Du wie ausgewechselt. Hochgradig verwirrt und paranoid. Du hast niemanden an Dich herangelassen und Dich selbst dann noch feindlich verhalten, als Du die Wahrheit über Dich bereits wusstest. Und Du hast Dich ständig bis zur Besinnungslosigkeit betrunken. So schlimm war es noch nie. Heute ist der erste Tag, an dem es Dir anscheinend wieder besser geht.“

‘Wahrheit’, ging es mir durch den Kopf, ‘welch ein Hohn, hier von Wahrheit zu sprechen’. Mein Leben war eine einzige Aneinanderkettung sinnloser, zusammenhangsloser Tage. Eine Realität ohne Anfang und Ziel. Für mich war Alles und Nichts wahr, wie sollte ich jemals zwischen wahr und unwahr unterscheiden? Obwohl ich instinktiv spürte, dass dies eine ungerechtfertigte Übertreibung war – ich konnte nämlich sehr wohl zwischen moralischen Kategorien unterscheiden, ich wusste sehr wohl, „welches“ Gebäude sich „wo“ in Paris befand, welche Linie ich nehmen musste, um an die Champs-Elysées zu kommen, wer der Bundeskanzler Deutschlands war und welche Länder zur Zeit gerade Krieg führten – fühlte ich mich verloren. Von meinem eigenen Leben wusste ich nur das, was auf den kleinen gelben Post-its stand, die, kreuz und quer in meiner Wohnung verstreut, Wände und Schränke tapezierten.

Ahmed schien meine Gedanken zu lesen. „Zerbrich Dir nicht den Kopf“, sagte er einfühlsam, „Du bist ein intelligenter Mensch. Es ist nicht so, dass Du keine Vergangenheit hättest. Du musst sie nur immer wieder suchen.“ Ich lächelte ihn schwach an. Wie verletzlich ich doch war. Und wie berechenbar. Es musste unglaublich langweilig sein für die Menschen in meiner Umgebung immer wieder, jeden Tag auf’s Neue meiner Suche nach dem Selbst beizuwohnen. Eine verkratzte Schallplatte, die selbst nach der mutigsten Ouvertüre die Nadel zwang, wieder dorthin zurückzukehren, wo ihre Reise begann. Wer konnte es der Nadel verübeln, dass sie irgendwann brach, sich weigerte, das hoffnungslose Intermezzo noch länger zu ertragen. Ich war den Tränen nahe. Ahmed legte mir seinen riesigen Arm auf die Schultern und schüttelte mich sanft.
„Lass den Kopf nicht hängen. Ich bin gekommen, um Dich zu fragen, ob Du Lust hättest mir runter zu kommen und etwas zu essen. Der Libanese unten am Eck hat heute Sonderangebote. Es täte Dir bestimmt gut, mal aus diesem Loch herauszukommen.“ Ich nickte. Essen war eine gute Idee und etwas Ablenkung konnte ich gebrauchen.

Gemeinsam verließen wir die Wohnung. Ahmed wollte noch eine wärmere Jacke aus seiner Wohnung holen, die meiner direkt gegenüber lag. Ahmed al-Hamdani stand auf dem Türschild direkt unter der Nummer 416. Auf unserem Weg durch das dunkle, mit häßlichen Graffiti verschmierte Treppenhaus, kam uns ein gutaussehender, breitschultriger Franzose entgegen, der uns argwöhnisch beobachtete. Als wir an ihm vorbeigingen, blieb er stehen und drückte sich ohne zu grüßen an die Wand. Irgendetwas an seinem Auftreten beunruhigte mich. Ich kam mir beobachtet vor.


Tag 2

February 6, 2006

“Muslim Süß”, human dignity and the limits of liberty

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 6:39 am



A lot has been said lately about the Muhammad-Cartoons, originally published in the Danish daily Jyllands Posten, that created regime-casted outrages throughout the dicatorships in the Middle East. European editors held high the flag of the freedom of speech, insisting that we are the West that we have the right to speak freely, and that political satire must be regarded as a specially protected instrument of expressing opinion, as satire can transmit truths, which otherwise would be regarded as an offense.

I concur to all of these arguments. A free press is essential for a working democracy and a functional civil society. It is one of the most valuable achievements of western culture and probably the major reason for the liberty we enjoy today. No doubt!

Yet, too little has been said about the limits of liberty. We commonly agree today with Kant, Mill, Bentham, Smith, Berlin and all the other fathers of modern liberalism, that one’s liberty ends, where it violates the life, property and human dignity of others. But, all too often, we seem to not understand what the philosophers really had to tell. That the limits of liberty are not always factual or clearly visible. That they are not lines between easy perceivable antagonisms, like alive/killed, give/take or independent/dependent. That they do have a meaning.

We worship the sanctity of life not because every individual "is" autonomous, but because it "wants to be" autonomous; the sanctity of property not because we "do" possess, but because we "want" to possess; the sanctity of human dignity not because we "are" dignified, but because we "want" to live a dignified life, a humane life. Thus, the limits of liberty take on an essential social function. In a liberal society that freed itself from primordial and constructed hierarchies, like the rule of tribal elders, monarchy, tyranny, fascism or dictatorship they guaranty the persistence of social life, as we cannot want that everyone is allowed to kill others, to steal from others or to violate the dignity of others. If this was the case, we either would be doomed or had to return to less liberal modes of organizing social life. This is the fundamental message of Kant’s categorical imperative.

