Vorsichtig bugsierte Linda das letzte Glas auf das oberste Brett des Hängeschränkchens. Es war einfach hoffnungslos überfüllt. Woher hatten sie nur die vielen Gläser? Sie hing ihren Gedanken nach, überlegte, was sich aus dem angebrochenen Tag noch machen ließe. Es war vier Uhr nachmittags, ihr Freund vor einer halben Stunde aus der Tür heraus und er sollte erst spät nachts wieder nach Hause kommen. Sie hatte also den ganzen Abend für sich.
Die Türklingel riss sie aus ihrer Abendplanung. „Wenn das wieder die verdammte Müllabfuhr ist…“, knurrte sie. Wie oft hatte sie sich schon beschwert, doch nichts nützte. Die Jungs in orange drückten weiterhin gewohnheitsmäßig, stur und monoton immer nur die oberste Klingel.
In dem kleinen Flur zwischen Treppe und Tür, der zwei Mietswohnungen voneinander trennte, nahm sie den schon fast altertümlichen Hörer in die Hand.
„Ja, bitte?“
„Frau Eichhorn, machen Sie bitte auf, hier ist der Unfallnotdienst, ich muss dringend mit Ihnen reden“, erklang eine gehetzte Stimme.
Aus der Tiefe ihres Bauches wallte eine plötzliche Hitze auf und Linda spürte, wie sich das Adrenalin in ihrem Körper förmlich auskippte. Mit weichen Knien betätigte sie den Türöffner. ‚Jetzt ist es passiert’, dachte sie, ‚ein weiß gekleideter Sanitäter wird die Treppe hochkommen und mir sagen, dass mein Freund einen Unfall hatte’. Sie versuchte den Kloß im Hals herunterzuschlucken. ‚Wie schlimm es wohl sein mag?’ Panik erfüllte sie.
„Ist etwas passiert?“ Eigentlich wollte sie ihm die Frage entgegen werfen, doch heraus kam nur ein flaches Gemurmel.
„Nein, es ist nichts passiert“, antwortete der Unbekannte, „beruhigen Sie sich. Darf ich vielleicht einen Moment hereinkommen, dann sage ich Ihnen, worum es geht.“
Linda war so erleichtert, dass sie den Fremden tatsächlich hereinbat. Der Schreck den er ihr eingejagt hatte, war so groß, dass sie, jetzt wo er vorbei war, nur noch dankbar war über die Nachricht, dass es keine Nachricht gab. Nachdem sie ihm etwas zu Trinken angeboten und er sich gesetzt hatte, begann der ungebetene Gast mit seinem Standardsprüchlein. Er sei vom Unfallnotdienst der Johanniter, diese seien wiederum finanziell etwas klamm, weshalb er um eine kleine monatliche Spende bitten möchte, die auch ganz bequem vom Konto abgebucht werde. Und natürlich bedauere er, ihr so einen furchtbaren Schrecken eingejagt zu haben, das habe er nicht gewollt, aber sie habe ja auch die Türe so schnell geöffnet, da habe er gar keine Zeit mehr gehabt, zu erklären, was er wolle.
Vor lauter wenn er, hätte er, wenn er tun hätte können, was er tun wollen hätte sollen, und noch immer verwirrt von der Gefühlsachterbahn der vorangegangenen Minuten, verpasste Linda die Gelegenheit, das Richtige zu tun und die miese Type einfach aus der Wohnung zu werfen. Stattdessen unterschrieb sie ihm eine Einzugsermächtigung über monatlich 10 Euro, dankte ihm und drängte ihn mit sanftem Druck zur Tür hinaus. Sie wollte einfach nur allein sein, diese Person endlich loshaben.
Erst im Nachhinein kam die Wut über die Unverfrorenheit. Darüber, dass er ihr absichtlich einen Schrecken versetzt hat, um ihr die Notwendigkeit des Unfalldienstes vor Augen zu halten. Darüber, dass er sie verarscht hat. Darüber, dass sie ihm auch noch Geld gegeben hatte…
Diese Geschichte hat sich vor ein paar Tagen tatsächlich ereignet. Mittlerweile ist das Geld natürlich zurückgebucht und die Abbuchungserlaubnis widerrufen.