Nur Gedanken

January 29, 2004

Österreicher und die Globalisierung

Filed under: Panorama - word2go @ 9:56 am
(Kopfschüttelfaktor extrem hoch)

Kurzfassung der Story:

Österreichische Juristenvereinigung organisiert Vortrag zu Globalisierung und Welthandel. Wollen Vertreter der WTO als Redner einladen. Schauen ins Internet (sehr schlau). Finden WTO-Fake Seite http://www.gatt.org (initiiert von den Globalisierungsgegnern The Yes Men) und laden den Vorsitzenden Mike Moore ein. Moore hat keine Zeit und schickt seinen Stellvertreter Andreas Bichlbauer (Name aus einem Wiener Telefonbuch herausgesucht). Bichlbauer hält ganz furchtbar unerhörten Vortrag über die geringe Arbeitsmoral der Italiener, preist Hitlers liberale Außenhandelspolitik und stellt das zukünftige Demokratieverständnis der WTO dar: den Verkauf von Wählerstimmen über das Internetforum http://www.vote-auction.net (natürlich auch ein Projekt der Yes Men).

Nach dem Vortrag findet, mittels einer vergifteten Cremetorte, ein Anschlag auf Dr. Bichlbauer statt (natürlich selbst inszeniert).

Da in der Folge bei Mike Moore nur Protestbriefe bezüglich der laxen Arbeitsmoral der Italiener, nicht aber wegen der Äußerungen zu Hitler und dem Verkauf von Wählerstimmen, eingehen, entschließen sich die Yes Men zu einem weiteren drastischen Schritt: Dr. Bichlbauer muss sterben. Und zwar an der vergifteten Cremetorte.

Erneut wendet man sich an die Teilnehmer des Forums, fragt nach Zeugen und dem Grund für die Ausschreitungen nach dem Vortrag. Nur ein einziger der ca. 70 Konferenzteilnehmer erwähnt in seiner Kondolenz beiläufig seine Irritation ob des Demokratieverständnisses der WTO.

Letztendlich wird der ganze Vorgang mit einer weiteren Lüge aufgeklärt. Die "WTO-Offiziellen" enttarnen lediglich Dr. Bichlbauer’s Identität, nicht aber die eigene. Natürlich mit dem Hinweis, dass die Presse außen vor gehalten wird.

http://www.theyesmen.org/hijinks/salzburg/index.shtml

Natürlich gibt es bei Deutschlands beliebtestem Verschwörungstheoretikertreff Telepolis mal wieder eine Gegenversion zu diesem Vorgang, der wie so oft eine Verschwörung hinter der Verschwörung der Verschwörung der Verschwörung… vermutet. Diese will ich Euch nicht vorenthalten:

http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/co/7965/1.html

PS: nur, um zu dokumentieren wie ähnlich die gefälschte Seite der richtigen WTO-Homepage ist:

http://www.wto.org (die Richtige)

Bevor sich hier etwaige Telepolis Leser auf den Schlips getreten fühlen: Auch ich les das Ding gerne mal, denn oft bekommt man schon eine andere Perspektive oder betrachtet Sachen ein bisschen kritischer. Aber genau darum geht es in diesem Versetzstück.

Ganz egal, ob es nun politische Aktionskunst oder Aktionskunst um der Lüge selbst willen war. Diese Persiflage karikiert unsere Realität, bzw. Nicht-Realität ganz trefflich, was dann eben nicht heißen soll, dass man gar nichts mehr glauben darf, wenn nichts mehr glaubhaft ist.

January 27, 2004

In Goethes Fußstapfen

Filed under: Satirisches - word2go @ 6:58 am



Futurum vincit! Deutschland wird Spitze, Heidelberg Elite-Uni, Bohlen Doktor und Udo Klier vielleicht mal Gouverneur von Kalifornien. Sollte der dicke Österreicher da irgendwann einmal abdanken. Wir haben einiges vor in der nächsten Zeit und zumindest unsere Bundesregierung stolpert in ihren Siebenmeilenstiefeln schon mal 5 Stufen gleichzeitig nehmend voraus. Richtung egal, Hauptsache Bewegung! Was die Opposition nicht daran hindert dasselbe zu tun… nur betont immer etwas schneller als die Regierung. Ich habe die Damen und Herren schon mal vorsorglich für den nächsten Empire State Building Run angemeldet. Mal sehen ob irgendjemand oben ankommt, oder ob die zehnte Etage wegen Verstopfung herausgeschnitten werden muss.