The cartoons of the prophet Muhammad in the Jyllands Posten therefore are not merely a matter of bad taste or simple reciprocity. For the first, they violate the dignity of every single Muslim in the world, as depicting Muhammad as a terrorist unambigously implies that every single Muslim in the world "is" a terrorist. There is no second way of interpretation, wherefore the campaign started by Jyllands Posten fatally reminds of the caricatures the Nazis drew of Jews in the beginning of national socialism. Would anyone today dare to say that these caricatures were protected by the freedom of speech? Would anyone dare to say that the seeding of hatred against a whole entity, might this be a class, religion, race or whatever, is protected by the freedom of speech? Of course the quality of the then antizionist propaganda of the Nazis was way worse, "unthinkable" as Hannah Arendt once said. But does the fact that the people behind the campaign, those who circle the pictures around the internet, those who identify with it, saying "yes, you’re right, they’re all bastards", do not have the power yet to reach out and make true what they are wishing for…, does it make the ideology shown behind the Muhammad-Cartoons any better? For this reason, the argument that Islamist Cartoons depicting Israel and the West are much worse, is not even worth a second thought. Does this in any way legitimate to leave our high standards of liberalism behind and to climb down to the abyss of communication that was and is common in dictatorial regimes?

Even if the majority of the European public may think that Jylland Posten was right and even if one can single out Muslim groups who do not feel offended by the cartoons, the violation of dignity cannot be reversed or denied. This is, because liberty is the one thing making our western democracies special and the limits of liberty, which are codified in most constitutions as fundamental human and civil rights, have been designed to avert exactly such developments like the one being on its way now: "a tyranny of the majority". Violations of the limits of liberty cannot be measured by the quantity of affirmations and repudiations. In a liberal society they have to be universal. Otherwise we should not call our societies liberal anymore!

In their passion for liberty, European editors should be aware of the fact that Jyllands Posten is a far right-leaning newspaper, which more than once offered a forum for testified Neo-Nazis and published opinions considered unconstitutional in many European countries. They should also be aware of the fact that Jylland Posten anticipated the commotion it was going to cause. Five of the twelve initially published cartoons already delt with the reaction in the Muslim world. Thus, the editors knew what they are going to do. They had a clear goal and they achieved it. It was a well coordinated, intentional provocation. A seeding of hatred in the classical "us"-against-"them" scheme that is archetype for anachronistic illiberal regimes.

If we continue down this road and do not distance ourselves from the cartoons and their underlying intentions, we risk to step into the trap of a straightforward and untamed libertarianism, confusing liberty with the unlimited right for everything. In an irrational feeling of cultural superiority "we" would pay "them" out with the same coin, we abominate so much. Is this how we want to perceive our identity as the "Free West"?


Update: Dialog International takes on the topic with some well-balanced remarks. Read it here.

Fernsehtipp

Filed under: Politisches - word2go @ 5:56 am


Pentagon und CIA verfallen anscheinend zunehmend in eine mittlerweile wohlbekannte Präkriegstradition und fälschen schon wieder einmal Beweise. Diesmal für ein Nuklearwaffenprogramm des Irak. Zumindest will das der "Report Mainz" herausgefunden haben.

Was uns nach aus den Brutkästen geworfenen und am Boden zertretenen kuwaitischen Babies, terroristischen Pilotenmanuals und Powells unvergessener Powerpointpräsentation diesmal erwartet können wir heute abend um 21:45h in der ARD erleben.

Also nicht verpassen!


[via Marcel Bartels]

February 5, 2006

Tag 7

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:54 am
Nach meinem gestrigen Aussflug in die romantische Welt eines Lebens nach dem irdischen Tod, geht’s nun wieder ins Diesseitige. Na ja, nicht ganz. Eher in die idealistischen Sphären des - leider furchtbar utopischen - Traums von der besseren Welt. Irgendwie find’ ich es jammerschade, dass der Wettbewerb nun schon vorbei sein soll, es hat so irrsinnig viel Spaß gemacht. Und noch ein großes Dankeschön an Will für diese tolle Idee und die einfühlsame Moderation. Und bevor ich nun ganz im Pathos versinke, nur das Versprechen, dass die Pariser Gegenwartsbewältigung natürlich weitergeführt wird.


Tag 7

Mein Büro war leicht überhitzt. Die Sonne brannte durch die riesige Glasfront. Ich betätigte die elektrische Jalousie und lies sie etwa bis zur Hälfte herunter. Wenigstens spiegelte sich die Sonne nun nicht mehr auf meinem Desktop. Das Büro lag in einem Hochhauskomplex der Upper East Side und ich hatte hier vom 58. Stock einen wundervollen Blick auf den Central Park. Genießen konnte ich ihn kaum, das Telefon klingelte fast ununterbrochen. Als ich meine kleine Firma vor knapp 4 Jahren gründete, hätte ich von einem solchen Erfolg nicht einmal zu Träumen gewagt. Und doch war es ein Traum. Eine Privatfirma, die dafür bezahlt wird, dass sie die Überschüsse multinationaler Unternehmen an die Armen dieser Welt weiterleitet? "Eine Utopie!", war die häufigste Reaktion, die ich damals zu hören bekam. Doch ich gab nicht auf und klapperte stur eine Konzernzentrale nach der anderen ab. Heute war ich Millionär und meine Firma hatte über 5000 Mitarbeiter, die Leben in die Büroräume an der Upper East Side brachte.

Erneut klingelte das Telefon. "World Credit International?", meldete ich mich freundlich.
"Joe?",hörte ich die wohlbekannte Stimme am anderen Ende, "ich habe hervorragende Neuigkeiten."
"Hi Andrew", begrüßte ich den Geschäftsführer von Exxon Mobil, "was gibt es?"
"Joe, stellt Dir vor, wir haben im letzten Geschäftsjahr über 36 Milliarden Reingewinn erzielt. Kannst Du Dir vorstellen, was das bedeutet?"
Mein Herz schlug höher, es raste förmlich. 36 Milliarden! Im Kopf überschlug ich, welche Summe uns zur Verfügung stehen würde. Unglaubliche 28 Milliarden Dollar. Das war der höchste Einzelposten, der jemals zusammengekommen war.

