Nur Gedanken

February 15, 2004

And the winner is…

Filed under: Politisches - word2go @ 10:59 am



(Quelle: Time, Februar 2004)

Zugegeben, der Mann hat leichte Fältchen. Irgendwie verschaffen ihm diese eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Patriarchen Blake Carrington aus dem Denver Clan. Und somit jede Menge väterlicher Attraktivität. Doch der bereits leicht angegraute Senator aus Massachusetts hat noch mehr zu bieten. Er ist hochdekorierter Vietnamheld, hat mit der Tochter des Ketchupmonarchen Heinz einen dicken Fisch an Land gezogen und scheint momentan, ganz im Vorbeigehen, das amerikanische Präsidentenamt hinterhergeworfen zu bekommen.

Die Basis der demokratischen Partei(en) Amerikas ist/sind begeistert. Eine solch spontane Identifikation des Wahlvolkes mit einem demokratischen Kandidaten – der als reicher Patrizier eigentlich alles andere repräsentiert als das Bild, welches die Demokraten von sich haben wollen – gab es schon lange nicht mehr. Kerry hier, Kerry dort… Der Mann gewinnt zur Zeit einfach alles, was es an Vorwahlen (primaries) und regionalen Parteizusammenkünften (caucus) zu gewinnen gibt. Kein Mensch spricht mehr von Wesley Clark und Howard Dean, dem General und dem Friedensaktivisten, die das Rennen eigentlich unter sich hätten ausmachen sollen. Nein, die Vereinigten Staaten sind, selbst unter Bush, immer wieder für eine Überraschung gut. Und so sprang John Kerry in bester Copperfield’scher Manier aus der Kiste und war auf einmal da. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, im Expresslift zum Olymp. Und Zeus sah, dass er gut war und liebte ihn.

Kein Wunder also, dass Viele an der demokratischen Basis darauf drängen, den Gewinner bereits im Vorfeld zu küren.. Und nicht nur die wollen Kerry strahlen sehen. Es rauscht gewaltig im amerikanischen Blätterwald. Sie sollen endlich verschwinden, die Störenfriede, rasseln die Medien. Weg mit Dennis Kucinich, weg mit Al Sharpton, weg mit Joe Lieberman… die hätten doch alle keine Chance, seien entweder spirituell angehauchte Grünkost-Stalinisten oder aber einfach von der falschen Minderheit. Tja, Pech Al. Die New York Times ging sogar so weit, dass sie juristische Möglichkeiten erwog, Dennis Kucinich von einer - von der Times gesponserten - Fernsehdebatte auszuschließen. Dabei hat der weder ein Piepse-Stimmchen, noch heißt er Westerwelle und hat obendrein auch gar nicht nach Teilnahme verlangt.

Gegen den Strom rudert Joe Klein. In der neuen Ausgabe des Time-Magazin erinnert er daran, dass es noch einen anderen Kandidaten gibt, der ähnlich hochgespült wurde wie John Kerry. John Edwards, Selfmade-Millionär, jung und gutaussehend, erinnert nicht nur durch sein Äußeres unverschämt an Kennedy. Ihn umgibt eine fast magische Aura des Dynamischen, ein Optimismus, der dieser „Kultur der Angst“, die sich nach dem 11. September 2001 über Amerika gelegt hat, diametral entgegengesetzt ist. Natürlich liegt der sympathische Sunnyboy in den Ergebnissen weit hinter Kerry. Doch gemessen an den Erwartungen, mit denen Edwards ins Rennen gegangen ist – bei den ersten Vorwahlen war er noch mit Mr. 2 Prozent, Dennis Kucinich, Abmachungen über die Mitnahme von Delegiertenstimmen eingegangen – ist sein Abschneiden weitaus sensationeller als das Ergebnis Kerrys.

Klein fordert deshalb unverblümt: "Put the Two Johns in the Ring". Er sieht in Edwards die intellektuelle ‘Buchstütze’ des manchmal hölzern und trocken wirkenden Patriziers. Edwards solle mit Charme und Beredsamkeit den Themen Leben einhauchen, die Kerry ans Volk bringen will. Bildlich gesprochen, soll also die, bei öffentlichen Debatten zwischen den beiden Kandidaten entstehende Reibungshitze, der Motor des demokratischen Wahlkampfes werden. John Kerrys Wahlkampf!