Vielleicht gelingt Genosse Gerd ja, was Mao versagt blieb. Der große Sprung vorwärts, zurück in die Zukunft. Hoffentlich, Michael J. Fox möge mir dass verzeihen, folgt nach der Ankunft nicht das große Zittern. Davor, dass die Innovation aus und die Elite-Universitäten leer bleiben, Bohlen tatsächlich einen Doktortitel erwirbt und Deutschland bei 99,9% Einschaltquote während der neuesten Reality-Show, „Ich bin 1,90, blond, geil und hab ‘nen Vibrator im A… - Holt mich aus dem Haifischbecken“ einschläft.

Auf was wollen die Herren Politiker uns eigentlich vorbereiten? Oder besser, wen wollen die eigentlich auf die Zukunft vorbereiten? Wer sind die Deutschen am Anfang des 21. Jahrhunderts? Ich versuche mal eine möglichst mit allen Klischees beladene Definition:

Die Deutschen am Anfang des 21. Jahrhunderts sind ein „auf hohem Niveau jammerndes“ Volk, eine „sinnentleerte“ Gesellschaft unter immensem „demographischen Druck“. Weil ihre Arbeitsplätze von Polen, Türken oder sonstigen Arbeitskräften aus „Billiglohnländern“ okkupiert werden, haben sich die Deutschen auf des Leeren von Bierdosen vor der heimischen, durch Sozialhilfe finanzierten, Dolby-Surround-Home-Entertainment Anlage spezialisiert, auf welcher sie vorwiegend das wahre Leben, auf neudeutsch „Reality-TV“ genießen. Die eigene Wirklichkeit per Fernseher zu sich nach Hause zu holen ist dabei nicht nur trendy, sondern vorwiegend ein Mittel, um derselben zu entfliehen. Daher kann die auf dem Fernsehschirm dargebotene Wirklichkeit potentiell nicht grausam genug sein, da der resultierende Abstumpfungseffekt eine lindernde Auswirkung auf den Schmerz der eigenen Realität hat.

Der „Entmystifizierung des Spielfilmhelden“ (John Wayne) folgt die „Glorifizierung des Alltagshelden“ (Daniel Küblböck), der stellvertretendend für das eigene Selbst die „Banalität des Stinknormalen“ (Big Brother) aufwertet und somit den „Idolcharakter des Proleten“ (Erkan und Stefan, Atze Schröder, Ozzy Osbourne…) weiter idealisiert. Sich selbst zu beglotzen heißt für den Deutschen sich selbst durch die Abgrenzung zu sich selbst zu erfahren. Als Laiensoziologe würde ich dies als „einseitig defekte Identitätsspirale“ bezeichnen. Einseitig deswegen, weil uns durch die Konzentration auf uns selbst die wichtige Abgrenzung gegenüber dem anderen verloren geht. Und das hat weitreichende Folgen. Die verkürzte Definition lautet dieser Erörterung folgend nämlich:

Der Deutsche am Anfang des 21. Jahrhunderts ist eigentlich ein Amerikaner. Oder ein Engländer. Oder Franzose. Vielleicht Europäer? Etwas neutraleres? Wie wäre es mit dem Ausdruck „Medienbürger“? Schon ganz gut, nur tun wir der Bedeutung des Wortes Bürger damit zutiefst unrecht, müssen es daher weg lassen und durch Objekt ersetzen. Sehr gut. Der Deutsche am Anfang des 21. Jahrhunderts ist ein… tataratam… „Medienobjekt“. Das Objekt hat seine Subjektivität aufgegeben, indem es sich via TV als Objekt begreift.

