Nur Gedanken

April 3, 2004

Babylonische Sprachverwirrung

Filed under: Politisches - word2go @ 9:11 am

„Recht hat nicht mit Vergebung zu tun. Es hat oft mit Vergeltung zu tun und oft sogar mit Rache." (John Ashcroft/US-Justizminister)


Der Stolz und die Beute

Über Symbole wurde viel geredet seit dem 11. September 2001. Auch über die Verständigungsprobleme zwischen den Kulturen. Universal scheint uns heute nur noch die Sprache der Gewalt zu sein. Doch welche Sprache sprechen Bilder der Gewalt?

Dass Bilder etwas zu sagen haben, beweist uns die Sprachlosigkeit der amerikanischen Medien angesichts der Gräuel von Fallujah. Konnten die Bilder zur Rechtfertigung des jüngsten christlichen Kreuzzugs gar nicht blutrünstig genug sein, so wird jetzt heftigst diskutiert, ob die Grausamkeiten an amerikanischen Staatsbürgern gezeigt werden dürfen.

Und, wie zu erwarten war, sahen sich die Mainstream-Medien nachsichtig mit den Mägen der amerikanischen Durchschnittsbürger und verschonten sie mit allzu gewalttätiger Kost. Photos wie das obige, veröffentlichen nur nichtamerikanische Medien, was selbst im Zeitalter des (noch) nicht zensierten Internets relativ effektiv sein und dem Bushfeldzug wahrscheinlich nicht allzu viel Schaden zufügen dürfte. Oder werden es nach Vietnam und Somalia wieder die Bilder sein, die der amerikanischen Öffentlichkeit so sehr ins Gewissen reden, dass die Regierenden ihre Truppen zurückziehen müssen?

Welchen Symbolwert haben geschändete und verbrannte Leichen? Ihre Benutzung im Zeichen des Widerstands entspringt zweifellos einer perfiden Rationalität. Einer Rationalität der Abschreckung, die bereits die Berserker des Mittelalters beherrschten und die von den Tamil Tigers auf Sri Lanka und dann der Al Qaida perfektioniert wurde. Indem ihre Agitatoren eine vollkommene, wahnsinnige Irrationalität zelebrieren, zeigen sie der Welt, dass sie nicht abschreckbar sind, sich niemals geschlagen geben werden. Je irrationaler, je besser also.

Doch anstatt, mit der erlernten Mitleidigkeit europäischen "Eine-Welt-Bewusstseins", zu fragen, wie verzweifelt, wie unterdrückt Menschen sein müssen, die solche Gräueltaten begehen, sollten wir das Bild weiter analysieren. Sehen wir es uns ruhig an! Den Stolz,… das Victory-Zeichen,… das Lachen auf den Herzen der Rasenden. Welche Sprache spricht es? Die Sprache der Vernunft? Die Sprache der Gerechtigkeit? Sehen wir hier wirklich Akteure, die sich der Folgen ihres Handelns voll bewusst sind?

Die Opfer sind die Täter, weil die Täter die Opfer sind.


Der Stolz und die Beute 2

Diese Tautologie beruht, wenn man so will, auf einer Sprachverwirrung. Worte, meinte Wittgenstein, seien ohne Kontext, ohne Dinge und Erinnerungen, auf die sie sich beziehen könnten, nur leere Hülle. Mit Bildern verhält es sich genauso. Erst unsere ganz persönliche Interpretation haucht ihnen Leben ein. Aber nur dann, wenn wir sie mit eigenen Erfahrungen und Erlebnissen in Verbindung bringen. Da wir, als Europäer, diese Erfahrungen in der Regel nicht irgendwo in Burundi, Las Vegas oder Timbuktu machen, ist unsere Wahrnehmung unwiderruflich und unleugbar europäisch. Während für die Amerikaner die Unterscheidung von Opfern und Tätern demnach ein Leichtes ist, tun wir uns darin wesentlich härter.

Es klingt wie eine Ironie des Schicksals, dass die universelle Sprachverwirrung ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Globalisierung an ihren Ursprungsort zurückgekehrt ist. Nach Babylon, dem Land zwischen Euphrat und Tigris. Vielleicht kommen wir der Wahrheit oder zumindest einer besseren Beschreibung der Wirklichkeit näher, wenn wir uns fragen, welcher Turm denn heute gebaut werden soll. Welches monumental ehrgeizige Projekt treibt seine Architekten zur Verzweiflung, seine Baumeister zum Krieg und seine Handwerker zum Mord?

