Nur Gedanken

April 19, 2005

Quo vadis mundo?

Filed under: Panorama, Kirchliches - word2go @ 9:17 am

Erst Bin Laden, dann Bush, jetzt Ratzinger!!?? Was ist denn nur los? Ist unsere - einst so aufgeklärte - Welt am Anfang des 21. Jahrhunderts denn tatsächlich fähig, die dunkelsten Gräber ihrer Entwicklungsgeschichte wieder aufzubuddeln und uns mit mittelalterlichem Gedankengut zu belästigen?

Nicht genug, dass es in meiner Fachrichtung schon fast einhellige Prognose ist, dass wir uns wieder den Ordnungsformen vor dem ancien régime annähern, jetzt wird auch noch einer Papst, der die anderen Weltreligionen als minderwertige Ideologien bezeichnet.

Bienvenue tristesse, bienvenue la guerre! Mit Ratzingers Wahl haben es die Herren Kardinäle geschafft, den Kampf der Kulturen auf den Sockel zu erheben, auf dem Huntington ihn haben wollte. Das ist das Schöne am Olin-Institut. Jeder bekommt seine maßgeschneiderte self-fulfilling prophecy wenn er nur genug dafür bezahlt.

Die Herren Rüstungsindustriellen hätten ihr Geld mal besser für die Forschung der NASA und der Erforschung der unendlichen Weiten des Weltalls ausgegeben, dann hätten sie vielleicht ein paar neue Welten entdeckt, und ich könnte, ganz im Tocotronischen Sinn, bekunden: Aber hier leben… Nein Danke!

Doch so kann ich nur auf meinen Sarkasmus zurückgreifen und wünsche Papst Benedikt XVI. ein sehr, sehr langes Restleben, damit den, ach so klugen, Kardinälen ihre strategische Entscheidung im Halse steckenbleiben möge.

Im Anhang eine kleine persönliche Geschichte zum neuen Papa mundi

Die geschundene Geilheit - Eine Passionsgeschichte

Joseph Kardinal Ratzinger und Mel Gibson im Kampf um die Wahrheit.

April 12, 2005

Searching for a Parallel

Filed under: Musikalisches - word2go @ 9:03 am
cover


Vor ziemlich genau 11 Jahren. Am Rande des bayrischen Waldes. Ein Haus auf einem Berg über Deggendorf. Geladene und ungeladene Gäste. Nico, Marcus und Willi. Schlagzeug, Gitarre und Bass. Eine Band und ihr Publikum beweinen ein kürzlich verstorbenes Idol: "Hey Kurt, what ya doin’ with this pumpgun…" Der Tod wird zur Geburt, "Living Stillborn", ein Meilenstein der ostbayerischen Musikszene.


Heute. Living Stillborn heißen mittlerweile "Conic" und haben gerade ihr zweites Album fertig, das bereits zwei Tage nach Erscheinen von der Zeitschrift Visions zum Album der Woche erkoren wird. Auch andere Kritiken sparen nicht mit Superlativen:


Laut.de schwebt in utopischen Hemisphären und wünscht sich, dass doch bitte jede deutsche Band so gute Musik machen solle wie Conic, dann würde "jegliche Diskussion über Radioquote und Nachwuchsförderung auf der Stelle verstummen. Köpfe würden wippen, Füße tappen und Haare fliegen".

Gästeliste.de spricht von Edelbritpop

Alternative Nation schwärmt von einem wunderbar unaufgeregtem Manifest der Vielseitigkeit.

Und ich, mit der Band bereits seit Totgeburtszeiten irgendwie seelisch verwandt durch anfänglichs geteilte Bühnen und später aus der Ferne mal begeistert, mal kritisch beobachtend? Mein Urteil?

Ihr bisher bestes Album!

Marcus hat die Experimentierfreude zugunsten von Eingängigkeit und Wiedererkennungswert leicht zurückgeschraubt und das hat dem ganzen Projekt gutgetan. Der den seit jeher wunderbar melodischen Songs fehlende Druck, der Zug der eine Nummer bis zum Ende tragen sollte, er ist endlich da.

