Ja, ich gebe es zu. Ich bin ein Wühler! Keine Ansammlung von mehr als zwei alten Stühlen oder Lampen ist vor mir sicher. Und auch wenn ich meist mit leeren Händen von meinen Ausflügen in das Leben der Landstreicher und Resteverwerter zurückkehre, stirbt die Neugier stets zuletzt. Es könnte ja doch einmal irgendetwas Nostalgisches, Wiederverwertbares oder zumindest Interessantes darunter sein. Diesmal erfüllt der Sperrmüllfund sogar alle drei Kriterien.
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Der evangelische Gemeindebote der Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim vom 1. Mai 1933 glänzt nicht nur durch nostalgisches Design. Er ist interessant, weil er uns den euphorischen, fast poetischen Blick eines Kirchenvertreters auf das frühe Nazi-Deutschland gibt:
„…Alles anders geworden ist[es] sodann auch in unsrem geliebten deutschen Volk und Vaterland. Fast über Nacht, wie mit Zaubergewalt ist ein anderer Geist in Deutschland eingezogen und hat alle erfasst oben und unten, groß und klein, alt und jung. Über alles Hoffen hinaus ist allüberall in Nord und Süd, in Ost und West eine Wandlung im Denken und Handeln eingetreten, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt und freudigen Herzens feststellen darf: Dieses Deutschland von heute ist ein anderes als das Deutschland von gestern. Aus langem, todesähnlichem Schlaf ist es erwacht und reckt sich empor mächtig und groß und streift die Banden der Schmach und der Knechtschaft ab und wirft die schmutzigen Hüllen weg und steht auf zu rastlosem Wirken in brennender Sehnsucht nach Reinheit und Freiheit nach Größe und Ehre der Nation, vorwärts und aufwärts der Sonne entgegen mit neuem Mut und neuer Kraft und neuem Hoffen. Ganz anders als zuvor! Des sind wir täglich Zeugen. Wir haben die nationale Auferstehung unseres deutschen Volkes erlebt, die gebieterisch nach einer Auferstehung des religiösen, kirchlichen, geistigen und christlichen Menschen ruft…“
Nicht zuletzt besteht die Wiederverwertbarkeit des Textes im mahnend erhobenen Zeigefinger gegenüber der steigenden Anzahl all Jener, die von Aktionismus, Elan und Entschlossenheit eines George Bush fasziniert sind, von der Ohnmacht und Belanglosigkeit der Vereinten Nationen oder dem Zynismus des Völkerrechts faseln und scheinbar ernsthaft davon überzeugt sind, dass ein Rückschritt zu unilateralem bzw. konzertiertem Handeln der Exportschlager unserer westlichen Welt werden könnte.
Diese Menschen mögen vielleicht von guten Absichten geleitet und von der Untätigkeit des Völkerrechts gegenüber den innenpolitischen Grausamkeiten einiger Diktatoren enttäuscht sein. Doch sie verwechseln Äpfel mit Eiern. Es ist nicht das Völkerrecht, welches staatliche Souveränität perpetuiert und Diktatoren schützt. Es muss nicht notwendigerweise ein „jus inter gentes“, ein Recht „zwischen“ den Völkern bleiben, sondern hat durchaus die Perspektive ein Recht „der“ Völker zu werden, eben weil es davon abhängt, was wir daraus machen. Es sind die Staaten selbst, die durch staatszentriertes Denken jeden Tag ihre Souveränität und ihre innenpolitische Autonomie neu erfinden. Das Völkerrecht ist nur der kleinste gemeinsame Nenner den sie sich gegenseitig abgerungen haben.
