Nur Gedanken

February 12, 2005

Die Grenzen der Demokratie

Filed under: Panorama - word2go @ 8:47 am
 
Republiken sind die beste Staatsform, weil sie nie ein Unheil gegen sich selbst beschließen.
Immanuel Kant

Die menschliche Dummheit und der Raum sind unbegrenzt. Nur beim Raum bin ich mir noch nicht ganz sicher.
Albert Einstein

Selten stehen sich These und Antithese so konträr gegenüber, dass man es kaum wagt, an eine Synthese überhaupt zu denken.

Der gute alte Kant hatte zwar Königsberg nie verlassen, sich aber dennoch, wie Schopenhauer behauptete, ins Reich der Engelein hinaufgeträumt, in dem die menschliche Vernunft die schier universale Kraft der Allwissenheit besaß, die den menschlichen Geist aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit befreite.

Gene Simmons Vorbild Albert Einstein, weist den Weg zurück. Nicht die Vernunft ist grenzenlos, nein, die Dummheit ist es. Und zwar die Dummheit zu glauben, dass, mittels einer intuitiven a priori-Vernunft, der Mensch schon immer richtig entscheiden würde. Kant hatte den reflexiven Grundsatz Epiktets, unsere Faustregel der Moral, dass man anderen nicht tun solle, was man sich selbst nicht wünsche, gnadenlos hinweggefegt und durch die Maxime des Handelns, die zur allgemeinen Gesetzesnorm werden solle, ersetzt. Die Aufforderung, "was immer Du tust, handle gut und bedenke das Ende", wurde zur Prämisse: "was immer der Mensch tut, er handelt gut, weil er das Ende bedenkt".

Warum ich Euch hier mit Philosphischem quäle?
Ganz einfach, denn diese Lücke zwischen Kants utopischer Vernunftsvorstellung und Einsteins pragmatisch-realistischem Menschenbild ist die Bühne, auf der unser alltägliches kollektives Handeln stattfindet.

Auch wenn wir unsere Vernunft gebrauchen, so ist der Entscheidungsprozess doch immer wieder eine Aneinanderreihung des "Trial and Error"-Verfahrens. Gerade in der Politik. Klar wurden im Laufe der Zeit Verfahrenschranken, sogenannte Institutionen entwickelt, die den Einfluß der menschlichen Vernunft auf den politischen Prozess minimieren. Doch ein Restrisiko für Dummheit bleibt stets vorhanden. So haben z.B. ein paar Vernunftsanhänger in den Neuen Ländern mittels ihrer Vernunft entschieden, dass es ganz vernünftig wäre, wieder ein paar Braune ins Parlament zu wählen.

Eine noch viel tiefer greifende und philosophisch interessantere Vernunftsentscheidung hatten im November 2004 die Bürger Kaliforniens getroffen. Darauf aufmerksam wurde ich heute, als mir eine ziemlich unverständliche email eines besorgten Bürgers aus Minnesota ins Postfach flatterte, der irgendetwas von "Prop. 71", Michael J. Fox, Parkinsonmedikamenten und unabsehbaren Folgen faselte. Da ich mir nicht ganz im klaren war, ob Prop. 71 nun irgendein gefährliches Medikament, wie z.B. Contergan, ist, das von Amerikas berühmtesten Zeitreisenden beworben wird, oder ob es sich um irgendeine Bürgerinitiative handelt, habe ich einfach einmal nachgegoogelt. Folgendes kam dabei heraus:

Proposition 71 war eine Gesetzesinitiative, angestrengt von einer Gruppe Wissenschaftler, Abgeordneter und von speziellen Krankheiten betroffener Prominenter, welche die Freigabe embryonaler Stammzellenforschung in Kalifornien bewirken sollte. Die kalifornischen Wähler stimmten in einem Volksentscheid, also am Parlament vorbei, über das Inkrafttreten von Proposition 71 ab und entschieden mit 59% zu 41% für die Freigabe, welche als "California Stem Cell Research and Cures Act" in Kraft trat. Einer der prominentesten Befürworter von Prop. 71 war der Schauspieler Michael J. Fox, der sich davon die "Ausrottung" von Parkinson versprach, einer Krankheit, von der er selbst betroffen ist.

Allerdings liegt das Problem beim "California Stem Cell Research and Cures Act" nicht in den allgemein bekannten ethischen Dilemmata der Verwendung embryonaler Stammzellen, des Klonens oder des Tötens von Embryonen. Ein ganz bestimmter Passus des Gesetzestextes ist es, der das Schreckgespenst der pränatalen Euthanasie an die Wand malt. Es geht dabei um die im Grunde harmlos aussehende, versprochene Reduzierung der Gesundheitskosten des Staates Kaliforniens. Der Passus verbietet zwar der embryonalen Stammzellenforschung vordergründig das Klonen von Embryos, erlaubt allerdings einen "somatic cell nuclear transfer". Weniger wissenschaftlich nennt sich das "genetic engineering", also das pränatale Herumbasteln an der DNA-Information des werdenden Lebens. Nie wieder Parkinson, nie wieder Krebs, nie wieder sonstige Krankheiten. Alles einfach vorher weggespritzt.

Diese wunderbare neue Welt hat nicht nur in der Zukunft, sondern auch im Heute ihre Schattenseiten. Für die Zukunft sollte man sich vielleicht Gedanken machen, was passiert, wenn plötzlich ein Afrikaner mit Schnupfen ins gleichgegente Amerika kommt und einfach einmal kräftig niest. Für das Heute bedeutet es, dass sich die prominenten Betroffenen mit der Befürwortung pränataler Ummodellierung ihre eigene Lebensberechtigung absprechen. Hätte es früher bereits embryonale Stammzellenforschung gegeben, würden sie heute gar nicht leben, sondern ein anderer Mensch. Die Kalifornier haben praktisch ihre eigene Abschaffung beschlossen. Dabei hätte doch gerade Michael J. Fox wissen sollen, wie gefährlich Zeitreisen sind und eine Zukunft zum Jetzt zu machen, für die das Jetzt noch gar nicht bereit ist.

Ein kleiner Trost: die Kalifornier haben es kollektiv geschafft, Kant zu wiederlegen. Da sieht man mal wieder, zu wieviel Wissen Dummheit führen kann!

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