Nur Gedanken

October 26, 2005

90 Jahre für’n Arsch

Filed under: Panorama, Umwelt - word2go @ 5:18 am

"Wir geben uns Mühe, weil Sie sich Mühe geben". Mit diesem Spruch schmeichelt Kimberly-Clark, Hersteller der herrlich weichen Hakle-, Scott- und Kleenexprodukte, nicht nur der sanftesten Seite der Konsumenten. Der selbsternannte Weltmarktführer für Gesundheit und Hygiene poliert mit dem Slogan vor allem kräftig am eigenen Image. "Greenwashing" nennt man das Bekenntnis zur freiwilligen Selbstbeschränkung, zu Umwelt und Nachhaltigkeit, das sich immer mehr Global Player auf die Fahnen schreiben, um das Portemonnaie der Kunden zu öffnen und die Wut der Umweltschützer zu dämpfen. Im Fall von Kimberly-Clark hat dieses Lippenbekenntnis nichts genutzt, zu offensichtlich ist die Rücksichtslosigkeit des Unternehmens.

Das Vorher-Nachher-Foto der Kimberly-Clark Plantage Hinton Forest in der kanadischen Provinz Alberta zeigt eindrucksvoll, was das Unternehmen unter Nachhaltigkeit versteht. Einer Greenpeace-Studie zufolge zerstört dieser Kahlschlag vollkommen unnötig den Lebensraum von mehr als 50% des gesamten kanadischen Bestandes an Karribus, Grizzlies, Wölfen und anderen Tierarten. Unnötig deswegen, weil für den Bedarf des Unternehmens ein Kahlschlag gar nicht nötig wäre. So verfaulen z. B. von den 3 Millionen Tonnen jährlich geschlagenen Holzes im Kenogami Forest 500 000 Tonnen an den Wegrändern, weil sie nicht gebraucht werden. Kahlschlag ist nicht der einzige Kritikpunkt der Umweltschützer an Kimberly-Clark. Nicht einmal 19% beträgt der Anteil von Sekundärfasern an allen Produkten des Unternehmens. Damit liegt Kimberly-Clark weit unterhalb des globalen Durchschnitts. Der Rest der Papierindustrie recycelt nämlich zu gut 50%.

Zu stören scheint diese Differenz zwischen Schein und Sein die Verantwortlichen kaum. Für einen Nettoumsatz von 14,3 Milliarden US$ kann man schon mal den Zyniker raushängen lassen und darauf verweisen, dass es ja die Verbraucher sind, die sich den Hintern lieber mit weichen Primärfasern als mit kratzigem Recyclingpapier abwischen. Dass in einer einzigen Packung Kleenex ein durchschnittlich 90-jähriger Baum steckt, verschweigen sie dabei und verweisen lieber darauf, wie giftig der Recyclingprozess ist. Hier besitzt Kimberly-Clark in der Tat die umweltfreundlichste Technologie. Doch anstatt diesen Technologievorsprung effektiv zu nutzen, beschäftigt Kimberly-Clark ein Heer eifriger Wissenschaftspartisanen, die in unzähligen Studien dem Konsumenten erklären, wie schädlich die Herstellung von Recyclingpapier ist und warum Recyclingpapier den Tonerverbrauch von Kopiergeräten in die Höhe treibt.

Mit Erfolg! So vermeldet z.B. der Kritische Papierbericht 2005, dass der Umsatz von recycelten Papierprodukten in Deutschland in den letzten Jahren wieder deutlich zurückgeht und führt diese Entwicklung auf die Verunsicherung des Verbrauchers über die Schädlichkeit des Recyclingprozesses zurück. Wie verwundbar die Psyche des Verbrauchers für solche Agitationen ist, beweist eine Projektarbeit an der Uni Heidelberg mit dem tiefsinnigen Titel "Es fühlt sich einfach besser an".

Diese Entwicklung ist dramatisch, denn zum Einen gibt es, außer der Reißfestigkeit bei Toilettenpaieren, kaum mehr objektive Qualitätsunterschiede zwischen Neu- und Altpapier, zum Zweiten ist und bleibt Recyclingpapier umweltfreundlicher als Papier aus Primärfasern. Da können die Rumpelstilzchen der Papierindustrie behaupten, was sie wollen: eine Tonne Recyclingpapier spart 1,8 Tonnen Holz, 70% Energie, 85% Wasser und reduziert die Gewässerbelastung um sage und schreibe 94,5%. Das ist die Faktenlage.

Und bei der ist es umso verwunderlicher, dass Greenpeace den Protest so zaghaft inszeniert. Vorbei die Zeit der spektakulären Aktionen. Greenpeace scheint erwachsen geworden. Ein kreuzlahmes Bürokratiemonster, das negative Publicity meidet, um Spendengelder und Mitgliedsbeiträge zu schützen. Der Verbraucher wird nicht mehr aufgefordert, Kimberly-Clark Produkte zu meiden. Nein, Briefe soll er schreiben, an die Konzernführung, an politische Entscheidungsträger, an Nichtregierungsorganisationen. Immer schön brav und angepasst. Public Awareness ist nicht mehr "in" und wurde durch "Epistemic Community" Awareness ersetzt. So werden Aktivisten z.B. dazu aufgefordert, das schönste Protestshirt mit dem feststehenden Slogan "fuKC" zu kreieren.

Ein schönes Wortspiel, aber wer außer den ohnehin schon Eingeweihten soll das denn noch verstehen? In solchen Momenten ist es doch schön, wenn man ein Blog hat und sich folgenden Bumpersticker in’s linke obere Eck klatschen kann.

Dazu seid natürlich Ihr gefordert, also nehmt den Quellcode (die Sternchen stehen natürlich für öffnende "<" und schließende ">" Klammern, aber wem erzähl ich das), integriert ihn in Euer Blog und lasst mir einen Kommentar da, damit ich Euch verlinken kann: *a href="http://myblog.de/word2go/art/2186391"**img border="0" src="http://people.freenet.de/jessicastrust/kaufnicht.jpg"**/a* Woll’n wer doch mal sehen, ob wir nicht die Verkaufszahlen von Kleenex und Hakle ein wenig absenken können.

Ökologisch sinnvolles und trotzdem pofreundliches Klopapier gibt’s übrigens von folgenden Marken:

Danke 4-lagig
Alouette 4-lagig

October 20, 2005

Udo Jürgens und die Anarchie, oder warum ich nicht in Passau studiert hab’.

Filed under: Politisches, Satirisches - word2go @ 11:33 am

 

Die kleine niederbayerische Hochwassermetropole Passau ist immer wieder für eine Überraschung gut. Wenn den Bewohnern nicht gerade das Wasser bis zum Halse steht, ertränken sie ihren Alltagsfrust abwechselnd auf CSU- und NPD-Parteitagen. Aber immer in der Nibelungenhalle. Zumindest steht in Passau eine Uni. Traditionsreich! Neben Europarechtswissenschaftlern werden hier zukünftige CSU-Elitekader geschmiedet. Nein, nicht in München. Das Geschwister-Scholl-Institut ist traditionell liberal geführt, da gehen die Absolventen in die Wissenschaft, nicht in die Politik. Und es hätte auch nicht geholfen, einen Oberreuther hinzuschicken.

