Also, so was!?
Gestern war so ein richtig schöner Tag zum Verbummeln. Dicke Regentropfen an den Fenstern, draußen kalt, innen heimelig warm und nichts zu tun. Gar nichts. Zu Hause bleiben und die Langeweile genießen. Wie wunderbar.
Als uns um 14:00h nachmittags bereits die Decke auf den Kopf zu fallen droht, kommt Linda, meine Freundin, auf die herrliche Idee Pizza zu backen und Video zu gucken. Also Laptop raus, Video-CD rein, die klammen Glieder unter die flauschige Decke und nochmal tief und innig das Gefühl genießen, Student zu sein, keine festen Arbeitszeiten zu haben und sich unter der Woche solch einen Luxus antun zu können. Jeder Tag zwischen heute und der Abgabe der Magisterarbeit zählt, die Gelegenheiten kommen nicht mehr oft.
Die selbstbelegte - und weil selbstbelegt, Maulsperre verursachende – Schinken-, Hackfleisch-, Salami-, Barbecue-, Oliven-, Spinat- und Knoblauchpizza mampfend, realisiere ich den Vorspann. Nach einem Buch von Friedrich Dürrenmatt. Und Sean Penn, Hollywoods intellektueller Kriegsgegner, der, obwohl er in seiner Freizeit bevorzugt Frauen aber gerne auch mal fotografierende Fotojournalisten weichklopft, in der ganzen Welt geliebt wird, hat Regie geführt. Eine Frage formuliert sich in meinem heute sehr langsam, da freihabend, denkendem Hirn und fettige Finger greifen nach dem CD-Cover. Wie heißt eigentlich der Film? „The Pledge“. Aha! Gelöbnis, Schwur oder so ähnlich. Der Vorspann geht weiter, verspricht Jack Nicholson, Mickey Rourke und Benicio del Toro. Wow, drei der ausdruckvollsten Charakterfressen, die Hollywood zu bieten hat. Ich werde langsam richtig neugierig und freue mich immer mehr über den gelungenen Faulenznachmittag.
Die Kamera zeigt Nicholsons staubige, von Mückenstichen übersäte und vernarbte Knöchel, fährt leicht zurück und gibt den Blick frei auf den vor einem dreckigen Caravan, ach nein, vor einer dreckigen Tankstelle stehenden Schauspieler, der mit verkniffenem, blutverklebtem Gesicht gegen den staubigen Wind anjammert. Jammert? Nein, der Typ betet. Definitiv brabbelt der seinen Sermon herunter und sieht dabei nicht gerade glücklich aus.
O.K. der Film spielt auf jeden Fall nicht in der Schweiz. Verzweifelt versuche ich mich an die mir bekannten Dürrenmattromane zu erinnern, doch wie gesagt, das Gehirn hat heute Pause. Linda fallen „die Physiker“ ein und außerdem, dass ich meinen Rand halten solle, weil sie sonst das Englisch nicht verstehe.
Jack Nicholson, jetzt so sauber und gewaschen,dass die Szene nur ein Rückblick sein kann, bekommt von seinen Polizeikollegen eine Fischtrip nach Mexiko geschenkt. Offensichtlich ist es sein letzter Tag als Cop. Ein kleiner dicker Junge auf dem Snowmobil sieht einen langhaarigen Bombenleger (sprich: native american) und macht daraufhin eine grauenhafte Entdeckung, die dem Zuschauer verborgen bleibt. Nicholson verlässt seine eigene Party, eilt an den Ort des Verbrechens, gibt ein paar ehrfurchtsgebietende Anweisungen an die jungen, dümmlich grinsend im Beweismaterial herumstapfenden, grünschnäbligen Polizeiakdemisten, sieht die Leiche des ermordeten Mädchens, erteilt den Jungspunden den Tip, vielleichtein mal den, schon seit Stunden am Tatort im Polizeiwagen sitzenden und halb erfrorenen, Zeugen auf das Revier zu fahren, informiert die Eltern des Mädchens und muß der Mutter auf das Kreuz des Herren und bei seinem Seelenheil schwören, den Mörder zu finden.
Gut, damit hätten wir ja schon erfahren, warum der Film „The Pledge“ heißt. Außerdem wissen wir, dass man so etwas nicht tun soll. Auf sein Seelenheil schwören. Das kann nämlich für den Fall, dass die ganze Sache mit Gott und so wirklich stimmt, ganz schön, bzw. unbegrenzt lange „unheilvoll“ werden, wenn man nicht aufpasst, bzw. den Mörder nicht findet. Linda hat den oberen Rand der Bettdecke schon am Kinn hängen, um im Notfall, das heißt, falls zu spannend, selbige über den Kopf ziehen zu können. Da sie solche Sachen schon öfter gemacht hat, verkeile ich vorsorglich meinen Anteil der Decke unter den Armen, um nicht plötzlich unverschuldet irgendwelche Schlüsselszenen zu verpassen.