Mario Thaler, der Mann, der Notwist und damit den guten Sound der Marke Deutschland prägte, hat daran nicht wenig Anteil. Nur wo uphon draufsteht, ist halt auch uphon drin.

Jungs, ihr habt Euch in meinem Indiepophimmel ganz oben direkt neben Miles gesetzt.

Unbedingte Kaufempfehlung!

April 10, 2005

Pimp my Ambulance

Filed under: Panorama - word2go @ 9:11 am
 
Vorsichtig bugsierte Linda das letzte Glas auf das oberste Brett des Hängeschränkchens. Es war einfach hoffnungslos überfüllt. Woher hatten sie nur die vielen Gläser? Sie hing ihren Gedanken nach, überlegte, was sich aus dem angebrochenen Tag noch machen ließe. Es war vier Uhr nachmittags, ihr Freund vor einer halben Stunde aus der Tür heraus und er sollte erst spät nachts wieder nach Hause kommen. Sie hatte also den ganzen Abend für sich.

Die Türklingel riss sie aus ihrer Abendplanung. „Wenn das wieder die verdammte Müllabfuhr ist…“, knurrte sie. Wie oft hatte sie sich schon beschwert, doch nichts nützte. Die Jungs in orange drückten weiterhin gewohnheitsmäßig, stur und monoton immer nur die oberste Klingel.

In dem kleinen Flur zwischen Treppe und Tür, der zwei Mietswohnungen voneinander trennte, nahm sie den schon fast altertümlichen Hörer in die Hand.
„Ja, bitte?“
„Frau Eichhorn, machen Sie bitte auf, hier ist der Unfallnotdienst, ich muss dringend mit Ihnen reden“, erklang eine gehetzte Stimme.

Aus der Tiefe ihres Bauches wallte eine plötzliche Hitze auf und Linda spürte, wie sich das Adrenalin in ihrem Körper förmlich auskippte. Mit weichen Knien betätigte sie den Türöffner. ‚Jetzt ist es passiert’, dachte sie, ‚ein weiß gekleideter Sanitäter wird die Treppe hochkommen und mir sagen, dass mein Freund einen Unfall hatte’. Sie versuchte den Kloß im Hals herunterzuschlucken. ‚Wie schlimm es wohl sein mag?’ Panik erfüllte sie.

„Ist etwas passiert?“ Eigentlich wollte sie ihm die Frage entgegen werfen, doch heraus kam nur ein flaches Gemurmel.
„Nein, es ist nichts passiert“, antwortete der Unbekannte, „beruhigen Sie sich. Darf ich vielleicht einen Moment hereinkommen, dann sage ich Ihnen, worum es geht.“

Linda war so erleichtert, dass sie den Fremden tatsächlich hereinbat. Der Schreck den er ihr eingejagt hatte, war so groß, dass sie, jetzt wo er vorbei war, nur noch dankbar war über die Nachricht, dass es keine Nachricht gab. Nachdem sie ihm etwas zu Trinken angeboten und er sich gesetzt hatte, begann der ungebetene Gast mit seinem Standardsprüchlein. Er sei vom Unfallnotdienst der Johanniter, diese seien wiederum finanziell etwas klamm, weshalb er um eine kleine monatliche Spende bitten möchte, die auch ganz bequem vom Konto abgebucht werde. Und natürlich bedauere er, ihr so einen furchtbaren Schrecken eingejagt zu haben, das habe er nicht gewollt, aber sie habe ja auch die Türe so schnell geöffnet, da habe er gar keine Zeit mehr gehabt, zu erklären, was er wolle.

Vor lauter wenn er, hätte er, wenn er tun hätte können, was er tun wollen hätte sollen, und noch immer verwirrt von der Gefühlsachterbahn der vorangegangenen Minuten, verpasste Linda die Gelegenheit, das Richtige zu tun und die miese Type einfach aus der Wohnung zu werfen. Stattdessen unterschrieb sie ihm eine Einzugsermächtigung über monatlich 10 Euro, dankte ihm und drängte ihn mit sanftem Druck zur Tür hinaus. Sie wollte einfach nur allein sein, diese Person endlich loshaben.