Ja, in Passau ist die Welt noch in Ordnung. Kinder werden in Bierzelten und Kuhställen erzogen, nicht von irgendwelchen vermummten Tagesstättenbetreuerinnen. Und Benjamin Blümchen oder Bibi Bloxberg kriegen sie auch nicht zu hören. Teufelszeug - das soll die blutige Luzi holen, das niederbayerische Pendant zur Zahnfeh. Hexen, die auf Besen reiten und sprechende Neustädter Elefanten. So was Blödes kommt hier nicht in die Schultüte.

Um dem Wunsch Milliarden niederbayerischer Eltern Ausdruck zu verleihen, hat der Passauer Politikdozent Gerd Strohmeier ein Pamphlet - Entschuldigung, eine wissenschaftliche Arbeit - über das staatsfeindliche und linkslibertäre Menschenbild bei BB&BB geschrieben. Ist ja auch klar. Allein die übereinstimmende Dopplung der Namensalliteration sagt doch schon alles: 2xB + 2xB = Belzebub, Belzebub, Belzbebub, Belbzebub.

Also, wer das nicht sieht?!

Die teuflische Verschwörung der linkslibertären Gutmenschen erschnüffelt Strohmeier vor allem in der antithetischen Differenzierung zwischen Bürgermeister und Unternehmer auf der einen und Karla Kolumna und Bibi, bzw. Benjamin auf der anderen Seite. Korruption, Gier und Autokratie stehen Pressefreiheit, Egalitarismus und Pazifismus gegenüber. Schandtat, kann man da nur schreien. In Bayern sind Bürgermeister immer nett, der örtliche Baulöwe bekommt seine Aufträge ausschliesslich über offizielle Ausschreibungen und gleich blöd sind hier doch alle! Schluss! Punkt!

Mensch, wie würde Strohmeier erst jammern, wenn er sich Udo Jürgens schandmäuligen Titelsong zu unser aller Bildungsfernsehenlieblingssendung "Es war einmal der Mensch" genauer anhören würde. Das ist die Weltverschwörung. Genau wie im Kino hat man uns als Kinder untergründig manipuliert und den Song leise, rückwärts oder wie auch immer, die ganze halbe Stunde durchlaufen lassen. Jetzt wissen wir endlich, warum wir alle gegen Bush, gegen den Irakkrieg und sonstige Segnungen der christlich zivilisierten Welt sind. Und warum Merkel nicht. Die hatte nämlich kein Westfernsehen.

Weißt du wieviel Sterne stehen
Und wohin die Flüsse gehen?
Sag’, warum der Regen fällt,
Wo ist das Ende dieser Welt?

Was war hier vor tausend Jahren?
Warum können Räder fahren?
Sind Wolken schneller als der Wind?
So viele Fragen hat ein Kind…

Ach Kind, komm’ laß die Fragerei’n,
Für sowas bist du noch zu klein,
Du bist noch lange nicht soweit.
Das hat noch Zeit…

Refrain
Was ist Zeit? - Was ist Zeit? - Was ist Zeit?
Ein Augenblick
Ein Stundenschlag
Tausend Jahre sind ein Tag!

Wie wird der Mensch zum Nimmersatt,
Wer alles hat, kriegt noch Rabatt,
Und woher kam die Gier nach Geld?
Wie kommt der Hunger auf die Welt?

Warum kommt jemand in Verdacht,
Nur weil er sich Gedanken macht?
Ist man noch frei, wenn man nichts wagt,
Ja, was ein junger Mensch so fragt…

He, junges Volk, was soll denn das?
Und leistet ihr doch erst mal was!
Ihr werdet auch noch mal gescheit.
Das bringt die Zeit…

Refrain
Na, na, na - Na, na, na - (usw.)

Ist diese Welt denn noch erlaubt?
Die Erde ist bald ausgeraubt,
Das Wasser tot, das Land entlaubt,
Der Himmel luftdicht zugeschraubt…

Die schöne Lüge vom Goodwill,
Das hübsche Spiel vom Overkill,
Und wann macht ihr die Waffen scharf?
Wenn ich das auch mal fragen darf…

Das wird verdammt noch mal so sein,
Und wer soll uns das je verzeih’n?
Ich bitt’ euch, fragt, solang’ ihr seid,
Ihr seid die Zeit…

Refrain
Na, na, na - Na, na, na - (usw.)
Quelle: Complete Album Lyrics

Stayin’ nuclear

Filed under: Politisches - word2go @ 11:31 am

 

Thank goodness, we have a conservative government now. They may be more socialist than the one before, but who gives a shit, they fuckin’ know how to make compromise. And it’s a good one. Although the green weenies forced us to shut down all nuclear facilities during the next 26 years, they now found a way to stay on the net. And it’s simple. Just don’t shut them down. Fuck the law! That’s what I call a compromise.

Maybe we could do this with HartzIV too? Or simply go to the doctors without paying surgery fees?

Government raising taxes? Fuck it, I don’t pay! Government raising tolls? Fuck it I don’t pay!

What a fool world we’re living in!?

Wetthungerhilfe

Filed under: Satirisches - word2go @ 11:29 am

 

Der Denkpass will das ZDF gegen den Erzrivalen unterstützen und wirft uns allen deshalb hier ein Wettstöckchen zu. Er selbst wettet gleich einmal, diverse Arbeitskollegen am Gestank in der Unisextoilette zu erkennen.

Deshalb hier meine bet2go:

Wetten, dass Peter Hartz es schafft, zehn Brasilianerinnen am Geschmack ihres Zuckerhutes zu unterscheiden.

Das Wettannahmebüro Denkpass freut sich über weitere Verlinkungen.

October 18, 2005

Ausgewählter Ort 2006

Filed under: Satirisches - word2go @ 11:27 am

 
Hochgehaltene Städte und Gemeinden,

Wir - gemeint sei damit die Initiative "Deutschland - Land der Ideen" - haben uns des Anlasses der Fußball-WM 2006 und der bei selbiger zu erwartenden Akkumulation von Individuen wegen, dazu entschlossen, obige Initiativbewegung zu vitalisieren.

Dafür recherchieren wir 365 - für jeden Tag im Jahr eine - häusliche Ansammlungen, die proximo anno den sogenannten "Walk of Ideas" beherbergen, um Deutschlands Gästen den Ideen- Wissenschafts- und Techologiepluralismus unserer schönen Nation näherzubringen.

Reziprok werden die, sich natürlich vorher beworben habenden, Orte mit dem honorigen Titel "Ausgewählter Ort 2006" geehrt.

Eine besondere Dienstleistung erbringen wir mittels der Netzseite http://www.land-der-ideen.de auf der jungen Generation die Offerte gegeben wird, sich in den FanClub Deutschland zu immatrikulieren, für den zwei Damen mit schwarz-rot-goldenen Gesichtszügen Marketing betreiben.

Die Initiative steht unter der Parapludominanz von Föderalpräsident Horst Köhler.

Ihre Initiativbewerbung senden sie bitte an:

FC Deutschland GmbH
Charlottenstraße 42
10117 Berlin

PS: Da wir gerade Mangel an versifizierten Werbefachangestellten leiden, wurden diese Buchstabenansammlung als auch Netzseite mittels Thesaurus erstellt. Wir betteln um Ihre Nachsicht.