"Andrew", fragt ich ungläubig nach, "wie ist das möglich?"
"Das ist Euer Verdienst Joe", antwortete Andrew, "Ihr habt den Deal mit Venezuela eingefädelt. Seit wir dort Fortbildungszentren eingerichtet und Jobs an Einheimische anstatt an teure Fachkräfte aus dem Ausland vergeben haben, kriecht uns Chavez fast in den Arsch. Vor allem die Einführung von Sozialleistungen und Firmenrenten hat uns auf dem ‘Social Responsibility Index’ nach oben katapultiert. Unsere Umsätze bei Esso Europa sind darauf um 35 % gestiegen."

"Das freut mich wirklich Andrew", antwortete ich. Es war verrückt. In der Anfangsphase, als die ersten Global Player die Chance witterten über eine Zusammenarbeit mit meiner Firma eine Verbesserung ihres Rufes zu erreichen, hatte ich noch alle Hände voll zu tun, die Aufsichtsräte davon zu überzeugen, dass Einmalzahlungen, große Infrastrukturprojekte oder Bauvorhaben zwar einen kurzfristigen Reputationsgewinn brachten, aber nicht der richtige Weg für nachhaltigen Erfolg und damit langfristige Kapitalakkumulation waren. Doch dann gelang es uns, die Konzernführung von United Fruit von unserem Konzept zu überzeugen und deren eigenes Fair-Trade Projekt ‘Bananastick’ als Marke zu etablieren. Seither rannten uns die Konzerne sprichwörtlich die Türen ein.

"Was wollt Ihr mit dem Geld machen?", fragte Andrew.
"Ich denke, wir machen es so wie immer", gab ich zurück, "wir splitten den Betrag und stecken die eine Hälfte in Kleinstkredite, mit der anderen fördern wir Expansionsprojekte älterer Klienten, die sich besonders bewährt haben."

Neben der Beratung großer Unternehmen hatte sich meine Firma auf die Vergabe von Kleinstkrediten an Bauern, Kleinunternehmern und Mittelständlern in sogenannten Dritte Welt Staaten spezialisiert. Wir wollten nicht dieselben Fehler machen, wie die großen staatlichen und nicht-staatlichen Entwicklungshilfeorganisationen und umfangreiche Hilfsprogramme unterstützen, die jegliche Eigeninitiative im Keim erstickten. Stattdessen konditionierten wir unsere Kredite auf folgende Weise: wir vergaben Kredite vorwiegend an Frauen, da sich diese als zäher und konsequenter erwiesen. Zudem eröffneten wir jedem Kleinbetrieb den zusätzlichen Anreiz, dass der Kredit nicht zurückgezahlt werden müsse, wenn der Betrieb innerhalb eines Jahres 10 Angestellte in Lohn und Brot halten konnte. Der Erfolg war durchschlagend. Kaum eines der neu gegründeten Unternehmen musste seine Schulden begleichen.

Für meine Firma war das kein Problem. Wir kassierten unsere Provisionen ausschließlich von den Global Playern, die ein Interesse am Reputationsgewinn aber vor allem an den aufblühenden neuen Märkten in Asien, Afrika und Südamerika hatten. Dafür langten sie gerne in die eigene Tasche. An manchen großen Universitäten der USA, z.B. Harvard, Columbia oder Stanford wurde sogar bereits gelehrt, wie diese Art der Entwicklungshilfe als Lagerinvestition verrechnet werden konnte. Die Welt der Ökonomie hatte sich grundlegend geändert.

"Das klingt wirklich sehr gut", freute sich Andrew, "könnt ihr uns so schnell wie möglich einen Investitionsplan schicken? Wir haben nämlich vor, in Caracas ein Fortbildungszentrum für Unternehmensgründer zu stiften. Wenn wir uns beeilen können vielleicht manche der Kreditempfänger bereits davon profitieren."

"Natürlich Andrew, wir machen auch das Unmögliche möglich", antwortete ich und legte zufrieden den Hörer auf.

February 4, 2006

Tag 6

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:52 am



Sie lag neben mir, kuschelig und warm. Über uns verwelkte die Milchstraße auf ihrer Milliarden Jahre dauernden Reise durch die Zeit. Sie zupfte mich gelegentlich am Arm, um mir zu beweisen, dass das alles kein Traum war. Ich revanchierte mich mal mit einem sanften Knuff, mal mit einer knisternden Berührung ihrer Haut, deren Energie weit hinaus in die Dunkelheit zu sehen war. Von Zeit zu Zeit waren unsere Begegnungen auch etwas feuriger. Dann erstrahlten wir als ein heller Stern, wuchsen enger zusammen, verschmolzen auf den Lippen, am Busen, in der Feuchte des anderen und erfüllten die leere Materie um uns mit Freudenfeuern. Und die Perlen des Schweißes, kostbar jede einzelne, stoben in die Nacht hinaus, dehnten und verengten sich und bildeten neue Welten für neue Liebende. So schwebten wir dahin, Reisende der Ewigkeit.

Schneeball

Filed under: Panorama - word2go @ 5:51 am
 
So so, ein Schneeball von Elsa

Schneebälle sind übrigens auch eine äußerst leckere, kokosflockige Kalorienbombe in der geheime Botschaften, Emailadressen oder Aphorismen versteckt sein können.


Vier Jobs, die ich hatte

nach dem Abi:
- selbstständiger Merchandiser (viel Geld, kaum Zeit; brachte mich auf den Wunsch, zu studieren)

während des Studiums:
- Arbeitsgruppe für empirische Bildungsforschung (wenig Geld, dafür Erkenntnis über die Unsinnigkeit quantitativer Methoden)
- SAP-Walldorf, Gobal IT-Support (rumsitzen und über T3-Leitung surfen)
- Deutscher Bundestag (Wahlkampfkoordination für einen SPD-Abgeordneten)


Vier Filme, die ich mir immer wieder ansehen kann

- Twelve Monkeys (Immer wieder Diskussionsbedarf)
- Desperado (ich weiss, aber Banderas ist einfach zu cool)
- The Stand (beste Stephen King Verfilmung, alberner Schluss, ansonsten 9 Stunden Gruseln am Stück)
- Singles (weil ich gerade gar nicht in deiner Gegend war)


Vier Plätze an denen ich gelebt habe

- Deggendorf (neblige Kartoffeläcker, gute Musik)
- München (miss you so much)
- Heidelberg (Selbstüberschätzung auf engstem Raum)
- Singapur (Dude, where is my country?)


