Nur Gedanken

January 31, 2006

Dänische Zeitung entschuldigt sich für Cartoons

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:00 am



Der Chefredakteur der dänischen Zeitung "Jylland Posten", Carsten Juste, hat sich dafür entschuldigt, dass die Zeitung in Cartoons den Propheten Mohammed als Terroristen dargestellt hat.

Ich bin der Meinung, das war überfällig. Das Handeln von fanatischen Einzelgruppen eins zu eins auf die Masse einer Ethnie, Religion oder Nation zu übertragen zeugt nicht nur von Kleingeist, sondern auch von sozialer Unfähigkeit.

Warum die Entschuldigung richtig und wichtig war, erschließt sich dem geistig gesunden Leser unmittelbar bei der Lektüre des ekelhaften PI-Berichtes und den noch ekelhafteren Kommentaren zum Thema.

Tag 1,53961

Filed under: Panorama, Schriftwerk - word2go @ 9:57 am



Es tut mir gar nicht leid, dass ich Willows Anforderungen heute erfüllen kann, weil ich zu viel Zeit habe.

Schließlich saß ich heute nicht 6 Stunden im Auto, habe nicht 3 Stunden an der Uni unterrichtet und bin daher jetzt topfit, um die Geschichte fortzusetzen und mein gelbes Trikot in der Kategorie "kreatives Schreiben" zu verteidigen, das ich übrigens keineswegs an Elsa verlieren würde, sollte sie sich bemühen darin anzutreten. Ich werde daher keine Entschädigung in Form eines angehängten Tages liefern und auch morgen nicht mit Tag 2 weitermachen. Schließlich ist Zeit ja nicht relativ.

Außerdem liebe ich Phentermine/Phentermin Spam!

Phentermine/Phentermin

Filed under: Panorama - word2go @ 9:28 am



Das momentan mittels Referer- Trackback und Kommentarspam stark beworbene Medikament Phentermine/Phentermin ist nicht nur ein Ärgernis für uns spamgeplagte Blogger, sondern auch eine sehr gefährliche Modedroge. Es ist daher besonders ärgerlich, dass die Phenterminespammer versuchen, die wachsende Popularität der Blogosphäre zu nutzen, um ihren Pagerank zu verbessern. Wie uns sum1 zeigt, können wir nicht nur zurückschlagen und Phentermine/Phentermine durch dezentrale Vernetzung den Pagerank versauen, sondern auch durch gezielte Aufklärung die Verbreitung des süchtig machenden Appetitzüglers bremsen.



Ich finde das eine lohnende Idee und habe gleich mal ein paar Buttons mit den häufigsten Nebenwirkungen von Phentermine/Phentermin kreiiert. Die dürft Ihr natürlich klauen und in Eure Artikel über Phentermine/Phentermin einbinden. Und vergesst bitte nicht, jeden Link zu einem aufklärenden Artikel auch immer schön Phentermine/Phentermin zu betiteln, da ein Ziel der Aktion von sum1 ja ist, dass Aufklärungsartikel zu Phentermine/Phentermine die ersten zwanzig Treffer bei Google stellen.



Das sagt die Blogosphäre bisher über Phentermine/Phentermin:

Carsten Albrecht: Es ist eine gefährliche Substanz mit teilweise unerforschten und auch erwiesenermaßen beträchtlichen bis sehr schweren Nebenwirkungen. Nur, es ist sehr schwer diese Information über Phentermine/Phentermin- Nebenwirkungen zu erhalten. Natürlich ist es deutlich einfacher Phentermine/Phentermin-Angebote zum Kauf zu finden.

Blogspam Blog: Im Onreact Blog hatte man nun die Schnauze voll und schlägt die spammer mit ihren eigenen Waffen, indem man eine Seite mit Phentermine oder Phentermin gut bei Google platzierte und in dem Blogeintrag aufklärt wie Spammer vorgehen, bzw. was Spam ist, wie schwer es ist aufgrund des ganzen Spams wirkliche Infos über Phentermine zu finden und was für ein Dreck Phentermin in Wirklichkeit ist.


Lyrisch wird’s bei der Weltregierung:

Phentermine might kill
Phentermine might damage
Phentermine might cause cancer
Phentermine might be owned by the KKK (of course, just a possibility).

sum1 verlinkt auf eine Berkley-Studie, in der ziemlich Unerfreuliches steht:

Fenfluramine-Phentermine (fen-phen) and dexfenfluramine (Redux) have been shown to cause primary pulmonary hypertension (PPH) and valvular disease of the heart.

The latter, more detrimental side effect was discovered when noticing the connection between carcinoid syndrome, ergotamine overdose, fen-phen consumption, and dexfenfluramine intake. All of these conditions led to peculiar heart valve defects, and all involved an increase in serotonin concentrations. Phentermine, fenfluramine, and dexfenfluramine were all individually approved by the Food and Drug Administration (FDA), but the agency never approved the fen-phen combination. At the same time, they did not actively intervene and conduct safety tests regarding fen-phen use either. The FDA, various weight loss clinics, negligent physicians, and overall social issues are among those at fault for this medical mishap. Diet pills should only be administered to medically obese patients. The solution is to promote public health measures that focus on preventative measures and educate the public.



Thomas Nesgens führt uns zum informativen Wikipediaeintrag zu Phentermine/Phentermin, in dem unter anderem Folgendes steht: Because phentermine acts through sympathomimetic pathways, the drug may increase blood pressure and heart rate. It may also cause palpitations, restlessness, and insomnia. Additionally, individuals taking this drug on a long-term basis may develop euphoria and a psychological addiction to it. Heart valve damage and pulmonary hypertension, severe enough to cause permanent disability or death have been seen with phentermine alone.



Eine deutliche Sprache spricht die Warnung vor Phentermine/Phentermin auf Mindzone:

Der Konsum der folgenden Stoffe birgt unkalkulierbare Risiken für die körperliche und seelische Gesundheit. Art, Zusammensetzung und Konzentration der verwendeten Inhaltstoffe sind von außen nicht sichtbar. Auch nach einmaligem nicht bestimmungsgemäßen Gebrauch sind unter Umständen bleibende Gesundheitsschäden oder schlimmstensfalls plötzliche Todesfälle nicht auszuschließen…

Phentermin ist ein Appetitzügler und Psychostimulans (Aufputschmittel). (…) Chemisch ist es dem Metamphetamin sehr nahe verwandt…

…Metamphetamin wird meist unter dem Namen “Crystal Speed” oder “Yaba” (Thai-Pillen) angeboten. Es wirkt im wesentlichen wie Amphetamin (Speed), aufgrund seines höheren Wirkstoffgehaltes aber erheblich länger und stärker. “Crystal” ist daher ungleich gefährlicher als herkömmliches “Speed", da seine Konzentration häufig unterschätzt wird.



January 30, 2006

Tag 1

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 9:49 am

 

So, hier mein Beitrag zu Frau Svashtaras Projekt "langweiliges Leben". Eine Siebentagewoche voller Spannung, Spiel und Schokolade.

Tag 1

Schwerfällig tastete ich in Richtung des Geräuschs. Das schwarze Loch in meinem Schädel sang bei jedem Summen leise mit. ‘Wo bin ich?’ Der Raum war kahl, kein Bild, kein Regal, nur eine abgefetzte Tapete. Das Summen verstummte. Beim Aufstehen stieß mein Bein auf etwas Kaltes. Klirrend fiel eine Flasche auf den Boden und entleerte ihren bitteren Inhalt. Ich musste ganz schön gebechert haben gestern abend. Und ich hatte wohl auch in meinen Sachen geschlafen.

