Nur Gedanken

March 31, 2004

Betrunken dekorieren

Filed under: Satirisches - word2go @ 9:05 am
Nein, mit der in alkoholexzessiven Kaffeebeißerkreisen bekannten Website Betrunkene dekorieren hat der folgende Artikel nichts zu tun. Er befasst sich eher - wie war es auch anders zu erwarten - mit der vom y-Chromosom geschlagenen Hälfte des menschlichen Geschlechterspektrums. Der Mann, der Hammer, das Bier: ein Triumpostulat des Heimwerkertums; ohne das eine kann das andere nicht existieren und umgekehrt. Der Grundstein des Lebens dreht sich im Kreise, um die eigene Achse, wer Nägel mit Köpfen machen will, braucht Zielwasser.

Reichlich absurd? Nein, nur logisch. Denn ein Mann fängt nicht an zu arbeiten, bevor er keinen Anreiz dazu bekommt. Und der heißt Bier. Und reichlich Pausen, die dann natürlich zum Bier trinken genutzt werden. Für grobmotorische Tätigkeiten mag das noch reichen, für’s Augenmaß ist ja sowieso die Frau zuständig. Kein Wunder also, dass Männer weder Geschmack noch Stil bei der Wohnungseinrichtung beweisen. Also Mädels, nur damit ihr das einmal wisst: würdet ihr uns mal eine Woche lang das Bier entziehen und das Feinripp verstecken, würden sogar wir merken, dass die alte durchgesessene Polstercouch vor dem Fußballguckmodul nicht mehr ganz der Höhe der Zeit entspricht.

Und dabei wären wir so leicht zu begeistern. Nehmen wir nur einmal die richtige Grundposition des Bettes. Feng Shui zufolge öffnet ein großer Spiegel über den, nach Osten ausgerichteten, Liebesmatratzen das Zimmer und somit den Energiefluss des Lebens. Ha, für das Anbringen dieser kleinen Spielerei verzichten wir sogar auf den obligatorischen Gerstensaft vor den ersten Bohrversuchen. Im Gegenteil, der Blick in den Spiegel erweckt in uns den Sinn nach Wein, Baguette, Käse und typisch französischer Lebensfreude.

Doch vor das frühjährliche Zimmer neu Arrangieren hat der liebe Gott das Möbelhaus gestellt. Wie um Himmels willen, soll frau den betrunkenen Gatten zu Ikea bekommen? Zum Einen hilft natürlich der Lockruf von, mit tonnenweise Zwiebeln beladenen, Hotdogbrötchen, die dort zusammen mit einem "free refill" an Softdrinks eingenommen werden dürfen. Hilft gar nichts mehr, kann frau ihren Göttergatten neuerdings auch im Männergarten abladen. Prototypen sind bereits in Hamburg, Köln, Berlin und Mannheim im Test und scheinen die Nerven der "Besitzerinnen" in der Tat so sehr zu schonen, dass manche Männer noch immer auf ihre Abholung warten müssen. Was den meisten männlichen Exemplaren ob des heimeligen Ambientes bis jetzt allerdings noch nicht aufgefallen ist.

Sind die wichtigsten Neuerungen dann vor Ort und Stelle, sprich die Wohnung, gebracht, geht der Ärger erst richtig los. Welche Farbe für das jugendlich frische und nach florentinischen Olivenhainen duftende Bewegungszimmer? Während sie wahrscheinlich die Geschmacksgleichheiten der neuesten Trends hinter sich hat und auf dezentes mintgrün vor zitronenfarbenen Stuckrändern steht, wagt er den Frontalvorstoß in ungewohnte Gefilde. Den ganzen Raum erdrückendes, südländisches Karminrot, am Besten noch mit Schwammtechnik aufgetragen. Oder doch lieber freigelegtes Mauerwerk hinter Efeuranken? Um sich ein Bild davon zu machen, wer von den beiden Streithähnen denn nun den besseren Einrichtungsgeschmack hat, werden dann stapelweise Bücher über Innenarchitektur gewälzt, nach deren Genuss sich dann sowieso die Frau durchsetzt.

