Nur Gedanken

February 18, 2004

Chasing Amy

Filed under: Panorama - word2go @ 11:08 am



Die Bildzeitung straft mich dieser Tage Lügen. Scheinbar zumindest. In meinem Artikel „Wag the Tit“ über das Verhältnis zwischen Janet Jacksons Möpsen - bzw. dem schlaffen Minimöpschen das Justin Timberlake (un)beabsichtigter Weise freilegte – und den Massenmedien, hatte ich doch glatt vergessen, dass der gute alte „investigative“ (wie zur Bestätigung, dass dieses Wort nicht mehr existiert, unterringelt mir MS-Word den Ausdruck gerade) Journalismus in gewissen Subkulturen der schreibenden Journaille überlebt hat. Ja, es gibt auch unter Deutschlands Journalisten noch wahre, investigative politische Akteure die noch „News“ machen, anstatt sie lediglich aufzubereiten, auch wenn sie diese ihre Charaktereigenschaft wichsender Weise entdecken:

- „Boah, Alder, is das nich die Kleine aus diesem komischen Berlinalestreifen, die da grade von drei Typen flachgelegt wird?“ - „Ja krass ey, tatsächlich.“ – „Mann gibt dat ne Story, ruf mal gleich unten in der Redaktion an, die Jungs sollen sich da dran hängen. Und dann mach mal nen Anruf bei der Rechtsabteilung…aber das hat eigentlich Zeit“ – „Oh ja, oh, uh, ich komm’ gleich, ah…“ - „Fuck, du Pisser, ich hab dir schon hundert Mal gesagt, du sollst mir nich immer auf die Tastatur spritzen!“ – „Wow geile Idee, cool… da hast mich ja auf was gebracht ey, für den nächsten Titel. Hör mal, wie klingt das? Die ‚spritzige Anke’ he, honk, honk…“ – „Mann ey, mach dir auf die Socken, bevor uns die AZ die Story wegschnappt. Wer weiß was die grade gucken…“ -

So oder ähnlich mag die Entdeckung der „Pornosensation des Jahrtausends“ ausgesehen haben, was die taz dazu veranlasste, „Bild“ kollektiv als Pornographen zu brandmarken. Wunderschön, wie die Titelzeile auseinandergenommen und interpretiert wird. „Deutsche Kino-Diva ist in Wirklichkeit Pornodarstellerin.“ Die taz zeigt auf, wie geschickt die Schlagzeile mit der Identität der jungen Schauspielerin spielt und diese verändert.

Was die Redakteure von der taz nicht erwähnen ist, das „Bild“ auch mit unserer, also des Lesers, Identität herumhantiert. Hat es denn zur Pornoqueen nicht gelangt, die rein sprachbildlich doch viel schöner gewesen wäre? Nein, nur zur schnöden Darstellerin anscheinend. Wie weit kann man denn einen Menschen noch abwerten? „Bild“ suggeriert uns ganz deutlich, dass die Kleine den Erfolg nicht verdient hat. Dass sie nichts besonderes ist. Dass sie einfach nur Glück hatte. Sie hätte genauso gut noch zwanzig Jahre Schwänze lutschen können, ohne „entdeckt“ zu werden.

Neid und Häme! Auf nichts anderes als unsere niederen Instinkte zielt diese Schlagzeile ab. „Siehste, die is auch nich besser“, soll der einfache Bürger, also wir, sagen. - „Als ob der deutsche Film so etwas besonderes wäre. So etwas brauchen wir doch gar nicht. Pah, Kultur und das bei knapp 175tausend Millionen sonst irgendwas Arbeitslosen. Jedem geht’s schlecht, also warum soll’s dieser Besserkuh anders ergehen. Verdient hat sie’s! So was unmoralisches, mit Sex Geld verdienen.“ – Vielen Dank für die kleine Ethikle(e)re Herr Redakteur. Und noch viel Spaß mit der Prämie, die Du mit Sicherheit für diese Story bekommen hast. Buchstabenhure Du!

Dann hat sie halt eine Vergangenheit. Na und. Was ist so schlimm daran? Eigentlich gar nichts, was zeigt, dass der eigentliche Skandal ist, dass die Bildzeitung aus Nichts einen Skandal gemacht hat, der sowieso ein Skandal geworden wäre. Die Art und Weise ist entscheidend. Es macht einen Unterschied ob man schreibt, dass jemand früher mal Pornos gedreht hat, oder ob man schreibt, dass jemand richtig verdorben ist, weil er früher mal Pornos gedreht hat und die Auszeichnung deshalb gar nicht verdient hat. V.a. wenn man damit meint, dass überhaupt alle, die versuchen sich von der Masse abzuheben richtig schlechte Menschen, bzw. auch nicht besser sind. Und danke liebe (Titten)Bild(chen)redakteure, dass Ihr natürlich viel besser wisst, wer Sibel „wirklich“ ist. In Wirklichkeit seit Ihr nicht mal Pornographen. Ihr seid Katalogisierer, Abstempler, Polarisierer und geistige Brandstifter! Denn in Wirklichkeit stört Ihr Euch doch gar nicht an ihrer Pornovergangenheit. Seid ihr denn über Gina Wild hergezogen? Nein. Ihr seid doch nur zu feige, zu sagen, was ihr wirklich denkt, weil dann ganz Deutschland über Euch herziehen würde. Anstatt dessen versteckt ihr Euch hinter moralischen Kategorien und betreibt ein bisschen Volksverhetzung. Gut, dann bin halt ich so ehrlich und sage, was ihr stockkonservativen Kämmerchenwichser wirklich denkt:

„ALS TÜRKIN DREHT MAN KEINE PORNOS“

Dazu kann ich nur sagen: „Willkommen im 21. Jahrhundert, liebe Bildredakteure!

February 16, 2004

Google-Fatal

Filed under: Panorama - word2go @ 11:03 am



Guten Morgen liebe Log-Gemeinde,

weil mir gerade so danach ist, will ich heute einmal Google spielen und Euch meine ganz persönlichen Top-News des Tages präsentieren. Auswahl und Interpretation der Themen hängen natürlich nur ganz unwesentlich mit meiner persönlichen Weltsicht zusammen. Also, viel Vergnügen.

Die erste richtig gute Nachricht kommt heute aus Italien. Romano Prodi, der anscheinend keine Lust mehr hat, sich zum hundert und x-ten Male das Brüsseler Männeken Pis anzusehen, will nach Italien zurück und bei den nächsten Parlamentswahlen gegen Silvio Berlusconi antreten. Dem dürften ob dieser Nachricht die nicht vorhandenen Haare zu Berge stehen. Selbige hat Bill Gates zwar noch, dafür ist ihm anscheinend der Quell-Code des 2000er Betriebssystems abhanden gekommen.
Macht aber nix, den haben ein paar Hacker im Internet wieder gefunden. Für uns Enduser bedeutet das auch relativ wenig. Schließlich ist es *wurscht*, ob der Computer abstürzt, weil das Betriebssystem Scheiße ist, oder ob er abstürzt, weil ein Virus angegriffen hat, da das Betriebssystem Scheiße ist.