Und genau hier liegt das Problem. Ohne es zu wissen, legt Joe Klein seinen Finger in die klaffende Wunde der amerikanischen Demokratie. Das System der Vorwahlen, die schon manchen Beobachter zu euphorischen Lobpreisungen ihres basisdemokratischen Charakters veranlasst haben, hat ein Demokratie- bzw. Pluralismusdefizit. Ein sich über Monate erstreckendes Rededuell zwischen Kerry und Edwards könnte die Parteispitze vor die Zerreißprobe stellen. Denn was die Parteistrategen befürchten, ja sogar wissen, ist, dass der kleine John den großen John hier vernichtend schlagen würde. Gestik, Mimik, Ausdruck, Lebensweg, Charisma, Ideale…was will man denn noch mehr? John Edwards ist ein Menschenfischer, der perfekte Präsident. Er könnte als der Mann, der Amerika am Anfang des 21. Jahrhundert führt, noch größer werden, als es Kennedy je war.

Zu dumm, dass die Vorwahlen so gut wie vorbei und Kerry so gut wie bestätigt ist. So kann es passieren, dass im Juli ein demokratischer Präsidentschaftskandidat gekürt wird, den die Wirklichkeit bereits längst entzaubert hat. Schlimmer noch, der ideale Kandidat stünde öffentlich Gewehr bei Fuß und käme nicht dazu, es auch einzusetzen. Aber was sollten die Demokraten denn auch anderes machen? Mit John Edwards einen Kandidaten nominieren, den die Basis zwar nicht gewählt hat, sich nach den Debatten dann aber gewünscht hat? Sollte man dieses Legitimitätsdefizit riskieren und sich über den, durch Wahlzettel beglaubigten, Willen der demokratischen Wähler hinwegsetzen, nur weil man sieht, dass Edwards eindeutig der bessere Kandidat wäre?

Die Demokraten sehen durchaus dieses paradoxe Verhältnis zwischen der Legalität der Vorwahlen und der Legitimität des Präsidentschaftskandidaten. John Edwards würde Bush wie ein Wirbelsturm aus dem Amt fegen. Mit Kerry wird es ein heißer Tanz, der mit jedem Zweifel an seiner Person nur noch heißer wird. Und da Kerry, ob der Struktur des amerikanischen Wahlsystems, der einzig legitime Kandidat sein kann - es sei den John Edwards gewinnt alle restlichen Vorwahlen mit mindestens 80% der Stimmen – haben die Demokraten scheinbar nur eine Wahl: die Diskussion um die Kandidaten zu beenden, Kerry vorzeitig als de facto Gewinner aussehen und v.a. keine Kritik an seiner Person aufkommen zu lassen. Das ist der Grund für die in Partei und Medien gezeigte Hektik.

Der Weg zur Präsidentschaft wird steinig. Und v.a. lang. Wahrscheinlich sogar zu lang. Denn dem, der weiß, wie Konservative und unter diesen ganz besonders die amerikanischen Republikaner, Wahlkampf führen, kann John Kerry bereits heute leid tun. Er wird diesen Wahlkampf nicht unbeschadet überleben. Das Getuschel über eine angebliche Affäre mit seiner Praktikantin – unglaublich einfallsreich vom Drudge-Report, der schon Clintons Fehltritte akribisch festhielt, in Szene gesetzt – ist hier nur ein Vorgeschmack auf Kommendes. Der Schlamm kann wahrscheinlich gar nicht tief genug sein, als dass es einem Republikaner nicht wert wäre, ihn ans Tageslicht zu befördern. Die Demokraten sollten demnach nicht hoffen, dass die Republikaner den, bis zur Nominierung entstehenden, ‚diskussionsfreien Raum’ ungefüllt lassen werden.

Dies ist der Reiz an einem möglichen Schaukampf zwischen Kerry und Edwards, und die Parteispitze der Demokraten sollte sich ganz genau überlegen, ob sie diese kleine Chance nicht doch nutzen will. Sie sollte das halbe Jahr bis zur Nominierung selbst füllen, bevor die Republikaner das für sie übernehmen. Und sie sollte die Delegierten am Finaltag selbst entscheiden lassen, welchem der beiden Kandidaten sie eher zutrauen gegen George W. Bush zu bestehen. Vielleicht haben die Delegierten den Mut, die möglicherweise voreilig vergebenen Stimmen an Kerry zu revidieren und dieses Zuviel an ‚formaler’ Demokratie durch ein ‚Mehr’ an Pluralismus zu ersetzen. Legal wäre es. Die Chancen sind klein aber sie sind da. Der Rummel um Kerry hat die totgesagte demokratische Partei zweifellos wiederbelebt. Es wäre jammerschade, würde ein zu starkes Festhalten an Kerry das bisher Erreichte wieder vernichten und es am Wahltag heißen: „and the winner is…George W. Bush!“

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