Tag 1
So, hier mein Beitrag zu Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben". Eine Siebentagewoche voller Spannung, Spiel und Schokolade.
Tag 1
Schwerfällig tastete ich in Richtung des Geräuschs. Das schwarze Loch in meinem Schädel sang bei jedem Summen leise mit. ‘Wo bin ich?’ Der Raum war kahl, kein Bild, kein Regal, nur eine abgefetzte Tapete. Das Summen verstummte. Beim Aufstehen stieß mein Bein auf etwas Kaltes. Klirrend fiel eine Flasche auf den Boden und entleerte ihren bitteren Inhalt. Ich musste ganz schön gebechert haben gestern abend. Und ich hatte wohl auch in meinen Sachen geschlafen.
Das Badezimmer war eine faulige Pfütze. Um den dreckigen Rand der Toilette nicht berühren zu müssen, pinkelte ich im Stehen und konnte nicht verhindern, noch ein paar mehr gelbe Tropfen auf dem schimmligen Vorleger zu verteilen. ‘Wo bin ich hier nur hineingeraten?’ An dem dreckigen, gesprungen Spiegel klebte eine Notiz: „Zahnbürste im Becher!“ Anscheinend war ich nicht allein in diese Barracke gekommen. Ich folgte dem dunklen Gang in die Küche. Niemand da. Das Chaos war von elendiger Natur. Geschirr stapelte sich im und rund um das Spülbecken, neben dem Herd stand eine fettverspritzte Kaffeemaschine. Die Koffeinablagerungen an der Innenwand der Kaffekanne waren scheinbar noch aus dem letzten Jahrhundert. Auch hier nur ein kleiner gelber Post-it: „8 Löffel auf eine Kanne“.
„Danke, verzichte!“, presste ich durch die Zähne und machte mich auf die Suche nach Aspirin. In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich ignorierte es. Ich musste verdammt noch mal etwas gegen diese Kopfschmerzen tun. Doch das Telefon ignorierte mich genauso. Unbeirrt klingelte es weiter. Ob der Besitzer dieser Müllhalde sich über die Existenz von Anrufbeantwortern im Klaren war? Mit beschlagener Stimme erwiderte ich den Anruf: „Ja?“
„Herr Wunderlich?“ Der Bariton am anderen Ende war sonor aber alt. Als hätte er in seinem Leben schon zu viele Arien gesungen. „Nein“, erwiderte ich knapp.
„Sie müssen sofort zu mir kommen!“ Der alte Herr klang ängstlich. Das Hämmern in meinem Kopf wurde unerträglich. „Ich glaube, Sie sind falsch verbunden“, antwortete ich und legte den Hörer auf.
Ich war gerade dabei, die aufgequollene Küchenschublade zu durchwühlen, da schepperte das Telefon erneut. „Ja, was ist denn noch?“ Ich brüllte fast in die Muschel.
„Herr Wunderlich, ich habe jetzt keine Zeit für Ihren allmorgendlichen Kater. Sie finden das Aspirin in der linken unteren Schublade des Küchenschränkchens. Nehmen Sie ein paar davon und kommen Sie her, aber dalli!“
Ich riss die Schublade auf, schob ein paar lose Blatt Papier zur Seite und sah die rettende Packung. Die verlotterte Wohnung gehörte also dem Mann am anderen Ende der Leitung.
„Wer sind Sie und was mache ich in Ihrer Wohnung?“
„Das klären wir später“, beschwichtigte der Bariton. „Nehmen Sie sich ein Taxi und kommen Sie in die 21 Rue de la Fayette. In spätestens einer Stunde werde ich Sie dort treffen. Seien Sie pünktlich!“
Mir entglitt fast der Hörer. ‘Paris? Was um Himmels Willen?’ „Hören Sie…“, rief ich ins Telefon, doch ein langes Pfeifen gab mir zu verstehen, dass das Gespräch bereits beendet war.
Der Taxifahrer fuhr viel zu schnell, doch das interessierte mich wenig. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie ich nach Paris gekommen war und warum ich mich an nichts erinnern konnte. Dem verdreckten Wohnblock nach zu urteilen, dem ich gerade entstiegen war, verfügte der mysteriöse Anrufer nicht gerade über weitreichende finanzielle Mittel. Etwa zwanzig Minuten war ich an dubios glotzenden, marokkanischen Einwandererkids, sogenannten Maghrebianern, vorbei durch die heruntergekommenen Betonschluchten geirrt, um einen Taxistand zu finden. Während wir die Rue de Martre in Richtung Seine hinunterjagten, spiegelte sich rechterhand in einigen Kilometern Entfernung ein großer, klobiger Klotz in der Sonne. ‘La Grande Arche!’ Ich musste also irgendwo in Argenteuil oder Colombes ins Taxi gestiegen sein. Mein schmerzender Kopf arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Ich hatte so einige Fragen an den unbekannten Herrn.