Die beste Strategie gegen Stressvermeidung? Gebt dem Mann ein Bier, einen Hammer und einen Schlagbohrer in die Hand und lasst ihn um Gottes Willen den Spiegel über dem Bett befestigen. Außerdem müsst ihr ganz oft ins Schlafzimmer laufen, Bier mitbringen, sowie mit Lob nicht geizen. Denn auf keinen Fall darf er auf die Idee kommen, im Wohnzimmer nachzusehen und dumme Vorschläge zu machen. Dann wäre alle Mühe umsonst und der Spiegel hinge trotzdem.

Ein Sprung ins Gesicht

Filed under: Satirisches - word2go @ 9:00 am

Ein wahrlich frappierender Unterschied. Nein, eigentlich…?! Ein galoppierender sogar! Man vergleiche nur die Augenringe links mit den Tränensäcken rechts. „O Angela, so wunderbar!“

Oder die entzückenden Mundfältchen, gepaart mit einem kräftigen Schuss Schlafzimmerblick. In gar keiner Relation zu den wabbeligen Lefzen, mit der sie uns auf dem rechten Bild entgegenheult. „Ja, Baby, ich spür’ es. Du bist heiß. Komm lass uns in die Kissen springen!“

Klar und eindeutig versteht jeder Mann die leise Geste, die Miss Merkel mit den Fingern andeutet. „Wenn ich mit Dir fertig bin, bist Du sooo klein! Mit Hut!“ *Lechz* Der seidige Glanz auf ihren Haaren tut dabei sein übriges.

Wo denn der Unterschied zwischen den beiden Bildern ist? Na, das erste wurde kurz vor ihrem Eisprung aufgenommen worden, das zweite kurz danach. Und kanadische Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass Frauen kurz vor dem Eisprung hübscher sind, als normal. Das sieht man doch, oder?

Der Angela steht das „Fick Mich“ doch ins Gesicht geschrieben. Oder, wie wissenschaft.de so schön titelt, der Eisprung. Ich wusste es doch. Geradezu mit dem Springerstiefel in filigranster Weise in die Fresse malträtiert, möchte ich sagen. Womit ich geschickt wieder den Bogen zur Ästhetik der Gewalt geschlagen hätte. Ist der Blick in Angelas Knittervisage visuell nicht so gewaltig, dass er schon wieder Freude zu vermitteln vermag?

Eine Freude, die er zumindest der ebenfalls bis zum Platzen mit Östrogen angereicherten Konkurrenz schenkt, die, derselben Studie zufolge, kurz vor dem Eisprung andere Weibchen schlichtweg grottenhässlich findet. Wo man sich dann doch fragen muss, ob es noch eine Steigerung zu grottenmerklig gibt. Vielleicht zum Kotzen küblböckig? Oder total verstoibert? So hässlich, das schlägt dem Moos den Hammer aus? Daisy vom Hammer erschlagen, blutlacheneklig?

Wer weiß, welche Abgründe der gegenseitigen, weiblichen Geringschätzung sich im Kampf um das „gute“ Sperma auftun. Immerhin steht einer Unzahl brunftiger Weibchen nur eine kleine Hand voll paarungswürdiger Männchen gegenüber. Der Rest, liebe Herren, fällt unter die Sparte genetischer Sondermüll, Zufallstreffer, oder, wie Michael Mittermeier sagen würde, Arschlochkinder. Ohne den darwinistischen Unterton der kanadischen Verhaltensforscher beizubehalten: was ist eigentlich mit den Weibchen, die nicht ganz so wählerisch sind? Die, z.B. einen Bohlen ranlassen und dann auch noch im BB-Container so ziemlich jeden Müll schlucken, der ihnen vor den Gaumen kommt.

Alles Schlampen außer Mutti? Fragen über Fragen, auf die noch kein findiger RTL-Stratege eine Antwort, bzw. ein Format gefunden hat. Dann aber mal ran an die Buletten! Sonst beweist uns Bohlens kleines Big Brother Luder Jeannine noch, dass häufiges Kopulieren zum Aussterben der Menschheit beiträgt. Als erster kleiner Lichtblick in der Aktion "Rettet die Menschheit", zeigt sich heute die pubertierende Bro’sis-Nase Faiz, der sich in einem Anflug von Aufopferung durch ein halbes Bundesland poppte. Was ein Hengst!?

