“Blair weiß, was er da tut”
Lieber Herr Schulz, natürlich weiß Tony Blair, was er da macht. Ich befürchte allerdings, dass Ihnen seine Absichten nicht wirklich gefallen. Vielleicht sollten sie einmal überlegen, ob Tony Blair überhaupt wollen kann, dass Großbritannien der EU-Verfassung beistimmt. „Können hätt’ er schon getan aber wollen können wird er wohl nicht wollen“ kann ich hier nur in Polt’scher Manier sagen. Was glauben sie denn, dass Tony Blair in den letzten zwei Jahren getan hat? Genau, er hat ein paar Leuten geholfen ihre Politikziele zu verfolgen. Zufälligerweise haben diese Leute nicht allzu viel mit der EU am Hut. Nein, sie haben eher eklatant etwas gegen sie, ihre EU-Phobie kann schon fast als manisch bezeichnet werden.
Sie wollen Beispiele? Na, dann gehen wir doch einfach mal die Veröffentlichungslisten mancher der amerikanischen Politologen durch, die als die Geistesväter der Außenpolitik der Bushadministration gelten (Schon allein die Titel der Veröffentlichungen sind teils zum Haare raufen):
Nehmen wir z. B. Joseph M. Grieco. Mr. Grieco ist Mitglied des “Projects for the New American Century, wie alle nachfolgend zitierten Autoren. Die letzten Jahre verbrachte Grieco damit, Aufsätze über die Europäische Union zu schreiben, die alle in der selben Schlussfolgerung enden: Der Erfolg der EU sei nicht auf freiwillige Kooperation der Mitgliedsstaaten zurückzuführen, sondern verdecke ein latentes Machtgefälle zwischen den Mitgliedsstaaten. Die EU verzerre zudem den internationalen Wettbewerb, vernachlässige Verteidigungsaspekte und sei deshalb eine Gefahr für die Internationale Sicherheit.
Ausgewählte Aufsätze:
"State Interests and International Rule Trajectories: A Neorealist Interpretation of the Maastricht Treaty and European Economic and Monetary Union," Security Studies 5 (Spring 1996): 176-222.
"Anarchy and the Limits of Cooperation: A Realist Critique of the Newest Liberal Institutionalism," International Organization 42 (Summer 1988): 485-508.
"The Maastricht Treaty, Economic and Monetary Union, and the Neorealist Research Programme," Review of International Studies 21 (January 1995): 21-40.
Stärker in die militärische Kerbe schlägt John Mearsheimer. Für ihn bedeutet die EU nichts anderes als ein Hindernis, das auf dem Weg zu amerikanischer Hegemonität, beseitigt werden muss. Ohne einen Hegemon gebe es keine Stabilität, Unruhe und Chaos seien die Folge. So zumindest sieht es Mearsheimer. Zusammen mit Richard Perle gilt Mearsheimer als der Vater der „umgekehrten“ Dominotheorie, die besagt, dass nach der Befriedung des Irak auch die anderen totalitären Regime des Nahen Osten zusammenbrechen werden. Vielleicht bekommen meine Ur-Urenkel ja einmal die Gelegenheit, diese These empirisch zu überprüfen.
Ausgewählte Aufsätze:
John J. Mearsheimer and Stephen Van Evera, "When Peace Means War," New Republic, December 18, 1995, pp. 16-21.
John J. Mearsheimer, "The False Promise of International Institutions," International Security, Vol. 19, No. 3 (Winter 1994/1995), pp. 5-49.
John J. Mearsheimer, "The Future of the American Pacifier," Foreign Affairs, Vol. 80, No. 5 (September/October, 2001), pp. 46-61.
John J. Mearsheimer, "Disorder Restored," in Graham Allison and Gregory Treverton, eds., Rethinking America’s Security: Beyond Cold War to New World Order (New York: Norton, 1992), pp. 213-237.
Kommen wir nun zu meinem ganz speziellen Freund Robert Kagan. Vor dem 11. September 2001 ein zweitklassiger Politologe und am rechten Rand angesiedelter Kolumnist der Washington Post, gilt er seit seinem Buch „Of Power and Weakness“ als der Mann, der das Rad neu erfunden hat. Selbst in Deutschland ist das Buch ständig vergriffen, damit haben sich nämlich die Politik-Erstsemester ausgerüstet. Im Gegensatz zu Mearsheimer hat Kagan bereits begriffen, dass ein militärischer Konflikt zwischen den USA und der EU extrem unwahrscheinlich ist, was ihn nicht davon abhält ein wenig mehr zu tun, als nur zu sticheln. Seine Taktik ist, die EU durch ganz viel Häme und Spott so sehr zu reizen, dass sie endlich ihren maroden Militärbestand aufstockt, militärisch unabhängig wird und endlich auch mal robuste Einsätze allein bewältigen kann. Das berühmte Rumfeld`sche Zitat vom „Alten“ und „Neuen“ Europa ist auf seinem Mist gewachsen.
In Ermangelung referenzwürdiger Literatur hier nur ein Buch:
Robert Kagan: "Macht und Ohnmacht" Amerika und Europa in der neuen Weltordnung Siedler Verlag, 127 Seiten
Lieber Herr Schulz, werden sie bei so viel Kritik gegenüber der EU nicht vielleicht doch ein wenig nachdenklich? Nein? Auch gut. Bei mir läuten jedenfalls die Alarmglocken, wenn Tony mal wieder eine „spontane“ Idee hat.




