Erst im Nachhinein kam die Wut über die Unverfrorenheit. Darüber, dass er ihr absichtlich einen Schrecken versetzt hat, um ihr die Notwendigkeit des Unfalldienstes vor Augen zu halten. Darüber, dass er sie verarscht hat. Darüber, dass sie ihm auch noch Geld gegeben hatte…

Diese Geschichte hat sich vor ein paar Tagen tatsächlich ereignet. Mittlerweile ist das Geld natürlich zurückgebucht und die Abbuchungserlaubnis widerrufen.

April 4, 2005

Monsanto “erobert” den Irak

Filed under: Politisches, Umwelt - word2go @ 9:07 am
 
Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und auf den Gedanken kam zu sagen "Dies ist meins" und der Leute fand, die einfältig genung waren, ihm zu glauben, war der wahre Begründer der zivilen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viele Leiden und Schrecken hätte nicht derjenige dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: "Hütet euch davor, auf diesen Betrüger zu hören. Ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte euch allen gehören und dass die Erde niemandem gehört!" (Jean-Jacques Rousseau: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, Zweiter Teil, Absatz I)

Der gute alte Rousseau, dessen radikale Gesellschaftskritik und Freiheitsidee oft als paradigmatisch für den sozialistischen Totalitarismus diffamiert wurde, hätte seine wahre Freude gehabt an der gegenwärtig zynischsten Ausweitung des Eigentumsbegriffs, der Patentierung genbehandelter Saatprodukte. An seinem schwarzen Humor wäre er jedoch wahrscheinlich erstickt, wenn er erfahren hätte, mit welch unverfrorener Umverteilungspolitik die Bushadministration ihre Vision amerikanischer Hegemonie in die Tat umsetzt.

Es hat anscheinend nicht gereicht, den Irak militärisch zu befrieden. Nein, die sicherste Version globaler Dominanz ist für Bush & Co. die Transformation des ehemaligen Feindes in abhängige Kundschaft. Ein paar Atombomben hier, ein paar Wasserkraftwerke da und ein paar Pipelines dort. So schafft man sich heute willfährige Konsumenten. Und wenn es die Situation zulässt, verschafft man einem zukünftigen Wahlkampffinancier mal schnell eine kleine Monopolstellung. Dankbarkeit ist eben noch immer die euphemistischste Variante der Solidaritätszuschreibung. Da hilft es natürlich ungemein, dass man - wenn auch widerrechtlich - die alleinige Definitionsmacht über Besitz und Eigentum hat. Wen interessiert schon das Recht angesichts der gewaltigen, ungeheueren, nie dagewesen Bedrohung durch den weltweiten Terrorismus. Da stört es nicht, dass in der Realität die Wahrscheinlichkeit in Deutschland vom Blitz getroffen zu werden zehnmal höher liegt, als in Jerusalem auf einen Selbstmordattentäter zu treffen. Real ist eben nur, was in Bild und Ton auf den Informationskonsumenten einrieselt, so die simplifizierte, journalistische Logik von Fox und Co.

Zu Monsanto-Kunden degradiert wurden die irakischen Bauern mittels der von Paul Bremer erlassenen Order 81. Das "Patent, Industrial Design, Undisclosed Information, Integrated Circuits and Plant Variety Law", kurz Order 81, verbietet es irakischen Bauern die Saat "neuer" Pflanzenformen wiederzubenutzen. Kurzum bedeutet das, dass es den Bauern nicht erlaubt ist, genmanipuliertes Saatgut für die nächste Ernte aufzuheben, bzw. aus der eingebrachten Ernte zu gewinnen.

Eigentlich sollte man daraus logisch folgern, dass die Bauern aus dem Schneider wären, wenn sie ganz einfach traditionelles anstatt genmanipuliertes Saatgut verwendeten. Doch nichts im Leben ist einfach einfach. Der Haken an der Sache ist, dass die Amerikaner - vordergründig zur schnellen Versorgung der Bevölkerung - Unmassen an genmanipulierten Getreidesorten anpflanzen ließen, die mittels Wind mittlerweile alle Äcker des Iraks erreicht haben müssen. Kein Bauer der Welt könnte vor diesem Hintergrund sein selbstgewonnenes Saatgut reinhalten.