March 21, 2004

Willenlos

Filed under: Schriftwerk - word2go @ 8:56 am

Kraft? Einschlag.
Wort? Eintrag.
Kinohöhle? Kuschelnd knutschen.
Bücher? Testen.

Leben? Überholspur.
Genuss? Pur gerüttelt.
Sterben? Zu jung.
Altern? Zu dumm.

Fesseln!
Knebeln!
Verschnüren!
Packen!

Befreien!
Ratten vorm
Verrotten
Retten!

Seiender Kreislauf,
Liebe mit Schluckauf
Dreh mich im Kreis

Laterne!

Der Stein

Filed under: Schriftwerk - word2go @ 8:53 am

Einen Stein,
so rund und fein,
den schmeiß’ ich dir
ins Fenster rein.

Das Glas, es splittert,
der Stein der lacht
und denkt sich,
hast Du gut gemacht.

March 19, 2004

Die geschundene Geilheit - Eine Passionsgeschichte

Filed under: Kirchliches - word2go @ 8:48 am

Joseph Kardinal Ratzinger und Mel Gibson im Kampf um die Wahrheit.


Anfangs überzeugte sie durch ihr Äußeres. Groß und mächtig erhob sich die Klosterbasilika über die Fluren eines kleinen niederbayrischen Marktfleckens. Ihre Zwiebeltürme konkurrierten mit dem Blau des Himmels um die Vorherrschaft der Lüfte. Und in der Mitte der heilige Michael beim Drachenstich. So hoch. So prächtig. So unverhältnismäßig überragend, strahlend, erdrückend und doch befreiend. Für einen kleinen sechsjährigen Jungen war das schon eine ganze Menge Kirche, die sich da über ihm manifestierte. Der Faszination des Gebäudes folgte die Faszination der Rituale und Düfte. Das Eintauchen der Finger in das geweihte Wasser, das Schnuppern an geweihtem Rauch. Das andächtig zögerliche Schlagen des ersten Kreuzes, mühevoll den Bewegungen der Umstehenden nachempfunden. Schließlich der Gesang des Chores, der hoch und klar zwischen den Rundbögen schwebte, bis er sich in die Tiefen des Kirchenschiffs hernieder ließ. Nur der, manchmal vorsichtig anklopfende, doch meist aus allen Registern losbrüllende Klang der Orgel vermochte ihn zu übertönen.

Auch wenn der kleine Junge die Bedeutung der gesungenen Worte nicht verstand, so wusste er doch, dass er einer dieser singenden Engel werden wollte. Zumindest stellte er sich diese Stimmen als Engel vor, die unsichtbar, verdeckt von der Brüstung der Empore, für die Schatten im gleißenden Sonnenlicht sorgten, das durch die bunten Glasfenster hereinbrach. Kurzum, damals hatte er sie kennen gelernt, die Schönheit der Kirche, die Pracht mit der der Dienst an Gott zelebriert wurde. Nur von der Religion hatte er noch wenig Ahnung. Das Christkind war in seiner Vorstellung damals noch weiblich und er hatte es sogar schon persönlich getroffen. In Nürnberg, neben dem Bratwurststand.

Vier Jahre später, nachdem er als Ministrant Handtücher gehalten, Wein eingegossen, Klingelbeutel gefüllt, das Geheimnis der singenden Engel gelüftet hatte und Jesus in seiner Vorstellung bereits ein Märtyrer, ans Kreuz genagelt und mit blutigen Dornen gekrönt war, stand der kleine Junge vor der nächsten Entdeckung in Sachen Religion. Und wieder war es die Äußere Hülle, die sein Verhältnis zu Gott bestimmen sollte. Doch diesmal spürte der Junge nicht die Wärme der heimischen Basilika, diesmal war Gott kalt und dunkel, monströs und gefährlich. In seiner damaligen Naivität nahm der Junge an, die Goten hätten grundsätzlich mit schwarzen Steinen gebaut. Erst später sollte er erfahren, dass der Dom die schwarze Farbe erst durch die Abgase des Regensburger Verkehrs angenommen hatte. Auf den Jungen wirkte der gotische Dom jedenfalls wie der Vorhof zur Hölle, in dessen dunklen Winkeln Dämonen hockten, die nur darauf warteten die armen Seelen in den feurigen Schlund hinunter zu ziehen, sollten diese eine einzigen Fehltritt tun. Die unterschiedlichen Philosophien der Kunstepochen kannte er damals noch nicht, doch das Gesicht der Kirche hatte unwiderruflich ein weiteres, diesmal düstereres Profil bekommen.