Das Badezimmer war eine faulige Pfütze. Um den dreckigen Rand der Toilette nicht berühren zu müssen, pinkelte ich im Stehen und konnte nicht verhindern, noch ein paar mehr gelbe Tropfen auf dem schimmligen Vorleger zu verteilen. ‘Wo bin ich hier nur hineingeraten?’ An dem dreckigen, gesprungen Spiegel klebte eine Notiz: „Zahnbürste im Becher!“ Anscheinend war ich nicht allein in diese Barracke gekommen. Ich folgte dem dunklen Gang in die Küche. Niemand da. Das Chaos war von elendiger Natur. Geschirr stapelte sich im und rund um das Spülbecken, neben dem Herd stand eine fettverspritzte Kaffeemaschine. Die Koffeinablagerungen an der Innenwand der Kaffekanne waren scheinbar noch aus dem letzten Jahrhundert. Auch hier nur ein kleiner gelber Post-it: „8 Löffel auf eine Kanne“.
„Danke, verzichte!“, presste ich durch die Zähne und machte mich auf die Suche nach Aspirin. In diesem Moment klingelte das Telefon. Ich ignorierte es. Ich musste verdammt noch mal etwas gegen diese Kopfschmerzen tun. Doch das Telefon ignorierte mich genauso. Unbeirrt klingelte es weiter. Ob der Besitzer dieser Müllhalde sich über die Existenz von Anrufbeantwortern im Klaren war? Mit beschlagener Stimme erwiderte ich den Anruf: „Ja?“

„Herr Wunderlich?“ Der Bariton am anderen Ende war sonor aber alt. Als hätte er in seinem Leben schon zu viele Arien gesungen. „Nein“, erwiderte ich knapp.
„Sie müssen sofort zu mir kommen!“ Der alte Herr klang ängstlich. Das Hämmern in meinem Kopf wurde unerträglich. „Ich glaube, Sie sind falsch verbunden“, antwortete ich und legte den Hörer auf.

Ich war gerade dabei, die aufgequollene Küchenschublade zu durchwühlen, da schepperte das Telefon erneut. „Ja, was ist denn noch?“ Ich brüllte fast in die Muschel.
„Herr Wunderlich, ich habe jetzt keine Zeit für Ihren allmorgendlichen Kater. Sie finden das Aspirin in der linken unteren Schublade des Küchenschränkchens. Nehmen Sie ein paar davon und kommen Sie her, aber dalli!“
Ich riss die Schublade auf, schob ein paar lose Blatt Papier zur Seite und sah die rettende Packung. Die verlotterte Wohnung gehörte also dem Mann am anderen Ende der Leitung.
„Wer sind Sie und was mache ich in Ihrer Wohnung?“
„Das klären wir später“, beschwichtigte der Bariton. „Nehmen Sie sich ein Taxi und kommen Sie in die 21 Rue de la Fayette. In spätestens einer Stunde werde ich Sie dort treffen. Seien Sie pünktlich!“

Mir entglitt fast der Hörer. ‘Paris? Was um Himmels Willen?’ „Hören Sie…“, rief ich ins Telefon, doch ein langes Pfeifen gab mir zu verstehen, dass das Gespräch bereits beendet war.


Der Taxifahrer fuhr viel zu schnell, doch das interessierte mich wenig. Vielmehr beschäftigte mich die Frage, wie ich nach Paris gekommen war und warum ich mich an nichts erinnern konnte. Dem verdreckten Wohnblock nach zu urteilen, dem ich gerade entstiegen war, verfügte der mysteriöse Anrufer nicht gerade über weitreichende finanzielle Mittel. Etwa zwanzig Minuten war ich an dubios glotzenden, marokkanischen Einwandererkids, sogenannten Maghrebianern, vorbei durch die heruntergekommenen Betonschluchten geirrt, um einen Taxistand zu finden. Während wir die Rue de Martre in Richtung Seine hinunterjagten, spiegelte sich rechterhand in einigen Kilometern Entfernung ein großer, klobiger Klotz in der Sonne. ‘La Grande Arche!’ Ich musste also irgendwo in Argenteuil oder Colombes ins Taxi gestiegen sein. Mein schmerzender Kopf arbeitete mittlerweile auf Hochtouren. Ich hatte so einige Fragen an den unbekannten Herrn.
Es war genau Viertel nach Elf, als der Taxifahrer in der Rue de la Fayette hielt. In einem Anfall von Panik durchsuchte ich meine Taschen nach etwas Geld. Ich hatte weder eine Geldbörse noch eine Brieftasche bei mir. Überhaupt musste ich eine ziemlich abgehalfterte Erscheinung bieten. Da die Dusche im Appartement nicht funktionierte, hatte ich mich nur notdürftig gekämmt und noch immer die Sachen an, in denen ich offenbar eingeschlafen war. In der linken Gesäßtasche meiner Jeans wurde ich schließlich fündig. Zwanzig Euro waren zwar nicht viel, durften aber reichen, um den Fahrer zu bezahlen. Mit einem muffligen ‘Merci Monsieur’ quittierte er, dass ich mir die verbliebenen 3,50 € bis auf den letzten Cent herausgeben ließ.

Die Rue de la Fayette war eine gigantische Einkaufsstraße und es wimmelte von Menschen. Kein guter Ort, um öffentlich einen Streit anzufangen. Doch genau darauf hatte ich große Lust. Das Haus mit der Nummer 21 befand sich unmittelbar gegenüber der Abzweigung zur Rue Saint Georges, wo ein kleines Eckcafé die Szenerie belebte. Das Klingelschild vor dem schmalen Treppenaufgang wies ein Architekturbüro aus. Als auch nach dem dritten Läuten niemand öffnete, steckte ich die Hände in die Manteltaschen, drehte mich zur Straße und hüpfte auf der Stelle. Obwohl die Januarsonne strahlte, fröstelte ich. Mein Atem bildete weiße Wölkchen und die Kälte zerrte an meinen Schäfen. Ich hatte Lust auf einen Drink und eine Zigarette. Die vorbeihuschenden Passanten zollten meinem zerzausten Auftreten kaum Aufmerksamkeit.
„Pardonnez moi. Est que vouz avez une cigarette, Monsieur?“, schnorrte ich in bestem Schulfranzösisch den nächstbesten Passanten an.
„Ja, einen Moment bitte“, erwiderte er in gebrochenem deutsch. So umständlich höflich war er wohl schon lange nicht mehr angesprochen worden und mein Akzent tat scheinbar sein Übriges, um mich sofort als Deutschen zu entlarven. Zumindest konnte ich mich noch nicht so lange an der Seine aufhalten. Mein Französisch war eindeutig verrostet.
Umständlich fummelte der nette Passant eine Packung Gitanes aus der Brusttasche. Ich bediente mich und nahm das angebotene Feuer dankend an. Zwei, drei tiefe Züge später fühlte ich mich etwas entspannter.