Auf der Berlinale gibt Fatih Akin mit seinem neuen Film "Gegen die Wand" den Abräumer und läutet damit eine neue Ära des deutsch-türkischen Films ein. Und ich kann es kaum erwarten den Film im Kino zu sehen. Nach dem cineastischen Orgasmus, den er und seine Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu und Christiane Paul uns mit "Im Juli" beschert haben, ist das ein absolutes Muss! Unvergessen z.B. der rumänische Zöllner: "Ihr verheiratet? Du, in Rumänien wir machen Hochzeitsgeschenk. Dein Bus, mein Geschenk!" Einen Schritt zurück im CDU-türkischen Verhältnis, dafür aber zehn Schritte vorwärts in der von Männern dominierten Politik machte Angela Merkel. Sie komme als "Freund" in die Türkei, sagte sie auf ihrer Werbekampagne !g-e-g-e-n! den türkischen EU-Beitritt in Ankara. Und ich habe mich schon gefragt, warum der Damenbart immer dichter wird. - Also, das mit der Quieke-Stimme kriegen wir auch noch hin Angelo. Immerhin hat Guido Westerwelle längst bewiesen, dass auch Transsexuelle ihren Platz in der Politik haben dürfen. Da hast Du in Deiner "toleranten" Partei bestimmt gar keine Probleme. -

Die taz beschwert sich heute, dass alle Rolf Hochhuth’s neues Stück "Mc Kinsey kommt" verreißen, die Message aber nicht verstehen. Wer die Message verstehen will soll bei mir mal oben in den alten Artikeln kramen, da steht’s drin. Für sich selbst spricht unterdessen ein Artikel der Wirtschaftswoche: "Bush will agressiver werden" titelt das Magazin. Gibt es denn tatsächlich noch eine Steigerung zu "fundamentalistisch verblendeter, mental gestörter, unberechenbarer und vorbehaltlos gewaltbereiter Serientriebtäter"? Ja, gibt es! Einen, der sich selbst mit allen Mitteln die ihm - und v.a. Daddy - zur Verfügung standen, vor dem Militärdienst drückte. So feige war ja nicht mal Napoleon. Na gut. Der hatte auch damals noch nicht die Möglichkeit, seine freie Zeit beim Surfen zu verbringen. Denn hätte er da ein wenig trainiert, hätte er - rein theoretisch - auch die Chance gehabt, der neue Traummann von Barbie zu werden, die sich nach einem längeren Aufenthalt, inklusive Fettabsaugen, Brust-OP und Hüft-Verbreiterung, in der Schönheitsklinik von Mattel nun anscheinend endgültig von Ken getrennt hat.

Zu guter Letzt kommt der Cartoon des Tages heute aus der indischen Tribune und widmet sich ganz simpel der Betrachtung einer grundsätzlichen Lebensweisheit.




In diesem Sinne, viel Spaß beim jeweiligen Wohlfühlen. Ist in unserem Fall auch erlaubt, wenn das Geld rechtmäßig erworben wurde. (Jetzt fühl ich mich auf einmal gar nicht mehr so gut, ich glaub mir wird schlecht oder sind das Magenkrämpfe, uaaargh)

February 15, 2004

Wo war Iwan Rybkin?

Filed under: Satirisches - word2go @ 11:01 am


- Erstunken und erlogen! Unflätig! Kinder sperrt Eure Eltern weg, jetzt gibt’s Sex!!? - (umgetextet und zusammengestöpselt aus dem, im Spiegel erschienenem, Originaltitel: „ein Schlag im Leben des Ibrahim R.“)

Gesundheitsnapping oder Lustreise? Das Verwirrspiel um den kurzfristig vermissten und dann (leider) wieder gefundenen Präsidentschaftskandidaten Rybkin präsentiert einen fundamental(istisch)en Charakterzug an Flavio Briatore.

Es ist Freitag, der 13. Während im Kosmos-Hotel am Moskauer Friedensprospekt das Unglück seinen Lauf nimmt und der russische Präsidentschaftskandidat Iwan Petrowitsch Rybkin immer mehr zu einem Dostojevski für Arme verkommt, steht Flavio Briatore vor den Trümmern seiner Existenz.

Vor sieben Wochen noch hatte er heiter verkündet, er werde bald Papa und wolle für das Amt des Speerträgers in der Klum’schen Reservistengarde kandidieren. Heute spricht er nur noch von einem bemitleidenswerten Fehlschuss. Per Videoschaltung lässt Briatore aus Teheran erklären, dass er unter falschem Vorwand in die Kissen gelockt, tagelang betäubt und mit kompromittierenden Videos unter Erfolgsdruck gesetzt worden sei. Er wolle trotzdem für die Folgen seiner sexuellen Eskapaden aufkommen.

Briatore betonte, dass er sich zu diesem Schritt gezwungen sieht, nachdem er erfahren habe, dass Rybkin, der vorher nur einer Minderheit homoerotisch veranlagter Russen bekannt war, in den letzten Tagen nicht nur Erfahrungen mit Heidi Klums Mund machte, sondern sich auch unter ihr Höschen verirrte. Briatore stützt seine Verdächtigungen zudem auf die Aussage von Rybkins Gattin. Dessen bessere Hälfte sagte wörtlich:

„Der soll mir nur heimkommen der Flegel. Da gibt’s was mit dem Nudelholz!“

Ersten Umfragen zufolge bescherte dieser Ausspruch dem Möchtegernpräsidenten starke Verluste im chauvinistischen Lager.
Das wäre ein gewaltiger Schlag im Leben des Iwan Petrowitsch. Hatte er sich doch gerade bei den Männern Chancen gegen den hübschen Vladimir ausgerechnet. Doch nach fünf heißen Liebesnächten im Beiboot von Flavio Briatores Luxusjacht könnte Rybkin jetzt auch bei den Frauen punkten. Denn Geld scheint er offensichtlich genug zu haben, da Frau Klum sonst kaum geneigt gewesen wäre mit ihm… Na Sie wissen schon. Böse Zungen reden bereits über einen säuberlich inszenierten Coup zum Wahlkampfauftakt.

Da sich Rybkins Verschwinden nur wenige Tage vor dessen offiziellen Beginn ereignete, ermittelte die Staatsanwaltschaft bereits kurzzeitig wegen Mordes, bzw. potentiellen Ehebruchs. Flavio Briatore sprach unterdessen von Teheran schon einmal vorsorglich eine Fatwa aus. Dem italienischen Dolmetscher der Krill-Zeitung will aber aufgefallen sein, dass Briatore gegen Ende des Rezitats auch schwulstige Liebesschwüre an Heidi Klum untermischte.

Als Rybkin wieder auftauchte, sprach er zuerst von zwei, drei Tagen Privatvergnügen in der Ukraine, verplapperte sich dann aber und sprach vom milden Klima in Monaco und später, offensichtlich in einem Anflug sexueller Verwirrung, von Verfolgung durch düstere Mächte. Erst nach mehreren Gläsern Eiswasser konnte er sich wieder daran erinnern, lediglich den Bauch des im Wasser planschenden Briatore gesehen zu haben. Dieser Anblick werde ihn wohl sein Leben lang verfolgen, befürchtete Rybkin.

Die Tageszeitung "Kommersant" legte daraufhin per Ferndiagnose eine durch Schock exogen hervorgerufene psychische Erkrankung nahe, während Rybkin konterte: "Ich leide nicht an Schizophrenie, ich habe einen Freischwimmer, sowie einen Segelschein." Bilder von Flavio Briatore, die ihn kurz nach der Trennung von „der Klum“ zeigen, verraten, warum der Kandidat drei Tage lang offen ließ, was oder wer ihn aus der Bahn geworfen haben könnte.