Es war genau Viertel nach Elf, als der Taxifahrer in der Rue de la Fayette hielt. In einem Anfall von Panik durchsuchte ich meine Taschen nach etwas Geld. Ich hatte weder eine Geldbörse noch eine Brieftasche bei mir. Überhaupt musste ich eine ziemlich abgehalfterte Erscheinung bieten. Da die Dusche im Appartement nicht funktionierte, hatte ich mich nur notdürftig gekämmt und noch immer die Sachen an, in denen ich offenbar eingeschlafen war. In der linken Gesäßtasche meiner Jeans wurde ich schließlich fündig. Zwanzig Euro waren zwar nicht viel, durften aber reichen, um den Fahrer zu bezahlen. Mit einem muffligen ‘Merci Monsieur’ quittierte er, dass ich mir die verbliebenen 3,50 € bis auf den letzten Cent herausgeben ließ.
Die Rue de la Fayette war eine gigantische Einkaufsstraße und es wimmelte von Menschen. Kein guter Ort, um öffentlich einen Streit anzufangen. Doch genau darauf hatte ich große Lust. Das Haus mit der Nummer 21 befand sich unmittelbar gegenüber der Abzweigung zur Rue Saint Georges, wo ein kleines Eckcafé die Szenerie belebte. Das Klingelschild vor dem schmalen Treppenaufgang wies ein Architekturbüro aus. Als auch nach dem dritten Läuten niemand öffnete, steckte ich die Hände in die Manteltaschen, drehte mich zur Straße und hüpfte auf der Stelle. Obwohl die Januarsonne strahlte, fröstelte ich. Mein Atem bildete weiße Wölkchen und die Kälte zerrte an meinen Schäfen. Ich hatte Lust auf einen Drink und eine Zigarette. Die vorbeihuschenden Passanten zollten meinem zerzausten Auftreten kaum Aufmerksamkeit.
„Pardonnez moi. Est que vouz avez une cigarette, Monsieur?“, schnorrte ich in bestem Schulfranzösisch den nächstbesten Passanten an.
„Ja, einen Moment bitte“, erwiderte er in gebrochenem deutsch. So umständlich höflich war er wohl schon lange nicht mehr angesprochen worden und mein Akzent tat scheinbar sein Übriges, um mich sofort als Deutschen zu entlarven. Zumindest konnte ich mich noch nicht so lange an der Seine aufhalten. Mein Französisch war eindeutig verrostet.
Umständlich fummelte der nette Passant eine Packung Gitanes aus der Brusttasche. Ich bediente mich und nahm das angebotene Feuer dankend an. Zwei, drei tiefe Züge später fühlte ich mich etwas entspannter.
Am Café gegenüber tat sich was. Ich hatte die Zigarette etwa halb aufgeraucht, als ich den beleibten älteren Mann winken sah. Er stand auf Höhe der Auslage und fuchtelte zu mir herüber. Ich sah mich um. Nein, es war eindeutig, er konnte nur mich meinen. Niemand in meiner Nähe machte Anstalten einer Reaktion. Das musste meine mysteriöse Verabredung sein. Ich warf die Zigarette in den Rinnstein und wollte gerade hinübergehen, als ich sah, dass er sich bereits auf den Weg zu mir gemacht hatte.
Die nächsten Sekunden verliefen in Zeitlupe. Wie eine Raubkatze sprang ein zuvor am Seitenstreifen geparkter Kleinlaster den Alten an, überrollte ihn und raste mit quietschenden Reifen um die Kurve, die Rue Saint Georges hinauf. Während sich die kreischenden Passanten um das Unfallopfer versammelten, stand ich wie schockgefroren. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste etwas tun. Ich musste erfahren, warum ich in einer fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, in einem fremden Leben aufgewacht bin. Ich musste zu dem Mann! Unsanft und mit Nachdruck wühlte ich mich durch die, wilde Klagelaute ausstoßende, Menschenmauer und beugte mich über das Unfallopfer. Sein Atem rasselte schwer und ein hellroter Blutschwall, der mit jedem neuerlichen Hustenanfall aus seinem Mundwinkel quoll, verkündete einen raschen Tod. Die Lunge war gerissen. Als er mich wahrnahm, bäumte er sich auf und griff mit seiner Rechten nach mir.