Am Café gegenüber tat sich was. Ich hatte die Zigarette etwa halb aufgeraucht, als ich den beleibten älteren Mann winken sah. Er stand auf Höhe der Auslage und fuchtelte zu mir herüber. Ich sah mich um. Nein, es war eindeutig, er konnte nur mich meinen. Niemand in meiner Nähe machte Anstalten einer Reaktion. Das musste meine mysteriöse Verabredung sein. Ich warf die Zigarette in den Rinnstein und wollte gerade hinübergehen, als ich sah, dass er sich bereits auf den Weg zu mir gemacht hatte.
Die nächsten Sekunden verliefen in Zeitlupe. Wie eine Raubkatze sprang ein zuvor am Seitenstreifen geparkter Kleinlaster den Alten an, überrollte ihn und raste mit quietschenden Reifen um die Kurve, die Rue Saint Georges hinauf. Während sich die kreischenden Passanten um das Unfallopfer versammelten, stand ich wie schockgefroren. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich musste etwas tun. Ich musste erfahren, warum ich in einer fremden Wohnung, in einer fremden Stadt, in einem fremden Leben aufgewacht bin. Ich musste zu dem Mann! Unsanft und mit Nachdruck wühlte ich mich durch die, wilde Klagelaute ausstoßende, Menschenmauer und beugte mich über das Unfallopfer. Sein Atem rasselte schwer und ein hellroter Blutschwall, der mit jedem neuerlichen Hustenanfall aus seinem Mundwinkel quoll, verkündete einen raschen Tod. Die Lunge war gerissen. Als er mich wahrnahm, bäumte er sich auf und griff mit seiner Rechten nach mir.

„Nehmen Sie! Fragen Sie nach Guillome!“, röchelte er erstickt. Erst jetzt bemerkte ich, dass er in den erschlaffenden Fingern seiner rechten Hand einen zerknitterten Brief umklammert hielt.
„Wer sind Sie?“ Verzweifelt versuchte ich den Sterbenden wach zu halten und rüttelte an seinen Schultern. Er bedankte sich, indem er mir eine lange Spur Blut auf den Mantelärmel kotzte.
„Was mache ich hier?“
Es hatte keinen Sinn. Der Alte war nicht mehr ansprechbar. Die aufgerissenen Augen begannen sich zu verdrehen. Ich nahm den verschmierten Brief und steckte ihn unauffällig in die Innentasche meines Mantels. „Il est mort?“, fragte mich eine junge Frau, an deren Brüste ich beim Aufstehen gestoßen war. Ich drehte mich um. „Oui, il est mort“, schnaufte ich atemlos aus. Die Frau brach in Tränen aus. Offenbar hatte sie den Unfall genauso lebendig mitangesehen wie ich. Doch ich besaß nicht die Kraft sie zu trösten. Stattdessen tupfte ich ihr niedergeschlagen mit der Handfläche zweimal leicht auf den Oberarm und zwängte mich an ihr vorbei. Ein wilder Drang zu trinken überkam mich. Ich wollte mich besaufen und die schrecklichen Bilder des gerade Erlebten verdrängen. Doch ich wusste nicht wohin. Und ich wusste auch nicht weiter. Vielleicht war es ja besser, auf die Polizei zu warten, deren Kommen die nahende Sirene bereits ankündigte. Wenn die Polizei etwas über die Identität des Verstorbenen wusste, konnte sie vielleicht auch mir helfen.

Abseits der Menschenmenge glättete ich den zerknüllten Brief. Das Ergebnis war enttäuschend. Ein kaum leserliches Akronym und fünf Zahlen waren flüchtig hingekritzelt: BDF 07731. Das konnte alles mögliche sein. Ein Nummernkonto, eine Adresse, ein Schließfach… Wenn das ein Hinweis sein sollte, dann hatte mir der Alte ein gehöriges Rätsel aufgegeben. Ich steckte den Brief zurück und ließ die Schultern hängen. Es war wohl tatsächlich besser, auf die Polizei zu warten.

Den Entschluss, die Beamten über die Existenz des Briefes im Unwissen zu lassen, fasste ich, als der größere der beiden Ermittler, ein schwarzhaariger, unterernährter Lulatsch mittleren Alters mit einem unansehlichen aber dennoch arrogant wirkenden Schnauzbärtchen, etwa zum zehnten Mal nach meinem ständigen Wohnsitz fragte. Sie schienen mir den Gedächtnisverlust nicht abzunehmen, sondern fanden mich eher verdächtig. Mittlerweile saß ich seit über acht Stunden in der Gendarmerie und langsam machte sich Ernüchterung breit. Es war einfach nichts herauszubekommen. Weder über die Identität des Getöteten, noch über die Wohnung irgendwo in Argenteuil oder Colombes, noch über den Kleinlastwagen. Am meisten jedoch machte mir der Gedächtnisverlust zu schaffen. Der Nebel vor meiner Erinnerung wollte sich einfach nicht lichten.

Ich startete einen neuerlichen, einen letzten Versuch. „Monsieur le Commissaire, wie oft soll ich es noch wiederholen? Ich kenne diesen Mann. Ich weiss nur nicht woher. Ich habe in seiner Wohnung übernachtet, er hat mich angerufen, ich bin zum vereinbarten Treffpunkt gekommen und er wurde überfahren. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe mein Gedächtnis verloren, ich habe kein Geld, ich habe kein Zuhause. Dieser Mann ist momentan der einzige Schlüssel zu meiner Identität, bitte helfen Sie mir.“
„Sie sagen, Sie hätten letzte Nacht getrunken?“ Der Lulatsch gab sich genervt.
„Ich sagte, ich glaube letzte Nacht getrunken zu haben. Neben meinem Bett stand ein ganzes Sammelsurium an alkoholischen Getränken und ich habe noch immer Kopfschmerzen. Ja, ich glaube ich habe sogar sehr viel getrunken.“
„Dann ist es wohl besser, Sie gehen nach Hause und schlafen Ihren Rausch aus. Morgen sieht dann alles bestimmt wieder viel besser aus und auch Ihre Erinnerung wird irgendwann zurückkehren.“
„Ich habe keine Wohnung und auch keinen blassen Schimmer wo die Wohnung liegen könnte, in der ich heute morgen aufgewacht bin.“
„Dann gehen Sie eben in ein Hotel.“

Obwohl mich die stoische Ignoranz des Beamten inzwischen fast zur Weißglut brachte, klang meine Stimme matt. „Hören Sie, je n’ais pas d’argent! Können Sie denn nicht die deutschen Behörden informieren? Vielleicht werde ich zuhause schon vermisst.“
„Die deutschen Behörden informieren? Wegen eines Betrunkenen? Pah!“. Der arrogante Schnauzbartträger winkte hochmütig ab.
„Ist gut jetzt Frederic“, warf der Andere ein, „Wir können heute Nacht eine Zelle entbehren, da kann er erstmal schlafen. Morgen sehen wir dann weiter.“