Vier TV-Sendungen, die ich liebe

- Simpsons (natürlich!)
- Nils Holgersson (seit mindestens 25 Jahren nicht mehr gesehen, aber noch immer ganz tief im Herzen)
- Capriccio (Sonntagmorgenpflichtprogramm)
- Ottis Schlachthof (Heimatgefühle)


Vier Plätze an denen ich Ferien gemacht habe

- Marrakkesch (40 Grad vor schneebedeckten Bergen)
- Licata (Aussteigerzeit; als keine Fähre nach Malta ging, blieb ich einfach dort und arbeitete an der Strandbar)
- Pulau Tioman (die Schönste im südchinesischen Meer)
- Ko Phi Phi (nach Leos Zigarettenkippen gesucht)


Vier meiner Lieblingsmahlzeiten

- Scampi (in allen Kombinationen)
- Schäufala (der fränkische Schweinsbraten)
- polnische Würschtl (Weihnachtstradition)
- Prata/Roti (indische Mehlfladen mit charfer choche)


Vier Seiten, die ich täglich besuche

- Google-News (D;US;In;F; wird durchgekämmt)
- Arcor (Email)
- Perlentaucher (weil ich da irgendwann auch mal stehen will)
- Zeit (Stellenmarkt; eigentlich unsinnig, da die nächsten 5 Jahre bereits verplant sind, aber trotzdem)


Vier Plätze an denen ich jetzt lieber wäre

- Rafting auf dem Pai-River, Nordthailand
- Tauchen vor Ko Bida Nok
- Wandern durch die Teeplantagen der Cameroon Highlands, Malaysia
- auf dem Weg vom Lago di Garda nach Madonna di Campiglio, zu Fuß natürlich.


Vier Blogs, die das hier weiterführen sollen

Somlu
Vic
Francesco
Chief Pedro

February 3, 2006

PI veröffentlicht Morddrohung gegen linken Blogger

Filed under: Panorama - word2go @ 5:48 am



"Politically Incorrect - das politisch inkorrekte Weblog in Deutschland" und ihre vernetzten Kollegen waren mir ja schon immer ein Dorn im Auge. Nicht nur, weil sie in ihrem Hass auf islamistische Terroristen über die Stränge schlagen und pauschal den gesamten Islam als Abschaum der Menschheit an den Pranger stellen; nicht nur, weil sie unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit einen faschistoiden, wertkonservativen Gesinnungstotalitarismus propagieren; nicht nur, weil sie durch populistische Hetze Angst zu erzeugen versuchen, die freiheitlich denkende Menschen dazu bringen soll, sich ihrer Rechte und Freiheiten zu entledigen, um eben diese zu schützen; sondern auch und vor allem, weil sie durch ihre Kommentarpolitik Rechtsextremisten jeglicher Couleur und jeglicher Herkunft, die Möglichkeit geben, ihren rassistischen, menschenverachtenden und oft grob verfassungsfeindlichen Senf abzulassen, während sie mäßigende oder kritische Meinungen konsequent löschen.

Doch diesmal sind die "Herre(n)menschen" bei PI zu weit gegangen. Obwohl sie sonst im Löschen sprichwörtlich schneller sind als die Feuerwehr, haben sie einen Aufruf zu Mord an unserem Bloggerkollegen Dr. Dean über zwölf Stunden auf ihrer Seite veröffentlicht gelassen, ja haben der, von Dean geforderten, Löschung unter Berufung auf die Meinungsfreiheit widersprochen. Erst nachdem Dean den Myblog-Administrator Nico Wilfer einschaltete reagierte PI und nahm den Beitrag von der Website, nicht ohne nochmals eine saftige Breitseite gegen Dean zu schießen.

Das alles wäre auch nicht so traurig, wenn PI nicht mittlerweile zu einem der meistbesuchten Weblogs Deutschlands avanciert wäre. Eine Entwicklung, die einen angesichts von 6000 Besuchern pro Tag nachdenklich stimmt. Eine vernetzte Kampagne gegen PI wäre zwar angebracht, doch ich befürchte, diese würde dem Blatt zu viel Traffic und damit noch mehr Popularität bringen.

February 2, 2006

Tag 2

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 5:46 am

 

So, heute an Tag 4 und mit Verspätung die angekündigte Fortsetzung von Tag 2 der Parisphantastereien für Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben".

Tag 2

Das Geräusch klang wie ein verstimmtes Windspiel. Unregelmäßig, klappernd und quietschend. Es dauerte eine Weile, bis mir bewusst war, woher ich es kannte. Geschirr. Jemand spülte. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch der Sandmann hatte es letzte Nacht etwas zu gut gemeint. Die Lider klebten zusammen wie frisch getrockneter Mörtel und fast konnte ich ein reißverschlussartiges Ratschen hören, als ich sie dann doch aufbekam. Tief in die Höhle zwischen Augapfel und Nase reibend richtete ich mich im Bett auf. Ein verdächtiges Brummen im Schädel wurde mit jedem Klimpern etwas lauter. Verdammt! Ich befand mich in einer trostlosen Umgebung. Das winzige Zimmerchen war an Kargheit nicht zu überbieten. Außer ein paar Flaschen und Gläsern, die wirr verteilt auf dem Boden standen, gab es nur das durchgelegene Metallbett auf dem ich saß und ein versifftes Beistelltischchen, in dessen weiße Lasur sich dunkle Flaschenränder regelrecht hineingefressen hatten. Davor lag ein Haufen nachlässig weggeworfener Kleidung, ganz so, als hätte ich am Abend zuvor nicht mehr die Geduld gehabt, sie ordentlich zusammenzulegen. Ich schnappte mir die fleckige Jeans und das bereits nicht mehr geruchsneutrale T-Shirt und machte mich auf die Suche nach dem Ursprung des Geklappers.