October 17, 2005

Der Irak macht Fortschritte

Filed under: Politisches - word2go @ 11:25 am

Nach den ersten Auszählungen lässt sich erkennen, dass die neue Verfassung des Irak auch die sunnitisch dominierten Regionen unbeschadet passiert. Warum es gut ist, dass die Schiiten hart blieben und an der föderalistischen Verfassung festhielten, habe ich schon mal hier ausführlich erklärt.

October 16, 2005

Das politische Buch

Filed under: Politisches, Rezensionen - word2go @ 11:22 am
 
Nach Schumpeter bietet sich gleich ein zweiter, auf dessen Ideen aufbauender Klassiker an:

Gibt es eine Möglichkeit, politisches Handeln vorherzusagen? Anthony Downs entwickelt in seinem 1957 erschienen Buch „An Economic Theory of Democracy" eine konkrete Strategie, um diese Frage mit „Ja" beantworten zu können.
 

"Anthony Downs: An Economic Theory of Democracy",
Addison Wesley Publishing 1997, 310 Seiten
cover

 



Inspiriert von der Anwendbarkeit des rationalen Menschenbildes auf die klassische Ökonomie entwirft er ein Modell der Gesellschaft als Ansammlung individueller und kollektiver Entscheidungsprozesse, das in der Folge die Sozialwissenschaften revolutionieren sollte. „Rational Choice" gab Politikern und Wissenschaftlern ein Instrument an die Hand von dem sie sich erhofften, dass es die Unsicherheiten und Nebenfolgen politischen Handelns nicht nur besser erklären, sondern auch beseitigen könne.

Downs gliedert das Buch in vier Teile und 16 Kapitel, in denen er zuerst seine Methode und die Grundannahmen des Modells darstellt, danach den grundsätzlichen Problemrahmen entwirft, um dann Implikationen für und Hypothesen über politisches Handeln abzuleiten. Dabei kommt Downs zu zwei wichtigen und in der Folge häufig diskutierten Erklärungsansätzen moderner Demokratie. Er liefert rationale Erklärungen zum einen für unterschiedliche Formen des Parteiensystems, zum anderen für das Wahlverhalten. Diese zwei Ansätze sollen nun kurz dargestellt werden.

Wie mit dem occam’schen Rasiermesser reduziert Downs anfangs alle politischen Fragen innerhalb westlicher Demokratien auf die Streitfrage, wie viel Einfluss der Staat denn auf die Wirtschaft haben solle und abstrahiert daraus eine horizontale Verteilung gesellschaftlicher Präferenzen. Er fordert den Leser auf, sich eine horizontale Linie vorzustellen, auf der sich die verschiedenen Meinungen und Präferenzen der Menschen auf einer Skala von eins bis hundert erstrecken. Dabei stellt der am weitesten links gelegene, mit 1 gekennzeichnete Punkt der Skala eine vollständige Kontrolle des Marktes durch den Staat dar, während 100 den vollkommen freien Markt repräsentiert.

Anhand dieses polaren Links-Rechts-Schemas kann Downs bestimmte Beziehungsverhältnisse zwischen Parteien und Wahlvolk extrahieren, indem er Politiker und Parteien als rational handelnde Akteure setzt und ihnen unterstellt, dass ihr erstes Ziel das Rekrutieren von Mitgliedern sei, welche die Grundlage für das Gewinnen von Wahlen seien. Nach Downs gibt es drei unterschiedliche Möglichkeiten der Präferenzverteilung, die zu drei unterschiedlichen demokratischen Systemen führen.

Befindet sich das größte Wählerpotential in der Mitte der Skala - was er als die häufigste Verteilung identifiziert - tendieren die Parteien in ihrer politischen Argumentation zum Zentrum, um einen möglichst großen Teil der Wähler an sich zu binden, da ein politischer Akteur, der zwischen der eigenen politischen Ideologie und der des Wählers agieren könnte, dessen Stimmen auf sich ziehen würde. Ein solches System zeichnet sich durch ein Zweiparteiensystem aus, in dem beide Parteien um die Wählerstimmen der Mitte kämpfen. Die Entwicklung von dritten Parteien sei relativ unwahrscheinlich, da sich an den Rändern kaum Wähler befinden und somit die Gründung einer dritten Partei unattraktiv sei.

Befinden sich die Wähler an den verschiedenen Polen der Skala, sieht Downs ein Zweiparteiensystem mit ideologisch stark abgegrenzten Parteien. Ein solches System sei instabil, da die Politik einer Partei immer den anderen Teil der Bevölkerung vernachlässigt und diskriminiert. Eine Revolution ist latent wahrscheinlich.

Eine gleichmäßige Verteilung der Wähler entlang der Skala führt zu einem Mehrparteiensystem und zur Nischenbildung, da alle Wählerschichten vertreten werden wollen, bzw. auch ein genügender Anreiz für die Bildung kleiner Partein vorhanden ist.

Dass sich Downs vorwiegend am Zweiparteinsystem der USA orientiert, wird auch dadurch deutlich, dass er innerhalb dieses Systems noch einmal auf die Entstehung dritter Parteien eingeht. Diese entstehen entweder als Interessenspool, der darauf ausgerichtet ist, eine der großen Parteien von der Mitte weg in die eigene Position zu bewegen, oder als eine wirkliche Alternativpartei, die um den Wahlsieg kämpft. Eine solche Konstellation kommt nach Downs aber nur dann zustande, wenn vorher eine signifikante Veränderung der Präferenzen entlang der Skala stattgefunden hat. Downs nennt als Beispiel die britische Labour Partei, die im Anschluss an die Ausweitung des Wahlrechts auf die Arbeiterklasse entstand.

Ein sehr interessanter Aspekt ist Downs’ Feststellung, dass Akteure im Zweiparteiensystem Anreize haben, die eigene Ideologie nur verschleiert und unklar wiederzugeben, um damit zum einen Stimmen von eigentlich eher dem politischen Gegner zugeneigten Wählern zu stehlen, zum anderen den Wähler zu zwingen seine Wahlentscheidung auch anhand der Persönlichkeit des Kandidaten und anderer irrationaler Kriterien zu treffen. Downs drückt das in eigenen Worten schon fast ein wenig ironisch aus: „rational behavior by political parties tends to discourage rational behavior by voters".

Indem er den Wählern rationales Verhalten unterstellt, kommt Downs allerdings auf ein überraschendes Ergebnis. Er folgert, dass sie eigentlich kaum Interesse am Gebrauch ihres Wahlrechts haben dürften, da sie sowohl antizipieren, dass ihre Stimme wenig Gewicht für den Ausgang der Wahl hat, als auch die Kosten des eigentlichen Wahlgangs scheuen. Ja, der Nutzen aus dem Wahlgang erscheint ihnen sogar so gering, dass Opportunitätskosten, wie schlechtes Wetter oder Warteschlangen vor den Wahllokalen schon zu einer negativen Entscheidung gegenüber der Wahl führen können. Noch dazu sind durch die schwammigen und unklaren Aussagen der Politiker und Parteien die Informationskosten über Sachpolitik derart hoch, dass es die Bürger meist aus Zeitmangel unterlassen, sich über Wahlprogramme zu informieren.