Allem Anschein nach stand der zweite Kommisar in der Hierarchie höher als Schnauzbart oder genoß zumindest eine natürliche Autorität. Jedenfalls fügte dieser sich ohne Widerworte. Vielleicht war er auch einfach nur vom langen Verhör erschöpft.
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wo Sie heute Nacht schlafen können. Ist zwar kein Luxus, aber wenn die Geschichten über Ihre gestrige Schlafgelegenheit stimmen, werden Sie mindestens zufrieden sein.“ Ich folgte dem breitschultrigen Polizisten willig durch die Gänge des Reviers. Ich war müde und zerschlagen. Ein Bett war alles, was ich wollte.
„Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, eine Nacht lang eingesperrt zu sein“, witzelte er, als er die schwere Tür zum Zellentrakt öffnete und schenkte mir ein ermutigendes Lächeln.
„Nein. In einem anderen Leben, unter normalen Umständen schon. Aber heute bin ich froh, nicht unter einer Brücke an der Seine schlafen zu müssen“, gab ich zurück. Sicher war ich mir jedoch nicht. Irgendetwas beunruhigte mich. Was, wenn die Polizisten doch mehr wussten, als sie mir Glauben machen wollten. Was, wenn sie doch auf eine Verbindung zwischen mir und dem Getöteten stoßen sollten, die mich mit dem Mord in Verbindung bringt. Langsam wurden meine Gedanken klarer. ‘Mord!’ Natürlich war es Mord. Deshalb hatten mich die Polizisten so lange verhört. Der Fahrer des Lastwagens muss auf sein Opfer gewartet haben. Ein Mord der womöglich geschah, um zu verhindern, dass ich mich mit dem Getöteten treffen konnte. Panik und ein fast paranoides Gefühl überkamen mich.
„So, das ist Ihre Zelle, Dusche und Toilette inklusive. Und hier haben Sie Kleidung zum Wechseln.“ Mein Blick fiel auf die Gefängniskluft, die ordentlich zusammengelegt auf der schmalen Pritsche lag. Als ob alles schon für einen längeren Besuch vorbereitet wäre. Mein Magen zog sich zusammen und ich fing an zu zittern.
„Geht es Ihnen gut?“ Die Frage des Kommisars passte in keiner Weise zu seinem Gesichtsausdruck.
„Ja, es geht schon.“
„Sieht aus, als ob der Entzug bereits einsetzt.“ Frech grinste er mir ins Gesicht und zeigte mir zwei Reihen gelblicher Zähne. Mit einem „Schlafen Sie gut, mein Freund“, zog er die Zellentür hinter sich zu und entfernte sich ein paar Schritte.
„Was soll das heißen, Monsieur?“, rief ich ihm hinterher.
Ein leises Lachen war zu hören. „Sie werden sehen, mein Freund, Sie werden sehen… Übrigens, eins noch!“ Er drehte sich kurz und elegant auf dem Absatz. „Mein Name ist Guillome.“ Schnellen Schrittes eilte er hinaus und ließ mich verwirrt zurück. Dann klappte die schwere Tür ins Schloß.

Müde und niedergeschlagen ließ ich mich auf die Pritsche fallen. Es war ein Verwirrspiel und ich war mittendrin. Machtlos. Wie in einem riesigen Puzzle, bei dem alle Teile rund waren. Unmöglich sie zusammenzusetzen. Zudem hatte der Mann, der sich Guillome nannte recht. Die Schmerzen fühlten sich an wie Entzug. Die Beine waren bleischwer, der Magen krampfte und zitterte als hätte ich seit Tagen nichts gegessen. Doch das sicherste Zeichen war, dass die Gier nach Alkohol langsam übermächtig wurde. Ich litt Höllenqualen. Nur ein einziger Hoffnungsschimmer blieb. Guillome musste mich kennen. Ich wusste nicht, wer ich bin und was ich hier machte. Doch der Kommisar kannte mich. Vielleicht kannte er auch die Bedeutung der Zahlen auf dem Brief. Aber das war zweitrangig. Zuerst musste ich mein Gedächtnis wiederfinden.
So drehten sich meine Gedanken eine ganze Weile. Erst nach mehreren Stunden des Wälzens und Grübelns übermannte mich ein traumloser Schlaf.

January 27, 2006

Ich wünschte, ein Bürger zu sein.

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 9:23 am


Man möchte Anekdoten weitergeben, Erlebnisse und Erfahrungen. Und man möchte eigentlich doch nur in einem Satz sagen, was dieser Mann einem selbst und unserem Volk bedeutet hat.

Johannes Rau am 8.10.2002 in einer Rede anlässlich des 10. Todestages von Willy Brandt.

Wir tapferen Schneiderlein…

Filed under: Schriftwerk, Literarisches - word2go @ 9:17 am



Herr Svashtara (Er ist eine Sie, sagt Elsa) wundert sich über über das unglaublich aufregende Leben in Münchsbloggershausen und hat daher beschlossen, das eigene, langweilige Leben durch Fiktives aufzupeppen. Eine ganze Woche lang täglich gibt es dann Erstunken und Erlogenes. Und nicht nur das, sie will, dass wir das alle tun. Los geht’s, wie es aussieht am Montag und ich bin dabei, das Tagespolitische geht mir sowieso ziemlich auf den Sack zur Zeit.

January 26, 2006

Einwand

Filed under: Politisches, Rezensionen - word2go @ 9:11 am

 
Also liebe Jungs in Washington, ich finde die Hamas ja auch nicht unbedingt Klasse, aber den Palästinenser vorschreiben zu wollen, wen sie zu wählen haben, bzw. auf den Ausschluss der Hamas zu drängen… T’schuldigung, aber das überschreitet sogar faktisch Eure Kompetenz. Warum es nicht mal schlecht wäre, wenn Hamas ins Parlament einziehen würde habe ich hier schon mal dargelegt. Und wer mir nicht glaubt, darf auch gerne dieses Buch lesen:



Embedded Google

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 7:08 am



"Die Pressefreiheit […] meint es den Königen so gut, als dem Publikum. Den ersteren, indem sie ihnen die Bemühung erleichtert, die Gerechtigkeit zu verwalten: dem zweiten, indem sie einen wohlfeilen, immer offenen und strengen Gerichtsstuhl etabliert hat. […] Dieses furchtbare Tribunal - unbestechlicher als das Höllengericht und die Hermandad […] wacht über die Rechte der Menschen, nimmt den Armen, den Hilflosen […] in Schutz. […] Sie ists, welche es auf sich nimmt, das schönste Amt der Sterblichen, die Gerechtigkeit über das Verbrechen verletzter Menschheit zu verwalten. Weit und sicher trifft ihr Arm."

Hätte Wilhelm Ludwig Wekhrlin im Jahr 1791 bereits über die zukünftige Macht der Medien gewusst, sein Lob der Pressefreiheit wäre wohl weniger euphorisch ausgefallen. Geradezu ohnmächtig müssen wir heute den Verfall der einst so nützlichen Vierten Gewalt mitansehen. Riesige Medienkonglomerate entscheiden über Formate und monopolisieren die öffentliche Meinung anhand von Quote, Auflage und Aktienkurs. Da ist die Entscheidung von Google - des einstigen Wunderportals, Garant des freien Informationsflusses - einen der obersten Werte der westlichen Zivilisation, ja wahrscheinlich den einzigen Grund warum wir uns heute "frei" schimpfen dürfen, dem eigenen Unternehmenswachstum zu opfern, nur konsequent.

Sicher, das milliardenstarke China ist für eine Suchmaschine ein Markt erster Klasse. Aber sind die Chinesen deshalb Menschen zweiter Klasse? Berechtigt das ein Unternehmen, Suchanfragen so zu manipulieren, dass der Nutzer zwar weltweit Käse, Pasta, Autos und, wenn er will, U-Boote bestellen, aber keine Informationen mehr erhalten kann? Wie lassen sich eigentlich Googles Unternehmensphilosophie und die Kooperation mit einem Unrechtsregime vereinen, für das Informationsfreiheit einem überdimensionalen Schierlingsbecher gleichkommt?

Als Global Player hat sich Google für das "Ruling by Pooling" entschieden, bietet also einen, der chinesischen Regierung genehmen, Informationspool an und ist damit der Konkurrenz um eine Nasenlänge vorraus. Wer aufmupft fliegt raus, lässt Quote und verliert Geld. Da ist es doch viel lukrativer, unkritisch zu sein.

January 24, 2006

Phentermine

Filed under: Panorama - word2go @ 7:07 am
 
Hi all,
please c&p this message or write your own and send it to support@namecheap.com. Hopefully we can get rid of these phentermine spammers this way.

————–

To whom it may concern

Dear Madam, Sir…

I need to inform you that the following individuals:

- Andrew Kartashov, operator of www.phentermine-support.com, www.adsoft-development and www.sslpayments.com,

- Eng Sing Chan, operator of www.fx1.net and www.9gif.com

- as well an the unknown operator of www.casino-tribune.com,

seriously abuse your privacy policy.

