Das politische Buch
Ab heute gibt es eine neue Rubrik auf word2go. Ich werde in unregelmäßigen Abständen relevante Bücher aus politikwissenschaftlicher Forschung und journalistischer Meinung vorstellen und rezensieren. Alle Rezensionen findet Ihr dann unter der Kategorie "Das politische Buch". Zu Beginn gibt es gleich einen Klassiker: Schumpeters einführende Abhandlung über Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, deren bereits 1942 aufgestellte Thesen gerade heute brisant sind und die "Misere" des deutschen Sozialstaats in ein neues Licht rücken.
Joseph A. Schumpeter: "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie",
UTB Verlag Stuttgart 1993, 542 Seiten
UTB Verlag Stuttgart 1993, 542 Seiten

Der 1883 in Triesch geborene Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter gilt bis heute als einer der einflussreichsten Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker. Bereits sein 1911 erschienenes Erstlingswerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, in dem er herausstellt, dass nur der investierende Unternehmer als Träger der wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet werden kann, hatte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftstheorie. Schumpeter lehrte Politische Ökonomie in Czernowitz und Graz, später Finanzwissenschaft in Bonn und dann Politische Wissenschaft in Harvard. Dort starb er 1950.
In dem 1942 unter dem Originaltitel „Capitalism, Socialism and Democracy“ erschienen Buch versucht Schumpeter als erster Wissenschaftler nach Marx die Entwicklung des Kapitalismus zu prognostizieren und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus letztendlich scheitern und der Sozialismus siegen werde. Anders als bei Marx wird dieser Sieg jedoch nicht durch eine proletarische Revolution errungen, sondern vollzieht sich automatisch, nachdem sich die kapitalistische Gesellschaft, satt und befriedigt durch ihren Erfolg, auflöst. Die Sättigung der kapitalistischen Gesellschaft zeigt sich in einem Verschwinden der wirtschaftlichen und technologischen Innovationen in dessen Folge sich Unternehmen verbürokratisieren. Innovationsentscheidungen werden nun nicht mehr in einem Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ durch neue technische Möglichkeiten induziert, sondern nur noch nach einer umfangreichen Bedarfsallokation getroffen, wodurch die Unternehmen ihre ursprüngliche Funktion als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung verlieren. Schumpeter diagnostiziert in diesem Zustand, der einem planwirtschaftlichen Sozialismus entspricht, das Ende der kapitalistischen Entwicklung. Ein Zustand, der zwar immer noch Kapitalismus genannt werden kann, da Profitmaximierung weiter oberstes Ziel bleibt, dem aber das spezifische Element der Weiterentwicklung fehlt: der Unternehmergeist.
Dem oft gebrachten Vorwurf, Schumpeter hätte sich vom Kapitalismusverfechter zum Anhänger des Sozialismus gewandelt, muss jedoch entschieden entgegengetreten werden. Schumpeter sagt keinesfalls, der Sozialismus wäre dem Kapitalismus überlegen. Seine These beruht vielmehr auf der objektiven Betrachtung politischer Interessensvertretung. So entwirft er im vierten Teil des Buches, der Betrachtung der Demokratie, den rationalen politischen Akteur, also das Leitbild, dem zumindest die quantitative Politikwissenschaft heute noch folgt. Nach diesem Leitbild verfolgen Politiker nicht Wertprämissen, sondern das eigene Interesse, die Stimmenmaximierung. Demokratie emanzipiert sich nun von der ursprünglich normativen Idee individueller Freiheit und Selbstbestimmung und wird auf ihre systemisch-gesellschaftliche Funktion reduziert. Einen Markt für den politischen Wettbewerb zu bieten, der gewaltfreie Machtwechsel ermöglicht.