Downs Ansatz hat wesentliche Schwächen. Er wird bereits inkohärent, als er die Annahme trifft, dass ideologisch rechts gerichtete Parteien dem freien Markt eine faschistische Kontrolle vorziehen. Damit differenziert er implizit doch zwischen verschiedenartigen, auch irrational motivierten Ideologien, nicht nur zwischen unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Markteingriffen. Auch sein strikter Dogmatismus, Rationalität nur auf den Wahlakt selbst anzuwenden, nicht auf die rationale Fähigkeit des Bürgers unterschiedliche Politikansätze unterscheiden zu können, bzw. zu erkennen, dass der Akt der Wahl durch die aus der Wiederholbarkeit folgende Verbindlichkeit wieder rational wird, führt zu teilweise anzweifelbaren Aussagen.

Man darf jedoch bei aller Kritik nicht vergessen, dass spätere Rational-Choice-Theoretiker viele dieser Fehler und Lücken korrigiert, bzw. ergänzt haben, womit ihm zumindest die Ehre zukommt, der Erste gewesen zu sein, der die ökonomische Theorie publikumswirksam auf die Politikwissenschaft anzuwenden wusste.

October 15, 2005

Same shit…

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 11:10 am

Wer nochmal genau wissen will, warum viele, ach so liberale, deutsche Bushanhänger irgendwie anders sind, der klicke bitte hier.

Aber Vorsicht, Geschichtsrevisionismus!

@Verfassungsschutz:
Ich distanziere mich ausdrücklich vom Inhalt der verlinkten Seite (ausser natürlich von meinen eigenen Kommentaren).

October 14, 2005

Und es ist Fragezeit, Fragezeit, Fragezeit auf ewig und ewig und ewig

Filed under: Politisches, Literarisches - word2go @ 11:18 am
Ich bin kein Fan des absurden Theater. Ich stell’ es gleich vorweg. Ich mag, wenn ein Stück sich bewegt, sich entwickelt. Keine Dauerblaupause quälender Langsamkeiten. Ich mag Harold Pinter nicht, keinen Beckett, keinen Bond…

Doch noch weniger mag ich’s, wenn ein Tintenfässchen ausgeschüttet und sein Inhalt dampfwalzenartig und burlesk auf’s Blatt betoniert wird, um die Substanzlosigkeit des Geschriebenen mit der Fülle des im Germanistikstudium Erlernten zu übertünchen.

Es passieren dann so schöne Ungereimtheiten, wie hier in der Welt:

Mit Harold Pinter,…, ist man nun endgültig bei der Avantgarde von vorgestern angelangt.

Zwei Absätze später:

Inzwischen hat sich… gezeigt, daß der Mainstream der Literaturbanausen sich auf eine diffuse Weise links und avantgardistisch definiert.

Und nur einen Satz später:

Und prompt bediente die Stockholmer Jury diese Klientel. Elfriede Jelinek konnte so ausgezeichnet werden, und jetzt die abgestandene und überholte "Gesellschaftskritik" von Harold Pinter

Na was denn nun Herr Krause? Ist jetzt die Avantgarde von vorgestern? Oder steht die heutige Avantgarde auf die von vorgestern? Oder ist Avantgarde per se überholt? Weil sie links ist? Wäre konservative Avantgarde vielleicht avantgardistischer als Avantgarde, also die Avantgarde von übermorgen? Ist die Avantgarde von heute die Avantgarde von vorgestern oder umgekehrt? Alles dasselbe? Eine Avantfarce? Hoppla, jetzt hab’ ich doch glatt mein Tinten…

Gestehen Sie, Sie wollten doch nur mal einem Avantgardisten an die Bügelfalte pinkeln, oder? Einem Avantgardisten, dessen "bizarre Wahl" zum Literaturnobelpreisträger 2005 nicht nur die Kritikerszene spaltet. Eine politisch motivierte Vergabe soll es gewesen sein,… schon wieder! Dem alterssenilen Amerikahass eines langweiligen Bühnenautors wurde die Würde des Nobelpreises geopfert. Warum nur Stockholm, warum?

"O Amerika, du Gedroschene, Geschundene", pfeift es seither durch den Blätterwald, "schon wieder wird dir der Zorn der Welt zu Teil, und wieder, und wieder, und wieder…", aufgekratzt und gar nicht pinteresk. Die Pinter zugeschriebenen Attribute reichen von "Beleidigung der Weltliteratur" über den "politischen Possenreißer" und "eingebildet Engagierten" bis hin zum "Kitsch-Dramatiker".

Dabei wäre nur ein wenig Schweigen, ein kurzer Moment der Ruhe und Besinnung - eben ein pinteresker Moment - angebracht gewesen, als die Jury verkündete, Pinter den Preis für "die Offenlegung des Abgrunds hinter dem alltäglichen Geschwätz und den erzwungenen Einlass in die Räume der Unterdrückung" zu verleihen.

Wer hierin ein politisches Urteil gegen Amerika erkennt, blamiert sich als angeblicher Literaturkenner. Pinters Stücke befassen sich fast ausschließlich mit der Schwelle zwischen Schein und Sein, der Grenze zwischen Innerem und Äußerem. Das Eindringen in den geschlossenen Raum des Inneren offenbart dabei die Farce des Alltäglichen. Warum sonst wäre es absurdes Theater?

Dieses Grundthema gab Pinter niemals auf. Was sich änderte, war seine eigene kleine Black Box. Diesen geschlossenen Raum brach er irgendwann selbst auf und wandelte sich so vom Außenstehenden seines eigenen Werkes zum Protagonisten. Vom Moralabstinenten zum Moralisten. Das mag man als Literaturkonsument schade finden, hat es doch seiner Kunst offensichtlich geschadet. Für Pinter war es wohl ein Weg zu sich selbst. Er hat die Suche, die wir heute in seinen Stücken vermissen, selbst nicht mehr nötig. Und für die Akademie ist dieser Wandel noch lange kein Grund, ihm den Preis zu verweigern. Sie hat ganz richtig und unpolitisch entschieden. Zwar etwas spät, wie Reich-Ranicki sagt, aber richtig.

Die Welt: Avantgarde von Vorgestern
FAZ: Der eingebildet Dramatische
Reich-Ranicki: Eine gute, eine richtige Entscheidung
FAZ: Ständig aufgebracht und ausser Kontrolle

October 13, 2005

Das politische Buch

Filed under: Rezensionen - word2go @ 10:57 am
Ab heute gibt es eine neue Rubrik auf word2go. Ich werde in unregelmäßigen Abständen relevante Bücher aus politikwissenschaftlicher Forschung und journalistischer Meinung vorstellen und rezensieren. Alle Rezensionen findet Ihr dann unter der Kategorie "Das politische Buch". Zu Beginn gibt es gleich einen Klassiker: Schumpeters einführende Abhandlung über Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie, deren bereits 1942 aufgestellte Thesen gerade heute brisant sind und die "Misere" des deutschen Sozialstaats in ein neues Licht rücken.