„Nehmen Sie! Fragen Sie nach Guillome!“, röchelte er erstickt. Erst jetzt bemerkte ich, dass er in den erschlaffenden Fingern seiner rechten Hand einen zerknitterten Brief umklammert hielt.
„Wer sind Sie?“ Verzweifelt versuchte ich den Sterbenden wach zu halten und rüttelte an seinen Schultern. Er bedankte sich, indem er mir eine lange Spur Blut auf den Mantelärmel kotzte.
„Was mache ich hier?“
Es hatte keinen Sinn. Der Alte war nicht mehr ansprechbar. Die aufgerissenen Augen begannen sich zu verdrehen. Ich nahm den verschmierten Brief und steckte ihn unauffällig in die Innentasche meines Mantels. „Il est mort?“, fragte mich eine junge Frau, an deren Brüste ich beim Aufstehen gestoßen war. Ich drehte mich um. „Oui, il est mort“, schnaufte ich atemlos aus. Die Frau brach in Tränen aus. Offenbar hatte sie den Unfall genauso lebendig mitangesehen wie ich. Doch ich besaß nicht die Kraft sie zu trösten. Stattdessen tupfte ich ihr niedergeschlagen mit der Handfläche zweimal leicht auf den Oberarm und zwängte mich an ihr vorbei. Ein wilder Drang zu trinken überkam mich. Ich wollte mich besaufen und die schrecklichen Bilder des gerade Erlebten verdrängen. Doch ich wusste nicht wohin. Und ich wusste auch nicht weiter. Vielleicht war es ja besser, auf die Polizei zu warten, deren Kommen die nahende Sirene bereits ankündigte. Wenn die Polizei etwas über die Identität des Verstorbenen wusste, konnte sie vielleicht auch mir helfen.
Abseits der Menschenmenge glättete ich den zerknüllten Brief. Das Ergebnis war enttäuschend. Ein kaum leserliches Akronym und fünf Zahlen waren flüchtig hingekritzelt: BDF 07731. Das konnte alles mögliche sein. Ein Nummernkonto, eine Adresse, ein Schließfach… Wenn das ein Hinweis sein sollte, dann hatte mir der Alte ein gehöriges Rätsel aufgegeben. Ich steckte den Brief zurück und ließ die Schultern hängen. Es war wohl tatsächlich besser, auf die Polizei zu warten.
Den Entschluss, die Beamten über die Existenz des Briefes im Unwissen zu lassen, fasste ich, als der größere der beiden Ermittler, ein schwarzhaariger, unterernährter Lulatsch mittleren Alters mit einem unansehlichen aber dennoch arrogant wirkenden Schnauzbärtchen, etwa zum zehnten Mal nach meinem ständigen Wohnsitz fragte. Sie schienen mir den Gedächtnisverlust nicht abzunehmen, sondern fanden mich eher verdächtig. Mittlerweile saß ich seit über acht Stunden in der Gendarmerie und langsam machte sich Ernüchterung breit. Es war einfach nichts herauszubekommen. Weder über die Identität des Getöteten, noch über die Wohnung irgendwo in Argenteuil oder Colombes, noch über den Kleinlastwagen. Am meisten jedoch machte mir der Gedächtnisverlust zu schaffen. Der Nebel vor meiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten.
Ich startete einen neuerlichen, einen letzten Versuch. „Monsieur le Commissaire, wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich kenne diesen Mann. Ich weiss nur nicht woher. Ich habe in seiner Wohnung übernachtet, er hat mich angerufen, ich bin zum vereinbarten Treffpunkt gekommen und er wurde überfahren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe mein Gedächtnis verloren, ich habe kein Geld, ich habe kein Zuhause. Dieser Mann ist momentan der einzige Schlüssel zu meiner Identität, bitte helfen Sie mir.“
„Sie sagen, Sie hätten letzte Nacht getrunken?“ Der Lulatsch gab sich genervt.
„Ich sagte, ich glaube letzte Nacht getrunken zu haben. Neben meinem Bett stand ein ganzes Sammelsurium an alkoholischen Getränken und ich habe noch immer Kopfschmerzen. Ja, ich glaube ich habe sogar sehr viel getrunken.“
„Dann ist es wohl besser, Sie gehen nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus. Morgen sieht dann alles bestimmt wieder viel besser aus und auch Ihre Erinnerung wird irgendwann zurückkehren.“
„Ich habe keine Wohnung und auch keinen blassen Schimmer wo die Wohnung liegen könnte, in der ich heute morgen aufgewacht bin.“
„Dann gehen Sie eben in ein Hotel.“
Obwohl mich die stoische Ignoranz des Beamten inzwischen fast zur Weißglut brachte, klang meine Stimme matt. „Hören Sie, je n’ais pas d’argent! Können Sie denn nicht die deutschen Behörden informieren? Vielleicht werde ich zuhause schon vermisst.“
„Die deutschen Behörden informieren? Wegen eines Betrunkenen? Pah!“. Der arrogante Schnauzbartträger winkte hochmütig ab.