Bleibt die Frage, warum wir dann Elite-Universitäten brauchen, warum überhaupt noch Unis, warum Schulen? Setzen wir unsere Kinder doch einfach vor den Fernseher. Den Weg vom Subjekt zum Objekt schaffen die alleine. Was das Bildungskosten sparen würde! Brot und Spiele. Unsere arbeitslose Gesellschaft füttern wir mit billigem Genfood und einmal täglich Pizzabote auf Sozialschein durch. Und was auf der Glotze läuft, ist eigentlich egal. Sei es nun die Wahl zum dümmsten, ärgerlichsten, oder größten Deutschen. Womit wir wieder bei Goethe wären. Verzeih, o Augenblick, verweile …(Aus der Kammer Beckers Besen, sei’s die Anna nicht gewesen, hätt’ ‚ne zweit sich hingekniet und des Boris’ Zeit versüßt). Tempus fugit!

January 23, 2004

McKinsey kommt - Gerster geht

Filed under: Panorama - word2go @ 6:34 am

Ach was waren das noch Zeiten, als man als angehender Politikstudent guten Gewissens „Unternehmensberater“ als Antwort auf die Frage nach dem Berufswunsch äußern durfte. Heute trauen sich das nur noch die hardcore Asozialen, karriere- und machtgeile Ärsche, die auch noch stolz darauf verweisen, etwas „rationaler“ als der Rest zu sein. Der Ausspruch „Ich bin eben ein sehr rationaler Mensch“ wird zur Standardausrede für das vollständige Fehlen sozialer und emotionaler Kompetenz, den Mangel an Einfühlungsvermögen, die fehlende Selbsteinschätzung. Wie emotional sie wirklich sind, zeigen solche „Rationalisierungsrationalisten“ dann, wenn sie mit Kritik konfrontiert werden. Da ist es schnell vorbei mit ruhiger, abgeklärter Kompetenz.

Kein Wunder also, dass gerade der Beruf des Unternehmensberaters allgemein, und McKinsey im Speziellen, Pate stand für Rolf Hochhuth’s theatralische Abrechnung mit dem Wirtschaftskapitalismus. „McKinsey kommt“ heißt sein neuestes Stück, das am 13. Februar in Brandenburg an der Havel uraufgeführt wird. Gut, würde der Titel „Roland Berger kommt“ lauten, hätte jeder sofort gefragt „worauf“, anstatt „wohin“. Also dann doch lieber die ganze Belegschaft von McKinsey. Zumindest bewies die Führungsriege von McKinsey Sinn für Humor, indem sie schon einmal Theaterkarten für Alle orderte.

Reichlich schwarzer Humor, weil der Belegschaft kaum gefallen dürfte, wie sie, gleichgesetzt mit den Cheneys, Ackermanns und Herrhausens dieser Welt, den Apfel eines neuen Wilhelm Tell symbolisiert, der seinerseits für all die Unterdrückten dieser Welt, die RAF und die Bin Ladens (ein)steht. Und natürlich die Armbrust gegen weitaus wirksamere Pyro- und Explosionstechnik eingetauscht hat.

„Tritt Ackermann nur ‘zurück’ wie Geßler durch - Tell? Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen.“

Das ist also die Zeile an der sich die Geister scheiden. Der Landvogt Geßler, gemetzelt durch den Helden Tell… Eine Zukunftsvision für den Deutsche Bank Vorstandsvorsitzenden Josef Ackermann, mit knapp 7 Mio. € jährlich unverwundbar trotz Mannesmann und der Entlassung eines Sechstels der Belegschaft der DB? Der Meuchelmord als letzte Bastion der Gerechtigkeit wenn Gerichte versagen?

Wehleidig und wütend die Reaktion unserer industriellen Elite auf die Warnung vor dem globalen Klassenkampf. So klagt z. B. BDI-Chef Michael Rogowski, dass man durchaus diskutieren dürfe „über die Höhe von Managergehältern und die Angemessenheit von Abfindungen. Aber wer diese Diskussion mit Klassenkampf verwechselt, wer Terrorismus und Guillotine ins Spiel bringt, verlässt den Boden, auf dem diese Auseinandersetzung geführt werden muss. Herr Hochhuth, schämen Sie sich“

Na klar, Herr Rogowski, toller Vorschlag! Dann lassen Sie uns doch mal eine hintergrundlose Diskussion führen. Setzen wir doch die Managergehälter in Bezug zu… gar nichts.