Ein "Ukrainer ohne jegliche Komplexe" war bis jetzt der einzige Kommentar zu den Vorgängen, der Heidi Klum durch heftiges Wedeln mit einer 50 Dollarnote entlockt werden konnte. Manch kritische Beobachter zweifeln bereits ernsthaft an der Seriosität der möglichen, neuen russischen First Lady. Zumindest ihren Vornamen müsse sie ändern, verlangte die Chefredakteurin der russischen Frauenzeitschrift ‚Olga’, immerhin stünde sie in der Nachfolge so berühmter Frauen, wie Zarin Katharina. Auch Rybkins ‚Noch-Ehefrau tat wenig, um dem Katjes-Luder den Rücken zu stärken. Vor Reportern seufzte sie: "Armes Russland, wenn solche Leute es regieren wollen." - "Sprechen Sie von Ihrem Ehemann?" - "Nein, von der deutschen Schlampe natürlich."

Bisher war Rybkin weder als Bonvivant noch als psychischer Grenzgänger aufgefallen. Unter all den „psychisch labilen“, die dieses Jahr irgendwo auf dieser Welt zu einer Präsidentenwahl antreten, zählt er noch zu den Ernsthaften. Gegenüber dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Dennis Kucinich kann der bekennende Links-Stalinist sogar noch als konservativ bezeichnet werden. Ein Brückenbauer und Verwandlungskünstler wird er im postkommunistischen Russland genannt.

Doch es ist nicht immer klar, wo und wofür Rybkin steht. Mal liebt es der gelernte Experte für Landmaschinen neben der warmen Heizung aus dem Fenster in die verschneite russische Winterlandschaft zu blicken, mal ist er einfach nur glücklich, wenn „er“ überhaupt noch steht. Bereits 1994 befürwortet er den Plan, die Diäten der Duma-Abgeordneten zu Teil in Viagra auszuzahlen und wird aus Dankbarkeit, v. a. der älteren Parlamentarier, zu deren Präsidenten ernannt.

Nach Jelzins, durch Alkoholmissbrauch hervorgerufenem, Rückzug aus der aktiven Politik, profilierte sich Rybkin als Kritiker von Putins zweitem Tschetschenien-Feldzug und trat in die Partei ‚Liberales Russland’ ein. Sie wird von Putins erbittertstem Widersacher Boris Beresowski finanziert. Doch auch hier könnte die Fatwa des wütenden Italieners Briatore das Mächtegleichgewicht zu Ungunsten des Iwan Petrowitsch verschieben. Ermittlungen des pakistanischen Geheimdienstes zufolge planen tschetschenische Separatistengruppen bereits Rybkin als einen „im fremden Harem wildernden“ Ungläubigen zu diffamieren und Briatore zum Märtyrer des heiligen Krieges zu ernennen.

Briatore selbst hat bereits angekündigt, sich eine Bart und eine Djellaba wachsen zu lassen. Dass die Djellaba, trotz unwiderstehlich natürlicher Passform, kein Naturfell ist, wurde Flavio schnell von seinen neuen Freunden verraten. Mehr Probleme bereitet ihm nach eigenen Angaben noch das ständige Beten. Vor allem aber die Tatsache, dass das erigierte männliche Glied nicht zu den fünf Säulen des Islam gehört, will dem kleinen italienischen Hengst einfach nicht in den Kopf.

Für den verstoßenen Milliardär, der in Teheran tägliche Ayurvedamassagen genießt, ist Rybkin so etwas wie der Abstauber im italienischen Fünfmeterraum. Rybkin bekommt, was der Maestro im selbst gewählten Exil will. Und geht dabei weiter als jeder andere: Am vergangenen Dienstag beichtete er Briatore in einem offenen Brief, in der Löffelchenstellung abgerutscht und aus Versehen im A… gelandet zu sein. Heidi wäre total aus dem Häuschen und über eine Stunde nicht mehr ansprechbar gewesen, heißt es in diesem vertraulichen Schreiben, dass die Krill-Zeitung gestern aus gegebenem Anlass veröffentlichte.

Der "mächtigste Oligarch" der Formel 1 zu sein, skizziere Querverbindungen zur Petersburger Mafia, kommt Rybkin nun langsam aus der Defensive. Er vermutet Briatore könne mit muslimischen Extremisten und Präsident Putin gemeinsame Sache machen und ein Staatsverbrechen planen. "Putin hat kein Recht auf die Macht in Russland und Flavio hat kein Recht auf meine Heidi", wettert der mutige Iwan, „doch den beiden ist alles zuzutrauen. Deswegen werde ich bis zur Wahl meinen Wohnsitz nach Monaco verlegen.“

Wenn das mal nicht zuviel des Mutes war. Bereits der russische Parlamentspräsident und andere hochrangige Politiker vermuten, dass es Russlands Geheimdiensten grundsätzlich zuzutrauen sei, Heidi Klum mit sanfter Gewalt zu dem Flirt mit dem Oppositionellen bewegt zu haben. Es wäre ein schlauer Zug, denn Heidi genießt offensichtlich das Vertrauen des Mannes, der es bislang als einziger gewagt hatte, die umlaufenden Gerüchte über Putins angeblich einträgliche Verbindungen zur Geschäftswelt in öffentliche Anschuldigungen umzumünzen.

Zu einer Zeit, da schon leise Kritik am Führungsstil des Präsidenten den Kopf kosten können, wäre es für Rybkin tatsächlich vorteilhaft, sich den Verstand aus dem Leibe zu vögeln, bevor er durch unbedachte politische Äußerungen Selbstmord mit Vorankündigung begeht. Ob die zierliche Heidi, nicht nur aufgrund ihrer unsteten partnerschaftlichen Kompetenzen, dafür die richtige Wahl ist, steht allerdings noch in den Sternen. Denn noch immer droht Bin Briatore aus Teheran mit Allahs Schwert gegen den Feind der „sie“ liebte.

Dann doch lieber das Nudelholz.

And the winner is…

Filed under: Politisches - word2go @ 10:59 am



(Quelle: Time, Februar 2004)

Zugegeben, der Mann hat leichte Fältchen. Irgendwie verschaffen ihm diese eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Patriarchen Blake Carrington aus dem Denver Clan. Und somit jede Menge väterlicher Attraktivität. Doch der bereits leicht angegraute Senator aus Massachusetts hat noch mehr zu bieten. Er ist hochdekorierter Vietnamheld, hat mit der Tochter des Ketchupmonarchen Heinz einen dicken Fisch an Land gezogen und scheint momentan, ganz im Vorbeigehen, das amerikanische Präsidentenamt hinterhergeworfen zu bekommen.

Die Basis der demokratischen Partei(en) Amerikas ist/sind begeistert. Eine solch spontane Identifikation des Wahlvolkes mit einem demokratischen Kandidaten – der als reicher Patrizier eigentlich alles andere repräsentiert als das Bild, welches die Demokraten von sich haben wollen – gab es schon lange nicht mehr. Kerry hier, Kerry dort… Der Mann gewinnt zur Zeit einfach alles, was es an Vorwahlen (primaries) und regionalen Parteizusammenkünften (caucus) zu gewinnen gibt. Kein Mensch spricht mehr von Wesley Clark und Howard Dean, dem General und dem Friedensaktivisten, die das Rennen eigentlich unter sich hätten ausmachen sollen. Nein, die Vereinigten Staaten sind, selbst unter Bush, immer wieder für eine Überraschung gut. Und so sprang John Kerry in bester Copperfield’scher Manier aus der Kiste und war auf einmal da. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, im Expresslift zum Olymp. Und Zeus sah, dass er gut war und liebte ihn.