In a seemingly coordinated action they massively spam blogs, onlinejournals and discussion boards. In your privacy policy you state to “take action to shut it down as soon as possible”, if you “find that any account… is being used for the purpose of sending spam”.

You can find an example for their actions here and you can be guaranteed that I already deleted about 50 of the same kind.

I therefore urgently ask you to shut down their accounts.

Sincerely,

Jochen Gottwald

Welcome to the Daft World of Phentermine Spammers.com

Filed under: Panorama - word2go @ 7:05 am
 
We deliver all medicationspams everywhere in the World by underpaid student apprentices 24/7.

For international complaints click here.

Phentermine Spammers provoke you with stupid and useless spam advertisements for mostly ineffective weight loss medications that can seriously harm your health. Phentermine claims to be FDA approved, but so did too Prozac and the Atkinson Diet.

Phentermine is composed to stimulate nausea wihtin the blogosphere in a way that increases appetite for destruction. This makes phentermine your truly indispensable asset for an unpleasant afternoon on the WWW. Next time your hand moves towards the mouse, you will think twice if it’s worth the trouble, as al you`re going to see is spam and anorectic teens. Phentermine therefore helps you too stay away from timewasting activities like internet-surfing and helps you to stay firm and slender without even taking drugs. You can take a walk, play balls or even have some healthy sex instead.

If you want to learn more about phentermine click here or consult your doctor (administrator). If you feel that phentermine is not the right thing for you… I’m terribly sorry. You might be already almost addicted. But that’s no problem, you can easily buy it through our online secure order form. If you should experience any drug-related troubles financing your addiction, we have some good friends here, here and here, who are always willing to take care for a 14+ aged anorectic girl.

January 23, 2006

Freiheit der Lehre im postliberalen Kontext - TeilII

Filed under: Politisches - word2go @ 7:03 am

Hatte heute folgende weitergeleitete Email in meinem Postfach. Ein Kommentar dazu ist, denke ich, absolut unnötig:

Hallo Jochen,

faszinierend, nicht wahr?

Ciao XXX

—–Ursprüngliche Nachricht—–
Von: XXX-liste@yahoogroups.de [mailto:XXX-liste@yahoogroups.de] Im Auftrag von XXX
Gesendet: Freitag, 20. Januar 2006 12:31
An: XXX Liste
Betreff: [XXX-liste] FW: Professors as Targets

Ein weiteres Zeichen des politisch-ideologischen Klimawandels in den
USA.

—— Forwarded Message ——

From UCLAprofs.com
————————

www.uclaprofs.com

UCLA Students:
Do you have a professor who just can’t stop talking about President Bush, about the war in Iraq, about the Republican Party, or any other ideological issue that has nothing to do with the class subject matter? It doesn’t matter whether this is a past class, or your class for this coming winter quarter.

If you help UCLAProfs.com expose the professor, we’ll pay you for
your work.

To see if we need information on the professors you’ve already
taken, or will be taking this winter quarter, call 310-210-6735, or email bruinalumni (AT) bruinalumni.com today, and you could be paid tomorrow.

[ http://www.uclaprofs.com/profs/profsindex.html]

The following are materials we need for past or ongoing classes,
along with rates of compensation.
Full, detailed lecture notes, all professor-distributed materials, and full tape recordings of every class session, for one class: $100

(Note: lecture notes must make particular note of audience
reactions, comments, and other details that will properly contextualize the professor’s ideological comments. If the class in question is ongoing or upcoming, UCLAProfs.com will provide (if needed) all necessary taping equipment and materials.)

Full, detailed lecture notes and all professor-distributed materials,
for one class: $50

(Advisory: without tape recordings, detailed note-taking is crucial.
Particular care must be taken in transcribing the professor’s
non-pertinent ideological comments as closely as possible to direct quotes.)

Advisory and all professor-distributed materials: $10

Even if you didn’t take detailed notes or attend class regularly,
you can still help UCLAProfs.com by alerting us to a problem professor not already in our database or target list (below). This is a particularly attractive option for students wanting to report past classes in which their notes and attendance did not match UCLAProfs.com’s high record-keeping standards. Simply provide us the name, your notes from the class (or substitute your current recollections), and any other materials you still retain, and we’ll pay you $10 for the tip.

NOTE: The foregoing advertised rates for future, ongoing or past
classes are contingent upon Bruin Alumni Association approval of both the particular professor, and student materials. For ongoing classes, payment will be tendered only upon timely delivery of all needed material.

All payments are contingent upon Bruin Alumni Association pre-approval, and all decisions are final. Email bruinalumni AT bruinalumni.com for full details.

Targeted Professors
UCLAProfs has a special interest in the notes and/or Voice-recordings for upcoming or recently taught classes by the following professors:

African-American Studies
von Blum, Paul (added 12/29/05)

Anthropology
Brodkin, Karen (added 12/29/05)
Hale, Sondra (added 12/29/05)

Asian-American Studies
Wong, Kent (added 12/29/05)

Chicano Studies
Bermeo, Adolfo (added 12/29/05)

Comparative Literature
King, Katherine (added 12/29/05)

Education
Kellner, Douglas (added 12/29/05)
McLaren, Peter (added 12/29/05)
Solorzano, Daniel (added 12/29/05)

English
Makdisi, Saree (added 12/29/05)
Perez-Torres, Rafael (added 12/29/05)
Watson, Robert (added 12/29/05)

Germanic Languages
McCumber, John (added 12/29/05)

History
Avila, Eric (added 12/29/05)
DuBois, Ellen (added 12/29/05)
Gelvin, James (added 12/29/05)
Gomez-Quinones, Juan (added 12/29/05)
Jacoby, Russell (added 12/29/05)
Lal, Vinay (added 12/29/05)
Piterberg, Gabriel (added 12/29/05)

Law
Abel, Richard (added 12/29/05)
Blasi, Gary (added 12/29/05)
Dolovich, Sharon (added 12/29/05)
Goldberg, Carol (added 12/29/05)
Handler, Joel (added 12/29/05)
Kang, Jerry (added 12/29/05)
Littleton, Christine (added 12/29/05)
Zasloff, Jonathan (added 12/29/05)

Political Science
Pateman, Carole (added 12/29/05)
Sawyer, Mark (added 12/29/05)
Wolfenstein, Victor (added 12/29/05)

Philip Agre - Information Studies
Walter Allen - Education
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Maylei Blackwell - Chicano Studies
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Mary Corey - History
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Raul Hinojosa - Chicano Studies
Darnell Hunt - Sociology
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Jeannie Oakes - Education
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Otto Santa Ana - Chicano Studies
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Stephen Yenser - English
Maurice Zeitlin - Sociology

—— End of Forwarded Message —–

January 21, 2006

Force de frappe

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 7:01 am
 
Der 19. Januar 2006 wird so manchem politischen Beobachter als Muskelspiel der Machtlosen in Erinnerung bleiben. Erst bot Bin Laden der USA einen Waffenstillstand an, dann liess sich Chirac von de Gaulle’schen Großmachtsphantasien hinreißen und verkündete eine neue Nukleardoktrin. Während man bei Ersterem Selbstüberschätzung als gegeben vorraussetzen darf, wundert sich der Blätterwald, was wohl in Chirac gefahren sein mag.

