Nur Gedanken

October 14, 2005

Und es ist Fragezeit, Fragezeit, Fragezeit auf ewig und ewig und ewig

Filed under: Politisches, Literarisches - word2go @ 11:18 am
Ich bin kein Fan des absurden Theater. Ich stell’ es gleich vorweg. Ich mag, wenn ein Stück sich bewegt, sich entwickelt. Keine Dauerblaupause quälender Langsamkeiten. Ich mag Harold Pinter nicht, keinen Beckett, keinen Bond…

Doch noch weniger mag ich’s, wenn ein Tintenfässchen ausgeschüttet und sein Inhalt dampfwalzenartig und burlesk auf’s Blatt betoniert wird, um die Substanzlosigkeit des Geschriebenen mit der Fülle des im Germanistikstudium Erlernten zu übertünchen.

Es passieren dann so schöne Ungereimtheiten, wie hier in der Welt:

Mit Harold Pinter,…, ist man nun endgültig bei der Avantgarde von vorgestern angelangt.

Zwei Absätze später:

Inzwischen hat sich… gezeigt, daß der Mainstream der Literaturbanausen sich auf eine diffuse Weise links und avantgardistisch definiert.

Und nur einen Satz später:

Und prompt bediente die Stockholmer Jury diese Klientel. Elfriede Jelinek konnte so ausgezeichnet werden, und jetzt die abgestandene und überholte "Gesellschaftskritik" von Harold Pinter

Na was denn nun Herr Krause? Ist jetzt die Avantgarde von vorgestern? Oder steht die heutige Avantgarde auf die von vorgestern? Oder ist Avantgarde per se überholt? Weil sie links ist? Wäre konservative Avantgarde vielleicht avantgardistischer als Avantgarde, also die Avantgarde von übermorgen? Ist die Avantgarde von heute die Avantgarde von vorgestern oder umgekehrt? Alles dasselbe? Eine Avantfarce? Hoppla, jetzt hab’ ich doch glatt mein Tinten…

Gestehen Sie, Sie wollten doch nur mal einem Avantgardisten an die Bügelfalte pinkeln, oder? Einem Avantgardisten, dessen "bizarre Wahl" zum Literaturnobelpreisträger 2005 nicht nur die Kritikerszene spaltet. Eine politisch motivierte Vergabe soll es gewesen sein,… schon wieder! Dem alterssenilen Amerikahass eines langweiligen Bühnenautors wurde die Würde des Nobelpreises geopfert. Warum nur Stockholm, warum?

"O Amerika, du Gedroschene, Geschundene", pfeift es seither durch den Blätterwald, "schon wieder wird dir der Zorn der Welt zu Teil, und wieder, und wieder, und wieder…", aufgekratzt und gar nicht pinteresk. Die Pinter zugeschriebenen Attribute reichen von "Beleidigung der Weltliteratur" über den "politischen Possenreißer" und "eingebildet Engagierten" bis hin zum "Kitsch-Dramatiker".

Dabei wäre nur ein wenig Schweigen, ein kurzer Moment der Ruhe und Besinnung - eben ein pinteresker Moment - angebracht gewesen, als die Jury verkündete, Pinter den Preis für "die Offenlegung des Abgrunds hinter dem alltäglichen Geschwätz und den erzwungenen Einlass in die Räume der Unterdrückung" zu verleihen.

Wer hierin ein politisches Urteil gegen Amerika erkennt, blamiert sich als angeblicher Literaturkenner. Pinters Stücke befassen sich fast ausschließlich mit der Schwelle zwischen Schein und Sein, der Grenze zwischen Innerem und Äußerem. Das Eindringen in den geschlossenen Raum des Inneren offenbart dabei die Farce des Alltäglichen. Warum sonst wäre es absurdes Theater?

Dieses Grundthema gab Pinter niemals auf. Was sich änderte, war seine eigene kleine Black Box. Diesen geschlossenen Raum brach er irgendwann selbst auf und wandelte sich so vom Außenstehenden seines eigenen Werkes zum Protagonisten. Vom Moralabstinenten zum Moralisten. Das mag man als Literaturkonsument schade finden, hat es doch seiner Kunst offensichtlich geschadet. Für Pinter war es wohl ein Weg zu sich selbst. Er hat die Suche, die wir heute in seinen Stücken vermissen, selbst nicht mehr nötig. Und für die Akademie ist dieser Wandel noch lange kein Grund, ihm den Preis zu verweigern. Sie hat ganz richtig und unpolitisch entschieden. Zwar etwas spät, wie Reich-Ranicki sagt, aber richtig.

Die Welt: Avantgarde von Vorgestern
FAZ: Der eingebildet Dramatische
Reich-Ranicki: Eine gute, eine richtige Entscheidung
FAZ: Ständig aufgebracht und ausser Kontrolle

Comments »

The URI to TrackBack this entry is: http://word2go.blogsome.com/2005/10/14/und-es-ist-fragezeit-fragezeit-fragezeit-auf-ewig-und-ewig-und-ewig/trackback/

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>


Get free blog up and running in minutes with Blogsome
Theme designed by Alex King