Pflanzt er also das verunreinigte wiedergewonnenes Saatgut an, verstößt er nicht nur, wie z.B. die kanadischen Bauern, gegen Monsanto’s Patent, sondern gegen irakisches Gesetz. Während in Kanada Monsanto einem Bauern erst einmal zivilrechtlich nachweisen muss, dass er genmanipuliertes Getreide anbaut, kann der Bauer im Irak strafrechtlich verfolgt werden. Das ist nicht nur Arbeitserleichterung für die Monsanto-Spitzel, sondern ein faktisches Monopol für den irakischen Getreidemarkt, das Monsanto von der Bushregierung zugeschustert wurde. Jeder irakische Bauer muss vor jeder Aussaat neues Saatgut von Monsanto kaufen.

Diese widerliche Vetternwirtschaft wäre meines Erachtens sogar ausbaubar. Warum nicht Monsanto-Mohn, Monsanto-Hasch oder Monsanto-Koks? In Afghanistan hätte man schon einen guten Stand, Holländer und Deutsche wären als Erstkonsumenten ja direkt an vorderster Front. Und vor kleineren "Expedition" nach Panama hat sich Papa Bush doch auch nie gescheut. Oder vielleicht doch Monsanto-Quat im Jemen. Da würden sich die Amis vielleicht wieder ein paar Freunde machen. Kauen, kiffen und tanzen statt bomben?!

Egal. Wahr ist’s, weil’s geschrieben steht, basta!

April 2, 2005

Ticket to L.A.

Filed under: Musikalisches - word2go @ 9:12 am
 
Hallo liebe Freunde der guten Musik.
Schön, dass ihr meinen Eintrag nicht gleich gelöscht, sondern euch hierher verirrt habt. Ich will gar nicht lange um den heißen Brei herumreden, deshalb hier die Fakten.

Vor fast schon vergessenen Zeiten war ich einmal Leadsänger einer, zumindest für uns Mitglieder, legendären Indierockband. Wir hattend damals einen Song im Repertoire, der von unserem Gitarristen Flo Müller geschrieben und von unserem Bassisten Til Schönecker und mir getextet wurde: "Ticket to L.A." Wie das Leben so spielt, mussten wir uns dann irgendwann entscheiden, was in unserem Leben die erste Geige spielen soll und wir wählten Studium und Beruf.

Nun hat Flo, zusammen mit seinem Kumpel Dieter Walz, den Sprung ins kalte Wasser gewagt und den Song mit Thorsten Nathan, dem Sänger der Antenne Bayern Band neu aufgenommen. Mit gewissem Erfolg! "Ticket to L.A." läuft mittlerweile als Werbejingle für die DSF-Sendung Hattrick und Ihr könnt ihn exclusiv auf www.tickettola.de für schlappe 0.99€ herunterladen. Damit tut Ihr nicht nur mir einen Gefallen, sondern helft auch einem hervorragenden Sänger, seine Solokarriere anzukurbeln.

Nathan, Sänger und Gitarrist der Antenne Bayern Band und, zusammen mit Antenne Bayern Moderatorin Kathie Kleff, Frontmann der Formation Life Raft, arbeitet momentan mit Hochdruck an seinem Solodebut, auf dem auch Ticket to L.A. vertreten sein wird und das voraussichtlich Ende April erscheint.

So ein bisschen Erfolg ist zwar ganz schön, aber eben nicht genug, damit’s auch für die Brötchen reicht. Wir wollen ganz hoch in die Charts, nur gibt’s da ein Problem…

Richtig! Normalerweise übernehmen die Major-Labels die Werbung, aber die nehmen nur, "was es eh schon gibt", denn "was es eh schon gibt" verkauft sich gut, und genau darum geht’s. Wir haben also kein Label und damit auch kein Geld für Werbung.