Nun, eigentlich wollte ich ja nicht schon wieder Medienschelte betreiben, aber unsere hochbezahlten politischen Kommentatoren haben offensichtlich ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Eine Googlenews-Recherche zu den Begriffen "Sonderstellung Frankreichs" und "NATO Austritt 1966" ergab jeweils erschreckende "0" Treffer. Wenn unsere Redakteure schon nicht einmal mehr die Geschichte des Kalten Krieges kennen, wie wollen sie dann nicht-traditionelle Sicherheitsbedrohungen und die Antwort der Staatenwelt analysieren?

Es war der 21.2.1966 als Charles de Gaulle den Austritt Frankreichs aus der NATO bekannt gab. Vorausgegangen war eine Reihe von Ereignissen, die Frankreichs Regierung daran zweifeln ließ, dass es die USA mit der Verteidigung Europas gegen die Sowjetunion wirklich ernst meinten. Der Sputnikschock hatte das militärische Ungleichgewicht - das damals noch zu Gunsten der UdSSR bestand, die der NATO an konventionellen Waffen haushoch überlegen war - vergrößert, der Rückzug Kennedys in der Berlinfrage (Formulierung der "three essentials", die eine Teilung Berlins implizit duldeten und damit ein deutliches Signal des Einlenkens an Chruschtschow sandten) und der Bau der Berliner Mauer, die Kubakrise und nicht zuletzt die Abkehr der USA von der "Schwert-Schild"-Militärstrategie hin zur "flexible response" und zur Formulierung der "New Frontiers" hatte Europa tief verstört und das Vertrauen in die USA erschüttert. Es ist bezeichnend, dass mit dieser Interessensverschiebung der USA auch die Idee einer eigenen Europäischen Verteidigungsunion (EVU/WEU) geboren wurde.

Während die kleinen EG-Staaten an der Schlagkraft der EVU zweifelten und Deutschland kaum eine andere Option als die Westbindung blieb, vertraute Frankreich demonstrativ auf die eigene Stärke und trat aus der NATO aus. Die spätere Rückkehr Frankreichs war keine vollständige, die Grand Nation gliederte sich nicht wieder in die militärische Struktur der NATO ein, vollendete ihr eigenes Atomprogramm und hat seither eine Sonderstellung innerhalb des Nordatlantikpakts. Für den Rest des Kalten Krieges hatte Frankreich somit eine eigene Nukleardoktrin gegenüber der Sowjetunion, die "massive Vergeltung" jeglichen nuklearen oder konventionellen Angriffs auf französisches Territorium durch einen atomaren Gegenschlag der französischen luft- land- und seegestützten Nuklearstreitkräfte, der sogenannten "force de frappe".

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion fachte Frankreich immer wieder die Debatte über eine institutionelle Integration der "force de frappe" in die militärische Struktur der WEU an. Europa sollte von den USA unabhängig werden und eine eigene Nukleardoktrin bekommen. Die in der Zwischenzeit aufgetretenen, neuen Bedrohungen, wie Terrorismus, Migration oder Bürgerkriege, stellten die Sicherheitsinstitutionen des Kalten Krieges zusätzlich auf die Probe. Ursprünglich für zwischenstaatliche Kriege konzipiert, erwiesen sie sich als relativ ineffektiv. Terroristen lassen sich durch Atomwaffen nicht abschrecken, Bürgerkriege nicht beenden. Als Konsequenz modifizierte die NATO ihre Militärstrategie und erweiterte sie z.B. um Out-of-Area Einsätze. Gleichzeitig blieb das französische Angebot für die europäischen Partner aus genannten Gründen unattraktiv.

Diese Situation hat sich jedoch durch die Art und Weise, wie die USA ihren "War on Terror" führen, grundlegend geändert. Hatte George W. Bush kurz nach dem 11. September 2001 noch angekündigt, auch Staaten zu jagen, die Terroristen unterstützen, beherbergen oder selbst terroristische Aktivitäten planen, richtete sich die militärische Gewalt bald nur gegen Staaten. Das liegt zum Einen daran, dass sich die USA nicht genügend Zeit ließen, um ihre strategischen Mittel auf die neue Bedrohung abzustimmen, wobei es schon sehr euphemistisch wäre, die Inadäquanz militärischer Gewalt mit fehlendem Finetuning zu vergleichen, zum Anderen an der Ideologie der, die Außenpolitik beherrschenden, Neokonservativen und ihrer gefährlich naiven Utopie, dem Nahen Osten mittels Gewalt den ewigen, demokratischen Frieden bringen zu können.

Nichtsdestotrotz haben die USA durch ihre Reaktion den internationalen Konflikt wieder salonfähig gemacht. Ein Zug, auf den Opportunist Chirac, vor dem Hintergrund eines drohenden Konflikts mit dem Iran, nur allzu gern aufspringt, denn er schlägt damit gleich drei Fliegen mit einer Klappe. Erstens kann er die Position Frankreichs innerhalb der NATO stärken und damit innenpolitisch punkten. Zweitens öffnet er den europäischen Partnerländern erneut die Tür für ein nukleares und damit abschreckungstechnisch unabhängiges Europa und kann diesmal sogar auf eine geschwächte USA verweisen. Drittens setzt er ein deutliches Signal an George W. Bush, dass er in diesem Konflikt eng an dessen Seite, bzw. einer Eskalation nicht im Wege steht.

Dass Chirac so hoch pokert und sogleich das französische Atomwaffenpotential ins Spiel bringt, ist indes kein Zeichen von Stärke, sondern von relativer Machtlosigkeit. Wenn eine militärische Drohung glaubhaft sein soll, muss sie auch durchführbar sein. Eine Drohung mit konventionellen Waffen wäre nicht glaubhaft gewesen. Inwieweit Chiracs "force de fou" zur Destabilisierung der Weltsicherheit beiträgt, wage ich hier nicht zu beurteilen, das überlasse ich dann lieber den "wirklichen" Journalisten.

January 19, 2006

Ey Alda, ich bin fei nich Deutschland, Du!

Filed under: Panorama - word2go @ 6:59 am

 
Da ist ja mal einem der Kragen geplatzt. Kein Wunder, dass der "Du bist Deutschland" Kampagne nicht mehr als ein zusammenhängender Satz auf den Teleprompter gerutscht ist.

Hier die kryptische Beschwerde-Email von DbD-Initiator Jean Remy, die an Teile der Bloggosphäre ging, sinnhaft übersetzt:

Ey, meine Mudda sagt du sollst "Danke" sagen, wenn Dir einer was schenkt, du. Und ich hab’ euch was geschenkt ihr Spacken. Ganz viel Geld, wie du dir gar nicht vorstellen kannst, du blöder Sozialhilfeempfänger, habe ich da reingesteckt. Undankbares Pack!

Man sollte Deine Klowand streichen, du Dorftrottel! Wer hat Dir überhaupt erlaubt zu schreiben? Du hast doch sowieso keine Meinung. Ich hab’s doch nur gut gemeint mit euch Totalversagern und ihr seid zu dumm, um meine Größe zu erkennen.

Echt ey, zuscheißen sollte man Euch! Und dabei bin ich gar nicht Deutschland.

Den Originalwortlaut gibt’s auf der Klowand von Jens Scholz

Übrigens: Klowände streichen ist wie Bücher verbrennen

January 14, 2006

Wir sind an Bord!

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 6:56 am

 

Sie ist schon ein gewaltiges Schnippchen die gegenseitige Wahrnehmung. Während hierzulande Merkels Besuch bei Präsident Bush als Wiederbelebung transatlantischer Eudaimonie gefeiert und Angela für ihre Offenheit so über den grünen Klee gelobt wird, dass man fast versucht ist zu glauben, der Seelenzustand deutscher Redakteure sei direkt proportional zur deutsch-amerikanischen Freundschaft, fokussiert sich das Interesse amerikanischer Medien an Merkels Antrittsbesuch v.a. auf ein Thema: die deutsche Unterstützung im UN-Sicherheitsrat für den bevorstehenden (möglicherweise nuklearen) Präventivschlag gegen den Iran.