Jenseits von Werten und Normen ist der rationale politische Akteur bei Schumpeter das genaue Gegenteil des wirtschaftlichen „Entrepreneurs“, des Unternehmers. Er ist per se risikoscheu und hält sich eng an die Vorgaben und Erwartungen seiner Wähler und der ihn unterstützenden Interessensgruppen, um seinen Stimmenanteil bei der nächsten Wahl zu maximieren. Im fortgeschrittenen, gesättigten Kapitalismus – und hier wird Schumpeters Analyse für die heutige Situation vieler Wohlfahrtsstaaten interessant – entsteht in breiten Bevölkerungsteilen das, was heute oft abfällig als Besitzstandwahrung bezeichnet wird. Schumpeter nennt das noch eine beginnende Feindseligkeit der gesellschaftlichen und intellektuellen Eliten gegenüber dem Kapitalismus. Ein gesellschaftliches Klima, das dem Unternehmertum den Nährboden raubt und im Gegenzug Ansprüche an die sozial distributive Gestaltungsmacht des intervenierenden Staates laut werden lässt. In der Folge verschieben sich Parteienspektrum und damit die Zusammensetzung der Parlamente nach links, da Parteien und Politiker aus Eigennutz sozialdemokratische Policy-Ziele verfolgen, um dadurch die Wählerschaft zu binden. Die Demokratie wird sozialistisch.
„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist daher alles Andere als eine Lobpreisung des Sozialismus oder ein Abgesang auf den freien Markt. Im Gegenteil, es lebt und atmet den Geist des innovativen Unternehmertums und hebt seine Bedeutung für das Wohl der pluralistischen Gesellschaft hervor. Der Trick besteht in der Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Unternehmertum. Denn der Kapitalist folgt in seiner Profitmaximierung denselben Gesetzmäßigkeiten wie der Politiker in seiner Stimmenmaximierung. Von beiden kann nicht erwartet werden, dass sie die Regeln des Spiels verletzen oder verändern und damit das zwangsläufige Abgleiten in den Sozialismus verhindern. Dies kann nur das freie Unternehmertum, dessen Wichtigkeit durch nichts besser beschrieben werden könnte, als durch seine englische Bezeichnung: „Entrepreneurship“. Der Unternehmer „dringt ein“ in dieses Spiel, er stellt sich „zwischen“ die Fronten und pfeift auf die Gepflogenheiten. Er ist besessen von einer Idee, …seiner Idee und dem Wunsch, diese zu verwirklichen. Und sorgt damit für Veränderung und Wachstum, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.
Während die in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ enthaltene ökonomische Theorie in der vom Keynesianismus dominierten Nachkriegszeit kaum Beachtung fand, öffnete sein reduktionistisches Demokratieverständnis dem Rational Choice Ansatz in der Politikwissenschaft Tür und Tor. Aufbauend auf Schumpeters Ideen verfasste z.B. Anthony Downs nur wenige Jahre später sein bahnbrechendes Werk „An Economic Theory of Democracy“, das unverzichtbare Theorem zur Erforschung des Wählerverhaltens. Seit Mitte der 80er Jahre erfährt jedoch auch Schumpeters These von der Auflösung des Kapitalismus eine Renaissance, was nicht zuletzt daran liegt, dass seine Theorie mit fast schon prophetischer Genauigkeit die Probleme moderner Wohlfahrtsstaaten bezeichnet.
In dem 1942 unter dem Originaltitel „Capitalism, Socialism and Democracy“ erschienen Buch versucht Schumpeter als erster Wissenschaftler nach Marx die Entwicklung des Kapitalismus zu prognostizieren und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus letztendlich scheitern und der Sozialismus siegen werde. Anders als bei Marx wird dieser Sieg jedoch nicht durch eine proletarische Revolution errungen, sondern vollzieht sich automatisch, nachdem sich die kapitalistische Gesellschaft, satt und befriedigt durch ihren Erfolg, auflöst. Die Sättigung der kapitalistischen Gesellschaft zeigt sich in einem Verschwinden der wirtschaftlichen und technologischen Innovationen in dessen Folge sich Unternehmen verbürokratisieren. Innovationsentscheidungen werden nun nicht mehr in einem Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ durch neue technische Möglichkeiten induziert, sondern nur noch nach einer umfangreichen Bedarfsallokation getroffen, wodurch die Unternehmen ihre ursprüngliche Funktion als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung verlieren. Schumpeter diagnostiziert in diesem Zustand, der einem planwirtschaftlichen Sozialismus entspricht, das Ende der kapitalistischen Entwicklung. Ein Zustand, der zwar immer noch Kapitalismus genannt werden kann, da Profitmaximierung weiter oberstes Ziel bleibt, dem aber das spezifische Element der Weiterentwicklung fehlt: der Unternehmergeist.