In der Küche erwartete mich mein One-Night-Stand. Ein mittelgroßer, breitschultriger und auf den ersten Blick durchaus attraktiver Mann stand über dem Spülbecken und drehte mir den Rücken zu. Ach du meine Fresse, ich hatte das Ufer gewechselt! Bevor ich mich fragen konnte, wo ich dieses queere Prachtexemplar der Gattung Mann aufgegabelt und wie in aller Welt ich plötzlich meine eindeutig heterosexuelle Orientierung verloren haben könnte, drehte sich der Unbekannte zu mir um. „Ich habe mir erlaubt, etwas sauber zu machen. Hier sieht es ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.“ Sein französischer Akzent war nicht zu überhören. „Sie putzen ja nie!?“

Er hatte „Sie“ gesagt. Er hatte eindeutig „Sie“ gesagt. Ein wohliger Schauer der Erleichterung lief mir über den Rücken. Die belustigt beigefügte, rhetorische Frage jedoch beunruhigte mich.
„Das ist nicht Ihre Wohnung?“, gab ich ein wenig einfältig zurück.
„Nein“, lachte er, „sie gehört Ihnen!“
Nun war ich doch etwas verwirrt. Ich hatte zwar das Gefühl, schon einige Alkoholeskapaden hinter mir zu haben. Aber ein solcher Blackout war mir noch nicht untergekommen. Das ich sogar meine eigene Wohnung vergessen haben sollte?!
Der Franzose musste meine Verwirrung wohl mitbekommen haben. „Am besten, Sie setzen sich und trinken erst mal eine schöne Tasse Kaffee“, forderte er mich auf.
Ich rückte mir den klapprigen Holzstuhl unter dem Küchentisch hervor und setzte mich vorsichtig, während der Fremde mir eine große Tasse schwarzen Kaffees über den Tisch schob. „Milch und Zucker sind leider aus. Wer weiß, seit wann schon.“
Dankbar nahm ich das dunkle Getränk entgegen. Es war so bitter, dass sich Geschmacksnerven und Mimik leidvoll krümmten. Nein, schwarzer Kaffee war nicht meine Sorte. Angewidert schob ich das Gebräu von mir. Um meine Gedanken zu ordnen, schob ich mir eine Frage zurecht. „Wenn das nicht Ihre Wohnung ist… Was tun Sie dann hier und wer sind Sie?“

Die Körpersprache meines Gegenübers zeugte von Souveränität. Mit einer ruhigen, eleganten Bewegung ließ er sich auf den noch freien Stuhl nieder und streckte das Kreuz durch, während seine rechte Hand in der Hosentasche verschwand. So tief zurückgelehnt betrachtete er mich eine Weile, als wäre ich ein Sorgenkind, über dessen Strafmaß er gerade zu befinden habe. Dann setzte er sich auf, stemmte die Ellenbogen auf den Tisch und faltete die Hände. Dabei deuteten seine beiden Zeigefinger direkt auf mein Gesicht. „Sie machen uns ganz schöne Probleme Herr Wunderlich“, sagte er mit ruhiger, sachlicher Stimme. „Gestern, das war eine Katastrophe und wir haben nur noch sechs Tage Zeit, also hören Sie mir gut zu.“
Das komische Benehmen des Unbekannten ging mir zunehmend auf die Nerven. Ich fühlte mich unwohl. Es passiert ja auch nicht jeden Tag, dass man ohne Erinnerungsvermögen aufwacht, obwohl ich gar nicht hätte sagen können, wie wohl ein anderer Morgen hätte aussehen können. Die Vergangenheit war nichts als eine tiefe Leere. „Hören Sie“, begann ich, „anscheinend habe ich eine schlimme Nacht hinter mir und kann mich an überhaupt nichts erinnern. Vielleicht sagen Sie mir ganz einfach, wer Sie sind.“
Den Fremden schien die Bitte und die Genervtheit meines Tons nicht zu überraschen. „Mein Name ist Guillome“, antwortete er, „aber der ist im Grunde ausgesprochen nebensächlich. Sie finden ihn übrigens in diesem Notizbuch.“ Guillome drehte sich leicht zur Seite, fingerte ein kleines, schwarzes Notizbüchlein von der Ablage des Küchenschränkchens und reichte es mir. Irritiert hielt ich es in den Händen und betrachtete das abgegriffene Leder von allen Seiten. „Lesen Sie!“, forderte er mich auf.

