Nur Gedanken

February 11, 2004

- wag the tit -

Filed under: Panorama - word2go @ 8:04 am



Wetten, dass auch der selbst geoutete Hingucker Thomas Gottschalk hier einen tieferen Blick ins Dekolletee gewagt hätte? Justin Timberlake hatte auf jeden Fall seine wahre Freude an dieser…, ja was war es eigentlich? Beabsichtigte Showeinlage? PR-Gag? Winterlochfüller? Fest steht, dass über Janet Jackson eine Flut der allerschlimmsten Medienberichterstattung hereingebrochen ist. Sozusagen der Supergau des moralinsauren „Promi-Bashings“. Und dann auch noch bei der Superbowl. Dem amerikanischen Megaereignis noch vor Irakkrieg und Präsidentenwahl. Da hätte Oliver Kahn schon, in plötzlicher Flatz`scher Verehrung, beim Saisonfinale Rainer Calmund ins Kreuzeck nageln müssen, um ein ähnliches Medienecho zu erzielen.

Ausgerechnet Thomas Gottschalk brachte den Unterschied zwischen Kahn und Jackson in seiner ersten und wahrscheinlich auch einzigen Vorlesung an einer deutschen Universität auf den Punkt. An die Heinrich-Heine-Universität geladen, um aus Dieter Bohlens neuestem Literaturkleinod vorzulesen und damit seine Wettschuld einzulösen, konterte er auf die Störung eines Studenten, der unbedingt Gottschalks Popularität für den Kampf gegen Studiengebühren nutzen wollte, folgendermaßen (frei zitiert): „Junge, es tut mir echt leid, aber Du kannst noch so laut schreien. Wenn ich heute hier pupse, dann steht das morgen in 50 Zeitungen. Kein Mensch aber wird irgendwas über Deinen Protest gegen Studiengebühren schreiben. Das ist die Medienmaschinerie. So funktioniert das Business.“

Die Medienmaschinerie. Was meint Gottschalk damit? Eine Antwort darauf gibt der obige Screenshot der heutigen Google-News-USA. Interessant ist für uns – aus Gründen der Vergleichbarkeit - natürlich nur die Entertainment-Sparte. Es gibt gute Stories und schlechte Stories. Geschichten, die es wert sind, in über 500 Internetmagazinen zu erscheinen, und Geschichten, für die sich lediglich sieben Journalisten die Mühe machen, ein paar Zeilen in die Keyboardtastatur zu hämmern. Und Janets, von einer silbernen Sonne umkreisten (oder, heliozentrisch korrekt, eine silberne Sonne umkreisende), Brustwarze scheint die Aufregung allemal wert zu sein. Und das mittlerweile schon seit zwei Wochen.

Man kann natürlich jetzt behaupten, dass die Amis halt prüde seien, und der Rest der Welt sich darüber aufrege, dass die Amis so prüde, bzw. bigott sind. Aber das macht ja noch keine Medienmaschinerie. Die Frage ist doch, ob wir wirklich Janet Jacksons, ehrlich gesagt ziemlich schlaffe, Feuerwehrschläuche sehen wollen? Sind wir und die Amerikaner tatsächlich so entsetzt darüber, ein Stück Haut gesehen zu haben? Sind wir angewidert, weil Janet und Timberlake auf die – ach so schändliche - Idee gekommen sind, so zu tun, als ob es keine Absicht wäre? Mann, auch Britney Spears choreographiert ihre Bühnenauftritte! Oder glaubt hier irgendjemand ernsthaft, die Schnecken aus ihrer Crew tanzen alle zufällig simultan?

Also, die Wahrheit ist eigentlich ganz einfach. Psst, kommt mal ein bisschen näher an den Bildschirm. Noch näher!! Das ist nämlich ein Geheimnis. Also, die Wahrheit ist: die Medien glauben wir wären alle doof. Hm, die haben eine ganz schlechte Meinung über uns. Diese Bösen! Die sammeln ganz viele Statistiken, werten Einschaltquoten aus und glauben, wir wären alle ganz furchtbar berechenbar. Die glauben also, sie wüssten was wir wollen. Aber wenn die wüssten! Denn weil die glauben, sie wüssten was wir wollen, geben sie uns, was sie meinen, das wir wollen. Und dabei hat Schopenhauer schon gesagt, dass wir gar nicht wollen können, was wir wollen. Wir können nämlich nur tun was wir wollen. Und wenn nicht mal wir wissen, was wir wollen, wie sollen es dann die wissen?!