So schreibt Peter Baker in der Washington Post und im Houston Chronicle, dass Bush mit der Betonung der insbesondere für Israel schweren Bedrohung dieselbe Sprache erkennen lässt, die er vor dem Irakkrieg 2003 benutzte und zitiert Angela Merkel, um den essentiellen Unterschied zu Gerhard Schröder zu betonen: "Wir lassen uns von einem Land wie dem Iran sicherlich nicht einschüchtern!"

Paul Richter von der L.A. Times erkennt sogar eine unerschütterliche Einigkeit der beiden Staatsoberhäupter in der Ablehnung eines atomaren Iran und jubiliert, dass es dieser nicht geschafft habe, das transatlantische Verhältnis zu erschüttern.

ABC-News setzt die Bundeskanzlerin bereits auf Augenhöhe mit dem U.S.-Präsidenten und schreibt: "Merkel und Bush drängen auf Intervention der Vereinten Nationen"

Auf CBS-News ist das Merkel-Bush Treffen im Paket mit einem reißerischen Newsvideo zu genießen, in dem Außenministerin Condoleeza Rice die Gefährlichkeit des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad betont. Auch dieser Bericht bekräftigt die neue transatlantische Einheit und erweckt bewusst den Anschein, die Zeit des deutschen Widerstands gegen amerikanische Militäreinsätze sei vorbei.

Die N.Y. Times schließlich spricht von einem Versprechen der beiden Staatsoberhäupter, die Welt vor einem nuklearen Iran zu schützen und richtet ihr Augenmerk bereits auf die Zeit nach der Sicherheitsratsresolution. Merkel und Bush seien sich darüber einig, dass nur ein völlig atomfreier Iran eine akzeptable Lösung sein kann.

January 13, 2006

Habeas Corpus?

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:43 am
 
Quelle: U.S. DEPARTMENT OF DEFENSE APPROPRIATIONS ACT, 4. Januar 2006. Von beiden Häusern genehmigt.

(e) Judicial Review of Detention of Enemy Combatants-

(1) IN GENERAL- Section 2241 of title 28, United States Code, is amended by adding at the end the following:

`(e) Except as provided in section 1005 of the Detainee Treatment Act of 2005, no court, justice, or judge shall have jurisdiction to hear or consider–

`(1) an application for a writ of habeas corpus filed by or on behalf of an alien detained by the Department of Defense at Guantanamo Bay, Cuba; or

`(2) any other action against the United States or its agents relating to any aspect of the detention by the Department of Defense of an alien at Guantanamo Bay, Cuba, who–

`(A) is currently in military custody; or

`(B) has been determined by the United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit in accordance with the procedures set forth in section 1005(e) of the Detainee Treatment Act of 2005 to have been properly detained as an enemy combatant.’.

(2) REVIEW OF DECISIONS OF COMBATANT STATUS REVIEW TRIBUNALS OF PROPRIETY OF DETENTION-

(A) IN GENERAL- Subject to subparagraphs (B), (C), and (D), the United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit shall have exclusive jurisdiction to determine the validity of any final decision of a Combatant Status Review Tribunal that an alien is properly detained as an enemy combatant.

(B) LIMITATION ON CLAIMS- The jurisdiction of the United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit under this paragraph shall be limited to claims brought by or on behalf of an alien–

(i) who is, at the time a request for review by such court is filed, detained by the Department of Defense at Guantanamo Bay, Cuba; and

(ii) for whom a Combatant Status Review Tribunal has been conducted, pursuant to applicable procedures specified by the Secretary of Defense.

(C) SCOPE OF REVIEW- The jurisdiction of the United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit on any claims with respect to an alien under this paragraph shall be limited to the consideration of–

(i) whether the status determination of the Combatant Status Review Tribunal with regard to such alien was consistent with the standards and procedures specified by the Secretary of Defense for Combatant Status Review Tribunals (including the requirement that the conclusion of the Tribunal be supported by a preponderance of the evidence and allowing a rebuttable presumption in favor of the Government’s evidence); and

(ii) to the extent the Constitution and laws of the United States are applicable, whether the use of such standards and procedures to make the determination is consistent with the Constitution and laws of the United States.

(D) TERMINATION ON RELEASE FROM CUSTODY- The jurisdiction of the United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit with respect to the claims of an alien under this paragraph shall cease upon the release of such alien from the custody of the Department of Defense.

Neoconnard, neoconnerd oder postliberal?

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:39 am
 
Dr. Dean hat ja das in der Bloggosphäre mittlerweile geflügelte Wort "Neoconnard" geprägt, während ich mich dagegen wehre, das Gedankengut der angeblich so libertären Bloggerszene einzig auf die amerikanischen NeoCons abzuwälzen, da die Nockherberger Waisenkinder eher einem weltweit beobachtbaren Trend der - einen Wertepluralismus ablehnenden - Entliberalisierung zuzuorden sind, weshalb ich dieses Gedankengut lieber als postliberal bezeichne. Che2001 redet nun von Neoconnerds. Eine Wortschöpfung, die ich, aus sarkastischer Sicht, für geglückt halte, weil sie deren Geisteszustand sehr gut wiedergibt. Sie sind "NeoCon-Nerds", die einer vagen Vorstellung eines Ideals hinterherlaufen, unter der sie alle gesellschaftlichen Strömungen subsumieren, die ihnen gerade in den Kram passen. Von der christlichen Rechten über Rechtsstaatshardliner, Subventionsgegner, Neo-Realisten, Neoliberalisten, bis hin zu Bürgerwehr- und Waffenfanatikern wird hier alles in einen Topf geworfen und für gut befunden. Dass sich ihre Ziele innerhalb eines pluralistischen, liberalen Rechtsstaats gar nicht vereinbaren ließen, vergessen sie dabei.

Weil Ches Definition des Neoconnerds diese Paradoxen wunderbar benennt, hier die Abschrift:

Du nennst Dich liberal und vertrittst Ansichten der US-amerikanischen Rechten, die den Begriff "liberal" als Schimpfwort gebraucht. Du bist genauso ein Modernisierungsverlierer wie die Stiefelnazis, hast aber nicht den Mumm, das offen zu zeigen.
Du pflegst einen Philosemitismus, der nur ein umgedrehter Antisemitismus ist, der sich gegen den Islam richtet, und wunderst Dich, dass kaum ein Jude etwas mit Dir zu tun haben will.
Du bist ein Stück armes Deutschland.

Laska at her best

Filed under: Panorama, Literarisches - word2go @ 10:37 am

 
Elsa (b)reviert über die Liebe

Schöööööööööön!

January 11, 2006

Wieviel … braucht der Mensch?

Filed under: Panorama - word2go @ 6:34 am



Tolstois kleiner Bauer Pachom war ja bekanntlich ein bemitleidenswerter Mann, der einfach nur zuviel wollte. Unter Rückgriff auf Tolstoi macht sich Agnellus ein paar tiefsinnige Gedanken über unsere Geiz-ist-Geil-Gesellschaft und fragt nach dem Zweck unserer gegenwärtigen Kostenreduzierungstraumata. Stehen wir vielleicht deshalb auf Resterampen und Billigdiscounter, weil wir dann noch mehr von dem haben können, das wir ohnehin nicht brauchen?