Ich begriff den Sinn dieser ganzen Aktion nicht. Was für eine Geheimniskrämerei. Konnte der Typ nicht deutlicher werden? Oder wollte er nicht? Die Atmosphäre bekam plötzlich etwas Beklemmendes. Fahrig blätterte ich die ersten Seiten des Büchleins auf. Die Schrift war krakelig. Es hatte den Schreiber sichtlich Mühe gekostet, seinem Füller die wenigen Zeilen pro Seite abzuringen. Kurze, abgehackte Sätze, eher Merkhilfen als zusammenhängender Text, mischten sich mit rätselhaft symbolischen Skizzen. So waren z.B. einzelne Namen, einem Spinnennetz ähnlich, mit Strichen verbunden. Darunter eine kryptische Botschaft: ‘Heute bei Ahmed gewesen. Moncef kommt aus Sousse’. Die Einträge waren mit Kalenderdaten versehen und zogen sich über mehrere Wochen hinweg.
„Was zum Teufel soll das sein?“, fragte ich Guillome, „Erlauben Sie sich einen schlechten Scherz mit mir?“ Guillome sah jedoch nicht aus, als wäre er zu Scherzen aufgelegt. Mit gerunzelter Stirn und ausladender Geste bedeutete er mir, mich umzusehen. „Wirkt hier irgendetwas auf Sie wie ein Scherz?“, fragte er in einem Ton, der überdeutlich machte, dass es sich nicht um einen Spaß handelte.
„Ja, allerdings, das tut es“, brauste ich auf, „alles hier kommt mir vor wie ein schlechter Scherz. Ein inszenierter Alptraum, aus dem ich gerne aufwachen würde.“ Wütend funkelte ich meinen Gegenüber an, doch der machte keine Anzeichen, sein bedrücktes Gesicht abzulegen.
„Wenn Sie wüßten, wie nah sie damit an der Wahrheit sind, wären Sie wahrscheinlich nicht mehr bereit, uns in dieser Sache zu helfen und wir würden wertvolle Zeit verlieren. Es ist sicherer für Sie und uns, wenn Sie nicht zuviel wissen. Lesen Sie, sehen Sie sich genau um, seien Sie konzentriert, machen Sie sich Notizen und verlieren sie um Gotteswillen nicht wieder dieses Buch.“ Er deutete auf das kleine schwarze Notizbüchlein und schob mit der anderen Hand einen kleinen gelben Zittel über die Tischplatte. „Rufen Sie heute abend um fünf Uhr diese Nummer an und berichten Sie. Lösen Sie das Rätsel, Sie sind unsere letzte Verbindung.“ Dann stand er auf und wandte sich zum Gehen.

Seine Ansprache hatte mich so verwirrt, dass ich zuerst kaum reagieren konnte. Wurde ich etwa bedroht? War mein Leben in Gefahr? Kurz bevor Guillome die Tür erreichte rief ich ihm nach: „Was wollen Sie überhaupt, das ich für Sie tue?“
„Gebrauchen Sie Ihre Phantasie! Das ist alles, was ich Ihnen raten kann“, war die wenig zufriedenstellende Antwort. „Versuchen Sie nicht mir zu folgen! Das hätte böse Konsequenzen.“ Mit diesen Worten trat er aus der Wohnung und überließ mich meinem Schicksal. Unbehelligt ließ ich ihn ziehen. Jedes weitere Nachhaken schien zwecklos, und Guillome in seiner einschüchternden Art übermächtig. Ich fühlte mich klein und verloren. Wenn ich doch wenigstens einen Anhaltspunkt hätte. Irgendeine Information darüber, welche Aufgabe ich in diesem Spiel erfüllte. Wenigstens eine fahle Erinnerung an die letzten Tage und Wochen. Es war unheimlich. Obwohl ich um Zweck und Funktion der Dinge um mich wusste, ja mich sogar an billige Spionagefilme erinnerte, in welchen den Hauptdarstellern Ähnliches widerfahren war, so fehlte mir doch auch nur das leiseste Wissen über meine Existenz. Ich hatte sozusagen mein Selbst verloren.

Den Vormittag verbrachte ich grübelnd und brütete über den nahezu aussagelosen Tagebucheinträgen. Sie ergaben einfach keinen Sinn. Ich war am Rande der Verzweiflung. Dennoch musste in Ihnen der Schlüssel zu den vergangenen Ereignissen liegen. Das war mir schnell bewusst geworden. „Lesen Sie. Gebrauchen Sie Ihre Phantasie“, hatte Guillome gesagt. Wenn ich also etwas über mich Selbst erfahren wollte, musste ich den Einträgen Sinn verleihen. Es gab auch einen anfänglichen Erfolg. Eine einfache Schreibprobe hatte ergeben, das die Schrift in dem Büchlein eindeutig zu meiner Hand gehörte. Auf die erste Freude folgte jedoch Ernüchterung. Keiner der Einträge, kein Satz, kein Wort vermochte den Schleier des Nichts zu lüften. Nicht einmal ein Gefühl lösten sie aus. Was da stand hatte für mich keine Bedeutung, es war im wahrsten Sinne des Wortes wertlos. Also ging ich dazu über, aus den Einträgen eine neue Bedeutung zu konstruieren. Umständlich kritzelte ich die noch leeren Seiten des Büchleins voll. „Yusuf sagt ‘Geld spielt keine Rolle’“, verband ich mit „heute Morgen Spielzeug gekauft“. Unter den Satz „Heute ist kein gewöhnlicher Tag“ setzte ich „Treffen heute abend 19:00h“. Dazu formulierte ich eigene Gedanken und Hypothesen: „Ist Spielzeug verschlüsselter Code?“, „Wo findet Treffen statt?“. Danach durchsuchte ich das Büchlein wiederum nach Antworten auf diese Fragen. Am Ende hatte ich das Büchlein mehrmals gelesen und etwa zehn neue Seiten mit Text gefüllt. Als ich merkte, dass ich mich im Kreis drehte und zu wiederholen begann, gab ich auf. Der großen Uhr in der Küche zufolge war es mittlerweile zwölf Uhr mittags, ich hatte Hunger und nur noch fünf Stunden Zeit, Guillome Bericht zu erstatten. Wie auch immer dieser Bericht aussehen sollte. Alles was ich zu bieten hatte, waren ein ganzer Haufen arabischer Namen und den vagen Verdacht, dass es sich um eine Verschwörung handeln könnte. Das konnte für Guillome nichts Neues sein. Er kannte das Notizbuch, hatte möglicherweise sogar eine Abschrift. Ich fühlte mich mißbraucht. Ein geistloses Instrument in den Händen irgendeines Geheimdienstes - wie es aussah, des französischen – der mich benutzte, um wahrscheinlich entweder in Kontakt zu arabischen Terroristen zu treten oder sie zu beschatten. Und ich hatte nicht einmal den hauch einer Ahnung, worin dieser Kontakt bestand oder wie ich ihn herstellen sollte.