Joseph A. Schumpeter: "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie",
UTB Verlag Stuttgart 1993, 542 Seiten

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Der 1883 in Triesch geborene Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter gilt bis heute als einer der einflussreichsten Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker. Bereits sein 1911 erschienenes Erstlingswerk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, in dem er herausstellt, dass nur der investierende Unternehmer als Träger der wirtschaftlichen Entwicklung betrachtet werden kann, hatte bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftstheorie. Schumpeter lehrte Politische Ökonomie in Czernowitz und Graz, später Finanzwissenschaft in Bonn und dann Politische Wissenschaft in Harvard. Dort starb er 1950.

In dem 1942 unter dem Originaltitel „Capitalism, Socialism and Democracy“ erschienen Buch versucht Schumpeter als erster Wissenschaftler nach Marx die Entwicklung des Kapitalismus zu prognostizieren und kommt dabei zu der Erkenntnis, dass der Kapitalismus letztendlich scheitern und der Sozialismus siegen werde. Anders als bei Marx wird dieser Sieg jedoch nicht durch eine proletarische Revolution errungen, sondern vollzieht sich automatisch, nachdem sich die kapitalistische Gesellschaft, satt und befriedigt durch ihren Erfolg, auflöst. Die Sättigung der kapitalistischen Gesellschaft zeigt sich in einem Verschwinden der wirtschaftlichen und technologischen Innovationen in dessen Folge sich Unternehmen verbürokratisieren. Innovationsentscheidungen werden nun nicht mehr in einem Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ durch neue technische Möglichkeiten induziert, sondern nur noch nach einer umfangreichen Bedarfsallokation getroffen, wodurch die Unternehmen ihre ursprüngliche Funktion als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung verlieren. Schumpeter diagnostiziert in diesem Zustand, der einem planwirtschaftlichen Sozialismus entspricht, das Ende der kapitalistischen Entwicklung. Ein Zustand, der zwar immer noch Kapitalismus genannt werden kann, da Profitmaximierung weiter oberstes Ziel bleibt, dem aber das spezifische Element der Weiterentwicklung fehlt: der Unternehmergeist.

Dem oft gebrachten Vorwurf, Schumpeter hätte sich vom Kapitalismusverfechter zum Anhänger des Sozialismus gewandelt, muss jedoch entschieden entgegengetreten werden. Schumpeter sagt keinesfalls, der Sozialismus wäre dem Kapitalismus überlegen. Seine These beruht vielmehr auf der objektiven Betrachtung politischer Interessensvertretung. So entwirft er im vierten Teil des Buches, der Betrachtung der Demokratie, den rationalen politischen Akteur, also das Leitbild, dem zumindest die quantitative Politikwissenschaft heute noch folgt. Nach diesem Leitbild verfolgen Politiker nicht Wertprämissen, sondern das eigene Interesse, die Stimmenmaximierung. Demokratie emanzipiert sich nun von der ursprünglich normativen Idee individueller Freiheit und Selbstbestimmung und wird auf ihre systemisch-gesellschaftliche Funktion reduziert. Einen Markt für den politischen Wettbewerb zu bieten, der gewaltfreie Machtwechsel ermöglicht.

Jenseits von Werten und Normen ist der rationale politische Akteur bei Schumpeter das genaue Gegenteil des wirtschaftlichen „Entrepreneurs“, des Unternehmers. Er ist per se risikoscheu und hält sich eng an die Vorgaben und Erwartungen seiner Wähler und der ihn unterstützenden Interessensgruppen, um seinen Stimmenanteil bei der nächsten Wahl zu maximieren. Im fortgeschrittenen, gesättigten Kapitalismus – und hier wird Schumpeters Analyse für die heutige Situation vieler Wohlfahrtsstaaten interessant – entsteht in breiten Bevölkerungsteilen das, was heute oft abfällig als Besitzstandwahrung bezeichnet wird. Schumpeter nennt das noch eine beginnende Feindseligkeit der gesellschaftlichen und intellektuellen Eliten gegenüber dem Kapitalismus. Ein gesellschaftliches Klima, das dem Unternehmertum den Nährboden raubt und im Gegenzug Ansprüche an die sozial distributive Gestaltungsmacht des intervenierenden Staates laut werden lässt. In der Folge verschieben sich Parteienspektrum und damit die Zusammensetzung der Parlamente nach links, da Parteien und Politiker aus Eigennutz sozialdemokratische Policy-Ziele verfolgen, um dadurch die Wählerschaft zu binden. Die Demokratie wird sozialistisch.

„Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ ist daher alles Andere als eine Lobpreisung des Sozialismus oder ein Abgesang auf den freien Markt. Im Gegenteil, es lebt und atmet den Geist des innovativen Unternehmertums und hebt seine Bedeutung für das Wohl der pluralistischen Gesellschaft hervor. Der Trick besteht in der Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Unternehmertum. Denn der Kapitalist folgt in seiner Profitmaximierung denselben Gesetzmäßigkeiten wie der Politiker in seiner Stimmenmaximierung. Von beiden kann nicht erwartet werden, dass sie die Regeln des Spiels verletzen oder verändern und damit das zwangsläufige Abgleiten in den Sozialismus verhindern. Dies kann nur das freie Unternehmertum, dessen Wichtigkeit durch nichts besser beschrieben werden könnte, als durch seine englische Bezeichnung: „Entrepreneurship“. Der Unternehmer „dringt ein“ in dieses Spiel, er stellt sich „zwischen“ die Fronten und pfeift auf die Gepflogenheiten. Er ist besessen von einer Idee, …seiner Idee und dem Wunsch, diese zu verwirklichen. Und sorgt damit für Veränderung und Wachstum, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich.

Während die in „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ enthaltene ökonomische Theorie in der vom Keynesianismus dominierten Nachkriegszeit kaum Beachtung fand, öffnete sein reduktionistisches Demokratieverständnis dem Rational Choice Ansatz in der Politikwissenschaft Tür und Tor. Aufbauend auf Schumpeters Ideen verfasste z.B. Anthony Downs nur wenige Jahre später sein bahnbrechendes Werk „An Economic Theory of Democracy“, das unverzichtbare Theorem zur Erforschung des Wählerverhaltens. Seit Mitte der 80er Jahre erfährt jedoch auch Schumpeters These von der Auflösung des Kapitalismus eine Renaissance, was nicht zuletzt daran liegt, dass seine Theorie mit fast schon prophetischer Genauigkeit die Probleme moderner Wohlfahrtsstaaten bezeichnet.

October 10, 2005

Genial verschachert?

Filed under: Politisches - word2go @ 10:50 am
 
Angela Merkel wird/soll Kanzlerin der großen Koalition werden. Der Preis dafür war hoch. Zwei Ministerien mehr als CDU/CSU erhält der Juniorpartner, darunter die Schlüsselministerien Auswärtiges, Finanzen und Justiz. Rechnet man die zwei Ministerposten für die CSU hinzu, zeigt sich die wahre Machtverteilung im Kabinett und relativiert den arg verurteilten Auftritt Schröders in der Elefantenrunde. Nur vier Ministerposten konnte die schwache Merkel für ihre Partei verbuchen. Zu wenig, um ihre Richtlinienkompetenz ausspielen zu können.

