Nur Gedanken

June 4, 2004

Danaum fatale munus

Filed under: Panorama - word2go @ 11:50 am
 
Seit Monaten geistert eine Geschichte durch die Niederungen der deutschen Medienlandschaft, die eindeutig mehr Aufmerksamkeit hätte. Zum Einen, weil sie so viele Gesichter hat. Etwa das einer Stadt, die offensichtlich immer noch nicht pleite genug ist, um nicht doch noch ein paar Millionen in die Luft zu pulvern. Oder das eines Steuerflüchtlings der Präsente verteilt, die keine sind. Auch das einer historischen Schuldfrage. Zum Anderen zeigt sie ganz nebenbei auf, wie es aussieht, wenn ein Bundestagsabgeordneter einfach nur gute Arbeit leistet.

Die Geschichte beginnt, wie es Hanno Rauterberg in der "Zeit" so schön darstellt, mit „zwei Lebemännern“. Die stecken eines schönen Abends die Köpfe zusammen. Wie so oft nach ein paar Bieren, kommt man auf die Idee etwas Großes anzufangen, etwas das sich sehen lassen kann, mit dem sich so richtig Eindruck schinden lässt. Er habe da so ein paar Exponate, die er ganz umsonst zur Verfügung stellen würde, flüstert Friedrich Christian Flick seinem Gegenüber zu. Und weil er mit "ein paar" so ziemlich genau 2500 ziemlich wertvolle Stücke von Künstlern wie Bruce Nauman, Neo Rauch oder Martin Kippenberger meinte, war Klaus Wowereit natürlich ziemlich begeistert.

Wenn sich Wowi vor dem ersten Schluck Gerstensaft ein wenig besser informiert hätte, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass die Stadt Zürich dasselbe Angebot aus guten Gründen bereits einmal abgelehnt hatte. Schon da hätte er sich eigentlich fragen sollen, warum ein Mäzen mit einem solch "uneigennützigen" und großzügigen Geschenk hausieren gehen muss. Vielleicht, weil der Enkel des NS-Rüstungsproduzenten Friedrich Flick, der in den Nürnberger Prozessen zu 7 Jahren Haft verurteilt wurde, weil er Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge beschäftigte, einfach Jedermanns Freund wäre, der seine Kollektion ausstellt?

Weil die Aussicht auf kulturelles Renommee und Prestige - genauso wie die Liebe - blind macht, brachte Wowereit die Sache so schnell wie möglich unter Dach und Fach. Flick durfte mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen Vertrag abschließen, der ihm erlaubte die Artefakte ab Herbst 2004, als eine siebenjährige Leihgabe an die Stadt Berlin, in Berlin auszustellen.

Verdächtig kam soviel Großmut nicht nur Salomon Korn, dem stellvertretenden Zentralratspräsidenten der Juden in Deutschland, vor, der sogleich polemisierend eine parallele "Göring-Sammlung" vorschlug und dabei auf das zur Finanzierung der Flick-Collection geleistete Blutgeld jüdischer Zwangsarbeiter verwies, sondern auch dem Heidelberger Bundestagsabgeordneten Lothar Binding.

Der finanzpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag entdeckte, dass die geplante Flick-Collection nicht von Friedrich Christian Flick persönlich, sondern von der, im Steuerparadies Guernsey beheimateten, "Contemporary Arts Ltd." präsentiert werden solle, was aus der ganz privaten mildtätigen Gabe ein knallhartes Geschäft macht. Und zwar am deutschen Fiskus vorbei.

Binding forderte daher konsequenterweise den Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin auf, der Kollektion eine Steuernummer zuzuteilen. Nachdem sein Ansinnen von Sarrazin mit dem Hinweis auf das Steuergeheimnis zurückgewiesen wurde, verschärfte Binding den Ton und schreibt in einem zweiten Brief:

Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei Menschen, die sich als Steuerflüchtlinge dem deutschen Fiskus entziehen, um sich der, mit dem in Deutschland angesammelten Vermögen in Zusammenhang stehenden, Verantwortung zu entziehen.

Höchste Aufmerksamkeit verdienen solche Vorgänge, wenn die Entstehungsgeschichte eines Vermögens nicht zweifelsfrei jenseits jener Arbeitsmethoden steht, die einer zivilisierten Gesellschaft unwürdig sind.

Im Klartext. Es ist eine - wenn auch wackelige - Sache, den Versuch zu unternehmen, historische Schuld durch den Dienst an der Allgemeinheit zu lindern. Bis zu diesem Punkt kann ich die Argumentation der Kunstfreudigen verstehen, die Wert und Wichtigkeit der Ausstellung über die historische Dimension stellen.

Es ist jedoch eine ganz andere Sache, wenn sich Herr Flick, der bis heute "aus Prinzip" keine müde Mark in den Wiedergutmachungsfonds der deutschen Wirtschaft eingezahlt hat, nun den Mantel des gönnerhaften Büßers anzieht, um über eine Briefkastenfirma und Steuerhinterziehung aus der "Entnazifizierung" seines Familiennamens Kapital zu schlagen. Und dafür auch noch aus Steuermitteln umfangreich gefördert wird.

So viel Verschlagenheit macht einen sprachlos. Das ist die unterste Stufe der ethischen und moralischen Lernunfähigkeit, das kann auch der heutige "Zeit"-Artikel von Jens Jessen nicht relativieren, der versucht zu besänftigen, indem er darauf verweist, dass wir alle irgendwie noch von den ökonomischen Errungenschaften der Nazizeit zehren.

Sprachlos macht mich auch die Non-Chalance der Berliner Regierung und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegenüber der öffentlichen Diskussion. Aussitzen waren wir bisher eigentlich vom "Dicken" gewohnt. Deshalb wünsche ich mir mehr Politiker vom Schlag eines Lothar Binding, die ganz unöffentlich aber dafür mit viel Idealismus einfach nur ihren Job tun. Und zwar nicht nach Vorschrift.

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