Doch selbst hier brachte die Musik Schönheit zwischen die hohen, grauen Säulen und der Junge war stolz, dass er mitsingen durfte im Chor der Engel, erst zur Sonntagsmesse im Dom, als dieser zur Langzeitbaustelle umfunktioniert wurde in der daneben gelegenen Stiftskirche, dann auf Konzertreisen. Requien, Messen und manchmal auch Weltliches wurden unter den strengen Ohren des Domkapellmeisters eingeübt, Latein und Musik an Pulten und Tafeln gepaukt. Während sich der kleine Junge immer wieder die Tonfolge des Agnus Dei ins Gedächtnis rief, um keine Fehler zu machen, geriet das Hochamt ins Hintertreffen und die Religion in Vergessenheit. Nur manchmal, wenn der Bruder des Domkapellmeisters über die Fluren des Internats schwebte, bleichhäutig, knochig, im Geiste der Welt entrückt, erinnerten sich die Eleven an Bedeutung und Stellung der Kirche für die Institution deren Stimme sie waren. „Der Kardinal ist wieder da“, raunte es dann über die Gänge und durch die Zimmer. „Schmidchen Schleicher“ wurde er von den Schülern genannt. Zweifellos beeindruckend mit schwarzem Talar und rotem Hüftband wirkte seine Art, die Schüler an seine wächsernen Hände zu nehmen und mit ihnen glückselig über die Gänge zu spazieren, dennoch auf seltsame Weise befremdlich, ja beunruhigend. Die Schönheit der unbefangenen Jugend war in den Momenten seiner Besuche stets einer beklemmenden Spannung gewichen.

Heute, zwanzig Jahre später, hat der Präfekt der katholischen Glaubenskongregation ein Buch über Schönheit geschrieben. Und zwar über die Schönheit im Antlitz des gekreuzigten Christi und damit über die Wahrheit des Schönen. Als hätte sich der Großinquisitor der römisch katholischen Kirche mit dem Leidens- und Folterfetischisten der Zelluloidgläubigen abgesprochen, zeigt uns Mel Gibson nun die Wahrheit über den letzten Weg Christi. Blutig, hart, ungeschönt, ehrlich. Kreuzigen tut weh, Leiden tut weh, für die Menschheit sterben tut weh. Das ist die Botschaft, welche die Passion Christi von der Leinwand schreit. Und die Ästhetik? Was ist schön an diesem Film? Ratzinger hat auf diese Frage eine Antwort. Es sei „die wahre, die letzte Schönheit“, die „in dem so entstellten Gesicht“ zum Ausdruck kommt. „Die Schönheit der Liebe, die bis zum Letzten geht und sich eben darin stärker erweist als die Lüge und die Gewalt“.

Die Ästhetik des Schmerzes scheint der römisch katholischen Kirche für ewig auf den Leib gebrannt. Hatte nicht schon der Kirchenvater Augustinus die Peitsche als Universalhilfsmittel gegen fleischliche Gelüste fetischisiert? Waren es nicht Ratzingers Vorgänger, die Hexen und Ketzer verbrannten, vierteilten, pfählten, an Gülle ersaufen ließen? Und das alles im Namen religiöser Ästhetik. Was denkt der Henker von seinem Opfer? Fühlt er, wie wunderbar sauber die Klinge durch das Fleisch schneidet, das verzerrte Gesicht in einem letzten Ausdruck ungläubigen Erstaunens eine unwiderstehliche Fröhlichkeit zeigt, die als Freude auf Gott interpretiert werden kann?