Der Hunger wurde deutlicher. Zudem spürte ich ein gewisses Verlangen nach Alkohol. Ich stand von meinem Stuhl auf und musste mich unverhofft wieder setzen. Mein rechtes Bein war eingeschlafen. Es kribbelte als würden tausend Ameisen zwischen Ferse und Oberschenkel hin- und herlaufen. Mühsam raffte ich mich auf und humpelte in Richtung Kühlschrank. Der faulige Gestank, der mir bei geöffneter Tür entgegenströmte, verschlug mir für einen kurzen Moment den Atem. Unglaublich, dass ich in diesem Loch, unter diesen Bedingungen leben sollte. Angewidert knallte ich die Türe zu und beschloß, die Wohnung zu verlassen und auswärts zu speisen. Ich wollte mich gerade umdrehen, um die Wohnungsschlüssel zu suchen, als mir ein großer, roter Zettel ins Auge stach, der ganz zentral auf der Kühlschranktür prangte. „Treffen in Ahmeds Wohnung 416, 19:00h“, prangte dort in dicken Blocklettern. Mein Herz schlug schneller und mein Magen wurde flau. Wie konnte ich nur eine solch deutliche Botschaft übersehen? Das konnte kein Zufall sein. Hastig griff ich zum Notizbuch. ‘Ahmed’, der Name war mehrfach erwähnt. Ich war aufgeregt wie ein Schuljunge. Endlich hatte ich meinen Kontakt gefunden. Im Gegensatz zu den Einträgen im Notizbuch beinhaltete die Nachricht auf dem Kühlschrank kein Datum. Das Treffen konnte heute oder nächste Woche stattfinden. Es konnte auch bereits vorüber sein und mit dem Treffen übereinstimmen, das am 12. Januar eingetragen war. Doch das durfte mich jetzt nicht entmutigen. Ich hatte eine Spur und die würde ich nicht mehr verlieren. Mit neuer Verve machte ich mich auf die Suche nach weiteren Indizien.

Ich musste blind gewesen sein. Die Wohnung war übersät mit Hinweisen und Hilfestellungen für mein alltägliches Leben. Überall fanden sich größere und kleinere Notizzettel, die mir erklärten, wo Kaffee und Zucker standen, wann die Wäsche fällig war, wo der Schlüssel zum Briefkasten lag, wo ich mein Notizbuch finden konnte. Nebensächlichkeiten, die sonst keiner Erwähnung bedürfen. Noch beeindruckender waren detaillierte Verzeichnisse über mir bekannte Menschen, genaueste Wegbeschreibungen und ausgefeilte Anweisungen zur Bewältigung des Tagesabläufe. Alles war so penibel organisiert als sollte jeglicher Zufall ausgeschlossen werden. Diese Erkenntnis überwältigte mich. Ganz so hatte ich mir die Reise zu meiner Identität nicht vorgestellt. Es konnte nur bedeuten, dass mein Gedächtnisverlust rekursiv war. Guillome hatte mir bereits mit seinem ersten Rat den entscheidenden Tip gegeben. Das alles war kein Scherz. Es war mein Leben. All meine Hoffnung auf eine Rückkehr zur Normalität schwand dahin. Es würde nie wieder eine Normalität geben, hat sie vielleicht nie gegeben. Ich schluckte tief. Glaubte mich übergeben zu müssen. Der Boden unter meinen Füßen verwandelte sich in eine klebrige geleeartige Masse. Es war unmöglich einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne gefährlich zu schwanken. Der Aufprall war dumpf aber hart. Während ich langsam in ein tiefes Schattenreich hinwegdöste, schickte ich ein Stoßgebet zum Himmel. Zu einem Gott, an den ich nicht glaubte und der nun doch meine letzte Hoffnung war. ‘Bitte lass mich nicht wieder vergessen. Bitte lass mich nicht wieder vergessen.’

Als ich wieder erwachte, war es bereits dunkel. Es dauerte eine Weile bis ich begriff wo ich mich befand. Ich lag zusammengerollt im Gang zwischen Küche und Schlafzimmer und zitterte am ganzen Körper. Es war eiskalt. Ich schleppte mich in die Küche und setzte mich schwerfällig auf den bereitstehenden Stuhl. Zwischen Erleichterung und Apathie schwankend konnte ich mich nicht entsinnen was schrecklicher sein sollte. Dass ich erneut ohne Gedächtnis aufgewacht wäre oder dass ich mich erinnern konnte. Im ersten Zustand wäre mir zumindest nicht bewusst gewesen, in welch furchtbarer Situation ich steckte. Ich hätte einfach weiter gehofft, dass ich mein Leben irgendwann zurückbekommen würde. Doch zu wissen, dass genau diese Situation wiederkehren würde, irgendwann, vielleicht erst in Tagen, vielleicht in der nächsten Sekunde, raubte mir fast den Verstand, der überraschend klar funktionierte. Außerdem hätte ich kein Wissen über mein zweites großes Problem, den wahrscheinlichen Grund für meine Anwesenheit in dieser stinkenden Bude. Egal welchen Auftrag Guillome für mich hatte, ich war nicht gewillt, ihn anzunehmen. Ich wollte mein Leben zurück. Und wenn es so aussah, dass ich jeden meiner Schritte protokollieren musste, um Ordnung in mein Leben zu bringen, dann sollte es so sein. Die Küchenuhr zeigte kurz vor fünf. Zeit für meinen Anruf bei Guillome.

„Oui, Institut d’Affaires Internationales“, meldete sich eine piepsstimmige Telefonistin. Irritiert warf ich einen zweiten Blick auf die Telefonnummer. Sie hatte keine Vorwahl.