„Ist gut jetzt Frederic“, warf der Andere ein, „Wir können heute Nacht eine Zelle entbehren, da kann er erstmal schlafen. Morgen sehen wir dann weiter.“
Allem Anschein nach stand der zweite Kommisar in der Hierarchie höher als Schnauzbart oder genoß zumindest eine natürliche Autorität. Jedenfalls fügte dieser sich ohne Widerworte. Vielleicht war er auch einfach nur vom langen Verhör erschöpft.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie heute Nacht schlafen können. Ist zwar kein Luxus, aber wenn die Geschichten über Ihre gestrige Schlafgelegenheit stimmen, werden Sie mindestens zufrieden sein.“ Ich folgte dem breitschultrigen Polizisten willig durch die Gänge des Reviers. Ich war müde und zerschlagen. Ein Bett war alles, was ich wollte.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, eine Nacht lang eingesperrt zu sein“, witzelte er, als er die schwere Tür zum Zellentrakt öffnete und schenkte mir ein ermutigendes Lächeln.
„Nein. In einem anderen Leben, unter normalen Umständen schon. Aber heute bin ich froh, nicht unter einer Brücke an der Seine schlafen zu müssen“, gab ich zurück. Sicher war ich mir jedoch nicht. Irgendetwas beunruhigte mich. Was, wenn die Polizisten doch mehr wussten, als sie mir Glauben machen wollten. Was, wenn sie doch auf eine Verbindung zwischen mir und dem Getöteten stoßen sollten, die mich mit dem Mord in Verbindung bringt. Langsam wurden meine Gedanken klarer. ‘Mord!’ Natürlich war es Mord. Deshalb hatten mich die Polizisten so lange verhört. Der Fahrer des Lastwagens muss auf sein Opfer gewartet haben. Ein Mord der womöglich geschah, um zu verhindern, dass ich mich mit dem Getöteten treffen konnte. Panik und ein fast paranoides Gefühl überkamen mich.
„So, das ist Ihre Zelle, Dusche und Toilette inklusive. Und hier haben Sie Kleidung zum Wechseln.“ Mein Blick fiel auf die Gefängniskluft, die ordentlich zusammengelegt auf der schmalen Pritsche lag. Als ob alles schon für einen längeren Besuch vorbereitet wäre. Mein Magen zog sich zusammen und ich fing an zu zittern.
„Geht es Ihnen gut?“ Die Frage des Kommisars passte in keiner Weise zu seinem Gesichtsausdruck.
„Ja, es geht schon.“
„Sieht aus, als ob der Entzug bereits einsetzt.“ Frech grinste er mir ins Gesicht und zeigte mir zwei Reihen gelblicher Zähne. Mit einem „Schlafen Sie gut, mein Freund“, zog er die Zellentür hinter sich zu und entfernte sich ein paar Schritte.
„Was soll das heißen, Monsieur?“, rief ich ihm hinterher.
Ein leises Lachen war zu hören. „Sie werden sehen, mein Freund, Sie werden sehen… Übrigens, eins noch!“ Er drehte sich kurz und elegant auf dem Absatz. „Mein Name ist Guillome.“ Schnellen Schrittes eilte er hinaus und ließ mich verwirrt zurück. Dann klappte die schwere Tür ins Schloß.
Müde und niedergeschlagen ließ ich mich auf die Pritsche fallen. Es war ein Verwirrspiel und ich war mittendrin. Machtlos. Wie in einem riesigen Puzzle, bei dem alle Teile rund waren. Unmöglich sie zusammenzusetzen. Zudem hatte der Mann, der sich Guillome nannte recht. Die Schmerzen fühlten sich an wie Entzug. Die Beine waren bleischwer, der Magen krampfte und zitterte als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Doch das sicherste Zeichen war, dass die Gier nach Alkohol langsam übermächtig wurde. Ich litt Höllenqualen. Nur ein einziger Hoffnungsschimmer blieb. Guillome musste mich kennen. Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich hier machte. Doch der Kommisar kannte mich. Vielleicht kannte er auch die Bedeutung der Zahlen auf dem Brief. Aber das war zweitrangig. Zuerst musste ich mein Gedächtnis wiederfinden.
So drehten sich meine Gedanken eine ganze Weile. Erst nach mehreren Stunden des Wälzens und Grübelns übermannte mich ein traumloser Schlaf.