Wie wenig Macht die neue Kanzlerin im neuen Kabinett hätte, zeigt sich auch in den Politikzugeständnissen an die SPD. Kündigungsschutz und Tarifautonomie bleiben unangetastet, also gerade die zwei Punkte, deren Reform den Aufschwung hätte bringen können. Den Preis für Merkels unberechtigte Machtambitionen würden - sollte sie tatsächlich Kanzlerin werden - also wir zahlen, das Volk. Mit einer vierjährigen Stillstandskoalition, denn Merkel wird die SPD-Linke nicht binden können. Das hätte nur das Team Schröder/Stoiber in jedweder Konstellation geschafft. Keine andere Botschaft hatte Schröder in der Elefantenrunde verbreitet. Und wer sich die Aufzeichnung noch einmal genau ansieht, wird auch merken, dass nur Stoiber und Fischer sie verstanden hatten.

Genauso, wie unsere Spitzenpolitiker in der Pflicht waren, eine große Koalition zu bilden, sind nun die Parlamentarier, Medien und sonstigen Meinungsmacher Deutschlands angehalten, dem Volk reinen Wein über unsere parlamentarische Demokratie einzuschenken. Die Intensität, mit der uns in den letzten drei Wochen vorgegaukelt wurde, unser Wahlsystem entspreche einem reinen Mehrheitswahlsystem, weshalb der Kanzler quasi automatisch der stärksten Fraktion entspringe, war einer aufgeklärten Demokratie unwürdig und erinnerte eher an multimediale Veräppelung, als an reformorientierten Tatendrang. Ob eine Regierung handlungsfähig ist oder nicht, entscheiden einzig und allein die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag, Wählervotum hin oder her. Und Merkel hat diese Mehrheit einfach nicht. Das gilt es zur Kenntnis zu nehmen!

Die Chancen, die uns eine stabile große Koalition böte, wären immens. Viel gefährlicher jedoch wären die Risiken einer schwachen Koalition, die immer nur einen Minimalkonsens erzielen könnte. Stoiber und Merkel ist dies bewußt. Schröder und Müntefering auch. Sie wissen genau, dass diese ersten erzielten Koalitionsergebnisse wackeln. Die Kanzlerfrage bleibt weiterhin ungeklärt. Und zwar bis zur Kampfabstimmung im Bundestag.

 Und das ist gut so!

October 9, 2005

Extreme Makeover: Bush Edition

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 10:41 am

Das Trauma ist eigentlich schon uralt. Je verzweifelter man versucht ein wenig Stil in die eigenen vier Wände zu bekommen, desto mehr sehen Küche und Wohnzimmer aus, als hätte Graf Kunterbunt sie eingerichtet. Das Buffet ist nicht am richtigen Platz, die Dunstabzugshaube klemmt und die Da Vinci Kopie aus dem Ottokatalog mag so gar nicht zu den Vorhängen passen, die man kürzlich zum Sensationspreis bei Aldi ergattert hat. Selbst der Pan in der eigens eingerichteten Blumenecke wirkte bei Ebay irgendwie schöner. Noch älter ist der Traum von den Heinzelmännchen, die man sich in solchen Momenten herbeiwünscht und die über Nacht auch das dunkelste Loch in einen luxuriösen Palast verwandeln. Gut daher, dass es Privatfernsehen gibt. Produzenten, die Werbegelder mit vollen Händen zum Fenster hinaus werfen, bzw. in die überfällige Wohnungsrestauration stecken. Gut auch, dass Millionen Fernsehzuschauer den Traum vom Heinzelmännchen leben und mit schmachtendem Blick an jedem einzelnen Nägelchen kleben, das der muskulöse Jimmy oder die gut gebaute Samantha zu Gunsten des verzweifelten Innenarchitekturlaien Richard in die Wand hämmern und ihn damit von seiner Not erlösen. So etwas nennt man dann ein redaktionelles Erfolgskonzept.


Die Väter des Erfolges sitzen beim amerikanischen Privatsender ABC und verdienen sich mit der Heimwerkershow „Extreme Makeover: Home Edition“ eine goldene Nase, indem sie ausgewählte, bedürftige Familien kurzerhand in den Urlaub schicken, um sie bei der Rückkehr mit einem runderneurten Eigenheim zu überraschen. Eine Show wie aus dem Märchen. Nun ergab es sich – das ist in Märchen ja so üblich – dass die böse Hexe Katrina ganz viele Häuschen einfach umgepustet und unter Wasser gesetzt hatte, weshalb ein paar Strategen aus dem Weissen Haus auf die findige Idee kamen, ein ganz besonderes Heinzelmännchen in den Katastrophengebieten antanzen und in die Schlacht gegen modrige Teppichböden und verfaulende Holzdielen ziehen zu lassen. Eine Wahnsinnsidee, weshalb die Anfrage aus dem Oval Office im Redaktionsteam von Extreme Makeover sogleich mit Begeisterung aufgenommen wurde. Immerhin hat dieses besondere Heinzelmännchen, Amerikas First Lady Laura Bush, so einiges wiedergutzumachen. Den angeknacksten Ruf ihres Gatten zum Beispiel, oder auch das verheerende Sozialbewusstsein ihrer Schwiegermutter Barbara, die sich in einem CNN-Interview nach der Überschwemmung von New Orleans anscheinend nichts Schlimmeres vorstellen konnte, als dass die texanische Heimat Opfer eines Flüchtlingsstroms krimineller Elemente werden könnte. Ganz nebenbei soll sie dabei auch noch beweisen, dass der Glaube an Gott und die christlich republikanische Wertegesellschaft, allen liberalen Unkenrufen zum Trotz, gegen das Böse und die Unwägbarkeiten des Lebens bestehen kann.

Die benefizerfahrene Laura ist eine Traumbesetzung, fast ein Garant für den gegenseitigen Nutzen von Kommerz und Politik, das gibt der Produzent von Extreme Makeover, Tom Foreman, freimütig zu: „Es ist so großartig, dass die First Lady hierherkommt, weil man dann reden, Geschichten hören, Tränen teilen und Umarmungen austauschen kann. Und außerdem erinnert es alle daran, dass wir für eine ganze Weile hier sein und auch wieder zurückkommen werden. Dass niemand sie vergessen hat, auch ihre Regierung nicht.“ Er vergisst dabei nicht hinzuzufügen, dass er natürlich nicht glaube, dass Laura Bush aus politischen Gründen die Nähe zu den Opfern sucht. Für ihn ist sie „einfach nur da, als jemand der sich kümmert.“ Dass sich beide Aussagen widersprechen, interessiert ihn auch kaum, denn schließlich müsse man angesichts des Ausmasses der Katastrophe schon mal „die Regeln aus dem Fenster werfen“.