Dem oft gebrachten Vorwurf, Schumpeter hätte sich vom Kapitalismusverfechter zum Anhänger des Sozialismus gewandelt, muss jedoch entschieden entgegengetreten werden. Schumpeter sagt keinesfalls, der Sozialismus wäre dem Kapitalismus überlegen. Seine These beruht vielmehr auf der objektiven Betrachtung politischer Interessensvertretung. So entwirft er im vierten Teil des Buches, der Betrachtung der Demokratie, den rationalen politischen Akteur, also das Leitbild, dem zumindest die quantitative Politikwissenschaft heute noch folgt. Nach diesem Leitbild verfolgen Politiker nicht Wertprämissen, sondern das eigene Interesse, die Stimmenmaximierung. Demokratie emanzipiert sich nun von der ursprünglich normativen Idee individueller Freiheit und Selbstbestimmung und wird auf ihre systemisch-gesellschaftliche Funktion reduziert. Einen Markt für den politischen Wettbewerb zu bieten, der gewaltfreie Machtwechsel ermöglicht.
Jenseits von Werten und Normen ist der rationale politische Akteur bei Schumpeter das genaue Gegenteil des wirtschaftlichen „Entrepreneurs“, des Unternehmers. Er ist per se risikoscheu und hält sich eng an die Vorgaben und Erwartungen seiner Wähler und der ihn unterstützenden Interessensgruppen, um seinen Stimmenanteil bei der nächsten Wahl zu maximieren. Im fortgeschrittenen, gesättigten Kapitalismus – und hier wird Schumpeters Analyse für die heutige Situation vieler Wohlfahrtsstaaten interessant – entsteht in breiten Bevölkerungsteilen das, was heute oft abfällig als Besitzstandwahrung bezeichnet wird. Schumpeter nennt das noch eine beginnende Feindseligkeit der gesellschaftlichen und intellektuellen Eliten gegenüber dem Kapitalismus. Ein gesellschaftliches Klima, das dem Unternehmertum den Nährboden raubt und im Gegenzug Ansprüche an die sozial distributive Gestaltungsmacht des intervenierenden Staates laut werden lässt. In der Folge verschieben sich Parteienspektrum und damit die Zusammensetzung der Parlamente nach links, da Parteien und Politiker aus Eigennutz sozialdemokratische Policy-Ziele verfolgen, um dadurch die Wählerschaft zu binden. Die Demokratie wird sozialistisch.
„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist daher alles Andere als eine Lobpreisung des Sozialismus oder ein Abgesang auf den freien Markt. Im Gegenteil, es lebt und atmet den Geist des innovativen Unternehmertums und hebt seine Bedeutung für das Wohl der pluralistischen Gesellschaft hervor. Der Trick besteht in der Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Unternehmertum. Denn der Kapitalist folgt in seiner Profitmaximierung denselben Gesetzmäßigkeiten wie der Politiker in seiner Stimmenmaximierung. Von beiden kann nicht erwartet werden, dass sie die Regeln des Spiels verletzen oder verändern und damit das zwangsläufige Abgleiten in den Sozialismus verhindern. Dies kann nur das freie Unternehmertum, dessen Wichtigkeit durch nichts besser beschrieben werden könnte, als durch seine englische Bezeichnung: „Entrepreneurship“. Der Unternehmer „dringt ein“ in dieses Spiel, er stellt sich „zwischen“ die Fronten und pfeift auf die Gepflogenheiten. Er ist besessen von einer Idee, …seiner Idee und dem Wunsch, diese zu verwirklichen. Und sorgt damit für Veränderung und Wachstum, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.
Während die in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ enthaltene ökonomische Theorie in der vom Keynesianismus dominierten Nachkriegszeit kaum Beachtung fand, öffnete sein reduktionistisches Demokratieverständnis dem Rational Choice Ansatz in der Politikwissenschaft Tür und Tor. Aufbauend auf Schumpeters Ideen verfasste z.B. Anthony Downs nur wenige Jahre später sein bahnbrechendes Werk „An Economic Theory of Democracy“, das unverzichtbare Theorem zur Erforschung des Wählerverhaltens. Seit Mitte der 80er Jahre erfährt jedoch auch Schumpeters These von der Auflösung des Kapitalismus eine Renaissance, was nicht zuletzt daran liegt, dass seine Theorie mit fast schon prophetischer Genauigkeit die Probleme moderner Wohlfahrtsstaaten bezeichnet.


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