Es ist wohl eher die Lust am Abnormen, die Geilheit für Gewalt, die Sehnsucht nach dem Leben nach dem Tod, die Glaubensfanatiker zu weltlichen Gräueltaten verleiten und ihnen auch noch Gefallen daran schenken. Geschunden, verbrannt, eingesperrt, der Sexualität versagt, die Lust auf andere Dinge gelenkt, bösartig im Guten, schlecht im Ungewissen und verlogen im Wahren.

March 17, 2004

Darum bombe, wer sich berufen fühlt

Filed under: Politisches - word2go @ 8:46 am


Es waren die stummen Zeugen, die in Madrid eine deutliche Botschaft überbrachten. Apathie, Verzweiflung und Blut. Geplatzte Trommelfelle und Sprachlosigkeit. Augen, die ihr eigenes Entsetzen wie im Spiegel gesehen hatten. Und Münder, die es nicht auszusprechen wagten. Dumpfheit, Leere, Niedergeschlagenheit.

Ebenso leise, wie sie den Zorn des islamistischen Terrors erduldeten, trugen die Spanier nun einen Traum zu Grabe. Es war nicht ihr Traum. Gott bewahre! Es war ein Traum, der zu träumen vielleicht nicht wert gewesen war. Doch welche Wahl war ihnen schon gegeben?

Der Traum, dem Terror mit Härte begegnen zu können… zerplatzt wie eine Seifenblase. Gescheitert daran, dass eine funktionierende Zivilgesellschaft in einer funktionierenden Demokratie Gewalt nicht ertragen kann. „Demokratischer Friede“ nennen das die Liberalismusforscher; Neokantianer, die diese Theorie auf Kant’s Gedanken zum „ewigen Frieden“ stützen. Doch wie klein werden die Worte Zivilgesellschaft und Demokratie gegenüber der hyperpotenten Bedeutung des Funktionierens? Was hilft uns die hohle Schale der Demokratie, wenn wir bei unseren Regenten nicht gehört werden? Oder anders gesagt: was hilft uns die Demokratie, wenn sie nur alle vier Jahre funktioniert? Ist das überhaupt noch Demokratie? Und wo ist die Zivilgesellschaft, wenn sie sich nicht durchsetzen kann? Wenn sie, wie im Falle von Spanien und Großbritannien, nicht verhindern kann, dass sich die Regierenden über den Willen des Volkes hinwegsetzen und in einen sinnlosen Krieg ziehen?

Islamistische Fanatiker haben das spanische Volk für die Haltung seiner Regierung bestraft. Und dieses hat die Strafe direkt an seine Machthaber weitergegeben. Das sollte eigentlich nur gerecht sein. Doch fern von satter, zufriedener Genugtuung bleibt lediglich eine fette klebrige Agonie der Benommenheit, das beschleichende Gefühl der Erkenntnis einer noch viel schlimmeren Wahrheit. Die Amerikaner haben diese Wahrheit sofort erkannt. Im selbsternannten Mutterland der Terrorbekämpfung herrscht der blanke Schrecken ob der Ergebnisse der spanischen Parlamentswahlen. Wird die Politik nun doch erpressbar? Wird der Erfolg des Terrors nun auch politisch messbar? Was bleibt vom Gewaltmonopol des Staates, wenn sich seine Bürger dem Diktat des Terrors beugen? Kann man, angesichts der heute universalen Entgrenzung von Wirtschaft, Politik, Macht und Gewalt, überhaupt noch vom Staatsbürger reden?

„Politische Stellung und politischen Einfluss habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt.“ Diese berühmten Worte aus dem 1899 verfassten Testament des deutschen Historikers Theodor Mommsen veranschaulichen nur allzu sehr die Misere, der sich der spanische Wähler ausgesetzt sehen musste. Gefangen im Wunschdenken. Der spanische Bürger wünschte ein Bürger zu sein. Das Richtige zu tun. Doch was war das Richtige? Dem Wunsch nach Sicherheit nachzugeben? Nach Frieden? Dass man im Wahlergebnis nicht die Wut gegen Aznars Politik gespürt hat, hinterlässt zusätzlich einen bitteren Beigeschmack. Resignation und Rückzug schienen diese Wahl geleitet zu haben, nicht Aufbruch und Hoffnung.