Kein Wunder also, dass Viele an der demokratischen Basis darauf drängen, den Gewinner bereits im Vorfeld zu küren.. Und nicht nur die wollen Kerry strahlen sehen. Es rauscht gewaltig im amerikanischen Blätterwald. Sie sollen endlich verschwinden, die Störenfriede, rasseln die Medien. Weg mit Dennis Kucinich, weg mit Al Sharpton, weg mit Joe Lieberman… die hätten doch alle keine Chance, seien entweder spirituell angehauchte Grünkost-Stalinisten oder aber einfach von der falschen Minderheit. Tja, Pech Al. Die New York Times ging sogar so weit, dass sie juristische Möglichkeiten erwog, Dennis Kucinich von einer - von der Times gesponserten - Fernsehdebatte auszuschließen. Dabei hat der weder ein Piepse-Stimmchen, noch heißt er Westerwelle und hat obendrein auch gar nicht nach Teilnahme verlangt.

Gegen den Strom rudert Joe Klein. In der neuen Ausgabe des Time-Magazin erinnert er daran, dass es noch einen anderen Kandidaten gibt, der ähnlich hochgespült wurde wie John Kerry. John Edwards, Selfmade-Millionär, jung und gutaussehend, erinnert nicht nur durch sein Äußeres unverschämt an Kennedy. Ihn umgibt eine fast magische Aura des Dynamischen, ein Optimismus, der dieser „Kultur der Angst“, die sich nach dem 11. September 2001 über Amerika gelegt hat, diametral entgegengesetzt ist. Natürlich liegt der sympathische Sunnyboy in den Ergebnissen weit hinter Kerry. Doch gemessen an den Erwartungen, mit denen Edwards ins Rennen gegangen ist – bei den ersten Vorwahlen war er noch mit Mr. 2 Prozent, Dennis Kucinich, Abmachungen über die Mitnahme von Delegiertenstimmen eingegangen – ist sein Abschneiden weitaus sensationeller als das Ergebnis Kerrys.

Klein fordert deshalb unverblümt: "Put the Two Johns in the Ring". Er sieht in Edwards die intellektuelle ‘Buchstütze’ des manchmal hölzern und trocken wirkenden Patriziers. Edwards solle mit Charme und Beredsamkeit den Themen Leben einhauchen, die Kerry ans Volk bringen will. Bildlich gesprochen, soll also die, bei öffentlichen Debatten zwischen den beiden Kandidaten entstehende Reibungshitze, der Motor des demokratischen Wahlkampfes werden. John Kerrys Wahlkampf!

Und genau hier liegt das Problem. Ohne es zu wissen, legt Joe Klein seinen Finger in die klaffende Wunde der amerikanischen Demokratie. Das System der Vorwahlen, die schon manchen Beobachter zu euphorischen Lobpreisungen ihres basisdemokratischen Charakters veranlasst haben, hat ein Demokratie- bzw. Pluralismusdefizit. Ein sich über Monate erstreckendes Rededuell zwischen Kerry und Edwards könnte die Parteispitze vor die Zerreißprobe stellen. Denn was die Parteistrategen befürchten, ja sogar wissen, ist, dass der kleine John den großen John hier vernichtend schlagen würde. Gestik, Mimik, Ausdruck, Lebensweg, Charisma, Ideale…was will man denn noch mehr? John Edwards ist ein Menschenfischer, der perfekte Präsident. Er könnte als der Mann, der Amerika am Anfang des 21. Jahrhundert führt, noch größer werden, als es Kennedy je war.

Zu dumm, dass die Vorwahlen so gut wie vorbei und Kerry so gut wie bestätigt ist. So kann es passieren, dass im Juli ein demokratischer Präsidentschaftskandidat gekürt wird, den die Wirklichkeit bereits längst entzaubert hat. Schlimmer noch, der ideale Kandidat stünde öffentlich Gewehr bei Fuß und käme nicht dazu, es auch einzusetzen. Aber was sollten die Demokraten denn auch anderes machen? Mit John Edwards einen Kandidaten nominieren, den die Basis zwar nicht gewählt hat, sich nach den Debatten dann aber gewünscht hat? Sollte man dieses Legitimitätsdefizit riskieren und sich über den, durch Wahlzettel beglaubigten, Willen der demokratischen Wähler hinwegsetzen, nur weil man sieht, dass Edwards eindeutig der bessere Kandidat wäre?

Die Demokraten sehen durchaus dieses paradoxe Verhältnis zwischen der Legalität der Vorwahlen und der Legitimität des Präsidentschaftskandidaten. John Edwards würde Bush wie ein Wirbelsturm aus dem Amt fegen. Mit Kerry wird es ein heißer Tanz, der mit jedem Zweifel an seiner Person nur noch heißer wird. Und da Kerry, ob der Struktur des amerikanischen Wahlsystems, der einzig legitime Kandidat sein kann - es sei den John Edwards gewinnt alle restlichen Vorwahlen mit mindestens 80% der Stimmen – haben die Demokraten scheinbar nur eine Wahl: die Diskussion um die Kandidaten zu beenden, Kerry vorzeitig als de facto Gewinner aussehen und v.a. keine Kritik an seiner Person aufkommen zu lassen. Das ist der Grund für die in Partei und Medien gezeigte Hektik.

Der Weg zur Präsidentschaft wird steinig. Und v.a. lang. Wahrscheinlich sogar zu lang. Denn dem, der weiß, wie Konservative und unter diesen ganz besonders die amerikanischen Republikaner, Wahlkampf führen, kann John Kerry bereits heute leid tun. Er wird diesen Wahlkampf nicht unbeschadet überleben. Das Getuschel über eine angebliche Affäre mit seiner Praktikantin – unglaublich einfallsreich vom Drudge-Report, der schon Clintons Fehltritte akribisch festhielt, in Szene gesetzt – ist hier nur ein Vorgeschmack auf Kommendes. Der Schlamm kann wahrscheinlich gar nicht tief genug sein, als dass es einem Republikaner nicht wert wäre, ihn ans Tageslicht zu befördern. Die Demokraten sollten demnach nicht hoffen, dass die Republikaner den, bis zur Nominierung entstehenden, ‚diskussionsfreien Raum’ ungefüllt lassen werden.

Dies ist der Reiz an einem möglichen Schaukampf zwischen Kerry und Edwards, und die Parteispitze der Demokraten sollte sich ganz genau überlegen, ob sie diese kleine Chance nicht doch nutzen will. Sie sollte das halbe Jahr bis zur Nominierung selbst füllen, bevor die Republikaner das für sie übernehmen. Und sie sollte die Delegierten am Finaltag selbst entscheiden lassen, welchem der beiden Kandidaten sie eher zutrauen gegen George W. Bush zu bestehen. Vielleicht haben die Delegierten den Mut, die möglicherweise voreilig vergebenen Stimmen an Kerry zu revidieren und dieses Zuviel an ‚formaler’ Demokratie durch ein ‚Mehr’ an Pluralismus zu ersetzen. Legal wäre es. Die Chancen sind klein aber sie sind da. Der Rummel um Kerry hat die totgesagte demokratische Partei zweifellos wiederbelebt. Es wäre jammerschade, würde ein zu starkes Festhalten an Kerry das bisher Erreichte wieder vernichten und es am Wahltag heißen: „and the winner is…George W. Bush!“

February 11, 2004

- wag the tit -

Filed under: Panorama - word2go @ 8:04 am



Wetten, dass auch der selbst geoutete Hingucker Thomas Gottschalk hier einen tieferen Blick ins Dekolletee gewagt hätte? Justin Timberlake hatte auf jeden Fall seine wahre Freude an dieser…, ja was war es eigentlich? Beabsichtigte Showeinlage? PR-Gag? Winterlochfüller? Fest steht, dass über Janet Jackson eine Flut der allerschlimmsten Medienberichterstattung hereingebrochen ist. Sozusagen der Supergau des moralinsauren „Promi-Bashings“. Und dann auch noch bei der Superbowl. Dem amerikanischen Megaereignis noch vor Irakkrieg und Präsidentenwahl. Da hätte Oliver Kahn schon, in plötzlicher Flatz`scher Verehrung, beim Saisonfinale Rainer Calmund ins Kreuzeck nageln müssen, um ein ähnliches Medienecho zu erzielen.

