Nur Gedanken

March 19, 2004

Die geschundene Geilheit - Eine Passionsgeschichte

Filed under: Kirchliches - word2go @ 8:48 am

Joseph Kardinal Ratzinger und Mel Gibson im Kampf um die Wahrheit.


Anfangs überzeugte sie durch ihr Äußeres. Groß und mächtig erhob sich die Klosterbasilika über die Fluren eines kleinen niederbayrischen Marktfleckens. Ihre Zwiebeltürme konkurrierten mit dem Blau des Himmels um die Vorherrschaft der Lüfte. Und in der Mitte der heilige Michael beim Drachenstich. So hoch. So prächtig. So unverhältnismäßig überragend, strahlend, erdrückend und doch befreiend. Für einen kleinen sechsjährigen Jungen war das schon eine ganze Menge Kirche, die sich da über ihm manifestierte. Der Faszination des Gebäudes folgte die Faszination der Rituale und Düfte. Das Eintauchen der Finger in das geweihte Wasser, das Schnuppern an geweihtem Rauch. Das andächtig zögerliche Schlagen des ersten Kreuzes, mühevoll den Bewegungen der Umstehenden nachempfunden. Schließlich der Gesang des Chores, der hoch und klar zwischen den Rundbögen schwebte, bis er sich in die Tiefen des Kirchenschiffs hernieder ließ. Nur der, manchmal vorsichtig anklopfende, doch meist aus allen Registern losbrüllende Klang der Orgel vermochte ihn zu übertönen.

Auch wenn der kleine Junge die Bedeutung der gesungenen Worte nicht verstand, so wusste er doch, dass er einer dieser singenden Engel werden wollte. Zumindest stellte er sich diese Stimmen als Engel vor, die unsichtbar, verdeckt von der Brüstung der Empore, für die Schatten im gleißenden Sonnenlicht sorgten, das durch die bunten Glasfenster hereinbrach. Kurzum, damals hatte er sie kennen gelernt, die Schönheit der Kirche, die Pracht mit der der Dienst an Gott zelebriert wurde. Nur von der Religion hatte er noch wenig Ahnung. Das Christkind war in seiner Vorstellung damals noch weiblich und er hatte es sogar schon persönlich getroffen. In Nürnberg, neben dem Bratwurststand.

Vier Jahre später, nachdem er als Ministrant Handtücher gehalten, Wein eingegossen, Klingelbeutel gefüllt, das Geheimnis der singenden Engel gelüftet hatte und Jesus in seiner Vorstellung bereits ein Märtyrer, ans Kreuz genagelt und mit blutigen Dornen gekrönt war, stand der kleine Junge vor der nächsten Entdeckung in Sachen Religion. Und wieder war es die Äußere Hülle, die sein Verhältnis zu Gott bestimmen sollte. Doch diesmal spürte der Junge nicht die Wärme der heimischen Basilika, diesmal war Gott kalt und dunkel, monströs und gefährlich. In seiner damaligen Naivität nahm der Junge an, die Goten hätten grundsätzlich mit schwarzen Steinen gebaut. Erst später sollte er erfahren, dass der Dom die schwarze Farbe erst durch die Abgase des Regensburger Verkehrs angenommen hatte. Auf den Jungen wirkte der gotische Dom jedenfalls wie der Vorhof zur Hölle, in dessen dunklen Winkeln Dämonen hockten, die nur darauf warteten die armen Seelen in den feurigen Schlund hinunter zu ziehen, sollten diese eine einzigen Fehltritt tun. Die unterschiedlichen Philosophien der Kunstepochen kannte er damals noch nicht, doch das Gesicht der Kirche hatte unwiderruflich ein weiteres, diesmal düstereres Profil bekommen.

Doch selbst hier brachte die Musik Schönheit zwischen die hohen, grauen Säulen und der Junge war stolz, dass er mitsingen durfte im Chor der Engel, erst zur Sonntagsmesse im Dom, als dieser zur Langzeitbaustelle umfunktioniert wurde in der daneben gelegenen Stiftskirche, dann auf Konzertreisen. Requien, Messen und manchmal auch Weltliches wurden unter den strengen Ohren des Domkapellmeisters eingeübt, Latein und Musik an Pulten und Tafeln gepaukt. Während sich der kleine Junge immer wieder die Tonfolge des Agnus Dei ins Gedächtnis rief, um keine Fehler zu machen, geriet das Hochamt ins Hintertreffen und die Religion in Vergessenheit. Nur manchmal, wenn der Bruder des Domkapellmeisters über die Fluren des Internats schwebte, bleichhäutig, knochig, im Geiste der Welt entrückt, erinnerten sich die Eleven an Bedeutung und Stellung der Kirche für die Institution deren Stimme sie waren. „Der Kardinal ist wieder da“, raunte es dann über die Gänge und durch die Zimmer. „Schmidchen Schleicher“ wurde er von den Schülern genannt. Zweifellos beeindruckend mit schwarzem Talar und rotem Hüftband wirkte seine Art, die Schüler an seine wächsernen Hände zu nehmen und mit ihnen glückselig über die Gänge zu spazieren, dennoch auf seltsame Weise befremdlich, ja beunruhigend. Die Schönheit der unbefangenen Jugend war in den Momenten seiner Besuche stets einer beklemmenden Spannung gewichen.

Heute, zwanzig Jahre später, hat der Präfekt der katholischen Glaubenskongregation ein Buch über Schönheit geschrieben. Und zwar über die Schönheit im Antlitz des gekreuzigten Christi und damit über die Wahrheit des Schönen. Als hätte sich der Großinquisitor der römisch katholischen Kirche mit dem Leidens- und Folterfetischisten der Zelluloidgläubigen abgesprochen, zeigt uns Mel Gibson nun die Wahrheit über den letzten Weg Christi. Blutig, hart, ungeschönt, ehrlich. Kreuzigen tut weh, Leiden tut weh, für die Menschheit sterben tut weh. Das ist die Botschaft, welche die Passion Christi von der Leinwand schreit. Und die Ästhetik? Was ist schön an diesem Film? Ratzinger hat auf diese Frage eine Antwort. Es sei „die wahre, die letzte Schönheit“, die „in dem so entstellten Gesicht“ zum Ausdruck kommt. „Die Schönheit der Liebe, die bis zum Letzten geht und sich eben darin stärker erweist als die Lüge und die Gewalt“.

Die Ästhetik des Schmerzes scheint der römisch katholischen Kirche für ewig auf den Leib gebrannt. Hatte nicht schon der Kirchenvater Augustinus die Peitsche als Universalhilfsmittel gegen fleischliche Gelüste fetischisiert? Waren es nicht Ratzingers Vorgänger, die Hexen und Ketzer verbrannten, vierteilten, pfählten, an Gülle ersaufen ließen? Und das alles im Namen religiöser Ästhetik. Was denkt der Henker von seinem Opfer? Fühlt er, wie wunderbar sauber die Klinge durch das Fleisch schneidet, das verzerrte Gesicht in einem letzten Ausdruck ungläubigen Erstaunens eine unwiderstehliche Fröhlichkeit zeigt, die als Freude auf Gott interpretiert werden kann?

Es ist wohl eher die Lust am Abnormen, die Geilheit für Gewalt, die Sehnsucht nach dem Leben nach dem Tod, die Glaubensfanatiker zu weltlichen Gräueltaten verleiten und ihnen auch noch Gefallen daran schenken. Geschunden, verbrannt, eingesperrt, der Sexualität versagt, die Lust auf andere Dinge gelenkt, bösartig im Guten, schlecht im Ungewissen und verlogen im Wahren.

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