Tag 1
Schwerfällig tastete ich in Richtung des Geräuschs. Das schwarze Loch in meinem Schädel sang bei jedem Summen leise mit. ‘Wo bin ich?’ Der Raum war kahl, kein Bild, kein Regal, nur eine abgefetzte Tapete. Das Summen verstummte. Beim Aufstehen stieß mein Bein auf etwas Kaltes. Klirrend fiel eine Flasche auf den Boden und entleerte ihren bitteren Inhalt. Ich musste ganz schön gebechert haben gestern abend. Und ich hatte wohl auch in meinen Sachen geschlafen.
Das Badezimmer war eine faulige Pfütze. Um den dreckigen Rand der Toilette nicht berühren zu müssen, pinkelte ich im Stehen und konnte nicht verhindern, noch ein paar mehr gelbe Tropfen auf dem schimmligen Vorleger zu verteilen. ‘Wo bin ich hier nur hineingeraten?’ An dem dreckigen, gesprungen Spiegel klebte eine Notiz: „Zahnbürste im Becher!“ Anscheinend war ich nicht allein in diese Barracke gekommen. Ich folgte dem dunklen Gang in die Küche. Niemand da. Das Chaos war von elendiger Natur. Geschirr stapelte sich im und rund um das Spülbecken, neben dem Herd stand eine fettverspritzte Kaffeemaschine. Die Koffeinablagerungen an der Innenwand der Kaffekanne waren scheinbar noch aus dem letzten Jahrhundert. Auch hier nur ein kleiner gelber Post-it: „8 Löffel auf eine Kanne“.
„Danke, verzichte!“, presste ich durch die Zähne und machte mich auf die Suche nach Aspirin. In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich ignorierte es. Ich musste verdammt noch mal etwas gegen diese Kopfschmerzen tun. Doch das Telefon ignorierte mich genauso. Unbeirrt klingelte es weiter. Ob der Besitzer dieser Müllhalde sich über die Existenz von Anrufbeantwortern im Klaren war? Mit beschlagener Stimme erwiderte ich den Anruf: „Ja?“
„Herr Wunderlich?“ Der Bariton am anderen Ende war sonor aber alt. Als hätte er in seinem Leben schon zu viele Arien gesungen. „Nein“, erwiderte ich knapp.
„Sie müssen sofort zu mir kommen!“ Der alte Herr klang ängstlich. Das Hämmern in meinem Kopf wurde unerträglich. „Ich glaube, Sie sind falsch verbunden“, antwortete ich und legte den Hörer auf.
Ich war gerade dabei, die aufgequollene Küchenschublade zu durchwühlen, da schepperte das Telefon erneut. „Ja, was ist denn noch?“ Ich brüllte fast in die Muschel.
„Herr Wunderlich, ich habe jetzt keine Zeit für Ihren allmorgendlichen Kater. Sie finden das Aspirin in der linken unteren Schublade des Küchenschränkchens. Nehmen Sie ein paar davon und kommen Sie her, aber dalli!“
Ich riss die Schublade auf, schob ein paar lose Blatt Papier zur Seite und sah die rettende Packung. Die verlotterte Wohnung gehörte also dem Mann am anderen Ende der Leitung.
„Wer sind Sie und was mache ich in Ihrer Wohnung?“
„Das klären wir später“, beschwichtigte der Bariton. „Nehmen Sie sich ein Taxi und kommen Sie in die 21 Rue de la Fayette. In spätestens einer Stunde werde ich Sie dort treffen. Seien Sie pünktlich!“
Mir entglitt fast der Hörer. ‘Paris? Was um Himmels Willen?’ „Hören Sie…“, rief ich ins Telefon, doch ein langes Pfeifen gab mir zu verstehen, dass das Gespräch bereits beendet war.
Der Taxifahrer fuhr viel zu schnell, doch das interessierte mich wenig. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie ich nach Paris gekommen war und warum ich mich an nichts erinnern konnte. Dem verdreckten Wohnblock nach zu urteilen, dem ich gerade entstiegen war, verfügte der mysteriöse Anrufer nicht gerade über weitreichende finanzielle Mittel. Etwa zwanzig Minuten war ich an dubios glotzenden, marokkanischen Einwandererkids, sogenannten Maghrebianern, vorbei durch die heruntergekommenen Betonschluchten geirrt, um einen Taxistand zu finden. Während wir die Rue de Martre in Richtung Seine hinunterjagten, spiegelte sich rechterhand in einigen Kilometern Entfernung ein großer, klobiger Klotz in der Sonne. ‘La Grande Arche!’ Ich musste also irgendwo in Argenteuil oder Colombes ins Taxi gestiegen sein. Mein schmerzender Kopf arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Ich hatte so einige Fragen an den unbekannten Herrn.