Die Islamisten haben einen Sieg errungen, der weitgreifender und schrecklicher ist, als jeder vorhergehende. Nach nunmehr zweieinhalb Jahren seit dem 11. September 2001 haben sie es zum ersten Mal geschafft ein Land, ein Volk in die Knie zu zwingen und ihm ihren politischen Willen aufzuzwingen. Bei aller Freude über die „Rückkehr“ Spaniens zu den Werten der Aufklärung sollte im „alten“ Europa deshalb keine Euphorie aufkommen. Europa wird diesen Erfolg der Islamisten nur dann in einen Phyrrussieg umwandeln können, wenn das Votum der Spanier in seiner ganzen Bedeutung erkannt und ernst genommen wird. Das spanische Wahlergebnis war ein Bekenntnis für den Frieden. Europa wird nun ein Bekenntnis seiner eigenen Identität ablegen müssen. Seiner in den letzten fünfzig Jahren gewonnenen Identität. Einer Identität, die nicht lediglich eine des Friedens ist und erst recht nicht nur auf einer gemeinsamen Verfassung beruht.

Europa ist keine Selbstverständlichkeit. Europa ist ein Wunsch. Der politische Wille Grenzen zu überbrücken, Frieden zu schaffen und schließlich eine Einheit zu bilden, das war bisher die Identität des europäischen Gedankens und sollte es nach all dem legalistischen Gerangel der jüngeren Vergangenheit auch wieder sein. Denn es gehört sehr viel Mut dazu, diesen politischen Willen gegen alle Widrigkeiten durchzusetzen. Viel mehr Mut, als sich gegen jede Bedrohung abzuschotten. Diesen Mut hat der spanische Wähler bewiesen. Mut, der trügerischen Sicherheit der Gewalt zu widersprechen. Mut, das Risiko des richtigen Wegs einzugehen. Darum bombe, wer sich berufen fühlt. Wer den Frieden vor Augen hat lässt sich nicht einschüchtern.

March 3, 2004

Guidos Appartement

Filed under: Satirisches - word2go @ 8:43 am



Traditionell, bayrisch religiöser Einakter, in den Hauptrollen Guido Westerwelle, Angie Merkel und Edmund, Ayatollah Stoiber

1. Szene (an der Tür)

G.W.: Hallöchen, meine Süßen. Schön Euch zu sehen. Bussi, bussi, kommt rein.

E.A.S.: Halt’s Maul Schwuchtel!

G.W.: Brauchst fei ned glei ausfallend werdn, gell?!

A.M.: Also werte Kollegen! Vertragen Sie sich doch bitte.

E.A.S.: Jetz hab dich mal ned so! Nimm lieber die komische Mütze ab, ho, ho…

G.W.: hi, hi, hi…

A.M.: Welche Mütze?

E.A.S.: ho, ho, grunz, ho…

G.W.: hi, hi…

A.M.: Was lachen Sie denn? Ich hab doch gar keine Mütze auf. Irgendwie fühle ich mich nicht ernst genommen.

G.W.: hi, hi, kenn ich, hi, hi…

E.A.S.: Idioten!

G.W.: Wenn ihr mir bitte folgen würdet. (wackelt voran ins Wohnzimmer)

E.A.S.: Was für a Fahrg’stell. Des dad ma bei da Karin ah taugn.

G.W.: Das hab’ ich g’hört!

A.M.: (an Stoiber) Was hat er gehört?

2. Szene (um den roséfarben, mit Proseccoflaschen bestückten Glascouchtisch stehen drei himmelblaue wuschige Kuschelsofas)

E.A.S.: Do setz ich mi ned nei! Kriegt ma ja Augnkrebs von!

G.W.: Kannst Dich ja auch auf’n Boden setzen wenns’d willst.