Ausgerechnet Thomas Gottschalk brachte den Unterschied zwischen Kahn und Jackson in seiner ersten und wahrscheinlich auch einzigen Vorlesung an einer deutschen Universität auf den Punkt. An die Heinrich-Heine-Universität geladen, um aus Dieter Bohlens neuestem Literaturkleinod vorzulesen und damit seine Wettschuld einzulösen, konterte er auf die Störung eines Studenten, der unbedingt Gottschalks Popularität für den Kampf gegen Studiengebühren nutzen wollte, folgendermaßen (frei zitiert): „Junge, es tut mir echt leid, aber Du kannst noch so laut schreien. Wenn ich heute hier pupse, dann steht das morgen in 50 Zeitungen. Kein Mensch aber wird irgendwas über Deinen Protest gegen Studiengebühren schreiben. Das ist die Medienmaschinerie. So funktioniert das Business.“

Die Medienmaschinerie. Was meint Gottschalk damit? Eine Antwort darauf gibt der obige Screenshot der heutigen Google-News-USA. Interessant ist für uns – aus Gründen der Vergleichbarkeit - natürlich nur die Entertainment-Sparte. Es gibt gute Stories und schlechte Stories. Geschichten, die es wert sind, in über 500 Internetmagazinen zu erscheinen, und Geschichten, für die sich lediglich sieben Journalisten die Mühe machen, ein paar Zeilen in die Keyboardtastatur zu hämmern. Und Janets, von einer silbernen Sonne umkreisten (oder, heliozentrisch korrekt, eine silberne Sonne umkreisende), Brustwarze scheint die Aufregung allemal wert zu sein. Und das mittlerweile schon seit zwei Wochen.

Man kann natürlich jetzt behaupten, dass die Amis halt prüde seien, und der Rest der Welt sich darüber aufrege, dass die Amis so prüde, bzw. bigott sind. Aber das macht ja noch keine Medienmaschinerie. Die Frage ist doch, ob wir wirklich Janet Jacksons, ehrlich gesagt ziemlich schlaffe, Feuerwehrschläuche sehen wollen? Sind wir und die Amerikaner tatsächlich so entsetzt darüber, ein Stück Haut gesehen zu haben? Sind wir angewidert, weil Janet und Timberlake auf die – ach so schändliche - Idee gekommen sind, so zu tun, als ob es keine Absicht wäre? Mann, auch Britney Spears choreographiert ihre Bühnenauftritte! Oder glaubt hier irgendjemand ernsthaft, die Schnecken aus ihrer Crew tanzen alle zufällig simultan?

Also, die Wahrheit ist eigentlich ganz einfach. Psst, kommt mal ein bisschen näher an den Bildschirm. Noch näher!! Das ist nämlich ein Geheimnis. Also, die Wahrheit ist: die Medien glauben wir wären alle doof. Hm, die haben eine ganz schlechte Meinung über uns. Diese Bösen! Die sammeln ganz viele Statistiken, werten Einschaltquoten aus und glauben, wir wären alle ganz furchtbar berechenbar. Die glauben also, sie wüssten was wir wollen. Aber wenn die wüssten! Denn weil die glauben, sie wüssten was wir wollen, geben sie uns, was sie meinen, das wir wollen. Und dabei hat Schopenhauer schon gesagt, dass wir gar nicht wollen können, was wir wollen. Wir können nämlich nur tun was wir wollen. Und wenn nicht mal wir wissen, was wir wollen, wie sollen es dann die wissen?!

Die Antwort nach der Ursache der Medienmaschinerie liegt also nicht im „Wollen“, sondern im „Tun“. Dadurch, dass uns die Medien einfach das geben, was sie glauben, dass wir wollen, erschaffen sie den Idealtyp des Medienkonsumenten, der immer genau das will, was die Medien glauben, dass er will. Der selbsterfüllende Medienkonsument. Das funktioniert aber nur deshalb, weil sich auch die Medien idealtypisch verhalten. Es sind nämlich nicht wir, sondern die Medien, die aufgrund verbesserter Auswertungskriterien und fast perfektem Wettbewerb auf dem Markt der schnellen Informationsverbreitung, immer berechenbarer geworden sind.

Für die Medien ist es bequem ein gesichertes Menschenbild des Medienkonsumenten zu haben. Es erleichtert die Arbeit ungemein, weil die Frage wegfällt, welche Informationen an den Verbraucher weitergegeben werden sollen. Sie können sich voll und ganz auf die Geschwindigkeit der Informationssammlung konzentrieren. Und sie brauchen vor allem keine Angst mehr zu haben, dass ihnen die Leser oder Zuschauer abhanden kommen könnten. Das ist das Beste an der Sache. Denn bei den Anderen bekommt der Konsument nämlich nichts Anderes, sondern dasselbe. In Grün. Oder Blau. Oder Gelb. Nur nicht in Grau, das wäre dann doch zu trist. Grell und schnell, das wollen die Leute sehen. Bzw. glauben das die Medien.

Und dass unsere Medien mittlerweile so berechenbar sind, freut so manchen, der via Medien etwas erreichen will. Nur die Allerdümmsten sind heute noch in der Lage, sich von den Medien vernichten zu lassen, ohne am Ende doch wieder Profit davon zu schlagen.

An dieser Stelle. Liebe Caroline Beil. Sie, als Frau vom Fach, hätten es eigentlich wissen sollen. Auf einen Seitenhieb aus dem Stern antwortet man entweder mit Humor (1000 Punkte) oder gar nicht (immerhin noch 600 Punkte). Für Ihre Reaktion (Niemand liebt mich und ihr seid ja alle sooooooo blöd) haben Sie sich eindeutig die „Ansteck-Naddel“ in Gold verdient. – Tsss, dümmer als das Original erlaubt – Ein Vorschlag, falls Sie sich wieder einmal allein fühlen wollen. Gehen Sie doch einfach mal ins Spiegelkabinett.

Nein, wer die Medien kennt, weiß mit ihnen umzugehen. Kein Krieg, der heute aufgrund der Medienopposition abgesagt werden müsste. Zu groß blinken die Dollarzeichen angesichts der bevorstehenden, allumfassenden „Media-Coverage.“ Und dann erst der „öffentliche“ Aufschrei ein paar Jahre später, wenn sich die damalige Regierung für ihr Kriegsgehetze verantworten muss. Ich sehe Dollars, Kohle, Asche, ja, gebt es mir…. Kein Buch, dass sich heute mehr ohne den Auftritt bei Lettermann, Leno, Beckmann, Schmidt, oder wenn der Autor geadelt werden soll, sogar bei Larry King verkauft. Jedes daher gelaufene Groupie kann Platten verkaufen, wenn es sich nur vom richtigen Namen poppen lässt. So sieht sie aus, unsere Medienrealität.

