Nur Gedanken

December 21, 2005

Freiheit der Lehre im postliberalen Kontext

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:16 am


Es war ein sonniger Montagmorgen. Zufrieden bugsierte Paul Mirecki seinen alten Wagen von der Haskell Avenue auf eine der alten Landstraßen, die typisch waren für das ländliche Kansas. Selten überfällt einen das Gefühl von Freiheit so wie hier. Die gelb leuchtenden Felder flüchten unter einem unendlich weiten Himmel mit dem Asphalt der Straße zu einem flimmernden Punkt am Horizont. Während Dwight Jochum aus dem Radio säuselte, verschwand Lawrence City langsam aus dem Rückspiegel.


Ja, Paul Mirecki konnte zufrieden sein. Er war Professor für Religion an der Universität von Kansas und gerade ein sehr gefragter Mann. Der Kurs, den er nächstes Semester anbieten wollte hatte landesweit öffentliches Aufsehen erregt, nachdem sich Senator Kay O’Connor darüber echauffierte, dass Mirecki darin "Intelligent Design" und Kreationismus als religiöse Mythologie darstellen und die Grenzen zur Wissenschaft aufzeigen wollte. Als einen Schlag ins Gesicht jeder jüdisch-christlichen Gemeinde hatte O’Connor Mireckis Vorhaben bezeichnet. Folglich sah sich Mirecki gerade an vorderster Front, an der Verteidigungslinie der seriösen Wissenschaften gegen den Einfall religiöser Eiferer.

Vergnügt trommelte er zum Takt der Musik mit den Fingern auf das Lenkrad und sah deswegen den schweren Pick-up Truck zu spät, der sich offensichtlich beim Überholmanöver verschätzt hatte und Mirecki dabei fast von der Fahrbahn drängte. „Verdammter Mist!“ Mirecki trat in die Eisen. Auch der Pick-up verlangsamte seine Fahrt und kam schließlich zum Stehen. Kaum hatte Mirecki angehalten und die Fahrertür geöffnet, waren sie auch schon bei ihm und zerrten ihn aus dem Wagen. Zwei Männer von derber Statur und mit von Kautabak gefärbtem Gebiss. Was er denn hier zu suchen habe, so ganz allein? Ob er sich denn nicht bewusst sei, dass er zur Zeit eine wandelnde Zielscheibe sei, der Herr Professor? Noch bevor Mirecki etwas erwidern konnte, schlugen sie auch schon zu. Mehrmals spürte er den heißkalten Aufprall einer Eisenstange, schmeckte das eigene Blut, fühlte das Abbrechen eines Zahnes. Erst als er zusammengekrümmt auf dem warmen Asphalt lag, ließen seine Angreifer von ihm ab, nicht ohne ihn vorher nochmals zu ermahnen, was er zu tun habe: den frevlerischen Kurs abzublasen, der ja wohl kaum Gottes Wille sein könne.

Die nächsten Tage wurden für das Opfer Mirecki zum Spießrutenlauf. Die Staatsanwaltschaft interessierte sich kaum für seinen Fall, Senator O’Conner intensivierte seine Kampagne und holte sich Unterstützung bei christlichen Fundamentalisten, die das Dekanat der Fakultät schließlich so lange belagerten und Mireckis Entlassung forderten, bis der Dekan nachgab. Mirecki wurde aus Angst um das Ansehen der Fakultät und um die Sicherheit der Forscher seines Postens als Chair of Religious Studies enthoben. So jedenfalls die offizielle Begründung.


Eine schöne Gruselgeschichte über das Amerika von morgen, die ich mir da ausgedacht habe? Leider nein. Alles wahr!

Berichte:
Kansas City Star
Kansan.com
MSNBC

Und die Antwort der religiösen Rechten (Vorsicht, harter Tobak!)

Townhall
Christian Science News
Free Republik

The strange world of Michelle Maulkin? Bitch!

PS: Michelle, my belle, if you should ever read this, although I doubt you ever considered learning a godless language, I’d suggest you to read what Robert Paxton once wrote about fascim. Your argument fulfills at least three of his ten definitions of fascism:

3. the belief that one’s group is a victim, a sentiment which justifies any action, without legal or moral limits, against the group’s enemies, both internal and external;

5. the need for closer integration of a purer community, by consent if possible, or by exclusionary violence if necessary;

8. the beauty of violence and the efficacy of will, when they are devoted to the group’s success;

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