Die Antwort nach der Ursache der Medienmaschinerie liegt also nicht im „Wollen“, sondern im „Tun“. Dadurch, dass uns die Medien einfach das geben, was sie glauben, dass wir wollen, erschaffen sie den Idealtyp des Medienkonsumenten, der immer genau das will, was die Medien glauben, dass er will. Der selbsterfüllende Medienkonsument. Das funktioniert aber nur deshalb, weil sich auch die Medien idealtypisch verhalten. Es sind nämlich nicht wir, sondern die Medien, die aufgrund verbesserter Auswertungskriterien und fast perfektem Wettbewerb auf dem Markt der schnellen Informationsverbreitung, immer berechenbarer geworden sind.

Für die Medien ist es bequem ein gesichertes Menschenbild des Medienkonsumenten zu haben. Es erleichtert die Arbeit ungemein, weil die Frage wegfällt, welche Informationen an den Verbraucher weitergegeben werden sollen. Sie können sich voll und ganz auf die Geschwindigkeit der Informationssammlung konzentrieren. Und sie brauchen vor allem keine Angst mehr zu haben, dass ihnen die Leser oder Zuschauer abhanden kommen könnten. Das ist das Beste an der Sache. Denn bei den Anderen bekommt der Konsument nämlich nichts Anderes, sondern dasselbe. In Grün. Oder Blau. Oder Gelb. Nur nicht in Grau, das wäre dann doch zu trist. Grell und schnell, das wollen die Leute sehen. Bzw. glauben das die Medien.

Und dass unsere Medien mittlerweile so berechenbar sind, freut so manchen, der via Medien etwas erreichen will. Nur die Allerdümmsten sind heute noch in der Lage, sich von den Medien vernichten zu lassen, ohne am Ende doch wieder Profit davon zu schlagen.

An dieser Stelle. Liebe Caroline Beil. Sie, als Frau vom Fach, hätten es eigentlich wissen sollen. Auf einen Seitenhieb aus dem Stern antwortet man entweder mit Humor (1000 Punkte) oder gar nicht (immerhin noch 600 Punkte). Für Ihre Reaktion (Niemand liebt mich und ihr seid ja alle sooooooo blöd) haben Sie sich eindeutig die „Ansteck-Naddel“ in Gold verdient. – Tsss, dümmer als das Original erlaubt – Ein Vorschlag, falls Sie sich wieder einmal allein fühlen wollen. Gehen Sie doch einfach mal ins Spiegelkabinett.

Nein, wer die Medien kennt, weiß mit ihnen umzugehen. Kein Krieg, der heute aufgrund der Medienopposition abgesagt werden müsste. Zu groß blinken die Dollarzeichen angesichts der bevorstehenden, allumfassenden „Media-Coverage.“ Und dann erst der „öffentliche“ Aufschrei ein paar Jahre später, wenn sich die damalige Regierung für ihr Kriegsgehetze verantworten muss. Ich sehe Dollars, Kohle, Asche, ja, gebt es mir…. Kein Buch, dass sich heute mehr ohne den Auftritt bei Lettermann, Leno, Beckmann, Schmidt, oder wenn der Autor geadelt werden soll, sogar bei Larry King verkauft. Jedes daher gelaufene Groupie kann Platten verkaufen, wenn es sich nur vom richtigen Namen poppen lässt. So sieht sie aus, unsere Medienrealität.

Jetzt stellt sich eigentlich nur noch eine Frage. Wie dumm ist Janet Jackson? Die hätte das doch wissen müssen. Immerhin ist sie ein Profi. Und das seit Jahren. Das sie aber für den Verkauf eines Albums eine solche Rufschädigung riskiert? Vielleicht konnte sie das doch nicht erwarten?

Ich denke schon. Janet Jackson wusste genau, was sie tat. Denn nach einer Geschichte musste man in den letzten zwei Wochen schon ziemlich lange recherchieren, wenn man Neuigkeiten erfahren wollte. Tief im Süden der Vereinigten Staaten, kurz überhalb der Grenze zu Baja California findet zur Zeit, fast vergessen von der amerikanischen, wie internationalen Presse, einer der spektakulärsten Prozesse der amerikanischen Justitzgeschichte statt. Und er hat eigentlich auch ganz spektakulär angefangen. Mit einem abgehalfterten Halbaffen, der einmal der größte Popstar der Welt, ach was sag ich, des Universums, war. Einem Victory-Zeichen, dem Sprung auf eine Limousine vor dem Gerichtsgebäude, tausende Fans, die zu ihrem Micheal standen. Wie gesagt. Einer der bedeutsamsten Prozesse der letzten Jahre, der Reißer für die Medien.

Bis…?! Ja bis eines abends… beim Superbowl… der Janet… Plopp!

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