Es war genau Viertel nach Elf, als der Taxifahrer in der Rue de la Fayette hielt. In einem Anfall von Panik durchsuchte ich meine Taschen nach etwas Geld. Ich hatte weder eine Geldbörse noch eine Brieftasche bei mir. Überhaupt musste ich eine ziemlich abgehalfterte Erscheinung bieten. Da die Dusche im Appartement nicht funktionierte, hatte ich mich nur notdürftig gekämmt und noch immer die Sachen an, in denen ich offenbar eingeschlafen war. In der linken Gesäßtasche meiner Jeans wurde ich schließlich fündig. Zwanzig Euro waren zwar nicht viel, durften aber reichen, um den Fahrer zu bezahlen. Mit einem muffligen ‘Merci Monsieur’ quittierte er, dass ich mir die verbliebenen 3,50 € bis auf den letzten Cent herausgeben ließ.
Die Rue de la Fayette war eine gigantische Einkaufsstraße und es wimmelte von Menschen. Kein guter Ort, um öffentlich einen Streit anzufangen. Doch genau darauf hatte ich große Lust. Das Haus mit der Nummer 21 befand sich unmittelbar gegenüber der Abzweigung zur Rue Saint Georges, wo ein kleines Eckcafé die Szenerie belebte. Das Klingelschild vor dem schmalen Treppenaufgang wies ein Architekturbüro aus. Als auch nach dem dritten Läuten niemand öffnete, steckte ich die Hände in die Manteltaschen, drehte mich zur Straße und hüpfte auf der Stelle. Obwohl die Januarsonne strahlte, fröstelte ich. Mein Atem bildete weiße Wölkchen und die Kälte zerrte an meinen Schäfen. Ich hatte Lust auf einen Drink und eine Zigarette. Die vorbeihuschenden Passanten zollten meinem zerzausten Auftreten kaum Aufmerksamkeit.
„Pardonnez moi. Est que vouz avez une cigarette, Monsieur?“, schnorrte ich in bestem Schulfranzösisch den nächstbesten Passanten an.
„Ja, einen Moment bitte“, erwiderte er in gebrochenem deutsch. So umständlich höflich war er wohl schon lange nicht mehr angesprochen worden und mein Akzent tat scheinbar sein Übriges, um mich sofort als Deutschen zu entlarven. Zumindest konnte ich mich noch nicht so lange an der Seine aufhalten. Mein Französisch war eindeutig verrostet.
Umständlich fummelte der nette Passant eine Packung Gitanes aus der Brusttasche. Ich bediente mich und nahm das angebotene Feuer dankend an. Zwei, drei tiefe Züge später fühlte ich mich etwas entspannter.
Am Café gegenüber tat sich was. Ich hatte die Zigarette etwa halb aufgeraucht, als ich den beleibten älteren Mann winken sah. Er stand auf Höhe der Auslage und fuchtelte zu mir herüber. Ich sah mich um. Nein, es war eindeutig, er konnte nur mich meinen. Niemand in meiner Nähe machte Anstalten einer Reaktion. Das musste meine mysteriöse Verabredung sein. Ich warf die Zigarette in den Rinnstein und wollte gerade hinübergehen, als ich sah, dass er sich bereits auf den Weg zu mir gemacht hatte.
Die nächsten Sekunden verliefen in Zeitlupe. Wie eine Raubkatze sprang ein zuvor am Seitenstreifen geparkter Kleinlaster den Alten an, überrollte ihn und raste mit quietschenden Reifen um die Kurve, die Rue Saint Georges hinauf. Während sich die kreischenden Passanten um das Unfallopfer versammelten, stand ich wie schockgefroren. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste etwas tun. Ich musste erfahren, warum ich in einer fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, in einem fremden Leben aufgewacht bin. Ich musste zu dem Mann! Unsanft und mit Nachdruck wühlte ich mich durch die, wilde Klagelaute ausstoßende, Menschenmauer und beugte mich über das Unfallopfer. Sein Atem rasselte schwer und ein hellroter Blutschwall, der mit jedem neuerlichen Hustenanfall aus seinem Mundwinkel quoll, verkündete einen raschen Tod. Die Lunge war gerissen. Als er mich wahrnahm, bäumte er sich auf und griff mit seiner Rechten nach mir.
„Nehmen Sie! Fragen Sie nach Guillome!“, röchelte er erstickt. Erst jetzt bemerkte ich, dass er in den erschlaffenden Fingern seiner rechten Hand einen zerknitterten Brief umklammert hielt.