Viel Sorgen darüber, dass dem amerikanischen Volk die allzu offensichtliche Intention hinter der Benefizaktion sauer aufstößt, muss er sich auch nicht machen. Denn Laura Bush war zwar bisher eine eher unauffällige, jedoch keine angepasste Präsidentengattin. Ganz anders als die lautstarke Hillary Rodham Clinton, die ihre politischen Vorstellungen nicht nur zwischen den sanften Kissen des eigenen Ehebettes, sondern auch lautstark in der Öffentlichkeit durchzusetzen wusste. Längst ist in das Präsidentenhaus die neue Konservativität der Post-Postmoderne eingezogen und die stille, fürsorgliche Laura Bush hatte daran maßgeblichen Anteil. Auch das vordergründig unpolitische Kaffeekränzchenimage ihrer Schwiegermutter, die im Hintergrund ehrgeizig die Karriere des oft schwach und unentschlossen wirkenden Gatten vorantrieb, ist nicht ihre Welt. Sie engagiert sich lieber für eine umfassende Alphabetisierung oder verbesserte Adoptionsrechte und agiert dabei ähnlich unabhängig wie Hillary Clinton, ohne jedoch diese Unabhängigkeit an die große Glocke zu hängen. Dabei bleibt sie stets überparteilich, genau so, wie man es sich von einer guten Repräsentantin wünscht. Und war mit dieser Art von Anfang an George W. Bushs schärfste Waffe, sein wichtigster Spindoctor. Wie keine andere Präsidentengattin zuvor repräsentiert sie die bessere Hälfte des Regenten und gibt dabei ihrem Mann mühelos die Glaubwürdigkeit zurück, die ihn die Dubiosität seines Regierungskabinetts kostete.

Mittlerweile geniesst die First Lady schon eine Art heimlichen Kultstatus und verbindet bei ihren sensiblen Auftritten bei Oprah oder Jay Leno Popkultur mit Altbewährtem. Das liegt nicht nur an Oscar de la Rentas maßgeschneiderten Kostümen, die den bewegten Zeiten eine gewisse nostalgische Ruhe entgegensetzen, sondern vor allem am Vokabular der Präsidentengattin. Bushs Pressesprecherin, Susan Whitson, bringt es auf eine einfache Formel: „Sie hat eine Weise zu sprechen, die vielen in der Administration fremd ist“, eine Weise, die den Menschen die sanfte Seite der Bushadministration näherbringt.



Und wenn diese - so wie in der gegenwärtigen Krise - politisch versagt, dann schaut ganz Amerika gespannt auf die Reaktion der First Lady. Als sie vergangenen Dienstag in das zerstörte Biloxi reist und vor der Armenspeisung im Zelt der Heilsarmee die Menschen aufruft zusammenzustehen obwohl der Wiederaufbau Zeit und Geduld erfordert, ist das Balsam für die geschundenen Seelen der Hurrikaneopfer. Am Tag des Drehs werden keine Fragen nach den Versäumnissen der Regierung gestellt, keine Klagen laut. Stattdessen sehen die Menschen eine Frau, die zupacken kann, Wasser, Kleidung, Essen und dadurch jede Menge Hoffnung verteilt. Und obwohl sie sich nicht an die Vorgaben des Produzenten hält, der sich lediglich telegenes Händeschütteln und viele Umarmungen erhoffte, übertrifft sie die Erwartungen bei Weitem. Denn anders als ihr Mann liebt sie nicht die große Inszenierung, lässt die schussbereiten Kameras der Journalisten links liegen und pflückt keine Zufallsbekanntschaften aus der Menge, um nach einer betont volksnah-brüderlichen Umarmung die Werte republikanischer Errungenschaften in den Himmel zu loben. Ihr Vokabular besteht nicht aus dem stolzen „wir sind“ und „wir haben“ ihres Mannes, sondern genau aus dem „wir können“ und „wir wollen“ das Amerika einmal zu dem gemacht hatte, für das es lange Zeit stand. Wie recht Susan Whitson also hat!

Die richtigen Worte rieseln Laura Bush von den Lippen wie dem Sandmännchen der Schlaf aus dem Beutel und beruhigen dabei sogar das aufgewühlteste Gemüt. „Herzzerreißend“ sei es. „So viel aufzubauen“ und „so viel zu helfen“ gäbe es. Gleichzeitig schlägt den Strategen bei ABC und im Weissen Haus das Herz ein wenig höher. Ihre Rechnung ist aufgegangen, denn die Ausstrahlung im November verspricht ein voller Erfolg für beide Seiten zu werden. Amerika darf noch einmal ein bisschen trauern, hoffen, staunen und danken. Das Gemeindezentrum in Biloxi wird in neuem Glanz erstrahlen und Laura Bush wahrscheinlich höchstpersönlich die Schlüsselübergabe durchführen. Niemand wird sich dann noch daran erinnern, dass die Regie unmittelbar vor der Aufzeichnung der Show das wartende Volk rüde ermahnte, nicht einfach dumm herumzustehen, sondern überrascht zu tun, wenn die Präsidentengattin eintrifft. Oder dass ein Großteil der Leute eigentlich nur gekommen war, um in der Klinik des alten Gemeindezentrums kostenlose Behandlung und Medizin zu bekommen. Die Klinik wurde für die Dauer von Laura Bushs Besuch kurzerhand geschlossen. „Wir brauchen doch keine Kleidung, wir laufen doch nicht nackt herum“, lautete der verständnislose Kommentar der vergeblich wartenden Patientin Susie Hightower.

Aber vielleicht braucht Amerika des Kaisers neue Kleider eben doch. Und wenn sie nur dafür gut sind, „das Reality-TV auf ein neues Level zu befördern“, wie es Al Gores ehemaliger Sprecher Chris Lehane ausdrückt. Ein Level auf dem Politiker ihr Volk direkt erreichen, ohne den „verfälschenden“ Einfluss der Medien.

October 7, 2005

BKA durchsucht word2go-Redaktion

Filed under: Satirisches - word2go @ 10:36 am


Nur wenige Tage nach einer Razzia in den Büroräumen des Politrealsatiremagazins "Cicero" fanden sich Schilys Helfer in den geheiligten Hallen der subkonsumptiven Schnellimbissbude "word2go" ein. Anlaß war ein achtlos auf Bruno Schirras Schreibtisch liegendes Foto, welches den Eingang zum Innersten der word2go’schen Welten zeigte.

Die Hoffnung, weitere Lecks in der BKA-Zentrale zu entdecken, verflüchtigte sich jedoch umgehend, nachdem sich herausstellte, dass Schirra die Worte "Sarkawi was here!" erst nachträglich auf das Foto mit dem Fußball spielenden Männchen geschrieben hatte, um damit auf die Fiktivität der fingierten Selbstausspionierung der bundesdeutschen Innerlichkeit aufmerksam zu machen.

Die Pressefreiheit des Autors blieb im Übrigen - trotz der hübschen Beamtinnen - während der gesamten Aktion unangetastet.

Trust me, I’m a Klempner

Filed under: Panorama, Satirisches - word2go @ 10:33 am

 
Wenn ich das nächste Mal Rückenschmerzen habe, werde ich jeden Fall die weibliche Form der Gattung Arzt aufsuchen. Hat doch ein Sexgott in Weiß in einem einzigartigen Feldversuch nachgewiesen, dass gemeinschaftlicher Beischlaf die Lendenwirbel wieder auf Trab bringt. Die vier Milliönchen, die die Patientin wegen unvollendeter Befriedigung wieder einklagt, übernimmt doch sicher irgendeine spontane Aktionsgruppe für unkonventionelle Behandlungsmethoden.

Ähnliche Dienstleistungen könnten auch andere Branchen beleben. Wenn der Klempner z.B. ein Rohr verlegen will. Auch für den eilends herbeigerufenen Handwerker erhielte der Begriff "nageln" eine völlig neue Bedeutung. Professionelle Yakuzitester, Duschkopfvertreter, Handtuchhalter oder Wohnraumbefeuchter hätten Hochkonjunktur und wären bei Nichtgefallen voll von der Steuer abzusetzen.