Jetzt stellt sich eigentlich nur noch eine Frage. Wie dumm ist Janet Jackson? Die hätte das doch wissen müssen. Immerhin ist sie ein Profi. Und das seit Jahren. Das sie aber für den Verkauf eines Albums eine solche Rufschädigung riskiert? Vielleicht konnte sie das doch nicht erwarten?

Ich denke schon. Janet Jackson wusste genau, was sie tat. Denn nach einer Geschichte musste man in den letzten zwei Wochen schon ziemlich lange recherchieren, wenn man Neuigkeiten erfahren wollte. Tief im Süden der Vereinigten Staaten, kurz überhalb der Grenze zu Baja California findet zur Zeit, fast vergessen von der amerikanischen, wie internationalen Presse, einer der spektakulärsten Prozesse der amerikanischen Justitzgeschichte statt. Und er hat eigentlich auch ganz spektakulär angefangen. Mit einem abgehalfterten Halbaffen, der einmal der größte Popstar der Welt, ach was sag ich, des Universums, war. Einem Victory-Zeichen, dem Sprung auf eine Limousine vor dem Gerichtsgebäude, tausende Fans, die zu ihrem Micheal standen. Wie gesagt. Einer der bedeutsamsten Prozesse der letzten Jahre, der Reißer für die Medien.

Bis…?! Ja bis eines abends… beim Superbowl… der Janet… Plopp!

February 9, 2004

Keep smiling Baby!

Filed under: Schriftwerk - word2go @ 7:56 am

Fast alle Namen und Personen der folgenden Kurzgeschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Institutionen sind allerdings voll beabsichtigt.

Gregory Shomrykov sah auf die Uhr. Zehn vor neun. Er hatte also noch 25 Minuten bis zum Beginn der Sitzung. Zeit genug für eine letzte oder sogar vorletzte Zigarette. Er hasste diese Dinger, war sich aber unterbewusst im Klaren, dass er nie von ihnen loskommen würde. Auf dem Gang, draußen vor dem großen Sitzungssaal traf er auf Shamir. Er mochte diesen kleinen, untersetzten Tschetschenen. Shamir Kostolunica war ein brillanter Redner. Zum Glück von Väterchen Russland hatte er allerdings nur selten Gelegenheit diese Redekunst vor der Vollversammlung zur Schau zu stellen. „Zigarette?“ fragte Gregory. „Nein, Danke, habe vor zwei Wochen aufgehört“, antwortete Shamir. Aus seinen Augen blitzte die Schläue und Gregory wunderte sich, wie ein solcher Mann sein Talent für den aussichtslosen Unabhängigkeitskampf Tschetscheniens verschwenden konnte. „Da… tatsächlich? Seit zwei Wochen also schon“, brummte der Russe und zündete sich eine filterlose Gitanes an dem silbernen Dior-Feuerzeug an, das ihm Kostolunica entgegenstreckte. „Wird ein harter Kampf werden heute, nicht?“ Shamir sah den Russen erwartungsfroh an. „Wahrscheinlich werd’ ich mir fünf Beine ausreißen müssen, damit die verdammten Amis ihr Veto zurückziehen. Hast Du ein Glück, dass Du nur Beobachterstatus hast.“ - „Du kannst mir glauben, dass mir etwas mehr Einfluss durchaus lieber wäre“, gab Shamir zurück, „vergiss bitte nicht, wie wichtig Deine Position für die Beziehung zwischen unseren beiden Staaten ist.“

Gregory betrachtete den Tschetschenen mit einem Kopfschütteln. Am liebsten hätte er erwidert, dass Tschetschenien kein unabhängiger Staat sei und auch niemals sein werde, doch wie soll man das diesem starrsinnigen Idealisten erklären. „Shamir, Du weißt doch, dass meine Position nicht meine Position, sondern Russlands Position ist. Oder hast Du das vergessen? Ich kann nicht unbedingt so wie ich will. Ich muss mich an den Willen des Volkes halten, und mein Volk hat nun mal Angst, dass die neue georgische Regierung eine Gefahr für Russlands Sicherheit darstellt.“ – „Das heißt also Russland wird keinesfalls einlenken, habe ich das richtig verstanden?“ – „Korrekt. Wir werden diese Schurkenregierung zur Not auch mit Gewalt stürzen.“

Langsam kroch auch in Gregory die Unruhe hoch. Mit spitzen Fingern zerdrückte er die Zigarettenkippe in dem freistehenden ovalen Aschenbecher, blickte kurz auf die Uhr und fingerte dann eine neue Zigarette aus der ziemlich verbeulten Schachtel. Er verstand natürlich genau, was Shamir meinte. Sollte Russland Georgien angreifen, dann stünde Tschetschenien international als der Buhmann da. Immerhin kontrollieren sie den Zugang zu dem noch übrig gebliebenen Schwarzen Gold. Ihre Unbeugsamkeit wird den tschetschenischen Muslimen in diesem Fall selbst schaden, denn solange sie keine Einigung mit der russischen Zentralregierung erzielen, solange ist Russland auf die Wohlgesonnenheit Georgiens angewiesen. Doch natürlich will kein Tschetschene, auch Shamir nicht, auf seinen eigenen Vorteil verzichten und nur um des regionalen Friedens Willen die Unversehrtheit eines anderen Staates erkaufen. „Gregory, Du weißt, dass die neue Regierung in Tiflis alles andere als eine Schurkenregierung ist. Und Du weißt, dass eine Intervention in Georgien die tschetschenischen Karten extrem verschlechtert. Glaubst du wirklich, wir hätten alle Radikalen im Griff?“ Gregory sah Shamir ernst an. „Ich gehe jetzt einmal davon aus, dass das nicht als Drohung gemeint war.“ Er wusste, dass es genau das war. Eine Drohung. Eine Drohung den Konflikt zwischen Russland und Tschetschenien wieder eskalieren zu lassen, sollte Russland in Georgien intervenieren. Und er wusste, dass Shamir recht hatte. Dass radikale tschetschenische Akteure den Georgienkonflikt nutzen werden. Simple politische Logik.

Ein lauter Gong ertönte und gemahnte die Umstehenden sich zu ihren Plätzen zu begeben. „Ich wünsch Dir trotzdem viel Glück.“ Shamir klopfte Gregory auf die Schulter. „Meine Sitzung ist erst in einer Stunde, ich habe noch ein wenig Zeit.“ Auch Gregory wäre es im Moment sehr recht gewesen, nur einer Vollversammlung beiwohnen zu müssen. Doch für ihn ging es nun in den Sicherheitsrat. Als Redner. Er, Gregory Shomrykov, russischer Außenminister, musste nun die Mächtigen dieser Welt von der Gefahr überzeugen, die von dem kleinen Georgien ausgeht. Dabei wusste er schon im Voraus, dass sein Schaulauf eine ähnliche Farce werden würde, wie einst die Kriegsgründe, welche die damalige US-Regierung gegen den Irak vorgebracht hatte. Doch sie hatten damals eine wichtige Neuerung der internationalen Spielregeln geprägt. Den Präventivkrieg. Was heißen soll, dass es im Grunde egal ist, ob die Vereinigten Staaten ein Veto einlegen oder nicht. Dass es egal ist, dass Deutschland grundsätzlich gegen einen Kriegseinsatz stimmt, weil sich sein Volk, laut Robert Kagan, in den Frieden verliebt hat. Wer einen Präventivkrieg führt, braucht keinen Grund. Außer den, dass er sich bedroht fühlt. So etwas erleichtert die Rechtfertigung natürlich ungemein. „Gehen wir nachher noch ein Bierchen trinken?“ – „Klar, ruf mich einfach auf dem Handy an, nachdem Deine Sitzung vorbei ist. Wird wohl etwas länger dauern als meine,“ antwortete Shamir, „und vielleicht kannst Du es ja doch so aussehen lassen, als würdet ihr in Tschetschenien die Zügel nicht wirklich lockerer lassen.“ Darum ging es dem gewitzten Hund also. Deswegen hatte er Gregory vor der Sitzung noch einmal abgepasst. Welch brillante Idee. Weiterhin Härte gegen die Extremisten zu symbolisieren könnte den Ausbruch von erneuter Gewalt zumindest hinauszögern. Gregory war auf einmal schon ein wenig zufriedener.