Die Frage mag banal klingen. Dennoch ist sie wichtig. Wer ist dieser idealtypische Mensch, dessen nutzenmaximierender Rationalität wir uns kollektiv und tagtäglich neu unterwerfen? Doch genau derselbe, dessen Gültigkeit als ökonomisches Leitbild wir, ebenso kollektiv und tagtäglich, auf’s Erbittertste bestreiten. "Wir wollen doch nur ein Stück für’s individuelle Glück, einen Platz für die Seele, ein nettes Lächeln, einen ermunternden Zuspruch, einen Busen zum Kuscheln, was Warmes im Bauch… Glück ist doch nicht ökonomisch fassbar!" So klingt es allerorten, während man durch’s Pay-TV zappt, den neuesten Downloadclient für allerlei Kostenloses herunterlädt, die elektrische Zahnbürste beiseite legt, den 19€ DVD-Player über’s Kassenband oder den Gammeltruthahn für 1.99€ aus der Realkühltheke zieht.

Nein, wir haben schon eine verdammt schizophrene Generation an homini oeconomici, die gerade in Europas Sozialstaaten heranwächst. "Geiz ist geil" ist da ja nur die Spitze des Eisbergs einer Pervertierung des Minimax-Prinzips, die im Großen und Kleinen und v.a. multimedial allgegenwärtig ist. Unsere Gesellschaft ist genauso zeigefreudig wie voyeuristisch, die proletarische Selbstbegaffung, -beweihräucherung und -verspottung ist Kult. Was in den USA mit Shows wie Jerry Springer als Unterschichtenfernsehen begann, ist hierzulande mit Big Brother, Dschungelcamp, Bärbel Schäfer, Barbara Salesch oder Andreas Türk längst Mainstream geworden. Trash ist eine real existierende, sozialistische Hochglanzindustrie, ihre Protagonisten heissen Elton, Stefan und Dieter, und die Massen vor den Bildschirmen waren noch nie so pseudo-demokratisch an der eigenen Entsittlichung beteiligt, wie heute.

Entsittlichung? Schießt der moralinsaure Herr word2go jetzt vielleicht nicht etwas zu schnell mit dem moralischen Zeigefinger in die Luft und am Ziel vorbei? Nein - ich meine es genauso, wie ich es sage! E-N-T-S-I-T-T-L-I-C-H-U-N-G.

Oder was soll es denn sonst sein, wenn uns tagtäglich suggeriert wird, man müsse nichts mehr können, um berühmt zu werden, man müsse nichts mehr arbeiten um reich zu werden, man müsse nichts mehr leisten, um etwas zurückzubekommen, man müsse nur einfach da sein, um Deutschland zu repräsentieren… Vielleicht der Traum vom ewigen Glück, vom Schlaraffenland am Zenith einer entgültig geschichtsbefreiten zivilisatorischen Entwicklung? Kommt nach DSDS nun das ultimative Casting für die 1.000.000€-Idee, in der sich zehn Endfinalistinnen darüber streiten, welches mit Werbung tätowierte Arschgeweih über dem Apfel- Birnen- oder J.Lo-Po beim Pupsen am nettesten grinst? Konsum als Allmende der spirituellen und ökonomischen Selbstbefruchtung?

So sehr ich auch Anhänger Rousseau’scher Ideen über die Freiheiten und das Identitätsbedürfnis des Individuums bin, so gerne ich auch als nackter Wilder mit den zehn Finalistinnen über meine autarke Karibikinsel hüpfen und mich von Luft, Liebe und herabfallenden Kokosnüssen ernähren würde, so sehr es mir gefallen würde dort meine private Pornoindustrie zur Selbstbegaffung zu gründen, so sehr gehört der Traum von der Insel für alle, auf der jeder der Star ist, ins Reich der Utopie.

Genau hier liegt der Fehler im Denksystem der Geiz-ist-Geil-Mentalität. Es liegt nicht daran, dass wir uns kaputtsparen, bzw. unser Geld für Unnützes hinauswerfen. Es liegt auch nicht an den oft beschworenen ungünstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Als unser früherer Bundespräsident Herzog das geflügelte Wort prägte, Leistung müsse sich wieder lohnen, war er unserer Gesellschaft eigentlich schon einen Schritt voraus. Wir müssen zuvorderst erst einmal wieder verstehen, dass Leistung grundsätzlich etwas Lohnendes ist. Dass man für einen Lohn erst Leistung erbringen muss. Dass gesellschaftliche Hierarchien nicht nur ein von oben oktroyiertes Konstrukt zur Pfründesicherung der Oberen sind, sondern eben auch durch Leistung entstehen. Dass sich der Respekt vor Hierarchien erst dann einstellt, wenn man etwas zu leisten bereit ist und damit den Wert der Leistung und des Leistungsträgers erkennt.

Vor allem aber sollte man erkennen, dass für diese 15-Minuten Berühmtheiten, die Talkshow-Hopper, Big-Brother-Insassen und nicht zuletzt die Produzenten dieser Gagashows erstmal eine ganze Menge an Leuten Leistung erbringt. Und zwar nicht, damit sie ihre 15 Minuten Ruhm haben, sondern damit sie die einfachen Dinge des Lebens überhaupt genießen können. Eben einen Platz für die Seele, ein nettes Lächeln, einen ermunternden Zuspruch, einen Busen zum Kuscheln, was Warmes im Bauch… All das Glück, das angeblich ökonomisch nicht fassbar ist.

Sittlichkeit bestimmt sich deshalb auch dadurch, den Schein abzulegen und das Sein anzuerkennen. Anzuerkennen, dass der Sozialstaat kein Schlaraffenland, keine Allmende und kein Selbstbedienungsladen ist, der einem einfach so die Wartezeit auf die eine große Chance versüßt. Deswegen sammelt sich bei mir die Galle, wenn ich "Geiz ist geil" höre. Da mag das Saturnmädel noch so lecker sein.

January 10, 2006

Was nun Herr Bernanke?

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:35 am
 
Ja ja, der Nachfolger von Alan Greenspan zu sein, hat neben Annehmlichkeiten auch seine besch… Seiten. Vor allem dann, wenn China ankündigt, das Portfolio seiner Auslandsreserven neu zu strukturieren. Die Leitzinserhöhung möchte ich sehen, die es den USA ermöglichen soll, 20 Jahre verfehlter Außenpolitik und totaler finanzpolitischer Abhängigkeit von China wieder gut zu machen. Sollte China wirklich ernst machen, werden die Amis in Zukunft wohl wieder Keulen statt neuester Waffentechnologie produzieren müssen.

Vor allzu euphorischer Häme diesseits des Atlantiks sei allerdings gewarnt, wie uns das Titelbild des Economist vom vergangenen Februar zeigt.



Auch nicht gerade schön!

Fischer to hit Ivy League

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:33 am
 
According to the German weekly "Der Stern", Germany’s former Secretary of State, Joschka Fischer, got an offer to become a visiting professor at one of the United States’ leading universities, most likely at Princeton or Harvard. Although Fischer never received an university-entrance diploma, he autodidactically managed to become one of the world’s leading experts in non-traditional security issues during his long political career as founder and leader of Germany’s Green Party. Scholars in Boston will be envied for having the opportunity to attend his lectures.

Personally, I have some suggestions for his lectures. Topics, which are all too seldom addressed:

- "The philosophy of Hans Jonas and its impact on Green Politics"

- "The roots of Sustainability"

- "The heuristics of fear and the necessity of a global environmental regime"

- "Securitizing Security: why unipolarity leads to a collaps of order"

- "When power does not make a difference: why more states live in peace than theory admits"

- "Do we really need you? The future of Transatlanticism"

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