Ziemlich schnell wird ein junger, unterbelichteter Indianer mit ellenlangem Vorstrafenregister (Benicio del Toro) aus dem Sack gezaubert, der nach einem äußerst einfühlsamen Interview durch Nicholsons Kollegen gesteht, sich auf dem Weg zur Zelle den Revolver des Hilfssheriffs klaut und, selbstmordmäßig klassisch, sein Gehirn über die gesamte Polizeistation verteilt, die Inneneinrichtung dabei aber nicht wesentlich verschönert.
Mein Cineastenherz ahnt bereits Schlimmes. Ein Oscarpreisträger, der in einer 5-Minuten Szene verbraten wird, bedeutet nie etwas Gutes. Die Geschichte geht weiter, wie sie weitergehen muß. Der Zuschauer weiß natürlich bereits vorher Bescheid.
Nicholson glaubt nichts von dem Ganzen, pfeift auf seinen Angeltrip und stürzt sich in die alleinverantwortlichen Recherchen. Dabei stolpert er über zwei weitere Mädchenleichen, einen verheulten (versoffenen?) Mickey Rourke – Einsatz: genau zwei Minuten; schauspielerische Leistung: zum Heulen – und schließlich über eine Zeichnung von einem großen schwarzen Riesen, der einem kleinen Mädchen etwas zusteckt.
Spätestens jetzt müßte ich eigentlich das Sehvergnügen beenden, denn über den Laptopbildschirm flimmert eindeutig Sean Penns Adaption des Rühmann-Klassikers „Es geschah am hellichten Tag“ und wer diesen Film gesehen hat weiss, dass selbst das beste Remake elendiglich versagen muss. Ein Blick in Lindas gebanntes Gesicht gibt mir allerdings deutlich zu verstehen, dass sie das Original nicht kennt. Also schiebe ich mir noch einen Block Pizza in die Ladeluke, freunde mich mit dem Gedanken an, den Film nun aus vergleichender Perspektive zu betrachten und frage mich, wie sich Rühmann und Fröbe im amerikanischen Seenhinterland auf verrosteten Pick-ups machen würden.
Im weiteren Verlauf macht Nicholson eigentlich alles genauso wie Rühmann, nur ein wenig deutlicher, damit der Film auch in „abgestumpften“ US-amerikanischen Köpfen Sinn erzeugt. Z.B. bringt erst ein Angelwerbespot Nicholson auf den Gedanken, auf den Rühmann noch selbst gekommen ist. Lebende Köder sind besser als Tote! Man nehme sich also ein Kind, eine Tankstelle auf der Route des Killer, lege das Kind als Köder aus und warte dann, dass der Killer anbeißt. Dass tut er dann auch, nur – und hier trennt sich die Handlung vom Original - verunglückt er auf dem Weg zum Tatort tödlich, versetzt dabei Kind, sowie polizeiliches Einsatzkommando und lässt den mittlerweile von der Mutter des Kindes verlassenen Jack Nicholson für alle Ewigkeit auf sein Seelenheil warten. Der steht wie gehabt klagend, betend und versifft vor seiner Tankstelle…
So überraschend, so verstörend ist das Ende des Films. „Was hat sich Sean Penn denn dabei gedacht?“, ist mein erster Gedanke, während Linda nicht recht wahrhaben will, dass ein Hollywoodfilm mal kein Happy End hat. Und das an einem so schönen, gemütlichen, verregneten Nachmittag. Schande aber auch. Langsam fühle ich so ein klein wenig Ärger in mir aufsteigen. Wie kann man nur solch eine Vorlage so verhunzen? Der Film hätte doch die transzendente Keule gar nicht nötig gehabt. Erst recht, wenn sie die ursprüngliche ethische Frage, ob man das Leben eines Kindes riskieren darf, um zukünftige Verbrechen zu verhindern, so effektiv verdrängt. Als Linda noch eine Stunde später nicht glauben kann, dass Jack Nicholson so unmenschlich bestraft wird, muss ich mich ernsthaft fragen, ob der Film nicht doch tatsächlich so gut war, dass er seine beabsichtigte Wirkung erreicht hat. Das ärgert mich noch mehr und ich entschließe mich, einen deftigen Verriß des Filmes zu schreiben. Nicht unbedingt, weil er so schlecht war, sondern weil er unseren Nachmittag so durcheinander geworfen hat.
Also ran an den Computer, google anwerfen und erst einmal nach dem Original recherchieren. Dabei erfahre ich, dass Dürrenmatt das Drehbuch im Auftrag, also nicht sebstständig verfasst hatte, nicht sonderlich damit zufrieden war und anfang der 70er eine Neufassung unter dem Namen „Das Versprechen (The Pledge)“ veröffentlichte. Sean Penn hatte also nicht dazugedichtet und umgeschrieben. Es war Dürrenmatt selbst, der sich den Quatsch mit Seelenheil, Autounfall usw. ausgedacht hatte.
Was soll man denn davon halten? Sean Penn für die gute Umsetzung des Stoffs gratulieren. Dürrenmatt nachträglich verfluchen? Oder den Machern von „Es geschah am hellichten Tag“ gratulieren, dass sie den Film vollendeten, bevor der Schweizer Selbstdarsteller sein eigenes Werk verpfuschte?
Noch immer verwirrt?!