A.M.: Bekomme ich was von dem Schaumwein?

E.A.S.: Ich werde jetzt noch kein „Glas“ Sekt öffnen.

G.W.: Des is a Prosecco es Banausen!

E.A.S.: Des is mir vollkommen wurscht. Hast du koa Augustiner?

G.W.: Doch, im Kühlschrank, des muast da aba selber holen.

E.A.S.: Scheiß Service!

A.M.: Wie in Deutschland, hi, hi…

E.A.S.: Idioten!

3. Szene (Küche, Stoiber kniet vor dem Kühlschrank)

E.A.S.: Gruzefix, i kann des scheiss Bier ned finden.

G.W.: Im Gemüsefach, ganz unten.

E.A.S.: Warum hast des denn da runter gestellt?

G.W.: Damit da Schäuble auch hinlangen kann wenn er mal da is.

E.A.S.: Du Depp. Du wohnst im 5. Stock und hast ned a mal an Aufzug.

G.W.: Echt? Der Vermieter hat g’sagt die Wohnung is behindertengerecht. Ich hab sogar a extrabreites Klo.

A.M.: Sie wohnen zur Miete?

G.W.: Ja klar, was anderes kann ich mir doch ned leisten. Ich hab immerhin 31 Semester studiert und jetz muß ich des BAFöG zurückzahlen.

E.A.S.: Was hast Du noch mal studiert?

G.W.: Soziologie.

E.A.S.: Idioten!

4. Szene (Gruppe, um den Tisch sitzend)

G.W.: Ich mag ned dass der Schäuble Bundespräsi wird. Zu dem kann doch gar keiner aufschauen.

E.A.S.: Aber er ward a prima Vor“sitzender“, he, he…

G.W.: hi, hi…

A.M.: Sie sind ja soooooo gemein. Lassen Sie uns doch mal ernsthaft diskutieren. Mir gefällt der Herr Kirchhoff.

G.W.: Naa, ned scho wieder an Juristen. Samma doch erst den Herzog losgeworden.

E.A.S.: Hast Du was gegen Juristen oder was? Soziologenkasperl, Du.

A.M.: Nein, ich habe gemeint ‚mir „gefällt“ der Herr Kirchhoff.

E.A.S.: Na, des kann i jetz ned glauben. Und ich hab g’meint du bist scho total vertrocknet.

A.M.: Aber wenn ich Schaumwein trinke fühle ich mich immer immer ganz feucht untenrum.

G.W.: Des is a Prosecco, zefix!

E.A.S.: (rümpft die Nase) Angie, Du bist ned feucht, Du bist inkontinent. Bäh stinkt des, des halt’st ja ned aus.

A.M.: Was ist inkontinent?

G.W.: Des kenn ich. Des is wenn’s beim Pupsen ned knattert.

E.A.S.: Nein das heißt Flatulenz. Hör bloß auf, ich sag’s dir. Wir brechen sofort ab, wenns’d an Scheiß baust.

G.W.: Ich weiß ned, aber ich glaub die Angie muß kotzen. Die is käsweiss.

E.A.S.: Dann schick’s raus zu die Journalisten, die wollen eh wissen, wie’s ausganga is.

G.W.: Des versteh ich jetz ned.

E.A.S.: Idioten!

March 2, 2004

Stereo(s)ty(m)pe(reie)n

Filed under: Panorama - word2go @ 8:34 am
Gelegentlich verfallen dumme Menschen in Stereotypen. Und ab und zu auch kluge Typen in dumpfbackige Menschlichkeiten. Auch, wenn Diese, sollten sie bei entsprechendem Populismus ertappt werden, natürlich behaupten das absichtlich zu machen, um den nicht ganz so Gescheiten zu zeigen, wie blöde es ist, bestimmten Personenkreisen ex ante individualistische Eigenschaften zuzuschreiben. Für den über jede Verallgemeinerung erhabenen Beobachter besonders lustige Konstellationen ergeben sich dann, wenn spitzfindige Dritte dererlei „Typen“ in den falschen Hals kriegen und sie des Stereotypismus beschuldigen, weil sie angeblich eine Personengruppe diskriminierten, deren Mitglieder ohne Intervention der Spitzfindigen möglicherweise gar nicht gewußt hätten, daß sie einer diskriminierenswerten Solchen angehörten.

