Nur Gedanken

April 21, 2004

Núnca mas – Nichts geht mehr

Filed under: Panorama - word2go @ 9:44 am

Verlebt, verfettet und von Drogen zerfressen kämpft Diego Armando Maradona auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Buenos Aires um sein Leben. Dabei hatte er es einfach nur zu sehr genossen. Denn er war nicht immer der „pibe de oro“, der Goldjunge, wie sie ihn zu Hause in Argentinien nannten. Aus dem dreckigsten Slum von Buenos Aires, der Villa Fiorito, in der es nicht einmal mehr Polizeiposten gibt, hat ihn 1968 Angel Gimeno, der noch heute die Kids der Straße trainiert und den alle nur „Tio“, den Onkel nennen, herausgezogen. Als Siebenjährigen. Wer sollte ihm seinen Lebensstil also mißgönnen.

Maradona und die Villa Fiorita stehen symptomatisch für die Leiden und die exzessiven Unterschiede Argentiniens. Sich aus der Armut zu emanzipieren, im Konzert der Großen mitzuspielen… wer träumt diesen Traum nicht? Im Jahr 2000 wurde die Villa Fiorita regelrecht von der Außenwelt abgeriegelt. Einige Strategen des Internationalen Währungsfonds unter dem Kommando unseres zukünftigen Bundespräsidenten hatten befürchtet, dass die vom IWF auferlegten Strukturanpassungsmaßnahmen zu Unruhen führen könnten, die Villa Fiorito als möglichen Ursprungsort ausgemacht und der argentinischen Rechtsregierung zu diesem Schritt geraten.

Die Strategen sollten recht behalten. Die Unruhen kamen. Der Ausnahmezustand wurde verhängt. Dass die Unruhen eine konsequente Reaktion auf die verheerende Finanzpolitik des IWF gegenüber Argentinien war, fiel dabei - nicht unerwünscht - unter den Tisch. Offiziell zeigte man sich besorgt und versprach rasche und unbürokratische Hilfe. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass sich die argentinischen Polizeikräfte an die Menschenrechte halten. „Good Governance“ muss ja schließlich sein.

Heute ist der Unterschied zwischen Arm und Reich so groß wie nie zuvor, die argentinische Wirtschaft am Boden und der Staat bankrott. Banken und ganze Industrien haben sich wie Maradona zu Tode gefickt, gefeiert und gekokst im Rausch der internationalen Märkte. Warum? Weil sie alle mitspielen wollten in der Welt der Großen? Wohl eher, weil sie es mussten. Welche Wahl hatte die argentinische Regierung? Die Konditionen des IWF ausschlagen? Idealistisch, aber naiv! Die Zeiten, als Dependenztheoretiker in Südamerika punkten konnten sind Geschichte. Spätestens seit Cardoso selbst sie zur Geschichte erklärt und Brasilien auf den fahrenden Zug der Globalisierung gesetzt hat.

Der Patient Argentinien ist mindestens genauso todkrank wie der Patient Maradona, doch kann Ersterer vom Zweiten lernen. Selbst wenn Maradona seinen Aufstieg und Ruhm nicht verkraftet hat, so hat er ihn nur deshalb geschafft, weil er anders war, er selbst war, einzigartig war. Ob sich Argentinien emanzipieren kann? Es ist heute schwerer als noch vor ein paar Jahren, wie der Cartoon unten zeigt. Es reicht nicht mehr, nur der Versuchung zu widerstehen. Die Karotte ist bewaffnet und der Esel mit blauen Flecken übersät.

Comments »

The URI to TrackBack this entry is: http://word2go.blogsome.com/2004/04/21/nunca-mas-%e2%80%93-nichts-geht-mehr/trackback/

No comments yet.

RSS feed for comments on this post.

Leave a comment

Line and paragraph breaks automatic, e-mail address never displayed, HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>


Get free blog up and running in minutes with Blogsome
Theme designed by Alex King