Nur Gedanken

January 11, 2006

Wieviel … braucht der Mensch?

Filed under: Panorama - word2go @ 6:34 am



Tolstois kleiner Bauer Pachom war ja bekanntlich ein bemitleidenswerter Mann, der einfach nur zuviel wollte. Unter Rückgriff auf Tolstoi macht sich Agnellus ein paar tiefsinnige Gedanken über unsere Geiz-ist-Geil-Gesellschaft und fragt nach dem Zweck unserer gegenwärtigen Kostenreduzierungstraumata. Stehen wir vielleicht deshalb auf Resterampen und Billigdiscounter, weil wir dann noch mehr von dem haben können, das wir ohnehin nicht brauchen?



Die Frage mag banal klingen. Dennoch ist sie wichtig. Wer ist dieser idealtypische Mensch, dessen nutzenmaximierender Rationalität wir uns kollektiv und tagtäglich neu unterwerfen? Doch genau derselbe, dessen Gültigkeit als ökonomisches Leitbild wir, ebenso kollektiv und tagtäglich, auf’s Erbittertste bestreiten. "Wir wollen doch nur ein Stück für’s individuelle Glück, einen Platz für die Seele, ein nettes Lächeln, einen ermunternden Zuspruch, einen Busen zum Kuscheln, was Warmes im Bauch… Glück ist doch nicht ökonomisch fassbar!" So klingt es allerorten, während man durch’s Pay-TV zappt, den neuesten Downloadclient für allerlei Kostenloses herunterlädt, die elektrische Zahnbürste beiseite legt, den 19€ DVD-Player über’s Kassenband oder den Gammeltruthahn für 1.99€ aus der Realkühltheke zieht.

Nein, wir haben schon eine verdammt schizophrene Generation an homini oeconomici, die gerade in Europas Sozialstaaten heranwächst. "Geiz ist geil" ist da ja nur die Spitze des Eisbergs einer Pervertierung des Minimax-Prinzips, die im Großen und Kleinen und v.a. multimedial allgegenwärtig ist. Unsere Gesellschaft ist genauso zeigefreudig wie voyeuristisch, die proletarische Selbstbegaffung, -beweihräucherung und -verspottung ist Kult. Was in den USA mit Shows wie Jerry Springer als Unterschichtenfernsehen begann, ist hierzulande mit Big Brother, Dschungelcamp, Bärbel Schäfer, Barbara Salesch oder Andreas Türk längst Mainstream geworden. Trash ist eine real existierende, sozialistische Hochglanzindustrie, ihre Protagonisten heissen Elton, Stefan und Dieter, und die Massen vor den Bildschirmen waren noch nie so pseudo-demokratisch an der eigenen Entsittlichung beteiligt, wie heute.

Entsittlichung? Schießt der moralinsaure Herr word2go jetzt vielleicht nicht etwas zu schnell mit dem moralischen Zeigefinger in die Luft und am Ziel vorbei? Nein - ich meine es genauso, wie ich es sage! E-N-T-S-I-T-T-L-I-C-H-U-N-G.

Oder was soll es denn sonst sein, wenn uns tagtäglich suggeriert wird, man müsse nichts mehr können, um berühmt zu werden, man müsse nichts mehr arbeiten um reich zu werden, man müsse nichts mehr leisten, um etwas zurückzubekommen, man müsse nur einfach da sein, um Deutschland zu repräsentieren… Vielleicht der Traum vom ewigen Glück, vom Schlaraffenland am Zenith einer entgültig geschichtsbefreiten zivilisatorischen Entwicklung? Kommt nach DSDS nun das ultimative Casting für die 1.000.000€-Idee, in der sich zehn Endfinalistinnen darüber streiten, welches mit Werbung tätowierte Arschgeweih über dem Apfel- Birnen- oder J.Lo-Po beim Pupsen am nettesten grinst? Konsum als Allmende der spirituellen und ökonomischen Selbstbefruchtung?

So sehr ich auch Anhänger Rousseau’scher Ideen über die Freiheiten und das Identitätsbedürfnis des Individuums bin, so gerne ich auch als nackter Wilder mit den zehn Finalistinnen über meine autarke Karibikinsel hüpfen und mich von Luft, Liebe und herabfallenden Kokosnüssen ernähren würde, so sehr es mir gefallen würde dort meine private Pornoindustrie zur Selbstbegaffung zu gründen, so sehr gehört der Traum von der Insel für alle, auf der jeder der Star ist, ins Reich der Utopie.

Genau hier liegt der Fehler im Denksystem der Geiz-ist-Geil-Mentalität. Es liegt nicht daran, dass wir uns kaputtsparen, bzw. unser Geld für Unnützes hinauswerfen. Es liegt auch nicht an den oft beschworenen ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Als unser früherer Bundespräsident Herzog das geflügelte Wort prägte, Leistung müsse sich wieder lohnen, war er unserer Gesellschaft eigentlich schon einen Schritt voraus. Wir müssen zuvorderst erst einmal wieder verstehen, dass Leistung grundsätzlich etwas Lohnendes ist. Dass man für einen Lohn erst Leistung erbringen muss. Dass gesellschaftliche Hierarchien nicht nur ein von oben oktroyiertes Konstrukt zur Pfründesicherung der Oberen sind, sondern eben auch durch Leistung entstehen. Dass sich der Respekt vor Hierarchien erst dann einstellt, wenn man etwas zu leisten bereit ist und damit den Wert der Leistung und des Leistungsträgers erkennt.

Vor allem aber sollte man erkennen, dass für diese 15-Minuten Berühmtheiten, die Talkshow-Hopper, Big-Brother-Insassen und nicht zuletzt die Produzenten dieser Gagashows erstmal eine ganze Menge an Leuten Leistung erbringt. Und zwar nicht, damit sie ihre 15 Minuten Ruhm haben, sondern damit sie die einfachen Dinge des Lebens überhaupt genießen können. Eben einen Platz für die Seele, ein nettes Lächeln, einen ermunternden Zuspruch, einen Busen zum Kuscheln, was Warmes im Bauch… All das Glück, das angeblich ökonomisch nicht fassbar ist.

Sittlichkeit bestimmt sich deshalb auch dadurch, den Schein abzulegen und das Sein anzuerkennen. Anzuerkennen, dass der Sozialstaat kein Schlaraffenland, keine Allmende und kein Selbstbedienungsladen ist, der einem einfach so die Wartezeit auf die eine große Chance versüßt. Deswegen sammelt sich bei mir die Galle, wenn ich "Geiz ist geil" höre. Da mag das Saturnmädel noch so lecker sein.

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