Die
Zeit liefert
hier eine anregende Gegenüberstellung des Für und Widers einer großen Koalition. Grundtenor der von Matthias Krupa geführten Pro-Argumentation ist dabei, dass die bevorstehende Wahl keine Richtungs-, sondern lediglich eine Personalentscheidung, der aggressive Schlagabtausch daher reine Inszenierung, sei. Bernd Ulrichs Kontra bedient die altbekannten Ängste vor dem Stillstand, der APO und dem CDU/CSU dominierten Bundesrat, der alle Gesetze in bester Konkordanzmanier noch einmal gründlich einschwärzen werde.
Richtig treffend und überzeugend ist keine der beiden Argumentationen. V.a. deswegen, weil sie erstens übersehen, wie wichtig die nächsten vier Jahre für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland sind, und zweitens die Härte der bevorstehenden Reformschritte unterschätzen.
Es geht bei der Wahl sehr wohl um die Richtung, auch wenn sie bei beiden Parteien gleich zu sein scheint. Nämlich um die Frage, ob diese Richtung auch weiterhin eingehalten werden kann. Und hier liegt der gordische Knoten, den es zu lösen gilt. Weder Schwarz-Gelb, noch Rot-Grün werden den Mumm haben, die notwendigen - jedoch zutiefst unpopulären - Reformschritte allein durchzuziehen:
damit Deutschland wieder konkurrenzfähig und die Kirchhoff’sche Vision einer sozial verträglichen und gerechten Flattax auch nur annähernd verwirklicht werden kann, müssen die Löhne runter, die Flächentarifverträge gelockert werden, die EU-Zölle und die Agrarsubentionen weg, das Gesundheitswesen und die Rentenversicherung privatisiert, das Schul- und Hochschulsystem flexibilisiert werden. Gleichzeitig muss die Sozialhilfe unterhalb eines Niveaus bleiben, auf dem es sich lohnt, Arbeit gegen Freizeit einzutauschen.
In einem Wort. Wenn - ja, wenn - die richtige Politik in den nächsten Jahren kommt, dann tut sie richtig weh, und zwar nicht nur dem einzelnen Bürger, sondern v.a. den großen Lobbies. Den Gewerkschaften, den Bauernverbänden, der Pharmaindustrie…
Angsichts dieser Ausgangsposition wäre es schon äußerst blauäugig zu glauben, der politische Mut einer charismatischen Führungspersönlichkeit reiche aus, um der Macht der Verbände zu begegnen. Wer so denkt, hat die Rechnung ohne das Wirtstier Demokratie gemacht. Wie die Hyänen würden sich die Oppositionsparteien auf jede noch so kleine "Ungerechtigkeit" stürzen und die Institutionen des Neokorporatismus bis auf’s Blut verteidigen. Was dabei herauskommt haben wir in den letzten Jahren erlebt. Alle notwendigen Schritte in die richtige Richtung, von Riester über Eichel bis Hartz wurden von Opposition und Bundesrat dahingehend verwässert, dass zwar der Bürger die Geburtsschmerzen der Reformen ertragen musste, die Macht der Lobbies und Gewerkschaften aber unangetastet blieb. Dem entstandenen Billiglohnsektor in der geringfügigen Beschäftigung steht ein unangetasteter Kündigungsschutz, den Medikamentenzuzahlungen und der Praxisgebühr stehen unvermindert hohe Krankenkassenbeiträge gegenüber… Kein Arbeitgeber wird dadurch ermutigt Vollzeitbeschäftigungen anzubieten, kein Versicherer zahlt deswegen bereitwilliger Pflegestufe 2. Die Reformen verpuffen noch bevor die Tinte trocken ist. Die Wehklageliste der halbgaren und verunstalteten Gesetze liesse sich beliebig erweitern, von der Amputation der wichtigsten Reformschritte der Riesterrente über die, auf Umbenennung reduzierte, Umstrukturierung der Agentur für Arbeit, hin zum volkswirtschaftlichen Unsinn der Eineurojobs, die weiterhin in einer gigantischen Umverteilung Arbeitslosigkeit subentionieren, ohne Arbeitsplätze durch die Entmachtung der Gewerkschaften zu schaffen.
Dabei wäre die Formel so einfach: Löhne runter, Preise runter, Schutzzölle kappen. Haben wir Verbraucher denn immer noch nicht begriffen, dass wir es sind, die - zugunsten der sogenannten Verbraucherschützer, der Agrar- Textil- Erdöl- und Pharmalobbies - mit hohen Preisen und grassierender Arbeitslosigkeit die Armut in der Dritten Welt bezahlen? Wir predigen Freihandel und protektionieren uns gleichzeitig buchstäblich zu Tode. Oder sind wir tatsächlich so naiv zu glauben, dass der indische Bauer XY irgendetwas von den Steuern hat, die Siemens dort aufgrund von Doppelbesteuerungsausnahmen und Joint-Venture Regelungen eben nicht zahlt?
Langer Rede kurzer Sinn - Wenn wir wirklich mit den sogenannten Billiglohnländern im Osten konkurrieren wollen, darf nicht nur Arbeit billiger werden, sondern muss auch das Preisniveau fallen. Und das kann es nur, wenn sich die Politik massiv mit den großen Lobbies anlegt. Politisch kann ein solcher Kraftakt nur in einer großen Koalition gelingen, in der es nämlich keinen politischen Mut braucht, weil nach vier Jahren beide Seiten zu gleichen Teilen zur Verantwortung gezogen werden.
Ja, die Opposition wäre schwach, was aber nicht zwangsläufig einen Demokratieverlust bedeutet. Im Gegenteil, die große Koalition wäre eine unvergleichliche Chance für die Wiederbelebung des deutschen Föderalismus. Die Ministerpräsidenten könnten im Bundesrat endlich wieder Landespolitik und eben keine Bundespolitik machen. Die Politikverflechtungsfalle wäre dadurch zwar nicht vollständig entschärft, doch die jetzige Blockadepolitik würde ersetzt durch das, was einst im Grundgesetz die Vision für den Bundesrat war. Eine eigenverantwortliche Mitgestaltung der Länder anhand der Landesinteressen, nicht der Parteiinteressen. Deutschland würde endlich fit für ein Europa der Regionen.
Und die vielbeschworene APO, meine lieben Schreiberlinge von der Bild - das habt ihr ausnahmsweise mal richtig erfasst - die sitzt bereits im Parlament. Lafontaine und Gysi lecken sich schon jetzt die Finger nach all den Enttäuschten und Desillusionierten, die sie in den legalen politischen Prozess einbinden können, seien sie aus dem linken oder rechten Lager.
Also keine Bange!