Nur Gedanken

April 1, 2005

Die Diktatur des Banalen

Filed under: Panorama - word2go @ 8:59 am
 
Neulich im StraßencafĂ©: vor einer typisch italienischen Latte Macchiato erstreckt sich ein Szenario voyeuristischer Kostbarkeiten. Angefeuert von ausgelassen aufgeigenden Pusztamusikanten treiben entindividualisierte Konsumentenmassen durch die Heidelberger Hauptstraße und ergötzen sich an der, von der Sommerhitze begünstigten, Fleischbeschau. Wenige Meter vor uns hat sich ein Tattoo-Künstler niedergelassen und beglückt nun sowohl die Kinder zahlungsfreudiger Eltern, als auch ein paar „Dolce & Gabbana“- Jugendliche mit ein wenig Einzigartigkeit. Der Vergänglichkeit dieser Rebellion zum Aufsprühen verleiht der Meister zusätzlichen Ausdruck, indem er standardisierte Schablonen einer originären Zeichenkunst vorzieht. Das „Tribal“ aus der Dose ist somit ein perfektes. Nicht zu vergleichen mit den Kaugummiabziehbildchen, die wir uns als Kinder noch mit Spucke auf die kaum behaarten Oberarme pflasterten, um mit vor Stolz geschwellter Brust einen, nur bruchstückhaft vom Papier gezogenen, Anker durch die Gegend zu tragen.

Während ich nun so da saß, die Sonne im Gesicht und den Kopf in den Sternen, transformierte sich in meinen Gedanken die Schablone des Künstlers zum Sinnbild unseres modernen Lebens. Wo das Individuum versucht, der Standardisierung durch Standards zu entkommen, indem es sich ein zeitlich vergängliches und damit politisch korrektes 0815-Arschgeweih auf den normgerechten Popo sprühen lässt. Sozusagen als Standardkritik an unserer Standardgesellschaft.

Individualkritik? Welche Wahl kann man noch treffen, welche Entscheidungen sind noch intuitiv selbst verantwortet in einer Gesellschaft in der Standards regieren, die von der Banalität einer egozentrischen Individualismusphobie gesetzt werden? Wo jeder anders sein will aber Andersartigkeit von Grund auf suspekt ist? Vielleicht teilt sich ja unsere Gesellschaft nicht in Regierende und Regierte, sondern in Produzenten und Konsumenten, oder vielleicht doch in Wähler und Nichtwähler. Der Tattoo-Künstler, braungebrannt, Italiener und Weltenbummler, gehört als Produzent wohl eher zu den Wählern. Leute wie er bestimmen das Erscheinungsbild unserer Städte. Sie regieren uns! Eigentlich…

Ich nehme noch einen Schluck von meiner standardisierten Latte Macchiato, erinnere mich an die Zeit, als Kaffee noch Kaffee war und keine Trendbrühe, und frage mich, zu welcher Gruppe ich wohl gehöre.

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