Zehn Stunden später…

„Es wäre alles nicht soweit gekommen, hättet ihr damals nicht darauf gedrängt Schewardnadse zu stürzen.“ Edward Singh, der indische Außenminister war als aufbrausend bekannt. Durch den Zigarettennebel, der sich bereits tief und dick über die dunkle Einrichtung der Bar der Vereinten Nationen gelegt hatte, einer der wenigen Gesellschaftsräume, in denen man in New York überhaupt noch rauchen durfte, beäugte er seinen amerikanischen Pendant. Dieser lehnte sich ein Stück nach vorne, griff nach seiner Budweiserflasche und prostete dem Inder zu, der diese Geste erwiderte. „Eddie“, sagte er, „ich dachte ihr Sikhs trinkt keinen Alkohol.“ „Oh, wir halten dass ähnlich wie die Muslime, eine persönliche Sache“, antwortete dieser. „Also das mit Schewardnadse war so…“, begann Sid Bossmer, lehnte sich wieder in seine bequeme Ursprungshaltung zwischen den breiten Schultern von Karl Langen und den etwas dünner geratenen des Franzosen Jeuneville zurück und nahm einen weiteren Schluck Bier. „Erstens war das damals unter Bush und zweitens war es gar keine wirklich offizielle Sache. James Baker ist da auch halb geschäftlich hingefahren.“ – „Und hat der georgischen Opposition ganz nebenbei die volle Unterstützung und Anerkennung der amerikanischen Regierung für den Fall einer Revolution ausgesprochen. Und das alles für die geringe Gegenleistung, der Carlyle Group einige Bohr-, Ausrüstungs- und Vermarktungsrechte zu überlassen. Na danke schön“, fügte Singh hinzu. Bossmer wirkte in keiner Weise entrüstet. „Schewardnadse wollte sich einfach auf keinen Deal einlassen. Außerdem war er doch sowieso am Ende und eine Revolution dringend überfällig. Warum also die Opposition nicht spüren lassen, dass sie internationale Unterstützung genießt.“

„Eure Probleme will ich haben“, mischte sich Gregory ein, „ich habe hier nur einen kleinen dummen Krieg an der Backe, weil ein paar größenwahnsinnige Georgier glauben, auf dem Öl zu sitzen gebe ihnen einen Freifahrtschein zur Nuklearmacht. Ein amerikanisches Veto, weil ihr in Eurem Land nicht die leiseste Ahnung mehr habt, wo die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft noch liegen. Und Edward! Würde Indien in Kaschmir nicht diese absolut unnötige und verflucht harte Linie fahren, hätte ich nicht die Hälfte der Probleme mit den Islamisten in Tschetschenien, wie ich sie heute habe.“ Mit künstlich beleidigtem Gesichtsausdruck grinste Gregory den hochaufgewachsenen, bärtigen Sikh an. „Huh, ausgepoltert?“, erwiderte Bossmer, „keep smiling, Baby! Du fühlst Dich doch von Georgien gar nicht bedroht. In Wirklichkeit fühlt sich doch keiner von Euch wirklich bedroht. Das war doch Stimmungsmache. Die ganze Zeit. Und jetzt könnt ihr nicht mehr zurück, weil ihr sonst Euer Gesicht verliert. Nächstes Jahr sind Wahlen, so sieht’s doch aus.“

Bossmer hatte es ziemlich genau erwischt. Und Gregory spürte das. Irgendwie ist das ganze schon irrsinnig. Man macht das Volk wegen irgendwelcher Sachen so verrückt, dass man am Ende selber glaubt, man hasst die Georgier oder die Tschetschenen oder die Amerikaner. Doch persönlich sitzt man mit ihren höchsten Köpfen, den politischen Entscheidungsträgern zusammen und trinkt Bier. Und irgendwie fühlt es sich noch immer so an, wie damals als Student – der Tschetschenienkrieg war noch in vollem Gang - als man in einer Moskauer Kneipe einen Tschetschenen trifft und entdeckt, dass man im Grunde ein eineiiger Zwilling ist. Zwar nicht vollkommen gleich, aber doch so ähnlich, dass es einem im ersten Moment richtig schockiert. Als man zusammensitzt und sich wundert, wie man Feind sein kann, während man miteinander feiert. Wie man sich lieben kann, wenn man sich eigentlich hassen sollte. Damals hatte man es auf die persönliche Machtlosigkeit geschoben. So ist halt die Politik und wir sind nur Studenten. Und jetzt. Jetzt ist man an der Macht und ist trotzdem machtlos. Sitzt mit seinen Feinden zusammen und trinkt Bier. Genauso wie damals. Verrückt! Es war Gregory natürlich klar, dass sich eine solche Situation von persönlicher Feindschaft unterscheidet. Wen man nicht mag, den braucht man auch zwangsläufig nicht zu grüßen. Aber z. B. Shamir oder Bossmer nicht zu grüßen, ihnen nicht die Hände zu schütteln und zumindest irgendeine respektvolle Beziehung aufzubauen. Mann, das stünde am nächsten Tag in der Zeitung und Gregory hätte seinen Job schneller los, als ihm lieb wäre. Dabei hätte er sich doch nur konsequent verhalten. Von einem Soldaten wird ja auch erwartet, dass er sein Gegenüber erschießt. Wie gesagt, verrückt!

Gregory fragte sich, was die Welt wohl machen würde, wüsste sie um diese Bar. Natürlich ist bekannt, dass es sie gibt. Aber ‚bekannt’ ist ja nicht gleichbedeutend mit ‚im öffentlichen Bewusstsein’. Wahrscheinlich würde sich dann auch nichts ändern. Gregory musste plötzlich schmunzeln. „Sid, ich würde einfach niemals zugeben, dass Du recht hast. Prost! Und…keep smiling, Baby!“

February 8, 2004

Hommage an einen mutigen Journalisten

Filed under: Rezensionen - word2go @ 7:49 am



Bernard-Henri Levy: "Wer hat Daniel Pearl

ermordet?", Econ 2003, 431 Seiten
cover

„Wer hat Daniel Pearl ermordet?“ - Beweist die Übersetzung des Titels nicht unbedingt Feingefühl für die deutsche Sprache, so unterstreicht zumindest sein Sinn das doppelte Anliegen des französischen Autors Bernard-Henri Lévy. Das Profil des Täters, sein Psychogramm, die Faszination und der Abscheu, die einen in seiner Gegenwart befallen, die Detailsucht, die mit fortschreitenden Recherchen zunimmt… Dies ist die eine Seite seiner Untersuchung. Das Netzwerk, der politische Hintergrund der Tat, die Verstrickungen, die den Autor immer tiefer in die Abgründe des heutigen Pakistans führen, die andere. Und nicht zuletzt das Opfer, Daniel Pearl selbst und damit die Frage warum er sterben musste, ist Hauptperson dieses, wie ihn Lévy selbst beschreibt, „Untersuchungsromans“.

