Das große Rennen von Belleville
Gewiss, er ist so liebevoll gezeichnet, dass man fast ein schlechtes Gewissen bekommen möchte, auch nur ein böses Wort über das versuchte Kunstwerk zu verlieren. Wenn sich der Regisseur auch nur annähernd liebevoll in den Details der Handlung verloren hätte… was hätten wir für einen großen europäischen Film genießen dürfen.
Doch so? „Bleibt nicht Fisch, nicht Fleisch“, möchte ich den Herren Lobhudlern entgegensetzen. Was soll man sagen zu einem sprachlosen Film, der dann doch ohne Sprache nicht auskommt? Was sagen zu den, keineswegs so amüsanten, Stereotypen amerikanischer und französischer Gemeinsamkeiten?
Ob ich die Kunst nicht verstehe? Vielleicht. Ich verstehe selbst nicht ganz, warum ich gerade hier der Kunst die Freiheit nicht vergönne. Wo sie doch so viel Mühe gekostet hat. So viel mehr als in realen Filmwelten. Vielleicht aus demselben Grund, aus dem ich kein avantgardistisches Theater mag, in dem sich die Hauptdarsteller stammelnd und stotternd in Blut und Fäkalien wälzen, um mit der Brachialität einer Abrissbirne einen Sachverhalt darzustellen, für den ein leiser Abendhauch genügt hätte.
Nein, nicht die Künstler haben die Seele dieses Films zerstört, sondern ein Regisseur, der zuviel wollte. Ein einziges Oxymoron hätte er sein sollen in seiner ganzen Stille und Melancholie. Ein Film der weh tut, der alles andere als schön ist in seinen schönen Bildern. Aber auch eine Gratwanderung, ein Ausloten der Grenzen der Übertreibung. Anstatt ganz unbekümmert drauflos zu stereotypisieren, scheint der Regisseur derart von einem moralinsauren Krampf gepeinigt gewesen zu sein, dass er bereits sehr früh im Film die Grenze der Übertreibung überschreitet. Was ihn in Erklärungsnot und damit das Stilmittel zum Bruch bringt.
Den Rest der Zeit schwankt der Streifen unentschlossen zwischen Slapstick und erdrückend überzeichneter Zivilisations- und Fortschrittskritik, die, wie sollte es auch anders sein, in dumpfem Antiamerikanismus gipfelt. Doch zu gern sieht der europäische Schöngeist darüber hinweg, dass Belleville natürlich New York symbolisiert, die Triplettes natürlich die vergessene, verschmähte und verdrängte europäische Kultur darstellen und die Begierde der Belleviller Mafia und High Society nach der Quadratur der Tour de France natürlich für die Gigantomanie des raffgierigen Amerikaners an sich steht. Außer Frage, dass europäische Beharrlichkeit am Ende gegen den „Besser-Ami“ obsiegt.
Das Ausmaß dieses kulturellen Minderwertigkeitskomplexes ist gewaltig und die sich vor Begeisterung überschlagende europäische Presse schlägt mir ebenfalls gewaltig auf den Magen. Vor lauter Kritiklosigkeit.


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