„Wer sind Sie?“ Verzweifelt versuchte ich den Sterbenden wach zu halten und rüttelte an seinen Schultern. Er bedankte sich, indem er mir eine lange Spur Blut auf den Mantelärmel kotzte.
„Was mache ich hier?“
Es hatte keinen Sinn. Der Alte war nicht mehr ansprechbar. Die aufgerissenen Augen begannen sich zu verdrehen. Ich nahm den verschmierten Brief und steckte ihn unauffällig in die Innentasche meines Mantels. „Il est mort?“, fragte mich eine junge Frau, an deren Brüste ich beim Aufstehen gestoßen war. Ich drehte mich um. „Oui, il est mort“, schnaufte ich atemlos aus. Die Frau brach in Tränen aus. Offenbar hatte sie den Unfall genauso lebendig mitangesehen wie ich. Doch ich besaß nicht die Kraft sie zu trösten. Stattdessen tupfte ich ihr niedergeschlagen mit der Handfläche zweimal leicht auf den Oberarm und zwängte mich an ihr vorbei. Ein wilder Drang zu trinken überkam mich. Ich wollte mich besaufen und die schrecklichen Bilder des gerade Erlebten verdrängen. Doch ich wusste nicht wohin. Und ich wusste auch nicht weiter. Vielleicht war es ja besser, auf die Polizei zu warten, deren Kommen die nahende Sirene bereits ankündigte. Wenn die Polizei etwas über die Identität des Verstorbenen wusste, konnte sie vielleicht auch mir helfen.
Abseits der Menschenmenge glättete ich den zerknüllten Brief. Das Ergebnis war enttäuschend. Ein kaum leserliches Akronym und fünf Zahlen waren flüchtig hingekritzelt: BDF 07731. Das konnte alles mögliche sein. Ein Nummernkonto, eine Adresse, ein Schließfach… Wenn das ein Hinweis sein sollte, dann hatte mir der Alte ein gehöriges Rätsel aufgegeben. Ich steckte den Brief zurück und ließ die Schultern hängen. Es war wohl tatsächlich besser, auf die Polizei zu warten.
Den Entschluss, die Beamten über die Existenz des Briefes im Unwissen zu lassen, fasste ich, als der größere der beiden Ermittler, ein schwarzhaariger, unterernährter Lulatsch mittleren Alters mit einem unansehlichen aber dennoch arrogant wirkenden Schnauzbärtchen, etwa zum zehnten Mal nach meinem ständigen Wohnsitz fragte. Sie schienen mir den Gedächtnisverlust nicht abzunehmen, sondern fanden mich eher verdächtig. Mittlerweile saß ich seit über acht Stunden in der Gendarmerie und langsam machte sich Ernüchterung breit. Es war einfach nichts herauszubekommen. Weder über die Identität des Getöteten, noch über die Wohnung irgendwo in Argenteuil oder Colombes, noch über den Kleinlastwagen. Am meisten jedoch machte mir der Gedächtnisverlust zu schaffen. Der Nebel vor meiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten.
Ich startete einen neuerlichen, einen letzten Versuch. „Monsieur le Commissaire, wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich kenne diesen Mann. Ich weiss nur nicht woher. Ich habe in seiner Wohnung übernachtet, er hat mich angerufen, ich bin zum vereinbarten Treffpunkt gekommen und er wurde überfahren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe mein Gedächtnis verloren, ich habe kein Geld, ich habe kein Zuhause. Dieser Mann ist momentan der einzige Schlüssel zu meiner Identität, bitte helfen Sie mir.“
„Sie sagen, Sie hätten letzte Nacht getrunken?“ Der Lulatsch gab sich genervt.
„Ich sagte, ich glaube letzte Nacht getrunken zu haben. Neben meinem Bett stand ein ganzes Sammelsurium an alkoholischen Getränken und ich habe noch immer Kopfschmerzen. Ja, ich glaube ich habe sogar sehr viel getrunken.“
„Dann ist es wohl besser, Sie gehen nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus. Morgen sieht dann alles bestimmt wieder viel besser aus und auch Ihre Erinnerung wird irgendwann zurückkehren.“
„Ich habe keine Wohnung und auch keinen blassen Schimmer wo die Wohnung liegen könnte, in der ich heute morgen aufgewacht bin.“
„Dann gehen Sie eben in ein Hotel.“
Obwohl mich die stoische Ignoranz des Beamten inzwischen fast zur Weißglut brachte, klang meine Stimme matt. „Hören Sie, je n’ais pas d’argent! Können Sie denn nicht die deutschen Behörden informieren? Vielleicht werde ich zuhause schon vermisst.“
„Die deutschen Behörden informieren? Wegen eines Betrunkenen? Pah!“. Der arrogante Schnauzbartträger winkte hochmütig ab.