„Pardonnez-moi mademoiselle, je ne parle pas bien le francais. Sprechen Sie deutsch?“
„Oui, eine bißchen Monsieur. Wie kann ich Ihnen älfen?“, säuselte sie.
„Wo sitzen Sie bitte?“
„Ich verstehe nicht, Monsieur.“

„Entschuldigung, ich meine, in welcher Stadt sind Sie?“
„Na in Paris, Monsieur, wo denn sonst?“ Ja, wo sonst? Was konnte mich heute noch überraschen? Ich verdrängte die Neuigkeit. Sollte sie mich später beschäftigen.
„Könnte ich bitte mit Monsieur Guillome sprechen bitte?“
„Monsieur Guillome? Monsieur Francois Guillome?“ Mein Auftraggeber hatte mir nicht gesagt, ob Guillome sein Vor- oder Nachnahme war.
„Ist das richtig bitte, Monsieur? Francois Guillome?“, erinnerte mich die Telefonistin daran, dass ich gerade ihre Zeit unnötig vergeudete. Vielleicht sprach sie ja gerade auf der anderen Leitung mit einer Freundin. Oder mit ihren Kindern oder ihrem Ehemann?
„Monsieur?“
„Ja, das ist richtig.“
„Un moment, ich verbinde.“

Die Leitung klickte und die glückliche Frau am anderen Ende konnte sich wieder ihren Lieben widmen. Ich hatte keine Ahnung, ob ich Einsamkeit gewohnt war. Es sah nicht so aus, als hätte ich tiefergehende soziale Kontakte. Aber wer wollte auch mit Jemandem zusammen sein, der jeden Morgen vergisst, dass er dich liebt?
„Ja bitte?“, Guillome klang gehetzt aber ich hatte nicht vor, seine Zeit zu vergeuden.
„Stecken Sie sich Ihre Angelegenheiten in den Allerwertesten Guillome“, schnauzte ich ins Telefon, „Ich bin raus aus der Sache.“ Dann knallte ich den Hörer auf die Gabel

Ich fühlte mich so wohl, wie… Ja, wie wann? Gab es in meinem Leben überhaupt Zeitangaben wie „nie“ oder „jemals“ zuvor? Zeitangaben, die weiter als 24 Stunden zurücklagen? Das Telefon klingelte. Ich ließ es klingeln. Ich wusste, wer anrief. Eilig suchte ich ein paar warme Sachen und einen Mantel zusammen und nahm das Geld, das ich in der Schatulle gefunden hatte an mich. Ich war in Paris und ich wollte mich besaufen. Wenn ich schon jeden einzelnen Tag vergaß, so wollte ich ihn wenigstens genießen. Bevor ich die Wohnung verließ, nagelte ich ein DINA4-großes Blatt direkt über das Kopfteil meines Bettes: „Du verlierst jeden Tag Dein Gedächtnis! Lies die Zettel und durchsuche Deine Kleidung!


Tag 1
 

 

February 1, 2006

Tag 3

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 10:06 am
20:30h gerade wollte ich die Fortsetzung zu Tag 1 abschicken, da fiel mein Blick hinüber zu Nachbarns hellerleuchtetem Fenster. Und…Nachbarns feiern eine Orgie, ja meine Güte. Das kann ich Euch wirklich nicht vorenthalten. Die Fortsetzung meiner unglaublichen Erlebnisse in der Stadt der Liebe gibt’s dann morgen.

20:35h gut, der Feldstecher ist in Position. Aber hallo, das sind eindeutig mehr Frauen als Männer. Also so was kommt in Echt doch gar nicht vor. Das gibt’s nicht. Nee, liebe männliche Leser, macht Euch da mal keine Hoffnungen, was die da drüben machen, ist eindeutig professionell. Das passiert einem normalen Mann im wirklichen Leben nie.

20:50h Autsch, das muss doch weh tun. Mädchen, das passt doch da gar nicht rein! Hör doch auf! Nein!!!

20:55h Sie hat es endlich geschafft. Also mit Kinder kriegen hat die mal keine Probleme mehr. Ehrlich.

21:15h Mittlerweile geht’s richtig zur Sache. Häuptlings flotte Zunge rotiert auf Höchstleistung. Der muss doch langsam einen Kieferkrampf kriegen.

21:45h Zwischenbilanz. Anzahl sekundärer Geschlechtsorgane: zehn (doppelte Wertung) für gut befunden. Mindestens vier erscheinen jedoch etwas ballonartig und berührungsresistent. Da hat wahrscheinlich der Chirurg gepfuscht. Anzahl primärer Geschlechtsorgane: sieben. Fünf hübsch, zwei so ähnlich wie meines.

22:15h Den Männern geht langsam die Puste aus. Die Frauen beschäftigen sich daher mit sich selbst. Ah ja, sieht interessant aus. Sehr langsam und genüßlich. Werd’ ich mir merken. Da kann Häuptling flotte Zunge noch was lernen. Nachteil: Man sieht eindeutig nicht so viel.

22:40h Also Frauen beim Sex zuschauen. Mal ehrlich. Wer würde sich nicht wünschen, dass seine Liebste wenigstens ein wenig bi veranlagt wäre. Aber Wunschtraumdenken aus, siehe auch Einlassungen unter 20:35h.

22:45h Die Männer haben sich anscheinend etwas ausgeruht und sind wieder am Zug. Sieht nach Grande Finale aus. Das muss ich mir jetzt nicht mehr anschauen. Das Übliche eben.

Phentermine/Phentermin IV

Filed under: Panorama - word2go @ 10:03 am


Nee, is klar, bei Fakten/Fiktionen wird verschwörungstheoretisiert, das der Phentermine/Phentermin Spammüll aus der NeoConjäger-Ecke rund um Daniel und Weltregierung kommt. Ja, wenn das Hirn fehlt….

Muharrrrrr

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