Nur Gedanken

October 9, 2005

Extreme Makeover: Bush Edition

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:41 am

Das Trauma ist eigentlich schon uralt. Je verzweifelter man versucht ein wenig Stil in die eigenen vier Wände zu bekommen, desto mehr sehen Küche und Wohnzimmer aus, als hätte Graf Kunterbunt sie eingerichtet. Das Buffet ist nicht am richtigen Platz, die Dunstabzugshaube klemmt und die Da Vinci Kopie aus dem Ottokatalog mag so gar nicht zu den Vorhängen passen, die man kürzlich zum Sensationspreis bei Aldi ergattert hat. Selbst der Pan in der eigens eingerichteten Blumenecke wirkte bei Ebay irgendwie schöner. Noch älter ist der Traum von den Heinzelmännchen, die man sich in solchen Momenten herbeiwünscht und die über Nacht auch das dunkelste Loch in einen luxuriösen Palast verwandeln. Gut daher, dass es Privatfernsehen gibt. Produzenten, die Werbegelder mit vollen Händen zum Fenster hinaus werfen, bzw. in die überfällige Wohnungsrestauration stecken. Gut auch, dass Millionen Fernsehzuschauer den Traum vom Heinzelmännchen leben und mit schmachtendem Blick an jedem einzelnen Nägelchen kleben, das der muskulöse Jimmy oder die gut gebaute Samantha zu Gunsten des verzweifelten Innenarchitekturlaien Richard in die Wand hämmern und ihn damit von seiner Not erlösen. So etwas nennt man dann ein redaktionelles Erfolgskonzept.


Die Väter des Erfolges sitzen beim amerikanischen Privatsender ABC und verdienen sich mit der Heimwerkershow „Extreme Makeover: Home Edition“ eine goldene Nase, indem sie ausgewählte, bedürftige Familien kurzerhand in den Urlaub schicken, um sie bei der Rückkehr mit einem runderneurten Eigenheim zu überraschen. Eine Show wie aus dem Märchen. Nun ergab es sich – das ist in Märchen ja so üblich – dass die böse Hexe Katrina ganz viele Häuschen einfach umgepustet und unter Wasser gesetzt hatte, weshalb ein paar Strategen aus dem Weissen Haus auf die findige Idee kamen, ein ganz besonderes Heinzelmännchen in den Katastrophengebieten antanzen und in die Schlacht gegen modrige Teppichböden und verfaulende Holzdielen ziehen zu lassen. Eine Wahnsinnsidee, weshalb die Anfrage aus dem Oval Office im Redaktionsteam von Extreme Makeover sogleich mit Begeisterung aufgenommen wurde. Immerhin hat dieses besondere Heinzelmännchen, Amerikas First Lady Laura Bush, so einiges wiedergutzumachen. Den angeknacksten Ruf ihres Gatten zum Beispiel, oder auch das verheerende Sozialbewusstsein ihrer Schwiegermutter Barbara, die sich in einem CNN-Interview nach der Überschwemmung von New Orleans anscheinend nichts Schlimmeres vorstellen konnte, als dass die texanische Heimat Opfer eines Flüchtlingsstroms krimineller Elemente werden könnte. Ganz nebenbei soll sie dabei auch noch beweisen, dass der Glaube an Gott und die christlich republikanische Wertegesellschaft, allen liberalen Unkenrufen zum Trotz, gegen das Böse und die Unwägbarkeiten des Lebens bestehen kann.

Die benefizerfahrene Laura ist eine Traumbesetzung, fast ein Garant für den gegenseitigen Nutzen von Kommerz und Politik, das gibt der Produzent von Extreme Makeover, Tom Foreman, freimütig zu: „Es ist so großartig, dass die First Lady hierherkommt, weil man dann reden, Geschichten hören, Tränen teilen und Umarmungen austauschen kann. Und außerdem erinnert es alle daran, dass wir für eine ganze Weile hier sein und auch wieder zurückkommen werden. Dass niemand sie vergessen hat, auch ihre Regierung nicht.“ Er vergisst dabei nicht hinzuzufügen, dass er natürlich nicht glaube, dass Laura Bush aus politischen Gründen die Nähe zu den Opfern sucht. Für ihn ist sie „einfach nur da, als jemand der sich kümmert.“ Dass sich beide Aussagen widersprechen, interessiert ihn auch kaum, denn schließlich müsse man angesichts des Ausmasses der Katastrophe schon mal „die Regeln aus dem Fenster werfen“.