Ich: Lieber Herr Rogowski, was halten Sie von den hohen Gehältern der Manager?

Rog.: Mein lieber Ich, erstens verbitte ich mir die Anspielung die Gehälter von Managern seien hoch im Vergleich zu denen der Arbeiter. Das kann man nicht miteinander vergleichen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die man voneinander trennen muss.

Ich: Sie meinen also, dass wir zwei Klassen haben, deren Leistung sich nicht vergleichen lässt?

Rog.: Es gibt keine Klassen, verdammt noch mal!

Ich: Also kann man sie doch vergleichen?

Rog.: Nein!

Ich: Warum?

Rog. (schaut auf seine Uhr): Ich muss weg! (steht auf und geht)


Also, für den Herrn Rogowski nun eine kleine Lehrstunde im Fach „Vernetztes Denken I“. Erstens ist das Thema eines Stückes über den Klassenkampf natürlich der Klassenkampf, nur der Klassenkampf und nichts als der Klassenkampf. Als Klassenkampf von Unten bezeichnet man den Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeutung. Folglich hat der Klassenkampf von Unten als solches keinen definierten Adressaten sondern richtet sich gegen jede Form der Ausbeutung, bzw. jeden, den die Agitatoren des Klassenkampfs als Ausbeuter ausmachen. Als Klassenkampf von Oben bezeichnet man das Schaffen, bzw. Verteidigen machtkonservierender Strukturen. In anderen Worten: Klassenkampf von Oben ist jede Form der Ausbeutung, welche den relativen ökonomischen Vorsprung der Reichen vor den Armen erhält. Egal, ob beabsichtigt oder nicht.

Wer sich selbst also 7. Mio. € pro Jahr zahlt, während er, um Geld zu sparen, ein Sechstel der Belegschaft entlässt, der betreibt bereits Klassenkampf, Herr Rogowski. Haben sie das etwa nicht kapiert? Oder – um das mal ein bisschen drastischer zu formulieren – läuft Ihnen etwa der Arsch auf Grundeis, weil Ihnen endlich mal einer deutlich gesagt hat, was Sie eigentlich längst wissen sollten? Dass ein Mann in Ihrer Position ein potentielles Ziel für Attentate ist? Na dann, Guten Morgen auch! Ich hoffe das Frühstücksei schmeckt noch.

Wer die Globalisierung nicht verschlafen hat, sollte merken, dass Hochhuth’s Stück eher Warnung denn Drohung darstellt. Wir sind in einer (Ok)Kult-ur der Weltwirtschaftsdiktatur angelangt, in der die Politik so erpressbar wie machtlos geworden ist. Wenn „McKinsey kommt“, dann heißt es glauben, statt zweifeln, vertrauen statt nörgeln. Und am Schluss den verbesserten Aktienkurs jede moralisch zweifelhafte Handlung absegnen lassen. Zahlen statt Fakten!

Bezahlen tun diese neue Kultur v.a. die Politiker, die einzigen nämlich, die noch auf herkömmlichem Wege zur Verantwortung gezogen werden können. Wenn McKinsey, bzw. Berger kommt, dann muss Gerster gehen. Obwohl dessen einziger Fehler wohl war, dass er sich einfach nicht entscheiden konnte. Wer 38 Beratungsfirmen engagieren muss, um eine Entscheidung zu treffen, der wird und sollte niemals entscheiden. Für eine Führungsrolle gänzlich ungeeignet.

Doch im Gegensatz zu Berger muss sich Gerster nicht fürchten, wenn er das nächste mal den Zündschlüssel seines Dienstfahrzeugs umdreht. „McKinsey kommt“… Auch ein Stück über Berufsrisiko.

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