Da ich nun selbst schon seit über einem Jahr leidenschaftlich blogge, und den qualitativen Kommunikationsmehrwert des Blogs im Gegensatz zu anderen Medien, wie Foren und Chatrooms, zu schätzen gelernt habe, kam mir die Idee, die Eigenschaft der Bloggercommunity als schnellstes und pluralistischstes Meinungsbildungsorgan der letzten Jahre zu nutzen.

Nehmt mir deshalb bitte meine Werbung auf Eurer Seite nicht übel, sondern schmeisst sie bei Nichtgefallen einfach in die Mülltonne. Ich werde auch besten Gewissens versuchen, Doppeleinträge zu vermeiden. Ich schwöre!

Wer allerdings Gefallen am Song und an meiner Idee findet, der soll sich nicht scheuen, Ticket to L.A. auf seiner Seite zu verlinken. Schreibt mir in diesem Fall einen Gästebucheintrag, ich werde mich dann mit einem Link unter der Rubrik "Ritter des Guten Geschmacks" bedanken.

In diesem Sinne: Fuck the Machine and Rock on!

PS.: Liebe Stammleser. Dieser Eintrag bleibt bis auf weiteres ganz oben. Wer nach neuen Artikeln sucht, fängt einfach eins drunter an.

April 1, 2005

Die Diktatur des Banalen

Filed under: Panorama - word2go @ 8:59 am
 
Neulich im Straßencafé: vor einer typisch italienischen Latte Macchiato erstreckt sich ein Szenario voyeuristischer Kostbarkeiten. Angefeuert von ausgelassen aufgeigenden Pusztamusikanten treiben entindividualisierte Konsumentenmassen durch die Heidelberger Hauptstraße und ergötzen sich an der, von der Sommerhitze begünstigten, Fleischbeschau. Wenige Meter vor uns hat sich ein Tattoo-Künstler niedergelassen und beglückt nun sowohl die Kinder zahlungsfreudiger Eltern, als auch ein paar „Dolce & Gabbana“- Jugendliche mit ein wenig Einzigartigkeit. Der Vergänglichkeit dieser Rebellion zum Aufsprühen verleiht der Meister zusätzlichen Ausdruck, indem er standardisierte Schablonen einer originären Zeichenkunst vorzieht. Das „Tribal“ aus der Dose ist somit ein perfektes. Nicht zu vergleichen mit den Kaugummiabziehbildchen, die wir uns als Kinder noch mit Spucke auf die kaum behaarten Oberarme pflasterten, um mit vor Stolz geschwellter Brust einen, nur bruchstückhaft vom Papier gezogenen, Anker durch die Gegend zu tragen.

Während ich nun so da saß, die Sonne im Gesicht und den Kopf in den Sternen, transformierte sich in meinen Gedanken die Schablone des Künstlers zum Sinnbild unseres modernen Lebens. Wo das Individuum versucht, der Standardisierung durch Standards zu entkommen, indem es sich ein zeitlich vergängliches und damit politisch korrektes 0815-Arschgeweih auf den normgerechten Popo sprühen lässt. Sozusagen als Standardkritik an unserer Standardgesellschaft.

Individualkritik? Welche Wahl kann man noch treffen, welche Entscheidungen sind noch intuitiv selbst verantwortet in einer Gesellschaft in der Standards regieren, die von der Banalität einer egozentrischen Individualismusphobie gesetzt werden? Wo jeder anders sein will aber Andersartigkeit von Grund auf suspekt ist? Vielleicht teilt sich ja unsere Gesellschaft nicht in Regierende und Regierte, sondern in Produzenten und Konsumenten, oder vielleicht doch in Wähler und Nichtwähler. Der Tattoo-Künstler, braungebrannt, Italiener und Weltenbummler, gehört als Produzent wohl eher zu den Wählern. Leute wie er bestimmen das Erscheinungsbild unserer Städte. Sie regieren uns! Eigentlich…

Ich nehme noch einen Schluck von meiner standardisierten Latte Macchiato, erinnere mich an die Zeit, als Kaffee noch Kaffee war und keine Trendbrühe, und frage mich, zu welcher Gruppe ich wohl gehöre.

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