Sie wurde zwar schon oft bedient, dennoch hat die "Neue Weltordnung" des Vaters des heutigen US-Präsidenten nichts an ihrer Aktualität verloren. Sie ist es, die via Irak und via der Befriedung des Nahen Ostens endlich in Kraft treten soll. Und die
Vordenker
dieses neuen geschichtslosen Zeitalters, lassen keinen Zweifel daran, dass es Amerika sein muss, welches die post-nationale Welt regiert. Amerika auf dem Weg zur Weltherrschaft, Bush als ein moderner Cyrus, der die Koalition der Willigen durch Bestechungen und Gastgeschenke bei Laune zu halten weiß. Ein solches Bedrohungsszenario ist jedoch lediglich unsere europäische Perspektive, welche wir uns eher zufällig, denn durch kulturelle Nähe, mit der arabischen und asiatischen Welt teilen.


Jubel und Verachtung

Auf der anderen Seite des Mondes warten Osama Bin Laden und seine Al-Qaida. Auch sie haben eine Mission zu erfüllen, deren Ziele wahrhaft utopisch sind. Al-Qaidas anti-imperialistische Stoßrichtung gibt dabei der faschistischen Gesinnung ihrer Anführer nicht nur bei Muslimen einen legitimen Anstrich.

Die Jubelszenen vor den verkohlten Leichen, die, im Zeichen der Verachtung und zu allem Überfluss, auch noch mit Sandalen geschlagen werden, müssen trotz all ihrer Grausamkeit verstanden werden. Sie schreien es ja förmlich hinaus. Diese Menschen, die Meisten noch jugendlich, sind euphorisch und verzückt, erfüllt von tief empfundener Gerechtigkeit. Dass gerade ein Leben, der wertvollste Besitz eines Menschen, ausgelöscht wurde, verblasst und tritt für zehn Minuten Glücksgefühl zurück. Zehn Minuten Rache am imperialistischen Amerika. Zehn Minuten Vergeltung für ein ganzes Leben voller Entsagungen unter der bisher verhängnisvollsten aller Wirtschaftssanktionen.

In einer solchen Welt hat Recht in der Tat nichts mit Vergebung zu tun. Einzig und allein Rache und Vergeltung kann das, von Rechtsstaat und Gesetz allein gelassene, Moralempfinden der Menschen befriedigen. Ohne es zu wissen, hat US-Justizminister John Ashcroft mit diesen Worten den Inhalt der amerikanischen Büchse der Pandora beschrieben. Rache wird als gerecht empfunden, und solange es etwas zu rächen gibt, wird der islamische Terrorismus nicht aufhören, wird er immer als gerecht empfunden werden.

Der von allem Seiten herbei geredete "Kampf der Kulturen" hat sich, ohne dass es bemerkt wurde, in einen Kampf der Ideologien verwandelt: die "Neue Weltordnung" gegen den "Anti-Imperialismus". Und es wird entscheidend davon abhängen, welche Sprache der Westen wählen wird, um dieses Duell zu beenden. Des Geldes? Des Krieges? Des Wahnsinns? Oder vielleicht doch, der Vernunft?

Doch vor der Sprache der Vernunft steht die Selbstwahrnehmung. Sehen wir uns als Täter oder als Opfer? "Wer" sind überhaupt "wir"? "Wer" sind überhaupt "sie"? Der "Krieg der Herzen", wie ihn die Amerikaner bezeichnen, kann nicht in Bagdad gewonnen werden, weil er sich gar nicht in Bagdad entscheidet, sondern in den Slums von Rio, Kalkutta und Los Angeles; den Finanzzentren von New York, Frankfurt und Nairobi; den Ölfeldern von Aserbaidschan, Malaysia und Indonesien; der Autoindustrie von New Delhi und Peking. Die Ideologie ist nur der Wasserkopf auf einem, ungern benannten, doch immer deutlicher werdenden Verteilungskonflikt um die letzten Ressourcen dieser Welt.

So grausam die Bilder von Fallujah sein mögen, sollten wir doch eines erkennen. Wir sind zwar als Individuum einzigartig. Doch in der Masse sind wir ersetzbar. Wir sind austauschbar. Die Gesichter auf den Bildern könnten problemlos auch unsere sein. Die Sprache des Überlebens ist grausam!

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