„Ist gut jetzt Frederic“, warf der Andere ein, „Wir können heute Nacht eine Zelle entbehren, da kann er erstmal schlafen. Morgen sehen wir dann weiter.“
Allem Anschein nach stand der zweite Kommisar in der Hierarchie höher als Schnauzbart oder genoß zumindest eine natürliche Autorität. Jedenfalls fügte dieser sich ohne Widerworte. Vielleicht war er auch einfach nur vom langen Verhör erschöpft.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie heute Nacht schlafen können. Ist zwar kein Luxus, aber wenn die Geschichten über Ihre gestrige Schlafgelegenheit stimmen, werden Sie mindestens zufrieden sein.“ Ich folgte dem breitschultrigen Polizisten willig durch die Gänge des Reviers. Ich war müde und zerschlagen. Ein Bett war alles, was ich wollte.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, eine Nacht lang eingesperrt zu sein“, witzelte er, als er die schwere Tür zum Zellentrakt öffnete und schenkte mir ein ermutigendes Lächeln.
„Nein. In einem anderen Leben, unter normalen Umständen schon. Aber heute bin ich froh, nicht unter einer Brücke an der Seine schlafen zu müssen“, gab ich zurück. Sicher war ich mir jedoch nicht. Irgendetwas beunruhigte mich. Was, wenn die Polizisten doch mehr wussten, als sie mir Glauben machen wollten. Was, wenn sie doch auf eine Verbindung zwischen mir und dem Getöteten stoßen sollten, die mich mit dem Mord in Verbindung bringt. Langsam wurden meine Gedanken klarer. ‘Mord!’ Natürlich war es Mord. Deshalb hatten mich die Polizisten so lange verhört. Der Fahrer des Lastwagens muss auf sein Opfer gewartet haben. Ein Mord der womöglich geschah, um zu verhindern, dass ich mich mit dem Getöteten treffen konnte. Panik und ein fast paranoides Gefühl überkamen mich.
„So, das ist Ihre Zelle, Dusche und Toilette inklusive. Und hier haben Sie Kleidung zum Wechseln.“ Mein Blick fiel auf die Gefängniskluft, die ordentlich zusammengelegt auf der schmalen Pritsche lag. Als ob alles schon für einen längeren Besuch vorbereitet wäre. Mein Magen zog sich zusammen und ich fing an zu zittern.
„Geht es Ihnen gut?“ Die Frage des Kommisars passte in keiner Weise zu seinem Gesichtsausdruck.
„Ja, es geht schon.“
„Sieht aus, als ob der Entzug bereits einsetzt.“ Frech grinste er mir ins Gesicht und zeigte mir zwei Reihen gelblicher Zähne. Mit einem „Schlafen Sie gut, mein Freund“, zog er die Zellentür hinter sich zu und entfernte sich ein paar Schritte.
„Was soll das heißen, Monsieur?“, rief ich ihm hinterher.
Ein leises Lachen war zu hören. „Sie werden sehen, mein Freund, Sie werden sehen… Übrigens, eins noch!“ Er drehte sich kurz und elegant auf dem Absatz. „Mein Name ist Guillome.“ Schnellen Schrittes eilte er hinaus und ließ mich verwirrt zurück. Dann klappte die schwere Tür ins Schloß.
Müde und niedergeschlagen ließ ich mich auf die Pritsche fallen. Es war ein Verwirrspiel und ich war mittendrin. Machtlos. Wie in einem riesigen Puzzle, bei dem alle Teile rund waren. Unmöglich sie zusammenzusetzen. Zudem hatte der Mann, der sich Guillome nannte recht. Die Schmerzen fühlten sich an wie Entzug. Die Beine waren bleischwer, der Magen krampfte und zitterte als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Doch das sicherste Zeichen war, dass die Gier nach Alkohol langsam übermächtig wurde. Ich litt Höllenqualen. Nur ein einziger Hoffnungsschimmer blieb. Guillome musste mich kennen. Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich hier machte. Doch der Kommisar kannte mich. Vielleicht kannte er auch die Bedeutung der Zahlen auf dem Brief. Aber das war zweitrangig. Zuerst musste ich mein Gedächtnis wiederfinden.
So drehten sich meine Gedanken eine ganze Weile. Erst nach mehreren Stunden des Wälzens und Grübelns übermannte mich ein traumloser Schlaf.