Seine Methode ist riskant. Lévy will dort der Phantasie freien Lauf lassen, wo Details und Fakten nicht dicht genug sind. Und seine Methode ist egozentrisch. Er baut auf den Vertrauensvorschuss, dem ihm der Leser aufgrund seiner Person gibt: Lévy der Regisseur von „Bosna!“, Lévy der Sondergesandte von Mitterand, Lévy der gute Freund von Izetbegovic, Lévy der „Mit-Architekt“ von Bangladesch. Zweifellos ein tagträumerischer, selbstverliebter, französischer Bonvivant, der über die Schönheit des Nackens der Witwe Pearl genauso philosophieren kann, wie über den Hass, der sich um das Kinn des armdrückenden Terroristenführers legt.

Genau hier liegen die Stärken des Buches. Es gelingt Lévy, den Leser im Strom der Erzählung fortzutragen, ihn mitzureißen in die bunte aber dennoch triste Alltagswelt pakistanischer Polizisten, unabhängiger Untersuchungskommissionen und nicht gerade gesprächiger Bürokraten, ohne den – fraglos unzähligen – Fakten, Eindrücken, Wendungen, Desinformationen und Heimlichtuereien zu erlauben, den Bericht zu erdrücken. Der Leser liest ein Sachbuch, doch er merkt es nicht. Persönlich habe ich seit Philip Gourevitch’s „Wir möchten Ihnen mitteilen, dass wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden“, dieser tiefstmöglichen Auseinandersetzung mit der Seele des ruandischen Volkes, keinen intensiveren Tatsachenbericht mehr gelesen. Dass das Buch, trotz aller Phantasie, vor allem ein Tatsachenbericht bleibt, dafür sorgt Lévy’s journalistische Rigorosität in der Behandlung seiner Quellen. Soviel er auch an eigener Interpretation zulässt, um die Ästhetik des Textes zu schonen, so wenig interpretiert er, wenn es um die Findung der Wahrheit geht.

Und die ist Sprengstoff genug. Nicht, weil seine Erkenntnisse so neu wären. Es geht nicht darum, dass es sich bei den Attentätern meistens ausgerechnet um im Westen aufgewachsene und erzogene, gut ausgebildete junge Männer handelt. Es geht nicht darum, dass Lévy uns zeigt, dass der pakistanische Geheimdienst an den Anschlägen des 11. Septembers beteiligt war und Beziehungen zu Al Qaida unterhält. Es geht auch nicht darum, dass das pakistanische Atomwaffenprojekt mit dem Projekt der „islamischen Bombe“ gleichzusetzen ist, dass Pakistan Nuklearwaffentechnik an Nordkorea und andere sogenannte „Schurkenstaaten“ weitergibt, dass die CIA und die amerikanische Regierung all das wissen und doch nicht einschreiten, vielmehr Pakistan weiterhin als wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen den Terror ansehen. Dass es so ist, weiß der informierte Beobachter schon lange. Entscheidend ist, wie Lévy’s Erkenntnisse uns die Qualität dieser Verbindungen vor Augen führen.

Zuerst dieses monströse Gebilde Pakistan, das bis vor wenigen Jahren seine Identität noch aus der Ablehnung Indiens gewonnen hat und sie heute aus der Ablehnung des Westens, dem Hass gegen die Juden, gegen Indien, aber vor allem aus dem Stolz der gesamten muslimischen Welt auf die Bombe gewinnt. Ihre Bombe! Eine Bombe, die nie eine pakistanische Bombe war, sondern schon in ihrer Planung eine „islamische“. Pakistan, ein Land, das so vom islamischen Fundamentalismus unterwandert zu sein scheint, dass es selbst die USA nicht wagen, mehr als nur Kritik zu üben, aus Angst Musharraf könne stürzen. So unterwandert, dass Bin Laden guten Gewissens behaupten kann, er habe die A-Bombe, weil er in der Tat jederzeit Zugriff haben kann wenn er will.

Und dann die Agonie des Westens. Man glaubt richtig zu spüren, wie Amerika im Irak einen Stellvertreterkrieg anfängt, um die Aufmerksamkeit noch ein einziges Mal von diesem Schauplatz zu nehmen. Weg von Kaschmir, weg von diesem strategischen nuklearen Dreieck zwischen Indien, China und Pakistan, von denen die ersten Zwei nicht nur die sicherheitspolitische Zukunft der Welt, sondern auch ihre wirtschaftliche bestimmen werden. Eine letzte Kraftanstrengung, um sich, mittels der Sicherung der wenigen verbleibenden Ressourcen, wenigstens noch für einige Zeit über Wasser zu halten. Und mittendrin die „islamische Bombe“, die laut den Experten der IAEA dafür gesorgt hat, dass die Gefahr eines umfassenden, vernichtenden Atomkriegs heute größer ist, als sie im Kalten Krieg je war.

Von alledem sagt Lévy natürlich nichts. Seine Recherchen sprechen für sich. Indem er den Weg Daniel Pearls nachzeichnet, ja Schritt für Schritt nachgeht und sich in die gleichen Gefahren begibt wie Pearl selbst, malt er automatisch das Gesicht des Terrors. Und war das Gesicht Bin Ladens und seiner Al Qaida bisher nur eine Maske mit undeutlichen Konturen, so gewinnt dieses Bild nun an Schärfe, an Tiefe. Während der Leser Bernard Lévy durch die Straßen von Karatschi und die Ämter von Islamabad begleitet, während er erfährt, warum Daniel Pearl sterben musste, hinter welches Geheimnis er gekommen war, beginnt er langsam zu verstehen, dass Al Qaida keine lose Organisation von Terrorzellen mehr ist. Dass sie sich bereits institutionalisiert hat. Al Qaida ist keine Organisation auf der Suche mehr! Die Basis ist angekommen. Lévy formuliert es gegen Ende des Buches ganz ohne Umschweife: „ich möchte hier und jetzt behaupten, dass Pakistan zur Zeit der größte aller Schurkenstaaten ist!“

Er hat damit fast recht. Fast deshalb, weil noch Musharraf an der Macht ist. Noch strampelt er. Noch scheint er eine gewisse Autorität und Kontrolle zu besitzen. Aber wer weiß das schon genau.

February 1, 2004

Balzac, die kleine französische Hure

Filed under: Schriftwerk - word2go @ 7:20 am

O Verräter, du kleiner Süßer Verführer!
Mein Herz, wohin hast du es getrieben?
Die Flamme reißt tausendfach entzwei,
dein Werk.

Freiheit, was bedeutet sie?
Liebe, was erfüllt sie?
Leben, was bringt es noch?
Ohne Dich?

Das Neue gesucht und das Alte verloren.
Verklärt der Blick vom Licht… soviel Licht.
Das Dunkel, die alte Gewohnheit,
spendet Trost, wenn das Neue zerbricht.

Du hast sie fortgeholt, nun musst Du sterben.
Stellvertretend für meine Träume.
Das Pygmalion, einmal zum Leben erweckt,
hat keine Zeit mehr für „simple“ Wärme.

Und doch würd’ ich lieber im Erdboden versinken,
als zu vergessen wie schön es war,
vom Nektar deiner Lust zu trinken.

PS: Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte auf jeden Fall erst das Buch lesen. Es ist wirklich wunderschön, auch wenn es manchmal einen leicht nostalgischen Touch bekommt, der für uns "Westler" vielleicht ein bißchen unverständlich ist.

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