Es ist demnach bodenloser Unsinn zu hoffen, dass es Staaten sein könnten, die durch das eigenverantwortliche oder gemeinsame Umgehen des Völkerrechts eine neue internationale Gerechtigkeit schaffen werden. „Inter – National“ heißt nun einmal „zwischen Staaten“. Doch Staaten werden die Staatlichkeit nicht antasten. Niemand sägt den Ast auf dem er sitzt. Was die Bushverteidiger dem Völkerrecht also vorwerfen ist, dass es auf transnationaler Ebene nicht erfolgreich ist. Und dabei vergessen sie völlig, dass es genau diese transnationale Ebene von engagierten, aufgeklärten Wissensgesellschaften, Unternehmen, NGO’s und Interessensgruppen ist, die heute mittels ihrer Kontroll- und Multiplikatorfunktion dafür sorgen, dass sich Staaten in aller Regel an die Regeln halten. Das Völkerrecht ist erfolgreich. Es stößt nur da an seine Grenzen, wo sich Staaten aufgrund ihrer „vitalen nationalen Interessen“ ex ante ihre Handlungsautonomie vorbehalten haben, nämlich beim Gewaltmonopol. Dass dieses Gewaltmonopol eine geisterhafte, eitle Erfindung ist, die genau so weit reicht, bis man einem mächtigeren Gegner über den Weg läuft, das verschweigen Staaten gerne. Denn dann geht es ans Eingemachte, nämlich ihre Existenzberechtigung.
Zu glauben, dass ein George Bush jetzt alles besser macht, dass er mit dem großen Besen durch den Hinterhof fegt, Diktatoren mittels Härte und Gewalt zur Demokratie bekehrt und somit endlich und überfällig an einer würdevolleren, gerechteren Zukunft bastelt, ist mehr als naive Einfältigkeit. Man nennt es Meagogie, Selbstverführung, das begeisterte Mitgestalten einer euphorischen Demagogie, die schon immer der Auftakt zu vernichtenden Totalitarismen war:
„Auf zu rastlosem Wirken in brennender Sehnsucht nach Reinheit und Freiheit nach Größe und Ehre der Nation, vorwärts und aufwärts der Sonne entgegen mit neuem Mut und neuer Kraft und neuem Hoffen. Ganz anders als zuvor!“
Die neue Weltordnung! Nackenhaare, die sich sträuben! Die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist gepflastert von den Opfern der Utopisten, die ausnahmslos alle Eines im Sinne hatten: alles anders zu machen und die Zukunft der Welt auf Kosten Dritter zu beschleunigen! Hitler, Stalin, Mussolini, Mao, Pol Pot, Suharto…
Diktatoren fallen nicht vom Himmel. Sie alle wurden irgendwann einmal von den Ängsten, der Euphorie und dem Zuspruch ihres Volkes, seinen Hoffnungen und Erwartungen auf eine bessere Zukunft getragen. Eine Zukunft, die so gut zu sein schien, dass man bereit war Regeln aufzuheben, Rechte abzutreten und Freiheit aufzugeben im Kampf für das Richtige, das Wahre.
Vielleicht ist der Text aber nicht nur eine Warnung vor den Zukunftsbeschleunigern, sondern auch eine Mahnung an uns Deutsche oder Europäer, je nachdem, wie wir uns bezeichnen wollen. Eine Mahnung, dass wir endlich herauskommen aus unserer überheblichen, hämischen Ecke und uns wieder mit dem Vereinigten Staaten solidarisieren, denen wir so viel zu verdanken haben. Ich denke, es ist Zeit, dass wir aufhören mit stolzgeschwellter Brust auf und ab zu marschieren und der Welt zu demonstrieren, dass wir gelernt haben aus unserer Geschichte. Im Gegensatz zu den Amerikanern.
Ich will es ja nicht hinausposaunen, aber wir werden langsam unglaubwürdig. Aus der Geschichte zu lernen, heißt nämlich nicht nur zu verstehen, dass sich Geschichte wiederholen kann. Es heißt auch die Prozesse zu verstehen, die es verhindern, dass sich ein Volk selbst aus der Spirale der Demagogie befreit. Und wir werden mit Sicherheit niemanden wachrütteln, über dessen geringe Bildung, fehlende Weitsicht oder mangelnden Horizont wir spotten. Die zunehmenden Klagen über europäischen Antiamerikanismus kommen nicht von ungefähr, sondern sind unmittelbarer Ausdruck der Entfremdung amerikanischer Bürger, die sich unverstanden, ausgelacht und zurückgesetzt und erniedrigt und mit Undank belohnt fühlen. Undank deswegen, weil sie sich auf der richtigen Seite fühlen, weil sie glauben uns etwas Gutes zu tun. Vielleicht sollten wir langsam anfangen sie zu überzeugen, anstatt über sie zu spotten. Wir hatten unsere Genugtuung.