Viel Sorgen darüber, dass dem amerikanischen Volk die allzu offensichtliche Intention hinter der Benefizaktion sauer aufstößt, muss er sich auch nicht machen. Denn Laura Bush war zwar bisher eine eher unauffällige, jedoch keine angepasste Präsidentengattin. Ganz anders als die lautstarke Hillary Rodham Clinton, die ihre politischen Vorstellungen nicht nur zwischen den sanften Kissen des eigenen Ehebettes, sondern auch lautstark in der Öffentlichkeit durchzusetzen wusste. Längst ist in das Präsidentenhaus die neue Konservativität der Post-Postmoderne eingezogen und die stille, fürsorgliche Laura Bush hatte daran maßgeblichen Anteil. Auch das vordergründig unpolitische Kaffeekränzchenimage ihrer Schwiegermutter, die im Hintergrund ehrgeizig die Karriere des oft schwach und unentschlossen wirkenden Gatten vorantrieb, ist nicht ihre Welt. Sie engagiert sich lieber für eine umfassende Alphabetisierung oder verbesserte Adoptionsrechte und agiert dabei ähnlich unabhängig wie Hillary Clinton, ohne jedoch diese Unabhängigkeit an die große Glocke zu hängen. Dabei bleibt sie stets überparteilich, genau so, wie man es sich von einer guten Repräsentantin wünscht. Und war mit dieser Art von Anfang an George W. Bushs schärfste Waffe, sein wichtigster Spindoctor. Wie keine andere Präsidentengattin zuvor repräsentiert sie die bessere Hälfte des Regenten und gibt dabei ihrem Mann mühelos die Glaubwürdigkeit zurück, die ihn die Dubiosität seines Regierungskabinetts kostete.

Mittlerweile geniesst die First Lady schon eine Art heimlichen Kultstatus und verbindet bei ihren sensiblen Auftritten bei Oprah oder Jay Leno Popkultur mit Altbewährtem. Das liegt nicht nur an Oscar de la Rentas maßgeschneiderten Kostümen, die den bewegten Zeiten eine gewisse nostalgische Ruhe entgegensetzen, sondern vor allem am Vokabular der Präsidentengattin. Bushs Pressesprecherin, Susan Whitson, bringt es auf eine einfache Formel: „Sie hat eine Weise zu sprechen, die vielen in der Administration fremd ist“, eine Weise, die den Menschen die sanfte Seite der Bushadministration näherbringt.



Und wenn diese - so wie in der gegenwärtigen Krise - politisch versagt, dann schaut ganz Amerika gespannt auf die Reaktion der First Lady. Als sie vergangenen Dienstag in das zerstörte Biloxi reist und vor der Armenspeisung im Zelt der Heilsarmee die Menschen aufruft zusammenzustehen obwohl der Wiederaufbau Zeit und Geduld erfordert, ist das Balsam für die geschundenen Seelen der Hurrikaneopfer. Am Tag des Drehs werden keine Fragen nach den Versäumnissen der Regierung gestellt, keine Klagen laut. Stattdessen sehen die Menschen eine Frau, die zupacken kann, Wasser, Kleidung, Essen und dadurch jede Menge Hoffnung verteilt. Und obwohl sie sich nicht an die Vorgaben des Produzenten hält, der sich lediglich telegenes Händeschütteln und viele Umarmungen erhoffte, übertrifft sie die Erwartungen bei Weitem. Denn anders als ihr Mann liebt sie nicht die große Inszenierung, lässt die schussbereiten Kameras der Journalisten links liegen und pflückt keine Zufallsbekanntschaften aus der Menge, um nach einer betont volksnah-brüderlichen Umarmung die Werte republikanischer Errungenschaften in den Himmel zu loben. Ihr Vokabular besteht nicht aus dem stolzen „wir sind“ und „wir haben“ ihres Mannes, sondern genau aus dem „wir können“ und „wir wollen“ das Amerika einmal zu dem gemacht hatte, für das es lange Zeit stand. Wie recht Susan Whitson also hat!

Die richtigen Worte rieseln Laura Bush von den Lippen wie dem Sandmännchen der Schlaf aus dem Beutel und beruhigen dabei sogar das aufgewühlteste Gemüt. „Herzzerreißend“ sei es. „So viel aufzubauen“ und „so viel zu helfen“ gäbe es. Gleichzeitig schlägt den Strategen bei ABC und im Weissen Haus das Herz ein wenig höher. Ihre Rechnung ist aufgegangen, denn die Ausstrahlung im November verspricht ein voller Erfolg für beide Seiten zu werden. Amerika darf noch einmal ein bisschen trauern, hoffen, staunen und danken. Das Gemeindezentrum in Biloxi wird in neuem Glanz erstrahlen und Laura Bush wahrscheinlich höchstpersönlich die Schlüsselübergabe durchführen. Niemand wird sich dann noch daran erinnern, dass die Regie unmittelbar vor der Aufzeichnung der Show das wartende Volk rüde ermahnte, nicht einfach dumm herumzustehen, sondern überrascht zu tun, wenn die Präsidentengattin eintrifft. Oder dass ein Großteil der Leute eigentlich nur gekommen war, um in der Klinik des alten Gemeindezentrums kostenlose Behandlung und Medizin zu bekommen. Die Klinik wurde für die Dauer von Laura Bushs Besuch kurzerhand geschlossen. „Wir brauchen doch keine Kleidung, wir laufen doch nicht nackt herum“, lautete der verständnislose Kommentar der vergeblich wartenden Patientin Susie Hightower.

Aber vielleicht braucht Amerika des Kaisers neue Kleider eben doch. Und wenn sie nur dafür gut sind, „das Reality-TV auf ein neues Level zu befördern“, wie es Al Gores ehemaliger Sprecher Chris Lehane ausdrückt. Ein Level auf dem Politiker ihr Volk direkt erreichen, ohne den „verfälschenden“ Einfluss der Medien.

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