Und da zum Diskriminieren, bzw. „Diskriminiert werden“ nicht immer Zwei gehören, ist es nur allzu verständlich, dass sich aus der Horde der gutmenschlichen Personengruppenverteidiger einige unter das Niveau der gebotenen Ernsthaftigkeit versteigen und zu regelrecht kontraproduktiven Positivdiskriminierern mutieren. So hatte es sich etwa eine Gruppe verantwortungsvoller, US-Amerikanischer Japanophiler zur Aufgabe gemacht, auf der eigens für diesen Zweck ins Leben gerufenen Website "Lost in Racism" gegen die Oscar-Nominierung der kultverdächtigen, endlich wieder ein Quentchen Intelligenz nach Hollywood tragenden, Coppola-Murray Melanchomödie „Lost in Translation“ zu mobilisieren. Gelungen ist ihnen dies nur teilweise, wie die mit Oscar um die Wette strahlende Sofia Coppola bewies. Allerdings obsiegte hier wohl auch die Liebe zum Hobbit über die Liebe zum Japaner. Soll heißen: hätte das Tokyo-Stereotyp nicht die starke Konkurrenz von Gandalf, Frodo und Legolas erfahren, das amerikanisch – japanische Verhältnis wäre nicht mehr zu kitten gewesen.

Auch wenn man kann sich natürlich fragen kann, was denn bitte an „Lost in Translation“ rassistisch sein soll, so ist das „Stereotyp an sich“ kaum zu leugen. Wedel kann man den äußelst halten japanischen Akzent übelhöhlen, noch die westliche Voreingenommenheit ob japanischer Sexual- bzw. Unterhaltungspraktiken übersehen. Ein wenig zu laut, ein wenig zu schrill, und der unvermeidliche Karaokeabend paart sich inbrünstig mit einem, die ersten Sonnenstrahlen erlebenden, Alkoholabsturz. Ein Film also, voller Stereotypen, der, eben weil er aus der Position zweier westlicher Sonderlinge erzählt wird, korrekterweise „Lost in Translation“ und nicht „Bridging Cultural Gaps Successfully“ getitelt war.

Während es deshalb schon fast paradox anmutet, einem Film über Stereotypen Stereotypismus vorzuwerfen, setzt ein Schweizer Plakateur der Stümperei nun die Krone auf, indem er mittels provokant gesatzter Pointen gegen gedankenloses Gelächter über antisemitische, bzw. rassistische Witze vorgehen will. Be“fremd“licherweise beleidigt das Kindergartenniveau seiner xenophilen Aufklärungsarbeit derart die Intelligenz selbst der „gedankenlosesten“ aller Zielgruppen, dass man als kosmopolitischer Geist auf die unsichtbaren Knie fallen möchte, um die abgebildeten „Fremden“ um Verzeihung zu bitten für so viel Aus- bzw. mitleidsvoll tolerante Eingrenzung.

Etwas gut gemeint zu haben, ist sicherlich anerkennenswert. Aber manchmal trifft „gut gemeint“ halt doch voll unter die Gürtellinie, selbst wenn Herz und Verstand anvisiert waren. Suggeriert nicht das Plakat, dass der Lümmel mittags zu Hause Bananen und Kokosnüsse verspeist, während der Text eindeutig auf den Phallusneid des weissen Mannes anspielt, der es nicht mal nach Einnahme von Viagra schaffen würde, seinen mit Schweinebraten und Weizenbier gefüllten Magen zum Sex zu überreden? Doch Gott sei Dank: sowohl der stramme, wie der schlaffe Lümmel können mit ihrem Eheweib nichts anderes anfangen als öde am Mittagstisch zu sitzen. Armer „ganz normaler“ Neger Du! Bist ja auch ein Mensch, ne? Man(n) sollte sich hier einmal einig sein: ein Übermaß an gering reflektierter, dogmatischer „political correctness“ tut einfach nur weh! Aua!

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