Nur in der Anwaltskanzlei wär mal wieder Schluss mit lustig. Kein vernünftiger Sex zur Mißstandsbehebung denkbar. Aber wer will auch schon Paragraph 19, Absatz 4, fünfte Zeile gestoßen bekommen?!

October 1, 2005

Wenn die Scheisse mal wieder zum Himmel stinkt,

Filed under: Politisches, Panorama - word2go @ 11:02 am
… sollte man sich fragen, cui bono?

Wie die Gesellschaft für bedrohte Völker berichtet, hat der amerikanische UN-Botschafter John Bolton Dienstag dieser Woche dem UN-Sonderbeauftragten für die Verhinderung von Völkermord, Juan Mendez, untersagt, im Weltsicherheitsrat über die alarmierende Lage im Westen Sudans zu berichten, um damit eine Debatte über die Möglichkeiten zur Eindämmung des Konflikts zu verhindern. In die Enge getrieben hatte Mendez daraufhin eine Pressekonferenz einberufen, um auf diesem Wege wenigstens vor einer Gewalteskalation in Darfur zu warnen.

Die Intervention Boltons stellt einen weiteren traurigen Tiefpunkt im Engagement der US-Regierung für das bürgerkriegszerissene Land dar. Schon vorher hatte sie durch Untätigkeit geglänzt und sich im September 2004 erst nach massivem Druck des Kongresses zu der Erklärung durchgerungen, in Darfur finde ein Völkermord statt. Verurteilt hat sie ihn bis heute nicht.

Woher kommt es, dass die US-Regierung - die doch sonst so schnell auf Menschenrechtsverletzungen reagiert - gegenüber dem Sudan eine solch bremsende Haltung einnimmt? Mehrere Faktoren spielen hier eine Rolle.

So kritisiert der Afrikareferent der DfbV Ulrich Delius, der US-Regierung sei der "Kampf gegen den Terror offensichtlich wichtiger als die Eindämmung von Völkermord". Immerhin hatte der US-Geheimdienst die sudanesischen Kollegen gelobt, weil dieser Informationen über muslimische Extremisten zur Verfügung stellten. Der CIA lud sogar den sudanesischen Geheimdienstchef Salah Abdallah Gosh zu Geheimgesprächen nach Washingten, wohlwissend, dass dieser als Drahtzieher der sudanesischen Unterstützung für die in Darfur mordenden Janjaweed-Milizen gilt.

Anscheinend schreckt die US-Regierung offenbar davor zurück, durch eine deutliche Verurteilung des sudanesischen Regimes eine wichtige Informationsquelle im Kampf gegen den islamischen Terrorismus zu verlieren.

Ganz unberechtigt ist diese Angst nicht, denn immerhin ist die Partei des regierenden Präsidenten al-Bashir, die National Islamic Front (NIF), der einzige als legale politische Partei aktive Arm der zwar weltweit agierenden aber ansonsten in fast allen arabischen Staaten verbotenen Muslimbruderschaft. Diejenige weltweite panislamistische Bewegung also, die 1928 von Hassan al-Banna gegründet wurde und deren Vordenker Said Qutb maßgeblich den ideologischen Nährboden für den heutigen Djihadismus lieferte. Aus dem "secret apparatus" der Muslimbruderschaft, einem militaristischen Geheimbund, der von al-Banna zur Bekämpfung des ägyptischen Königs gegründet wurde und der z.B. die gesamte Planung des Militärputsches von General Nasser gegen König Faruk übernahm, rekrutiert sich heute nicht nur al-Qaida, sondern auch Hamas, Jamaah Islamya, die algerische FIS und der ägyptische Islamische Djihad. So ist es auch nicht verwunderlich, dass es al-Bashir und sein damaliger Vize Hassan Turabi waren, die Bin Laden Anfang der 90er mit offenen Armen empfingen und die Einrichtung von Ausbildungslagern duldeten. Geheimdienstchef Gosh gilt zudem als enger Vertrauter Bin Ladens.

Die Rolle der Muslimbruderschaft für die strategischen Überlegungen der US-Regierung erschöpft sich jedoch nicht allein in der Informationsbeschaffung. Da US-Regierung und CIA von al-Bashir und Gosh ein gehöriges Mass an intendierter Desinformation zu erwarten haben, ist ein viel wichtigerer Aspekt beim Umgang mit der Muslimbruderschaft die Finanzierung des Terrornetzwerkes al-Qaida. Ein Großteil der Finanzierung fließt über legale Sozialfonds, Charity-Einrichtungen und Hilfsorganisationen der Muslimbruderschaft. Eingezahlt von hilfsbereiten Menschen der weltweiten muslimischen Diaspora, die mit Bin Laden und Terror nicht das Geringste am Hut haben. Es gilt heute als Fakt, dass das soziale Leben in vielen arabischen Staaten ohne eine funktionierende Muslimbruderschaft und deren soziales Engagement schlichtweg zusammenbrechen würde. Und das obwohl, ja gerade weil, sie in den meisten Staaten offiziell verboten ist.

Die USA befürchten daher zurecht, dass eine Kriminalisierung der Muslimbruderschaft oder ein hartes Durchgreifen im Sudan den friedlichen Teil der Muslimbruderschaft schwächen könnte. Sie wären damit zum Einen nicht mehr in der Lage den Geldströmen auch nur annähernd zu folgen und zum Anderen - und das wäre der gefährlichere Aspekt - könnte das Zusammenbrechen der Muslimbruderschaft einen Flächenbrand entfachen, der den Zulauf zu terroristischen Vereinigungen im wahrsten Sinne des Wortes explodieren ließe.

So zumindest sehen das die Strategen des Weissen Hauses. Handeln sie deshalb vielleicht sogar verantwortlich, indem sie den Völkermord im Sudan mit mittlerweile 400.000 Opfern unbestraft geschehen lassen? Frei nach dem moralischen Dilemma, bei dem man sich im Zweifelsfall für das Szenario mit den geringsten Kollateralschäden entscheidet?

Selbst wenn man das nationale Eigeninteresse der USA außer Acht lässt und humanitäre Beweggründe unterstellt, muss dies zumindest bezweifelt werden. Wer sagt denn, dass der Großteil der Muslimbruderschaft ein Eingreifen im Sudan verurteilen würde? Wer weiss, ob es die radikalen Elemente der Bruderschaft tatsächlich schaffen würden, die Oberhand über die Finanzen der Organisation zu bekommen? Immerhin setzt der friedliche Teil der Muslimbruderschaft jährlich Milliarden um und nur ein Bruchteil des Geldes wird von Fanatikern abgezweigt. Und selbst wenn al-Qaida es schaffen würde die Finanzhoheit zu erringen und damit die Sozialsysteme der arabischen zu entwurzeln: wer weiss denn schon, ob sich der Zorn der Bevölkerungen tatsächlich gegen den Westen und nicht endlich gegen die eigenen oppressiven und korrupten Regime richten würde und damit genau den Effekt hervorbrächte, den die USA - angeblich - mit dem Irakkrieg bezwecken wollten?

Zynische Selbstgefälligkeit innerhalb des egozentrischen Weltbilds vom "wohlwollender Hegemon". Mehr fällt mir dazu leider nicht ein.

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